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BarCamp Stuttgart 4.

5. Oktober 2011 | Keine Kommentare | Veröffentlicht in Netzleben

Letztes Wochenende fand in Stuttgart das inzwischen legendär gewordene BarCamp Stuttgart 4 statt, diesmal in einer fast schon rekordverdächtigen Länge von Freitagabend bis Montagabend (wenn man den gemeinsamen Kinobesuch mit hinzurechnet). Ich hatte mir eigentlich ein ausgiebiges Barcamp-Wochenende vorgenommen, dieses Vorhaben wurde jedoch von akuten Rückenschmerzen einkassiert, so dass es bei mir nur zum Samstag reichte. Aber nun gut, genommen wird, was gegeben wird.

Session “CAcert – Wie ist der Stand, was gibt es Neues?” von Andreas Albrecht und Dirk Astrath

Diese Session zum Them CAcert, einer alternativen Zertifizierungsstelle, die vollständig auf dem Ansatz basiert, dass die Nutzer ein eigenes “Web of Trust” aufbauen und sich selbst zertifizieren, war, wenn man es so sehen mag, eine Reminiszenz zu meiner Zeit als Systemadministrator. Ich finde die Idee der dezentralen Vergabe von Autorität in einer Certification Authority einen sehr spannenden und gewinnbringenden Ansatz. Auch wenn man leider sagen muss, dass CAcert immer noch eine Geschichte ist, die meiner Meinung nach nicht richtig in die Gänge kommt und immer noch recht weit davon entfernt ist, in alle gängigen Webbrowser mit ihren Root-Zertifikaten hineinzukommen.

Albrecht und Astrath haben einen schönen Überblick über den aktuellen Stand des CAcert-Projektes gegeben und natürlich auch einen ganzen Block an Formularen dabeigehabt, um den Sessionteilnehmern die Möglichkeit zu geben, sich gegenseitig zu zertifizieren. Vielleicht wird es irgendwann ja mal etwas mit CAcert.

“Workplace of the future NOW” von Uwe Hauck

Ich war ein kleinwenig faul und wollte den Raum nicht wechseln und habe mir einfach mal die nächste Session von Uwe Hauck angetan, in dem er darüber referierte, wie wir “digitalen Nomaden” in der heutigen Welt zu Hause (oder im Büro) sitzen und digital mit der Firma oder mit Kollegen arbeiten. Das liest sich auf der einen Seite recht aufregend, hat aber auch durchaus diskutable Nachteile. Denn wo schaffen wir digitalen Nomaden eine Grenze zwischen Arbeit und Privatleben? Wann ist bei uns der Arbeitstag zu Ende? Wann haben wir Wochenende?

Es entwickelte sich – so war es von Uwe Hauck auch sicher gedacht – eine Diskussion und niemand konnte erwarten, dass die perfekte Lösung am Barcamp dabei herausspringt. Aber die Ansätze, dass in der modernen Arbeitswelt nicht mehr einfach nur das “Absitzen” der Arbeitszeit zählt, sondern letztendlich die Erfüllung einer definierten Zielvorgabe, das ist schon etwas, was genau dort hin führt, wo wir uns zukünftig sehen müssen. Es gab genau genommen nicht viel Neues hier zu lernen, aber schon die Bestätigung Anderer, dass sie die gleichen Denkspiralen bei dem Thema spinnen, reichte mir vollkommen.

“VG Wort Zählpixel” von Wolfgang Tischer

Wolfgang ist als Betreiber von literaturcafe.de eine feste Größe in Sachen digitales Publizieren und da ich seit einigen Wochen mit der Zählpixelei der Verwertungsgesellschaft Wort ebenfalls experimentiere, war diese Session eigentlich Pflicht. Da geht es bei mir gar nicht mal so sehr um das Thema Bloggen, sondern eher um das Thema netplanet (also das Internet-Lexikon), denn hier werden einige Texte tatsächlich extrem stark frequentiert und ein paar Euro aus einer Autorentätigkeit zu verdienen, kann nicht schlecht sein. Reich wird man davon sowieso nicht.

Wolfgang Tischer hat dann auch einen schönen Überblick darüber gegeben, wie man sich bei der VG Wort anmeldet, einen Packen Zählpixel bekommt, sich den vernünftig organisiert, sie korrekt einbindet, später personalisiert und dann Monate später dann die ersten Gelder auf dem Konto empfängt. Auch wenn ich das mit den Zählpixeln schon am Start habe – schön, ein paar Dinge austauschen zu können, denn diese Zählpixelei ist, gelinde gesagt, ein Krampf. Wir Blogger, die ein schnelles Publizieren gewöhnt sind, fühlen uns hier mitunter durchaus ein Stück ins 19. Jahrhundert versetzt. ;-)

“Wann tragen wir (endlich) den Begriff Social Media zu Grabe?” von Oliver Sigrist

Am Ende musste ich Oli kurz vor der Sessionplanung am Samstagmorgen noch etwas zwingen, dann aber hat er sich doch entschlossen, seine ketzerisch anmutende Session auf die Agenda zu setzen. Und das war eine gute Entscheidung, denn in der Dreiviertelstunde entwickelte sich im kleinen Plenum eine interessante Diskussion, die locker auch noch zwei Stunden länger hätte dauern können.

