Zur Gegenwart und Zukunft von Opel. #umparkenimkopf

Die bloggenden und geschätzten Herren Jens Stratmann, Thomas Majchrzak, Don Dahlmann und Robert Basic schreiben in ihren Weblogs darüber, ob die Premium-Autohersteller für die Zukunft gewappnet seien oder nicht. Die vier mit den obigen Namen verlinkten Artikeln empfehlen sich sehr für den geneigten Leser, wenn dieser sich für Autos interessiert, denn es geht weniger um Marketingaufwasch, sondern um Dimensionen, Denkweisen und Dogmen. Da ich mich von Berufswegen viel mit Opel beschäftige, will ich an dieser Stelle mit einem Beitrag zu Opel beitragen, auch wenn Opel von den meisten Fachleuten nicht als Premium-Marke angesehen wird. Wenn ich da sage „Kommt noch“, ist das ernstgemeint.

(Bei mir gibt es den Disclaimer gleich vorab: Ich betreue ein Opel-Autohaus in Pforzheim in Sachen Werbung, Marketing und Corporate Weblog, schreibe aber hier meine eigene, von meinem Kunden und von Opel unabhängige Einschätzung.)

„Du fährst Opel? Echt jetzt?“

Das Zitat ist nicht von mir, sondern von Karoline Herfurth, einer der Werbebotschafter der #umparkenimkopf-Kampagne von Opel. Herfurth fährt dabei einen Opel Ampera und erzählt dabei, wie es so ist, wenn man Opel-Fahrer ist und das dann im Freundeskreis erzählt. Und auch wenn das natürlich erst einmal eine Aussage in einem Werbespot ist – da steht viel Wahrheit drin, was nicht zuletzt durch die Familienbeziehung von Opel mit General Motors begründet ist. Ein kleiner, aber zum Verständnis wichtiger Exkurs:

Die diffizile Familienbeziehung zwischen Opel und der Mutter General Motors.

Opel ist seit 1929 ein Tochterunternehmen von General Motors, einem US-amerikanischen Autohersteller in Detroit. Opel ist daher die meiste Zeit im Autobusiness ein Tochterunternehmen. Und wie es in einer Familienbeziehung nun einmal ist: Klappt es zwischen Eltern und Kind, ist alles super – klappt es nicht, ist alles nicht super. Müsste ich das Dilemma und die Misere von Opel der letzten 25 Jahre in einen Satz herunterbrechen, wäre es genau dieser.

Opel gehörte einmal zu den richtigen Schwergewichten deutscher Automobilproduktion. Das Kürzel „KAD“ steht für „Kapitän“, „Admiral“ und „Diplomat“ und kennzeichnet einstige Opel-Modellreihen in der Oberklasse, die im Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Insignien des Wohlstandes gehörten. Wer einen Kapitän fuhr, der hatte nicht einfach nur einen Job, sondern der hatte im Eigenheim eine Einbauküche und Garage, arbeitete festangestellt mit sehr ordentlichem Lohn und hatte das Bedürfnis, diesen Wohlstand auch zu zeigen. Nicht um zu protzen im Sinne wie wir das heute kennen, sondern weil eben vor jedes Reihenhaus ein Auto gehörte. Opel war damals eine feste Hausnummer, wie sich mit seinen deutschen Wettbewerbern Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz messen lassen konnte.

Um die nächsten Jahre mal schnell auf Punkte zu bringen:

