Wo bleibt die PS3-Experience?

Wenn ich mir zur Zeit so den Markt der Spielekonsolen anschaue – und dazu ist die Zeit vor Weihnachten die einzig sinnvolle – dann überkommt mich beim Anblick der PS3-Szene richtiggehend tiefe Traue. Immer mehr macht die PS3-Welt den Eindruck, dass sie zwar technisch stärker ist, als die Welt der Xbox und der Wii zusammen, aber man bei Sony Computer Entertainment offenbar so begeistert ist von den eigenen Muskeln, dass sie kaum laufen können.

Das aktuellste Beispiel hierfür ist die “Next Xbox Experience”, abgekürzt NXE. NXE kommt als Firmware-Update für die Xbox 360 daher und ist ein Update der Xbox-Benutzeroberfläche, mit der Microsoft die Xbox 360 nicht nur im Detail quasi neu erfindet. Alles das, was ein vernünftiges Netzwerken in der Gamerszene ausmacht – Avatare, Clan-Bildung, Nutzung von Avatare auch außerhalb der Xbox, Installation von Spielen auf die Festplatte, eine flotte Benutzeroberfläche – findet sich tatsächlich in NXE und es macht, das muss ich neidvoll anerkennen – richtig Spaß. Nein, ich besitze nach wie vor keine Xbox, aber wenn ich so durch die vielen Websites, die die Xbox-Community bildet, cruise, kommen kurze Gedankenblitze auf, die fragen, warum eigentlich nicht.

Die Nintendo Wii ist wiederum eine reine Spielemaschine mit einer unwiderstehlichen Steuerung und streng funktionalem Zubehör. Die erstellten Avatare sind nahtlos in viele Spiele eingebettet, die mehr abfordern, als nur Daumenbewegungen. Selbst ich als stockkonservativer High-End-Consolero muss meinen Hut vor so viel Gameplay ziehen, den so eine unscheinbare Box wie die Wii bietet.

Was Nintendo an jahrzehntelanger Erfahrung in der Gaming-Welt in die Wii packt und Microsoft an Experimententum und “Sexyness” der Xbox 360 zugesteht, bleibt bei Sony Computer Entertainment mit der PS3 seit nun fast zwei Jahren vollkommen auf der Strecke. Der Beweis findet sich in jedem Elektromarkt, in dem das größte Regal das von Xbox-Spielen ist, danach das für Wii-Spiele und, zu guter letzt, das Regal für PS3-Spiele, in dem sich außer den unversteckbaren Neutitel kaum noch etwas älteres findet.

Ja, die PS3 ist im März 2009 seit zwei Jahren auf dem Markt, in der Konsolenwelt eine halbe Ewigkeit. Und in dieser halben Ewigkeit hat sich, um einmal sehr deutlich zu werden, nichts bewegt. Die PS3-Hardware ist nach wie vor die überlegenste Plattform von allen aktuellen Konsolen, es gibt eine Reihe von grafisch hochinteressanten Spielen (die allerdings zu zwei Dritteln auch auf anderen Konsolen veröffentlicht werden und mit einigen Wochen Vorlauf schon als PC-Versionen auf dem Markt sind), es gibt von Anfang den PlayStation-Store zum Testen und Kaufen von Spieletitel und es gibt von Hause aus die Verbindung ins Internet. Eigentlich doch alles da, was man braucht. Eigentlich.

Aber weiterhin gibt es praktisch keine Möglichkeit, Leute online zu treffen, es gibt keine Möglichkeit von Avatare, es gibt keine Möglichkeit, Netzwerke außerhalb zu bilden, es gibt nur eine sehr schlampig eingebaute Möglichkeit zum Mailen, die Möglichkeit zur Abbildung von Profilen ist mager, die Trophäenfunktion (und die mangelnde Unterstützung vieler Spiele) ein müder Witz, wenig innovative Steuerungshardware und eine praktisch vollkommen fehlende PS3-Community. Von der geplanten, eierlegenden Wollmilchsau, der Second-Life-Verschnitt “PlayStation Home”, ist, wie es sich für echte Vaporware gehört, gibt es weiterhin nicht viel zu sehen.

Man darf zur Erkenntnis kommen, dass Sony in der Generation der vernetzten Spielekonsole geistig schlicht nicht angekommen ist. Viel schlimmer ist, dass man offenbar auch gar keine dementsprechenden Anstanden hat, das alles vielleicht mal zu ändern. Wir PS3-Besitzer haben eine gewaltig gute und leistungsfähige Spielekonsole zu Hause und es passiert nichts. Das wird nicht gut ausgehen.