Dass Social Media ein Buzzword ist und nichts anderes wie eine Disziplin von Public Relations oder, ganz einfach, der Öffentlichkeitsarbeit ist, ist unbestreitbar. Ebenso bewegte sich die Diskussion auf ein weiteres, spannendes Thema, nämlich die Frage, ob Social Media als Ersatz zu klassischen Medien dienen kann oder nicht. Daraus entwickelte sich dann ein längerer “Dialog der Olivers”, nämlich dem Oliver Sigrist mit dem Oliver Gassner und da haben dann zeitweise zwei Wissenschaftler einen längeren Dialog miteinander geführt. :-)

“Mobile Fotografie” von Marco Polletin

Marco Polletin hat einen kurzen und knackigen Überblick über Foto-Apps geboten, vornehmlich für die iOS-Plattform, mit einigen Namensnennungen jedoch auch für Android. Und danach gab es auch noch eine kleine Fotosafari vors Haus.

Drumherum

Das, was ein Barcamp ausmacht, nämlich die Treffen und Diskussionen jenseits der Sessions, das funktionierte in Stuttgart wieder einmal hervorragend und vollkommen automatisch. Das liegt natürlich zum einen daran, dass das Stuttgarter Barcamp für die Szene eine Art Klassentreffen ist, aber eben auch an interessanten Menschen, Aufgaben, Antriebe und Hobbys. Man sieht einen Bekannten (mitunter auch Leute, die man noch nie in “Reallife” gesehen hat), quatscht sich fest, diskutiert, trinkt einen phantastischen Kaffee, bedient sich vom grandiosen Buffet und setzt sich vielleicht raus vor die Liederhalle in die herrlichste Oktobersonne. Ja, das Barcamp-Leben kann gut sein und Cheforganisator Jan Theofel weiß, wie man sowas organisiert. ;-)

Fazit

Wenn man beim letztjährigen BarCamp Stuttgart 3 noch überlegt haben sollte, ob das Stuttgarter Barcamp zu den Highlights der deutschen Barcamp-Kultur gehören kann oder nicht, dann ist spätestens dieses Jahr diese Frage geklärt: Es kann nicht nur, es muss. Das beweisen die Teilnehmerzahlen, der Run auf die Anmeldungen, das dann tatsächlich volle Haus, die vollen Sessionpläne und die gute Stimmung. Und an Jan ist ein echter und professioneller Eventmanager verlorengegangen.

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WordCamp 2011 in Köln.

25. September 2011 | 6 Kommentare | Veröffentlicht in Netzleben

Hinweis: Es gibt am Ende dieses Artikels ein nachträglich hinzugefügtes Addendum.

Die deutsche WordPress-Community hat zu ihrem diesjährigen Barcamp gestern nach Köln an die Humanwissenschaftliche Fakultät (welch wunderbarer Wink mit dem Zaunpfahl) geladen. Der Einladung war zu folgen.

“WordPress sprachfähig machen – Lokalisierung Kür oder Krampf?” von David Decker

Die Session wählte ich, weil ich mit dem Übersetzen von Open Source ja schon die eine oder andere Erfahrung habe und die andere, interessante Session in diesem Zeitslot zum Thema E-Commerce vermutlich mächtig überlaufen sein würde (was sie auch war). Davids Session war jedoch dennoch eine sehr ordentliche Geschichte zum Einstieg, da neben seinen Erfahrungen aus der Übersetzungsarbeit eine Menge Verweise auf Plugins abfielen, die ich mir notierte und die näher angeschaut werden müssen.

Generell bleibt in Sachen Internationalisation zu sagen, dass in der WordPress-Entwicklung noch eine Menge Verbesserungspotential in Sachen Übersetzung liegt. Es fiel unter anderem eine Aussage, dass die Nutzung einer Übersetzungsdatei die WordPress-Installation bis zu 44 % verlangsamt. Ich habe das zwar nie gemessen, habe aber die generelle Verlangsamung ebenfalls beobachtet. Dazu kommen die vielen Unzulänglichkeiten, die bei der Plugin-Entwicklung entstehen, wenn Plugin-Entwickler schlicht nicht berücksichtigen, dass auf diesem Planeten nicht nur Englisch gesprochen wird. Dabei wäre es so einfach, einfach eine Schnittstelle für Übersetzungsdateien zu schaffen und tatsächlich finden sich auch immer wieder Menschen, die dann auch entsprechende Übersetzungen zur Verfügung stellen.