  • Die Modellreihen wurden zunächst amerikanischer, es grüßen Weiterentwicklungen z.B. eben der KAD-Reihe, allesamt in den B-Modellvarianten, die deutlich großzügiger, „protziger“ waren. Was allerdings schon damals immer weniger funktionierte und heute gar nicht mehr: Der automobile Zeitgeist in Europa tickt grundlegend anders, als in den USA.
  • Nach dem KAD-Zeitalter begann die Zeit der Rekords, Asconas, Kadetts, die zwar allesamt funktionierten, aber von Modellreihe zu Modellreihe nur einen Weg kannten: In die automobile Langeweile. In den 1970er bis 1990er Jahre kannte man von Opel in Sachen Emotionalität gerade einmal drei Modelle: Der Opel GT (der ironischerweise dann in den USA mehr Erfolg hatte, als in Europa), der Opel Manta (wissen wir alle, wie die Emotionalität da zu bewerten ist) und der Opel Calibra (den heute nur noch die wenigsten kennen). Opel war das, was Schauspieler Fahri Yardim in einem weiteren #umparkenimkopf-Spot in einen Satz packt: „Ich dachte immer, Opel wird grundsätzlich erstmal in Beige geliefert.“
  • Irgendwann kam dann jemand auf die Idee, einen Mann namens José Ignacio López de Arriortúa bei Opel als Manager einzustellen. Der nach ihm benannte Begriff „Lopez-Effekt“ funktioniert noch heute als Schlüsselwort, um bei jedem altgedienten Teilechef oder Werkstattmeister einer Opel-Werkstatt (oder auch später VW) sofortiges Herzrasen auszulösen. Der Lopez-Effekt beschreibt nämlich die Entwicklung in der Fahrzeugproduktion, bei der durch ständiges Einsparen beim Einkauf und der Produktion selbst bei inzwischen stabilen Modellen zwangsläufig die Qualität so weit sinkt, dass zwar das Auto noch einwandfrei verkauft werden kann und auch eine Weile problemlos funktioniert, sich dann aber Qualitätsmängel so massiv melden, dass modellweit aufwendige Reparaturen überdurchschnittlich notwendig werden und sich dieses Image auf die gesamte Modellreihe und gar die gesamte Marke verteilte. Opel war in den 1990er Jahren vor allem ein Synonym für Langeweile und für ärgerliche Unzuverlässigkeiten.
  • Nachdem das Image von Opel dann ab Mitte der 1990er Jahre nahe dem Nullpunkt war, begann die Zeit der Fehlentscheidungen. Neue Modellreihen waren weiterhin langweilig, der Lopez-Effekt beschäftigte Werkstätten und Opel noch über Jahre hinweg und der Opel-Vorstandsposten wurde ein Durchreicheposten, ein heißer Stuhl. Wer hier, vornehmlich von der GM-Unternehmensleitung aus Detroit abkommandiert, hineingesetzt wurde, hatte nichts zu lachen. Opel-Chef war ein Job für die ganz Harten der Branche, die wenigsten blieben lange, wie wenigsten konnten überhaupt Deutsch sprechen und kamen mit den Mentalitäten der Opel-Mitarbeiter, -Autohäuser und -Kunden nicht zurecht – wenn sie es denn überhaupt wollten.
  • Es kam dann 2009 so, wie es kommen musste: General Motors selbst kam im schwere Turbulenzen und musste in der damaligen globalen Wirtschaftskrise mit vielen Milliarden US-Dollar von der US-Regierung gerettet werden. Wer damals sarkastisch bei Opel unterwegs war, konnte zumindest sagen, dass es für Opel kaum noch schlimmer hätte kommen können. Immerhin schaffte man es, dass Opel weder verkauft werden musste, noch dass Opel zerschlagen wurde oder selbst pleiteging.
  • Ab 2010 war ein Sanierungskurs angesagt, bei General Motors und unter anderem auch bei der Tochter Opel. Auch das nichts neues, wenn auch dieses Mal schmerzhaft, denn der Weg von Opel führte (und führt) in die Produktion außerhalb Mitteleuropas. Die Automobilproduktion im Opel-Werk Bochum wird ab 2015 Geschichte sein, so dass mit Rüsselsheim, Eisenach und Kaiserslautern nur noch drei Produktionsstandorte in Deutschland verbleiben.

Das mal ganz kurz zu Aspekten der Opel-Geschichte, die heute die Marke Opel immer noch beeinflussen. Wer näheres dazu lesen möchte, liest den Wikipedia-Artikel zu Opel oder das ganz unscheinbar daherkommende, aber sehr gut informierte Blog About Opel.

Wichtig ist jedoch: Auch wenn General Motors lange Jahre aus Sicht von Opel bzw. der deutschen Konsumenten vor allem das Image der strengen Mutter bewahrt hat, ist Opel nicht einfach nur eine Tochter, sondern ein wichtiger Teil des GM-Verbundes. Das europäische Entwicklungszentrum von General Motors ist in Rüsselsheim, so dass viele Entwicklungen im GM-Konzern ihren Ursprung tatsächlich in Deutschland haben. Auch dieser Umstand ist ein Grund dafür, dass Opel immer noch zum GM-Konzern gehört und Opel-Entwicklungen auch in anderen GM-Marken und Märkten eingesetzt werden.

Und auch die unheilvolle Vermutung, dass Opel nur auf europäische Märkte festgesetzt sei, ist nicht viel mehr als ein Gerücht. Opel gibt es auch in außereuropäischen Märkten und ist dort mitunter auch recht erfolgreich. Ein Konzernverbund hat aber gerade den großen Vorteil, dass man eben nicht unbedingt überall mit einem eigenen Händlernetz präsent sein muss, wenn man erfolgreich sein will. Wenn Opel also in China nicht sonderlich gut funktioniert, zieht man sich also dort ebenso zurück, wie derzeit in Europa weitgehend die Marke Chevrolet zurückgenommen wird. Ein Schritt, der in Europa letztlich Opel und der Schwestermarke Vauxhall zugute kommt. Solche Markenschwerpunkte machen alle anderen Autokonzerne ausnahmslos genauso.

