Der WISO-Praxistest: Dicke Hose machen.

Ich schau gerade einigermaßen entsetzt das WISO-Magazin im ZDF. Immerhin stand „WISO“ einmal für „Wirtschaft und Soziales“ und war ein fachlich fundiertes Magazin über eben Wirtschaft, Soziales und Arbeit. Der heutige WISO-Praxistest steht genau in dieser Tradition, wenngleich auch mit negativem Vorzeichen.

Man wollte nämlich einmal testen, ob das Äußere tatsächlich Menschen dazu bringt, Vertrauen zu schöpfen, ohne wirklich zu wissen, ob bei der Person auch die inneren Werte zum Äußeren passen. Da hätte ich doch jetzt erwartet, dass man einem Banker einen Schlabberlook verpasst oder ähnliches.

Nein, man hat den Redaktionspraktikanten genommen und ihn zu einem Hip-Hop-Star gemacht. Dazu hat man von einem „aufstrebenden“, echten Hip-Hop-Star eine Demo-CD eingespielt, für den Praktikanten eine hippe Autogrammkarte gebastelt und ihn unter anderem mit einer Strechlimo, einer Horde Leibwächter, einem Manager und zwei ZDF-Kamerateams in Einkaufszentren, Supermärkte, einem fetten Hotel und einem Friseur gebracht.

Ergebnis: Beim Bäcker gabs Schweineöhren und Kuchen aufs Haus, im Hotel die Suite zum Preis eines normalen Hotelzimmers, beim Friseur den (blutigen) Haarschnitt kostenlos. Und dazu noch ein paar Kids und Hausfrauen aufgenommen, die sich um die Autogrammkarten und CDs gerissen haben, als ob Rex Gildo eine Autogrammstunde gibt.

Coole Sache, da hatten bestimmt genug Leute turboaffengeilen Spaß, einmal auf dicke Hose zu machen, auf Kosten des Hauses und natürlich im Namen der Gerechtigkeit und des knallhart fundierten Praxistests. Der normale Mensch fasst sich allerdings (hoffentlich) an den Kopf und fragt sich, was Marcel Reich-Ranicki eigentlich gemeint hat. Ich meine: Der Alte hat sich geirrt, das Fernsehen ist nicht nur „fast“ komplett hinüber, es ist schon längst verloren.

Reich-Ranicki for Intendant!

Na das muss ja ein Spektakel gewesen sein, als Marcel Reich-Ranikki (SPIEGEL ONLINE) Reich-Ranitzky (ZDF) Reich-Ranicki die Übergabe des Deutschen Fernsehpreises zumindest vorübergehend ablehnte und dem dortigen „Blödsinn“ die kalte Schulter zeigte. Nun, hat dem armen Mann niemand vorher gesagt, wie dämlich das deutsche Fernsehen geworden ist und dass man quasi gezwungen ist, sich Pay-TV zuzulegen, um nicht komplett vor der Glotze zu verfaulen?

Immerhin ist der Deutsche Fernsehpreis eine höchst erstaunliche Einrichung, denn es sind daran die vier großen Sender und Senderketten beteiligt, die es in Deutschland gibt: ARD, ZDF, Sat 1 und RTL. Und diese vier Sender verteidigen naturgemäß ihre Territorien und man achtet darauf, jeden programmtechnischen Dünnschiss möglichst gleichermaßen zu huldigen. Und so ist dann der Deutsche Fernsehpreis die ideale Werbeplattform für Jungmoderatoren, die bisher bei Privatsendern die Zeilensynchronisation unsicher machten, sich für die Programmelite der beiden Sender zu empfehlen, die naturgemäß auf der Fernbedienungstaste Eins bis Drei sitzen.

Und mich würde es gar nicht wundern, wenn ARD und ZDF den Auswurf von Marcel Reich-Ranicki gar fest einkalkuliert haben, um auf diese Weise endlich eine Exit-Strategie eingeleitet zu bekommen, aus dieser unsäglichen Huldigung der televisionären Hundehaufen mittelfristig wieder auszusteigen. Vermutlich ohne daran zu denken, dass sie nicht wirklich besser sind und alles dafür tun, das Niveau in den eigenen Programmen so weit abzusenken, damit auch die Gehirntoten wieder auf die Fernbedienungstaste Eins bis Drei kommen.