“Spaßbremse beim Bloggen – rechtliche Rahmenbedingungen” von Maximilian Brenner

Der Rechtsanwalt Maximilian Brenner veranstaltete vermutlich einer der erfrischensten Sessions des WordCamps – nämlich die aus Sicht eines Rechtsanwaltes. Und die ist selbst in der bunten Social-Media-Welt knochentrocken und formalistisch. Mit einem brillanten Zynismus zeigte er, wie man als Blogger ruckzuck die Basis dafür schaffen kann, in stürmischeres, juristisches Fahrwasser zu kommen, was für die meisten Blogger auch der sofortige Ruin bedeuten dürfte. Und das fängt alles bei der Definition an, ob ein Blog privater Natur ist oder geschäftlicher. Privat ist es tatsächlich nur, wenn es rein private Inhalte aus Familie etc. beinhaltet und keinerlei “regelmäßige, meinungsbildende Inhalte”. Letzteres durchzuhalten, dürfte für die meisten Blogger, die nicht einmal im Jahr aus dem Urlaub bloggen, schon gehörig schwierig werden.

Ist man aus der Definition des Privatbloggers draußen, geht es dann schon los: Impressumspflicht nach § 5 TMG wegen des Anbietens eines Dienstes, Angabe eines redaktionell Verantwortlichen nach § 55 RStV, Informationen über die Verarbeitung personenbezogener Daten. Und das alles dann nicht nur im Weblog, sondern auch auf den Microblogging-Kanälen. Hier immerhin gibt es die Möglichkeit der “Zwei-Klick-Lösung”, d.h. einem direkten Link zu einem Impressum im Weblog. Prinzipiell muss aber im geschäftlichen Verkehr tatsächlich auch der Twitter-Stream mit einem Impressum versehen sein.

Anhand der vielen Notizen, die die meisten Session-Teilnehmer machten und einiger recht hilflos wirkender Fragen, die Maximilian Brenner herzlich amüsant beantwortete, nehme ich an, dass in den nächsten Tagen einige Leute ihre Impressen sehr stark umbauen werden. Inklusive meiner Person.

“Genesis Theme-Framework” von Heinz Duschanek und “Xtreme One Theme-Framework” von Alex Frison und Michael Preuß

Die nächsten zwei Session-Blöcke waren dann Framework-Geschichten. Mit Frameworks habe ich bis jetzt noch recht wenig Erfahrungen, weshalb ich einmal sehen wollte, was da geht – und da geht was.

Heinz Duschanek von der österreichischen E-Werkstatt entschuldigte sich schon zu Beginn über seinen österreichischen Akzent und verwies darauf, dass er “die Fähigkeit, Hochdeutsch zu sprechen, nach und nach verlieren wird”. Die verlor er tatsächlich auch sehr schnell, dennoch war sein Überflug ins Genesis- Theme-Framework gut und umfassend.

Mit Theme-Frameworks wird die Web-Entwicklung gehörig vereinfacht. Mit Child-Theming ist es möglich, ein bestehendes Theme mit relativ wenig Einstellungen und dem Austausch von wenigen Grafikelementen an den Kundenbedarf anzupassen. Das Genesis-Framework geht da einen umfassenderen Ansatz mit Einstellungenmöglichkeiten in Sachen SEO und vielen anderen Bereichen, während das Xtreme One Theme-Framework, in das Alex Frison und Michael Preuß einen Einblick gaben, sich auf weniger Bereiche beschränkt, hier aber erschlagend viele Einstellungsmöglichkeiten bietet. Das, was die beiden in Sachen Widget-Design zeigten, ist an Konfigurationsmöglichkeiten kaum noch zu übertreffen.

Beide Frameworks, die wie viele andere Frameworks kostenpflichtig sind, zeigen sehr anschaulich eine Entwicklung: Websites von kleineren Firmen können gut aussehen, mit WordPress ein vernünftiges CMS an Bord haben und mit einem Framework kostengünstig und effizient entwickelt werden.

“Bestehende WordPress-Seiten auf Multisite umstellen” von Walter Ebert

Walter hielt einer der inhaltlich anspruchsvollsten Sessions, in die er auf die “Erwachsenenversion” von WordPress, der Multisite-Installation einging. Für mich ist WordPress Multisite immer noch “WordPress µ”, auch wenn das natürlich nicht mehr so ist – die Multisite-Version von WordPress wird nicht mehr als getrenntes Projekt geführt, sondern steckt in jedem WordPress drin und muss nur noch aktiviert werden.