Opel heute.

Nennen wir es einmal „Opel 2.0“, was Opel heute darstellt. Ich habe das Glück, dass ich meine Beratertätigkeit für das besagte Opel-Autohaus in Pforzheim im Jahr 2010 begann, just zu dem Zeitpunkt, als Opel den überarbeiteten Meriva präsentierte. Ein Auto der Generation „Opel 2.0 beta“, die mit dem Opel Insignia 2008 begann. Ein qualitativ sehr guter Minivan, rückblickend gesehen sehr wertstabil, mit innovativen Innenraumkonzepten versehen und mit den gegenläufig öffnenden Türen ein Hingucker. Die neuen Linien bei Opel sind geschwungener, markanter und einheitlicher, das unbeholfen wirkende Kantige bei Modellen ab 2008 weitgehend Geschichte. Und auch den Lopez-Effekt ist weitgehend ausgemerzt, da Opel die Qualität wieder im Griff hat und mit aktuellen Modellen auch wieder positiv in Pannenstatistiken auftaucht.

Was man Opel zugute halten muss: Sie haben vieles nachzuholen, was bei anderen bereits Normalität ist. Ich musste beispielsweise letztes Jahr auf der IAA bei Audi über deren adaptive Lichtkonzepte staunen und merkte schlagartig, dass Opel zwar zu diesem Zeitpunkt eine wieder stark aufstrebende Automarke wurde, aber das der Weg noch weit ist. Neue Technik braucht neue Modelle. Neue Modelle brauchen Entwicklungskapazität. Entwicklungskapazitäten brauchen Vorlauf und Innovationen. Das alles nach Jahrzehnten des Stillstandes und der praktizierten Oberflächlichkeit zu ändern, ist eine unmenschliche Leistung.

Im März letzten Jahres übernahm ein Mann den Opel-Vorsitz, dem man das am Anfang gar nicht so recht zutrauen mochte: Ein einstiger VW-Manager namens Karl-Thomas Neumann. Man staunte mehrfach: Ein Deutscher als Opel-Chef? Ein ehemaliger VW-Manager? Der bei GM im Verwaltungsrat auch tatsächlich etwas sagen kann? Das sind Voraussetzungen für einen Job, den man entweder sehr gut machen kann oder sehr schlecht. Neumann macht ihn gut. Er liefert nicht nur warme Worte, sondern er liefert neue Modelle, neue Innovationen und vor allem legt er Messlatten, deren Erfüllung harte Arbeit bedeuten, die man aber erfüllen kann. Das beweisen eine Reihe von neuen Modellen wie z.B. dem Opel Mokka (Mini-SUV) oder dem Opel Adam (Kompaktklasse Lifestyle), aber auch so bemerkenswerte Konzeptautos wie den Opel Monza Concept.

Dass Opel alternative Mobilitätskonzepte liefern kann, zeigte man 2011 mit dem Opel Ampera, dem ersten elektrisch fahrenden und alltagstauglichen Auto. 60 bis 80 Kilometer über die eingebaute Batterie und ab da dann mit Strom, der von einem zusätzlich eingebauten Benzinmotor und einen dazwischenliegenden Generator angetrieben wird. Zwar basiert der Opel Ampera auf das Schwestermodell Chevrolet Volt, der schon seit 2009 im gleichen Chevrolet-Werk in den USA gebaut wird, wie der Ampera, aber – beide Modelle basieren auf einer Antriebsplattform, deren Entwicklung aus Deutschland kommt.

Überhaupt steht und fällt die nähere Zukunft von Opel nicht mit der Haube, sondern unter der Haube. Viele neuen Modelle leiden vor allem an den etwas betagten Motorengeneration, die Opel heute noch verbaut. Der Opel Adam beispielsweise ist ein witziges, unterhaltsames, durchdachtes Kompaktauto, das es inhaltlich problemlos mit seiner erheblich teureren Konkurrenz aufnehmen kann. Die aktuelle Generation kennt aber weder einen Turbomotor, noch Automatikgetriebe. Beides will Opel zwar nachliefern und das steht auch schon weitgehend in der Pipeline, aber dennoch zeigte das Fehlen von Turbo und Automatik zu Anfang des Opel Adam im Jahr 2013, dass hier noch geliefert werden muss. Zumindest kann man sich aber inzwischen darauf verlassen, dass Opel liefern wird und wenn man sich die neue Motorengeneration anschaut, die im Opel Insignia Sports Tourer (der Insignia-Kombi) verbaut wird, dann sieht man spätestens dort, dass es Opel mit der Einhaltung der EU-Vorgabe von maximal 100 Gramm CO2 pro Kilometer ernst meint. An dem knallharten Wettbewerb zur Einhaltung der EU-Grenzwerte beteiligen sich keine toten Pferde.

