„Dieser Content ist in deinem Land nicht verfügbar, da er aufgrund einer Regierungsanfrage entfernt wurde.“

Ich habe heute morgen zuerst gedacht, da macht sich irgendjemand lustig über unsere Bundesregierung. Völlig verständlich, weil ohne bissigem Sarkasmus selbst die SPIEGEL-Redaktion die aktuelle Legislaturperiode nicht mehr erträgt. Was aber hinter dieser Aktion steckt, dürfte sehr spannend werden und die Frage klären, ob wir inzwischen schon so weit sind, dass unser Staat sich nicht mehr zu schade ist, für alle sichtbar Zensur zu betreiben:

Der Beitrag findet sich bei YouTube genau hier: http://www.youtube.com/watch?v=ZcEdfgTynCs

Auf Twitter liest man, dass das ZDF sich um die Geschichte mit der „Regierungsanfrage“ bereits kümmert. Abwarten, Tee trinken.

Update 1: Die WISO-Redaktion hat relativ schnell um halb zwölf reagiert und in ihrem Blog einen Artikel hierzu geschrieben. Dabei wird erwähnt, dass die obige Sendung nicht im offiziellen ZDF-YouTube-Kanal veröffentlicht wurde, das ZDF aber nicht der Auslöser der Sperrung sei. Von anderer Stelle im Web wird davon gesprochen, dass die Sendung, die in der ZDF-Mediathek zu finden ist, an einer Stelle geschnitten ist, da das ZDF aktuell in einem Rechtsstreit mit der Sparkasse Bremen sei, die in diesem Teil der Sendung erwähnt wird. Wie es allerdings zur obigen Meldung kommt, dass die Sendung „aufgrund einer Regierungsanfrage entfernt wurde“, entschließe sich beim ZDF. In der Zwischenzeit ist die Meldung auf YouTube in die englischsprachige Standardmeldung geändert worden, dass der Content aufgrund „legal complaint“ entfernt wurde.

Update 2: Das ZDF hat sich nun einem noch längeren Artikel unter heute.de mit dem Thema beschäftigt und auch ein Feedback von Google eingeholt. Dort wird die obige Vermutung bestätigt, dass der Beitrag wegen einem Rechtsstreit gesperrt wurde, bestätigt. Es handelt sich dabei um die Sparkasse Bremen, die wegen einer Darstellung in der Sendung eine einstweilige Verfügung gegen das ZDF erwirkt hat und das ZDF daraufhin den Beitrag in der eigenen Mediathek entsprechend geschnitten hat. Google hat die Sendung dann aufgrund Beschwerde, wohl dann ebenfalls von der Sparkasse Bremen, entsprechend gesperrt, aber eine falsche Begründung für die Sperrung angegeben.

WISO und das Datenleck.

Ich halte das ZDF-Verbrauchermagazin WISO schon seit einer ganzen Weile für ein hyperventilierendes Skandal-Aufdecken-Magazin für die eher nicht ganz so überbemittelte Bevölkerungsschicht. Noch nicht für das Prekariat, sondern eher für die engagierten Bürger auf der Stufe des mittelständigen Unternehmers oder des Gymnasiallehrers, die morgens beim Kaffeeziehen am Automaten nicht ganz so proletenhaft auftreten mögen, wie die Belegschaft der unteren Gehaltsgruppen. Lange her die Zeiten, als frühere Inkarnationen von WISO (damals noch ein Kunstwort aus „Wirtschaft + Soziales“) tatsächlich noch wirtschaftliche Sachverhalte erklärte, aber in der langjährigen Bewegung des ZDF, Magazinsendungen einfacher für des Volkes Verstand zu machen, fiel auch das zum Opfer, neben einer ganzen Reihe von weiteren Magazinsendungen, die komplett aus dem Programm gebügelt wurden.

Da passt es auch toll ins Schema, dass in der WISO-Ankündigung für die heutige Sendung von einem unglaublichen „Datenleck beim elektronisch lesbaren Reisepass“ gesprochen wurde. Quasi jeder könne den digital gescannten Fingerabdruck Anderer in seinen Reisepass schmuggeln und suggeriert wird, als ob das mit einer gewaltigen Einfachheit verbunden ist, die die ganze Maschinerie „Fingerabdruck im Reisepass“ sofort aushöhlen könnte. Sowas schreit förmlich danach, sich den Sendetermin ganz fest einzuplanen und frisches Popcorn zu machen. Und wie es üblich ist bei eher laschen Beiträgen: Sie kommen ganz am Ende der Sendung.