Wie das grundsätzlich geschieht, hat Walter Ebert in einem Schnellkurs beschrieben und ist dann später auch die richtig spannenden Dinge eingegangen, nämlich wie man die Inhalte aus einem Einzelplatz-WordPress in eine Multisite-Installation übernimmt. Der Artikel-Ex-und-Import ist zwar der offizielle Weg, dauert jedoch bis in die Puppen und beinhaltet immer noch die gewaltige Arbeit, alle Plugins auf der neuen Instanz manuell konfigurieren zu müssen. Das hat mich von einigen größeren WordPress-Geschichten bei uns auf dem Server immer zurückschrecken lassen.

Der Weg über einen MySQL-Dump hat Walter beschrieben, mit einigen Insider-Tipps garniert und darauf gepocht, dass der Weg gar nicht so schlimm ist, wie er sich anhört. Für mich ein Ansporn, es tatsächlich mal auf diesem Weg zu probieren. Natürlich nur mit expliziten Backups. ;-)

Fazit zum WordCamp 2011 Köln

Überraschend gut, überasschend unaufgeregt, überraschend “barcampig”, überraschend gute, inhaltliche Qualität. Zwar variiert die inhaltliche Qualität in barcamp-artige Konferenzen mitunter gewaltig (keine weiteren Kommentare, die Sessions meines “Lieblingsschlagersängers” besuche ich nicht mehr), allerdings findet man echte inhaltliche Juwelen zu dem Preis nur auf einem Barcamp. Und während die großen Barcamps inzwischen immer mehr zu Schlipsveranstaltungen von ganz arg wichtigen und an sich inkompetenten Leuten verkommen, ist das WordCamp als “Nischen-Barcamp” schön außerhalb dieser unschönen Entwicklung. Und ein Barcamp an einer Universität und dort in normalen Klassenräumen abzuhalten, ist “back to the roots”. Die Organisation war gut, das spendierte T-Shirt kommt mit einem tollen Motiv daher, die Verpflegung war herausragend und das von Netcologne gesponserte WLAN funktionierte sogar und hätte sicherlich auch noch besser funktioniert, wenn nicht jeder immer gleich alle seine zehn Gadgets am WLAN anmelden müsste.

Blogger-Kollege Jens vom Pottblog war übrigens auch da. Das heißt: Nicht immer ganz vollständig mit Körper und Verstand, aber BVB-Fans haben samstags eigentlich besseres zu tun:

Ich habe tatsächlich schon um 17 Uhr zusammengepackt und bin mit Straßen- und U-Bahn zurück zum Hauptbahnhof gefahren, um nochmal schnell eine Runde um den Kölner Dom zu fahren und staunend zu sehen, wie tausende Touristen davor sitzen und ebenfalls staunen, allerdings eher über den Kölner Dom an sich. Und vielleicht auch über die davor sitzenden und liegenden Trunkenbolde, die ja wirklich überhaupt keine Scham kennen und ihren Rausch mitten auf der Domplatte ausschlafen. Bei uns im Ländle wird sowas weggekärchert, bevor sie überhaupt ihr erstes Bier im Leben trinken.

Auch ein Erlebnis: Ein praktisch leerer ICE-Großraumwagen, den wir uns zu dritt geteilt haben. Und das erste Mal bei 300 Stundenkilometern aufs Klo gegangen. Bei der Geräuschkulisse und der Schaukelei kommt man sich in dem glänzenden Toilettenabteil vor wie im Space Shuttle. Nur was für die Harten. ;-)

Addendum vom 26. September 2011

Zum WordCamp gibt es in der deutschen Blogosphäre inzwischen ein eher durchwachsenes Stimmungsbild. Bemängelt werden da vor allem die an sich üblichen und auf dem WordCamp teilweise fehlenden “Barcamp-Gepflogenheiten” wie die fehlende Vorstellungsrunde und die weitgehend schon vorab feststehende Sessionplanung.

Kurzum: Ja, kann man monieren. Und nein, muss man nicht unbedingt. Es könnte mich durchaus nerven (was es nicht tut), wenn ich mir anschaue, wie Fans von Barcamps, die vorgeben, die Offenheit und Ungezwungenheit von Barcamps so sehr schätzen, gerade hier auf Formalien pochen, die angeblich erst ein Barcamp zu einem Barcamp machen.

Mir ist es relativ egal, ob man am Anfang eine Vorstellungsrunde macht, in der man viele Namen und viele Hashtags hört, die man im gleichen Moment wieder vergisst. Mir ist es auch relativ egal, ob eine Sessionplanung schon vorgeplante Inhalte hat (und ausdrücklich noch Raum für Ideen vor Ort) oder völlig nackt daherkommt. Ich will vor allem Dinge lernen und mitnehmen und das gern in Sessions, die gut sind und mit Leuten gefüllt, die ähnliche Ideen oder zumindest Bedürfnisse haben und mit denen man dann in Kontakt treten kann. Das ist der Mehrwert in meinen Augen.