In Sachen Infotainment setzt Opel auf das IntelliLink- bzw. MyLink-System, das Panasonic und LG Electronics exklusiv für General Motors produzieren und das bei Opel im Opel Adam zuerst vorgestellt wurde. IntelliLink lässt sich mit Smartphones vernetzen, bietet Zugriff auf die Mediatheken und integriert eine eigene Navigationslösung, die primär auf den Smartphones installiert wird. IntelliLink selbst ist dabei ein Zwischenschritt zu einem System namens OnStar, das zukünftig neben der Vernetzung von Smartphones auch LTE/4G-Einbindung ermöglicht und so auch die zukünftig erforderlichen Notfall-Alarmierung übernimmt.

Opel morgen.

Wir Leute, die Opel bewerben, sind inzwischen abgehärtet und wir sind eine Diskussion los – ob es Opel morgen noch geben wird. Diese unsäglichen und von morbidem Gänsehautfeeling untermalten Gesprächsthemen gibt es nur noch in sehr wenigen Beratungsgesprächen. Bis 2018 will Opel 27 (!) neue Modelle und 17 neue Motoren vorstellen, was praktisch die gesamte jetzige Modellpalette betrifft. Und auch der Opel Ampera, der selbst vier Jahre nach seiner Vorstellung zum aktuellen Stand der Elektromobilität gehört, wird einen elektrischen Nachfolger bekommen, der dann mit deutlich größerer Batterielaufzeit glänzen wird und mit einem modernen Motor.

Opel ist daher weder tot, noch stagniert Opel. Das, was kommen wird, kenne ich selbstverständlich selbst kaum im Detail, aber das, was wir schon lesen und hören können, liest sich gut. Das Ziel, das Karl-Thomas Neumann vorgibt und nicht weniger beinhaltet, als dass Opel bis 2022 zum zweitstärksten PKW-Lieferanten wachsen soll, ist ambitioniert, aber das Vertrauen ist wieder da, dass man das packen kann. Und das beinhaltet auch die Lösung des größten Problems:

Das Blei in den Köpfen

Wer glaubt, die #umparkenimkopf-Kampagne sei einfach nur witzig, hat eines dabei möglicherweise vergessen: Die Kampagne ist überlebensnotwendig gewesen. Das beste Auto kann nicht an Mann oder Frau gebracht werden, wenn Mann oder Frau nicht wenigstens ein Stückweit an die Marke und das Auto glauben wollen, was sie da kaufen sollen. Ein sehr einfacher Grundsatz des Marketings, den man aber erst einmal umsetzen muss. Und den Marketingvorstandsfrau Tina Müller gut und treffend umgesetzt hat und der vor allem auch den Opel-Autohäusern die Chance gibt, darauf einzusteigen.

Umparken im Kopf ist daher ein Titel für eine Kampagne, die eigentlich gleichzeitig auch die Kampagne selbst ist. Man muss die Marke, die man vertritt, präsentieren, ehren, hegen und für sie stehen, in guten und schlechten Zeiten. Denn das sieht auch der Konsument, für den zwar die harten Faktoren wie Leistung und Preis zählen, aber auch die weichen. Der klassische Opel-Käufer (von Neuwagen) ist immer noch der Pragmatiker und ein Mensch der täglichen Praxis. Und den muss man erst einmal wieder von der Marke überzeugen und ihm die Modellpalette nahbar machen. Machen wir im Kleinen, macht Opel im Großen.

Darf man gegen Atomkraft sein? Man muss.

Ganz ehrlich: Ich habe ein paar Wahlkämpfe erlebt, aber noch nie so einen, bei dem man praktisch an drei Wochenenden am Stück eine neue Hiobsbotschaft im Wahlkampf berücksichtigen muss. Das Erdbeben und der dadurch entstandene Tsunami haben am Freitag eigentlich vollkommen für eine große Katastrophe gereicht. Dass dadurch auch gleich noch zwei (oder drei?) Kernkraftwerke einige schwere Störfälle erlitten und man auch durch eine extrem befremdlich wirkende (aber leider zu erwartende) Informationspolitik gar nicht so richtig weiß, was da eigentlich geschieht, das war nicht wirklich noch erforderlich, wenn man so trocken sein darf. Dass sich dadurch in Deutschland auch gleich noch die Atomkraftdebatte entzündet, das ist eine Geschichte, über die man jubeln könnte. Oder auch nicht. Ich sage das als jemand, der gegen Atomkraft ist.

Ach damals, 1986 …

… da war die Welt noch in Ordnung. Da ging im Mai 1986 in der Sowjetunion – beim glasklar definierten Feind – ein Kernkraftwerk hoch. Das bekamen wir später mit, denn zunächst dachte man in Skandinavien, dass dort ein Kernkraftwerk hochgegangen sein muss, weil dort erhöhte Strahlungsmesswerte auftraten. Dass irgendwo der Wurm sein musste, erkannte man dadurch, dass draußen die Strahlung höher war als in den Kernkraftwerken und irgendwann eierten dann die Sowjets herum, dass da ein kleines Missgeschick passiert war.