Was war denn in der Geschichte überhaupt passiert? Ein IT-Spezialist und „Ex-Hacker“ (Selbstdarstellung) namens Gunnar Porada hat entdeckt, dass der Fingerabdruckleser in den Meldebehörden die eingescannten Daten unverschlüsselt an den angeschlossenen Computer übermittle:

„So funktioniert der Angriff: Die Fingerabdrücke werden vom Lesegerät an den Behördencomputer übertragen – unverschlüsselt: eine entscheidende Schwachstelle. Der Hacker schleust, etwa übers Internet oder mittels eines präparierten Datenträgers, einen Trojaner, ein speziell entwickeltes Schadprogramm, in den Behördenrechner ein und kann dann die Fingerabdrücke mitlesen und manipulieren.“
Webseite zum Beitrag auf wiso.zdf.de

Ach, so einfach ist das? Beim nächsten Reisepass nehme ich einfach eine CD-ROM mit und bitte den netten Schalterbeamten, diese einfach einzulegen. Oder ich lasse mir seine E-Mail-Adresse geben und maile ihm dann einen Trojaner. Oder ich hacke mich in das Netzwerk einer mittelgroßen Stadt mit mindestens einer vierstelligen Zahl von Rechner im Netzwerk ein, finde die paar Rechner der Meldebehörde, hacke mich da eben mal schnell hinein und manipulieren dann. Ah ja?

„Sicherheitslücken in Behördenrechnern seien, wie bei allen Computern, nicht die Ausnahme, erklärt Gunnar Porada: ‚Die Meldeamtscomputer sind online und wie alle Computer auch des Öfteren von Schwachstellen betroffen, die einfach nicht geschützt werden können. Das heißt: Diese Computer kann man angreifen.'“

Ah ja. Alles klar. Wir haben gelernt:

  • Trojaner sind gefährlich.
  • Rechner in Meldebehörden sind quasi Selbstbedienungsterminals.
  • Der Reisepass ist unsicher.

Wie gut, dass es WISO gibt. Und wie gut, dass es Ex-Hacker gibt. Mit einer komplett flash-basierten Baukasten-Website aus dem Jahre 2005 und ohne Impressumsangaben. Kimble hat in seiner Zeit des „Ex-Hackertums“ wenigstens gelegentlich schöne Fotos gemacht.

Der WISO-Praxistest: Dicke Hose machen.

Ich schau gerade einigermaßen entsetzt das WISO-Magazin im ZDF. Immerhin stand „WISO“ einmal für „Wirtschaft und Soziales“ und war ein fachlich fundiertes Magazin über eben Wirtschaft, Soziales und Arbeit. Der heutige WISO-Praxistest steht genau in dieser Tradition, wenngleich auch mit negativem Vorzeichen.

Man wollte nämlich einmal testen, ob das Äußere tatsächlich Menschen dazu bringt, Vertrauen zu schöpfen, ohne wirklich zu wissen, ob bei der Person auch die inneren Werte zum Äußeren passen. Da hätte ich doch jetzt erwartet, dass man einem Banker einen Schlabberlook verpasst oder ähnliches.

Nein, man hat den Redaktionspraktikanten genommen und ihn zu einem Hip-Hop-Star gemacht. Dazu hat man von einem „aufstrebenden“, echten Hip-Hop-Star eine Demo-CD eingespielt, für den Praktikanten eine hippe Autogrammkarte gebastelt und ihn unter anderem mit einer Strechlimo, einer Horde Leibwächter, einem Manager und zwei ZDF-Kamerateams in Einkaufszentren, Supermärkte, einem fetten Hotel und einem Friseur gebracht.

Ergebnis: Beim Bäcker gabs Schweineöhren und Kuchen aufs Haus, im Hotel die Suite zum Preis eines normalen Hotelzimmers, beim Friseur den (blutigen) Haarschnitt kostenlos. Und dazu noch ein paar Kids und Hausfrauen aufgenommen, die sich um die Autogrammkarten und CDs gerissen haben, als ob Rex Gildo eine Autogrammstunde gibt.

Coole Sache, da hatten bestimmt genug Leute turboaffengeilen Spaß, einmal auf dicke Hose zu machen, auf Kosten des Hauses und natürlich im Namen der Gerechtigkeit und des knallhart fundierten Praxistests. Der normale Mensch fasst sich allerdings (hoffentlich) an den Kopf und fragt sich, was Marcel Reich-Ranicki eigentlich gemeint hat. Ich meine: Der Alte hat sich geirrt, das Fernsehen ist nicht nur „fast“ komplett hinüber, es ist schon längst verloren.