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In der Torrent-Kneipe, ganz hinten links.

30. August 2011 | Keine Kommentare | Veröffentlicht in Netzleben

Ich bin keiner, der den halben Tag im Torrent-Space verbringt und sich einen Großteil seines virtuellen Vermögens dort zusammenklaubt. Ich kaufe meine Musik, meine Bücher und das bisschen, was ich an Filmen auf DVD habe, gänzlich und ehrlich ein. Zwar mitunter auf dem Gebrauchtmarkt, aber eben gekauft. Ich wüsste sicherlich, wo man sich das alles zusammenklaut, aber es ergibt sich keine Notwendigkeit dafür, weil ich eher “Altes” höre und schaue und es dafür einen genügend großen Markt gibt.

Mit sehr wenigen Ausnahmen. Eine Sammlung von alten Science-Fiction-Hörspielen, die einst im öffentlich-rechtlichen Radio liefen, ist so eine Ausnahme. Davon habe ich als Kind einst sehr viele gehört und auch einige auf Cassette aufgenommen, leider gibt es diese Cassetten alle nicht mehr. Aber es gibt ein 20 Gigabyte schweres Torrent mit einer riesigen Sammlung solcher Hörspiele. Hätte ich gern und ist in meinem Torrent-Client auch an oberster Stelle. Seit inzwischen 6 Monaten. Von den insgesamt 10.390 Übertragungspaketen zu je 2 Megabyte hat mein Torrent-Client in diesen 6 Monaten immerhin schon 18 Stück gefunden und heruntergeladen. Fehlen also noch 10.372 Stück. Bei der Download-Rate wäre der Torrent etwa im Jahre 2299 fertig.

Wenn mein Torrent-Client dann mal wieder ein Paket findet und heruntergeladen hat, geht etwas ganz erstaunliches los. Es melden sich dann nämlich ein paar Minuten später immer die vermutlich gleichen Peers, um sehnsüchtig dieses Paket mit mir zu teilen. Ein Peer aus der Schweiz, einer aus Österreich, einer in den USA und einer aus Deutschland. Wir Fünf sind augenscheinlich die einzigen im riesigen Torrent-Space, die auf diese Datei warten und den Glauben noch nicht gänzlich verloren haben, sie irgendwann noch vor 2299 zusammenzubekommen.

Das sind dann genau die Typen, die in eurer Stammkneipe ganz hinten links sitzen und jeden Tag da sind, zwei bis vier Pils trinken, wenig sagen und irgendwann wieder gehen.

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“Das Internet muss wieder höflicher werden.” Ja, muss es?

2. August 2011 | 1 Kommentar | Veröffentlicht in Netzleben

Es vergeht inzwischen kein Tag mehr, der nicht an irgendeiner Stelle im Nachrichtenstrom teilweise sehr seltsame und auch krude Ansichten darüber an den Tag legt, wie das Internet, der sündige Pfuhl, der ja ganz dringend sehr viele Besserwisser braucht, um weiter existieren zu können, noch viel besser werden könnte. Der eine Haufen meint, das ginge nur dann, wenn wir alle Benutzer maximal kontrollieren, der eine Haufen meint genau das Gegenteil und dann gibt es sogar ganz erstaunliche Dinge wie Äußerungen von Thomas Hoeren in einem dpa-Interview, in dem er meint, dass Internet müsse wieder höflicher werden.

Die Äußerungen kann man aus vielen Blickwinkeln betrachten und tatsächlich ist der Blickwinkel, dass dieser Hoeren vielleicht irgendeiner der üblichen Schlagersänger ist, der angebliche Missstände des Internets benennt, um damit über die Hintertüre Lobbyarbeit zu betreiben, der normalerweise übliche geworden (leider). Nur: Thomas Hoeren ist einer, der sehr lange dabei ist in Sachen Internet. Und da wird es dann schon wieder auf ganz andere Weise interessant.

Thomas Hoeren ist unter anderem Herausgeber des Kompendiums Internetrecht, einem jährlich aktualisierten Skript mit inzwischen über 500 Seiten, dass das Internet aus juristischer Sicht gründlich beleuchtet, viele grundlegende Informationen und eine umfangreiche Sammlung an einschlägigen Urteilen enthält. Von vielen Rechtsanwälten weiß ich, dass sie dieses Kompendium als Standardwerk in Sachen Internetrecht einsetzen und auch ich habe dieses Kompendium als Standardwerk immer griffbereit, wenn es darum geht, eine Ding wie beispielsweise einen Hyperlink nicht nur aus technischer, sondern auch aus juristischer Sicht zu erklären.