Jahaha, da schimpften wir auf die Sowjets. Aber eigentlich war die Regierung Kohl ebenfalls sehr lange danach damit unterwegs, alles herunterzuspielen. Alles völlig problemlos, die Strahlung völlig ungefährlich und unsere Kernkraftwerke hier in Deutschland, aber Hallo! Gerade die supersicher, weil eben deutsche Technik und nicht so verlottertes Zeug, wie die Sowjets da verbauen.

Und weil es zu dieser Zeit in Deutschland energietechnisch auch nicht sonderlich viele Alternativen gab – warum auch, Energiekonzerne gehörten da noch zu einem Großteil dem Staat – und „Atom“ einfach noch sexy klang, ließen sich diejenigen, die gegen Atomkraft sein wollten, auch sehr einfach abkanzeln und jagen. Ja, „jagen“. Was gab es nicht alles … eine Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf, eine Uranaufbereitungsfirma namens Transnuklear, die in schwere Nöte wegen nicht korrekter Lagerung von radioaktiven Stoffen kam, ein Forschungsbergwerk namens „Asse“, dass, wie sich inzwischen herausstellt, von wahren Schmutzfinken für jede Art von Einlagerungsschweinerei missbraucht wurde und nicht zuletzt ein Endlager in Gorleben, das immer noch kein Endlager ist und die dorthin gelieferten Castor-Behälter allesamt noch in einer schwerbewachten Halle im Wald herumstehen.

25 Jahre später …

… hat sich eigentlich nichts geändert in Sachen Atomenergie. Die Atomkraftwerke in Deutschland sind immer noch die gleichen, inzwischen eben 25 Jahre älter. Autos, die in den 1970er Jahren gebaut wurden und bei denen es Kopfstützen und Sicherheitsgurte nur – wenn überhaupt – gegen Aufpreis gab, sind heutzutage ohne Historienkennzeichen gar nicht mehr zulassungsfähig. 40 Jahre alte Kernkraftwerke – offensichtlich kein Problem, so dass Atomstrom wird immer noch produziert wird, inzwischen nun eben aus weitgehend abgeschriebenen Anlagen.

Atommüll wird übrigens auch noch produziert und zwar nicht zu knapp, nämlich rund 450 Tonnen pro Jahr. Und das hinsichtlich einem Endlager, Gorleben, das immer noch kein Endlager ist. Wir wissen also immer noch nicht, wohin wir den Dreck, den wir ständig erzeugen und den wir schon erzeugt haben, eigentlich hinstellen sollen. Und aus dem „Forschungsbergwerk“ Asse, da müssen jetzt irgendwann demnächst an die 125.000 Fässer mit radioaktivem Material herausgeholt und auch irgendwo hingestellt werden. Wir erinnern uns – ein „Forschungsbergwerk“. Mit 125.000 Fässern zum „Testen“. Testen Sie mal das Einlagern von, sagen wir, 125.000 Autoreifen in Ihrem Garten. Wenn sie die 125.000 Autoreifen bei einer mutmaßlichen Breite von 20 Zentimetern alle aufeinanderstapeln, haben sie mit 25 Kilometern Höhe immerhin den größten Turm der Welt.

Was sich sehr wohl in den 25 Jahren geändert hat, ist die politische Landschaft. Zwar sind aktuell gerade wieder die gleichen Betonköpfe an der Bundesmacht, wie damals vor 25 Jahren. Aber sie haben starken Gegenwind von einer Gesellschaft, die vieles gelernt hat in den 25 Jahren:

  • Atomstrom ist endlich, weil es nicht unendlich viel Uran gibt.
  • Atomstrom ist nicht billig, weil trotz der abgeschriebenen Kernkraftwerke Strom nicht billiger geworden ist, als vor 25 Jahren.
  • Es gibt inzwischen Nachfolgetechnologien, die zumindest als Brückentechnologien in Sachen Stromerzeugung dienen können.
  • Das Volk (zumindest ein Teil davon) glaubt inzwischen nicht mehr jeden Mist, sondern informiert sich erheblich differenzierter.
  • Die damals noch als subversiv abkanzelbare „grüne“ Politik ist haus- und hoffähig geworden.
  • Die Alten von heute lassen sich nicht so einfach auf die Jungen hetzen, weil viele der Alten von heute die Jungen von vor 25 Jahren waren.

Die Atomkraftgegner von heute einfach wieder als „Spaßbremsen“ abzusondern und mit gerümpften Nasen auf ihre Sandalen zu zeigen, in denen sie barfüßig herumliefen, das funktioniert nicht mehr. Und nun ist am Freitag auch noch das letzte Kapitel des Atomkraftmärchens gefallen, in dem ein hochmodernes und hochtechnisiertes Land wie Japan zeigen musste, dass ein Atomkraftwerk offensichtlich also doch nicht so idiotensicher zu bedienen ist, wie ein Wählscheibentelefon, auch wenn es praktisch gleich alt sein kann. (Ironie am Rande: Das deutsche Wörterbuch von Firefox kennt den Begriff „Wählscheibentelefon“ nicht.)

Das gestrige „Für Atomkraft“ ist das heutige „Gegen Atomkraft“.

Eine steile These, die aber gar nicht mehr so steil ist, wenn man anschaut, wie es läuft. Wir verbrauchen immer mehr Energie und gerade in den Schwellenländern ist diese ansteigende Kurve keine Kurve mehr, sondern eine Steilwand, die diese Länder vor allem mit katastrophal viel Kohle- und Gaskraftwerken bewältigen. Die etwas besseren Nationen, denen man Uran zumindest so in die Hand geben kann, dass sie es nicht gleich in den Bombenbau stecken, bauen Atomkraftwerke, obwohl alle wissen, dass die Uranvorräte auf diesem Planeten so endlich sind wie Kohle und Gas und dass man mit einem platzenden, weil falsch bedientem Atomkraftwerk sich so richtig viel Ärger ins Land holen kann.

Sprich: Wer heute umsteigt auf regenerative Energieerzeugung, der muss morgen weniger bangen und hat auch noch den netten und entscheidenden Wettbewerbsvorteil, dass er einen Know-How-Vorsprung hat. Gut für ein Land wie Deutschland, das von Know-How bis zum heutigen Tage lebt.

Wer also für Zukunft ist, der kann gar nicht anders, als gegen Atomkraft zu sein. Nicht heute, sondern eigentlich gestern.

Das Märchen der „Brückentechnologie Atomkraft“ und der Ausstieg aus dem Atomausstieg.

Unsere CDU/CSU/FDP-Bundesregierung meint es ja ach so gut mit uns. Nur 12 Jahre länger unsere Atomkraftwerke betreiben, das ist doch kein Problem. Das Geld, was sie erwirtschaften, geht echt voll in die Entwicklung von regenerativen Energieformen und überhaupt und so – kein Problem! Es hat doch alles so lange schon funktioniert, da werden diese 12 Jahre auch noch gut gehen.

Doch, es ist ein Problem. In den 12 Jahren Laufzeitverlängerung passiert nichts, außer dass der Strompreis weiter steigen wird, ebenso der Shareholder Value der Stromkonzerne, diese wiederum nur einen verhältnismäßig geringen Teil ihrer Gewinne in die Entwicklung von regenerativen Energieformen stecken müssen und diese zudem auch noch zu einem großen Teil von ihnen selbst kontrolliert werden. Jedes Jahr länger ohne akuten Zwang, dass hiesige Atomkraftwerke, die eh schon längst in einem nicht mehr akzeptablen Alter sind, kurz vor ihrem Ende stehen, ist ein verlorenes Jahr für die Energiepolitik dieses Landes und vor allem für die Wirtschaftspolitik der Zukunft. Zugegeben: Das ist Wirtschaftspolitik gemessen in so Zeiträumen, dass man dazu mehrere Legislaturperioden braucht und die somit in unserer grundsätzlich nur in Vier- bzw. Fünfjahresschritten gemachten Politik nicht besonders viel Spaß macht.

Wer also heute tatsächlich für Atomkraft ist und mit den alten Schlagern daherkommt, dass wir ohne Atomkraft zukünftig auf Bäumen sitzen werden und was weiß ich noch alles, den sollte sich fragen, ob er nicht auch Sandalen der Kategorie „Jesus-Latschen“ zu Hause hat. Die sind nämlich in der Zwischenzeit modern geworden.

Wie Lokalzeitungen weiterhin nichts lernen.

Christian Jakubetz hat in seinem Blog einen Erfahrungsbericht über seinen Besuch in Passau, des dortigen Lesens der Passauer Neueste Presse („PNP“) und des Staunens darüber, dass Lokalzeitungen im Prinzip weitgehend noch nichts daraus gelernt haben, wie das Internet ihnen das Wasser abgräbt und wie sie diesem Umstand Paroli bieten könnten. Beispielsweise schon mal mit dem fundamentalen Schritt, den Lokalteil nicht ans Ende der Zeitung zu pappen, sondern vorne, da die (Noch-)Stärke von Lokalzeitungen eben das Lokale ist.