So ein Werk pflegt man nicht, wenn man nicht durch und durch ein Onliner ist. Thomas Hoeren ist ein Onliner, der das schon seit Anfang der 1990er Jahren ist. Zu einer Zeit, in der das Web noch gar nicht existierte oder zumindest in den Kinderschuhen steckte. Kommuniziert wurde vornehmlich per E-Mail, im Usenet oder per Chat im IRC. Und kommuniziert wurde, im Vergleich zu heute, relativ wenig, weil es eben nur einen verschwindend geringen Satz von Menschen gab, der Online-Zugang genießen durfte. Oder wollte.

Die ehemaligen Informationseliten.

Ich gebe zu, eine böse Überschrift, die ich ausdrücklich nicht bezogen auf bestimmte Personen – auch nicht in diesem Artikel – verstanden haben möchte. Allerdings begegne ich immer wieder solchen Menschen und ich muss auch zugeben, dass ich gerade in meiner “Post-Usenet-Ära” gern mit ähnlichen “Veteranenhuldigungen” umherwackelte. “Schreibe du mal auch 5.000 + x Usenet-Artikel so wie ich, dann rede ich mit dir!” So oder ähnlich. Aus irgendeinem Grund haben “wir” Informationseliten es tatsächlich fertiggebracht, eine möglicherweise jahrelange Kommunikationserfahrung als eine Art Orden darzustellen, mit der andere Respekt vor uns haben sollen. Und da jammert es sich dann auch erschreckend schnell auf sehr hohem Niveau.

  • Früher war alles besser! (Ach ja? Modemanwahl? Abrechnung nach Telefontakt? Eine verhältnismäßig geringe Zahl an Kommunikationspartnern?)
  • Früher war alles nicht so kommerziell! (Ach ja? Mag sein. Dafür sind wir aber für Musik immer noch in den Laden gelaufen, ebenso für Bücher, für Kleidung, für Elektronik, für Fotos und, okay, auch für Müsli und Schokolade).
  • Früher waren die Leute viel netter! (Ach ja? Früher waren die Leute zumindest nett, mit denen ich kommunizierte, denn in der Regel kommuniziere ich nur mit netten Menschen. Viel mehr anderer Leute hat es nicht gegeben und die paar Leute, die hässlich waren, die waren halt hässlich. So wie heute auch.)

Ich bin ja nun ein Onliner, der heute erheblich intensiver im Internet unterwegs ist, als vor, sagen wir zehn Jahren. Und schon damals waren zwei Stunden Internet nicht nur eine richtig teure Angelegenheit auf Dauer, sondern einfach nur krank, weil man dann, ebenso wie beim Fernsehen, viereckige Augen bekam und vom 17-Zoll-Röhrenmonitor kaputtgestrahlt wurde.

Früher war alles ebenso undurchschaubar, wie heute, allerdings ist die damalige Zeit aus heutiger Sicht (!) betrachtet, grundsätzlich immer erheblich einfacher und unkomplexer. Und besser. Und liebevoller. Und freundlicher.

Aber, um es einmal sehr deutlich zu sagen: Die Arschlöcher, die gab es damals auch schon.

Wenn ich nach bestimmten “soften” Schimpfwörtern in meinen Archiven von Mail- und Usenet-Nachrichten suche, finde ich erstaunlich viele Artikel. Bei denen ich weiß, dass sie für immer und ewig bei Google News archiviert bleiben, es mich aber auch nicht wirklich mehr stört. Das war nicht der frühere Besim, von dem ich mich nur schwerlich distanzieren kann, ohne lügen zu müssen, damals ganz sicher schizophren gewesen zu sein. Sondern das ist nun mal der Besim gewesen, der sich – auch mit solchen Bäh-Artikeln – zu einem Menschen entwickelt hat, den er heute darstellt. Ich kann es nicht mehr ändern, so ist es gekommen. Ich mag aber auch nicht darüber jammern, was gestern war, denn ich werde heute da leben, was morgen sein wird. Und ich bin ein Nix unter Vielen, auch wenn ich ein Werk geschrieben habe, dass vielen Menschen das Internet zu erklären versuchte.

Die Forderung nach Rückbesinnung als latenter Generationenkampf.

Und da sind wir auch da angelangt, wo tatsächlich die Lava einer solchen Debatte herkommt – aus dem guten, alten Generationenkampf. Die alte Garde, die heute vieles besser weiß von Dingen, die sie damals verbrochen hat. Und die jungen Hüpfer, die auf solche Ratschläge der alten Garde nicht viel geben. Und das vor allem deshalb, weil sie eben von der alten Garde nicht gesagt bekommen will, wie man es gefälligst richtig zu machen hat. Wenn ich sehe, wie der Nachbarsjunge derzeit seine Bonbons aus dem Papier wickelt, könnte ich mir an den Kopf fassen, wie umständlich und ineffizient er das macht. Aber es hilft wenig, ihm zu erklären, wie es richtig geht und es macht auch keinen Sinn (um mal hier den Bogen in die Unionsrhetorik in Sachen Netzpolitik zu machen), ihm einfach keine Bonbons mehr zu geben. Er muss es selbst herausbekommen. Er muss das Gleichgewicht zwischen Nutzen und Aufwand, er muss seinen Wertemaßstab hier tatsächlich selbst austarieren.

Die Netiquette herauszukramen und dogmatisch mit dem Zeigefinger damit zu wedeln, ist ein deutliches Zeichen für so einen Generationenkampf und das sage ich als jemand, der auch eine Netiquette pflegt. Die Netiquette – und ich sage das immer und immer wieder – ist kein fertiges Werk, sondern war und ist immer eine Sammlung aus vornehmlich ungeschriebenen Verhaltensregeln, die sich ständig ändern können und es auch tun. Jeder Versuch, die Netiquette in ein formales Benimmsystem einzupressen, schlägt fehl, weil es Menschen gibt, die sie nicht akzeptieren (was gemäß der Netiquette auch zu akzeptieren ist) oder wiederum Menschen, die sich dogmatisch daran halten und nicht merken, wie sich die Zeit an ihnen vorbeibewegt.

Und räumen wir auch mit einer Anekdote auf: Ja, die Netiquette gibt es auch als RFC und zwar als vielverlinktes RFC Nr. 1855. Dort heißt es einleitend, da es sich um ein “informational RFC” handelt:

"Status of This Memo
This memo provides information for the
Internet community.  This memo does not
specify an Internet standard of any kind.
Distribution of this memo is unlimited."

Ein “Kann”. Kein “Muss”. Und eigentlich auch nur als RFC veröffentlicht, weil dabei keinem der echten Techniker, die wirkliche Standards über RFC kommunizieren, ein Zacken abbricht. So wie es echte Techniker auch nicht interessiert, wenn in einer gleichberechtigten, technisch orientierten Diskussion ein Diskutant schon seit 1990 online sind oder erst seit 2005. Oder anders gesagt: POP3 ist ein Krampf an Mailabrufprotokoll und an POP2 und an POP erinnert sich schon kein Mensch mehr. Und daran, dass früher einmal die Menschen im ARPANet die ersten E-Mails einst per FTP versendet haben.

Jeder, der sich mit der Thematik “Etikette” beschäftigt, lernt sehr schnell, dass ein freundliches Benehmen weit führen kann, schlechtes Benehmen aber dennoch weiterhin vorkommen wird und es auch muss, um die Stärke des freundlichen Benehmens untermauern zu können. Die Meisterklasse der Guterzogenen hat aber vor allem eine Sache gelernt: Hinwegsehen über schlechtes Benehmen, eine eigene Bewertung daraus bilden, aber niemandem öffentlich daraus einen Vorwurf machen.

Lieber Thomas Hoeren: Granteln “is’ nich’”. Mitschwimmen ist die Devise. Das war schon immer so. Wer stehenbleibt, ertrinkt. Und ob der Ertrinkende es dabei nackt tut oder im Frack, interessiert wirklich niemanden. Nicht die unmittelbaren Mitschwimmer, nicht die Alten vor Ihnen und auch nicht die Jungen hinter Ihnen.

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Unternehmen und das Duzen in Social Networks.

11. Juli 2011 | 3 Kommentare | Veröffentlicht in Netzleben

Gelegentlich taucht die Frage auf, ob Unternehmen in Social Networks wie Facebook unkonventionell duzen sollen oder nicht. Das heißt: Im besten Falle taucht diese Frage auf, denn entweder wird gesiezt oder es wird geduzt – die Frage, ob oder ob nicht, wird meist gar nicht diskutiert. Und dass es nicht diskutiert wird, bedeutet, dass man eine gewisse Vorsicht walten lassen sollte, wenn man seine Social-Media-Aktivitäten tatsächlich ernsthaft betreiben möchte.

Wollen “die anderen” eigentlich gesiezt oder gedutzt werden?

Im Internet wird gern ein Fehler gemacht, der eigentlich in der realen Welt absolut klar ist. Das Siezen ist bei fremden und erwachsenen Menschen grundsätzlich die korrekte Anspracheform, das Duzen ist es nicht. Man kann sich im Zweifelsfalle (und wenn man in der Lage ist, ein eventuell negatives Echo zu ertragen) auch gleich mit dem Duzen ins Haus fallen, was man aber nur in besonderen Fällen tun dürfte. Oder es wird ein kleinwenig peinlich, so wie auf der Facebook-Seite der Stadtwerke Pforzheim:

Sprich: Gehe ich in eine Bank, sieze ich dort normalerweise jeden Mitarbeiter, außer ich kenne den Mitarbeiter und duze mich mit ihm. Ich erwarte das im Gegenzug von Bankmitarbeitern genauso. Und zwar völlig unabhängig davon, ob sie mich persönlich am Schalter ansprechen, mich anrufen, mit eine E-Mail schreiben oder in Facebook kontaktieren.