Die PNP und „die PNP’s im Lande“ scheitern daher, so Jakubetz‘ Annahme, vornehmlich daran, dass sie die wertvolle Abonnentenbasis weiterhin in erster Linie selbst vergraulen, in dem sie Nachrichten von gestern, die der kundige Leser am Tag davor schon mehrfach über das Internet und über das Fernsehen konsumiert hat, vorne drucken und die Juwelen hinten verwursten.

Erinnert und bestätigt mich alles sehr in meinen Annahmen, die ich vor ziemlich genau einem Jahr hier mal verfasst habe und die mitunter zu den am meisten aufgerufenen Seiten im Blog gehören:

Dass Lokalzeitungen (die vor allem diese Seiten aufrufen) daraus möglicherweise Rückschlüsse ziehen könnten, diese Hoffnung habe ich schon vor einer ganzen Weile aufgegeben. Die sterbende Presseindustrie stirbt vor allem an ihrer eigenen Dummheit und an höchst unfähigen Verlegern, die die Anschaffung einer Druckmaschine immer noch der Anschaffung eines vernünftigen Redaktionssystems mit sinnvoller Online-Anbindung vorziehen würden. Sterben sie halt mit Druckerschwärze an den Fingern.

[via @marian_semm]

Die Printmedien kapseln sich ein.

… und keinen stört es. Das zumindest ist der erfreuliche Aspekt dieser höchst erstaunlichen Bewegung. Anstatt dass man sich einem Wettbewerb mit den Online-Medien stellt (der zugegebenermaßen elementar ist), duckt man sich auf allen Fronten weg, man muss nur die Nachrichten lesen:

Nummer 1: Rupert Murdoch, der Große Zampano und berühmteste Rentner der Medienwelt, gibt sich auch nach Jahren immer noch der Peinlichkeit hin, das Internet nicht ansatzweise verstanden zu haben und will jetzt Google von seinen Websites weghalten. Wobei, da machen wir es uns zu einfach, denn das Internet hat er dahingehend verstanden, wenn es darum geht, Produktionskosten durch immer stärkere Syndizierung zu senken. Er hat nur, wie viele andere Medienmenschen auch, offensichtlich eine Heidenangst davor, in direktem Kontakt mit den Konsumenten zu treten, früher stand da immer noch die Rotationsmaschine dazwischen.

Nummer 2: Das Medienhaus M. DuMont Schauberg stampft die Netzeitung ein und faselt dunkel etwas davon, dass sich das Format so nicht funktionieren würde – und das mit einer Stammredaktion von gerade mal 12 Redakteuren. Ausgerechnet die WELT, ein Blatt des Axel-Springer-Verlages, der der Meinung ist, dass man die WELT den iPhone-Besitzern nur noch gegen Bares zur Verfügung stellen sollte, konstatiert erstaunlich offen:

“Zwei Lehren, die man ziehen könnte: Der angebliche Niedergang der Print-Branche ist reich an Scheinkorrelationen. Zweitens: So erbarmungslos zu sparen, dass sich die Leser abwenden, ist nicht abhängig vom Medium. Es kann Print wie Internet treffen.”

Das ist leider Fakt, denn mit dem Ansatz der Netzeitung, die von norwegischen Online-Journalisten im Jahr 2000 erfunden wurde und nicht von einem muffigen Verlagshaus, das Papierbahnen von Bitströmen nicht unterscheiden kann, hat praktisch keiner der nachfolgenden Besitzer der Netzeitung etwas anfangen können und jetzt endet das Projekt als Newsaggregator – als dumme Nachrichtenmaschine. Und das in Zeiten von Google News.

Sprich: Sie alle leiden stark, sind in schwerem Fahrwasser, verlieren Leser scharenweise, ziehen die Gürtel an. Aber keiner kommt auch nur ansatzweise auf die Idee, mal zu fragen, warum der Leser eigentlich wegläuft. Gut, das musste man jahrzehntelang auch nicht machen, weshalb das vielleicht nicht ganz so einfach ist. Aber: Gestorben wird umso schneller, je früher man glaubt, mit Gewalt ginge es besser.

Ihr, mit Verlaub, dämlichen Holzmedien werdet jämmerlich verrecken, wenn ihr nicht bald (also eigentlich schon gestern) damit anfangt, euren Lesern zuzuhören und euren Redakteuren mehr Online-Kompetenz beizubringen und sie auch mehr Online machen zu lassen – möglicherweise auch in Projekten, die nicht sofort zu monetarisieren sind, wie das nächste Zeitungsblatt. Das ist alles sehr anders, aber was glaubt ihr denn, wie die Neuigkeiten erfunden werden, über die ihr tagtäglich berichtet? Aus dem Ticker kommt die Nachfrage jedenfalls nicht.