Bei Menschen ist das noch weitgehend klar. Aber wie ist das mit Unternehmen, also mit “Dingen”, hinter denen eine Gesamtheit von Personen steht? Na? Eigentlich auch logisch, das Siezen ist angesagt, zweifellos. Das “Ihren” im 2. Person Plural (“Wir haben da etwas für euch!”) ist in meinen Augen eine Notlösung, wenn sich ein Unternehmen nicht traut – ja, nicht traut – in einem Umfeld das Siezen einzusetzen. In meinen Augen ist jedoch der 2. Person Plural bei einer eigentlich gewünschten direkten Ansprache nichts anderes wie eine ziemlich mutlose Notlösung.

Aber wir duzen uns doch alle im Internet!

Ach, tun wir das? An vielen Stellen tun wir das tatsächlich und zwar vor allem deshalb, weil es sich im Internet so eingebürgert hat. Und eingebürgert hat sich das nicht deshalb, weil wir alle Freunde sind, sondern eingebürgert hat sich das vor allem deshalb, dass dieses zwanglose Duzen aus dem angloamerikanischen Umfeld kommt, denn dort gibt es nur das Du. Wer aber schon mal in Großbritannien oder den USA war, weiß sehr wohl, dass trotz des fehlenden 3. Person Plural es sehr wohl eine sehr fein granulierbare Unterscheidung zwischen Freunden und der Rest der Welt gibt. Diese Granulierung fehlt uns, wir kennen eben hierzu das Du oder das Sie. Schon immer galt in der Netiquette: Im Zweifelsfall ist außerhalb von Foren und Newsgruppen das Siezen die sicherere Ebene.

Aber, mal ehrlich: Wir duzen uns im Internet nicht überall. Und nein, eigentlich duzen wir uns im Internet inzwischen nur noch an wenigen Stellen, denn wie auch oben schon geschrieben: Der Bankmitarbeiter (sofern er eben nicht mein Freund ist) ist immer noch per Sie. Wer ungezwungen in einem “Sie-Umfeld” duzt, verletzt Konventionen und das gilt überall. Im echten Leben fällt es nur deutlicher auf.

Ja, und Unternehmen nun in Social Networks?

Ganz klar: Per Sie. Sowohl Außenstehende gegenüber dem Unternehmen und vor allem auch in der Kommunikation vom Unternehmen zum Außenstehenden. Und das möglichst konsequent – wird man als Unternehmen geduzt, dann hat man als Unternehmen in seiner Antwort, wenn man es richtig machen möchte, das Sie zu verwenden. Denn hier geht es nicht darum, sich als Unternehmen auf die Ebene des Außenstehenden zu begeben, sondern hier geht es darum, als Unternehmen einen gewissen Level in Sachen Kommunikationsetikette zu erhalten.

Das Problem dahinter wird spätestens in diesem Gedankenspiel klar: Schüler schreibt an ein Unternehmen in Facebook in der Du-Form und fragt nach, ob es Ausbildungsplätze gibt. Das Unternehmen antwortet, vielleicht sogar in Form eines “echten” Mitarbeiters, in der Du-Form zurück, ja, es gibt Ausbildungsplätze. Schüler schreibt eine Bewerbung in der Sie-Form. Es kommt zum Bewerbungsgespräch und der Schüler steht vor dem Mitarbeiter, der ihm in Facebook geantwortet hat – und es ist der Chef. Duzen oder Siezen?

Sicherlich, es bricht keine Welt zusammen, wenn man unkonventionell duzt. Aber es ist genau genommen nicht richtig, Unbekannte einfach zu duzen oder in der 3. Person Plural “anzumachen”. Wer jedoch ernst genommen werden will, muss gewisse Konventionen einhalten und auch konsequent durchziehen. Das Social Web hat hier (noch) keine so fundamental neuen Konventionen in der Kommunikationskultur geschaffen, als man sich da problemlos über jahrhundertealte Gepflogenheiten einfach mal eben so hinwegsetzen könnte.

Ausnahmen?

Ja sicher, Ausnahmen bestätigen jede Regel. Und zwar immer dann, wenn man als Unternehmen vor allem junge Menschen als Zielgruppe hat oder Menschen, die “jung gefühlt werden” wollen. Hier ist das Duzen sicherlich nicht ganz so verboten. Allerdings: Operiert so ein Unternehmen in seiner klassischen Kommunikation per Sie, dann ist auch im Web und in Social Networks das Siezen angesagt. Nichts anderes wäre konsequent.

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