Im nächsten Artikel zu diesem Thema, den ich hier schon seit Tagen auf Halde schreibe und der leider wieder verdammt groß wird, gibt es Consulting frei Haus. Für die armen Printmedien. Ein paar Mutmaßungen und Ideen, wie es weitergehen könnte. Auf der Rotationsmaschine und im Internet.

Das alles auch deshalb, weil ich inzwischen verstanden habe, dass von den Printmedien hier nichts sinnvolles kommen kann und man tatsächlich auf die reflexartigen Kommentare Einzelner, man möge doch mal bitte sagen, wie man es besser machen könnte, offenbar tatsächlich reagieren muss, bevor sie mit Aussperren ihrer Inhalte die eigene Industrie zugrunderichten und nebenbei mit Gedanken zu Leistungsschutzrechten offenbar problemlos auch ihre Ehre verkaufen würden.

Microsoft Office Labs Vision 2019.

Ich habe ja schon wirklich genügend Visionen gesehen (meine eigenen und die vieler anderer), das hier von den Microsoft Labs „blows me up“, wie der Amerikaner vortrefflich zu sagen pflegt und für das es einfach keine adäquate Übersetzung gibt. Knapp sechs Minuten, die derartig inspirierend sind, dass einem die Tränen kommen:

So stelle ich mir das vor. Da kommt es mir gar nicht auf das Handy an, die Funksteuerung im Haus, die digitale Zeitung oder die Kaffeetasse. Nein, es ist das nahtlose, das ineinandergreifende, was es ausmacht. Ich muss nicht erst im nomadischen iPhone eine Anwendung einen Webserver starten lassen, um es dann in ein WLAN-Netzwerk mit einem anderen Gerät einzubinden, damit ich von diesem Gerät zum iPhone eine Datei verschieben kann. Sondern ich schubse es rüber zu einem anderen Gerät, die alle in einem Netzwerk verbunden sind und von Hause aus zusammenarbeiten und im Idealfall kann man sogar produktiv damit arbeiten.

Es gibt wenig Firmen, denen ich den so großen Spagat zwischen Funktionalität, Produktivität und Moderne zutraue und ich bin sehr gespannt darauf, was daraus im Hause Microsoft wird. Die Jungs und Mädels, die bei Microsoft in den Office Labs arbeiten und die ich extrem schwer um diese Jobs beneide, haben noch ein paar andere visionäre Filme auf Lager, wobei das obige mit Abstand das eindrucksvollste ist.

[via Steffen]

Zöpfe ab!

Der heute 28. Februar 2009 ist Zöpfe-ab-Tag, für kleine und große Zöpfe. Vielleicht liegt es ja am wunderschön sonnig und frühlingshaften Wetter, das mich sogar dazu bringt, das Fenster bei 11 Grad Celsius den ganzen Tag geöffnet zu halten, was man bei einem nicht sonnigen Tag nicht ohne gewisse geistige Verwirrung machen würde.

Fangen wir an:

  1. Ich habe bei mir das Ende der CD eingeläutet und das eigentlich vorreservierte, neue U2-Album nicht mehr als Silberscheibe gekauft, sondern online. Eigentlich wollte ich noch den kümmerlichen Rest von Happy Digits bei Musicload.de auf den Kopf hauen, da ich jedoch keine 995 Happy Digits hatte, sondern nur 575, hätte ich dann doch per Kreditkarte zahlen sollen. Was solls, ich habe es getan und einen Satz U2-Album als DRM-freie MP3-Dateien erstanden. Sorry, Joachim, wir kommen da noch zueinander. 😉
  2. Ich habe XAMPP als Entwicklungsplattform auf meinem PC installiert, um damit die WordPress-Installationen, die demnächst für die diversen Wahlkämpfe anstehen, vorzubereiten. Es ist leichter zu installieren, als ich dachte, allerdings mögen sich der Apache-Webserver und ein bereits laufendes Skype nicht, weil sie sich um eine Reihe von TCP-Ports streiten. Daran ist allerdings Skype schuld.
  3. Ich habe erstaunlicherweise zwei Kilo abgenommen und will diesen Umstand weiter fortsetzen.
  4. Ich habe meinen Kopf freigemacht für eine Idee, die nun unumkehrbar vorangetrieben wird. Dazu wird es aus bestimmten Gründen in den nächsten Wochen Neuigkeiten geben.
  5. Ich verabschiede mich von einer Reihe von gekaufter Software und anderem Krempel, den ich schlicht nicht mehr brauche und der hier schlicht Staub ansetzt. Weg mit dem Müll. Das gilt auch für eine Reihe von Musik-CD, die ich nicht mehr höre. Bei solchen Dingen bin ich herzlich wenig sendimental.

Das dürfte doch für einen Samstagnachmittag, von dem ich jetzt doch tatsächlich heroenhaft zwei Stunden auf dem Balkon in der Sonne ausgehalten habe, reichen, oder?