Obama-Wahlkampf in der Nebensaison: Organizing for Action.

Barack Obama ist nun vor fast genau einem Jahr zum zweiten und letzten Mal zum US-Präsidenten gewählt worden. Über den Online-Wahlkampf habe ich im Rahmen meines Obama-2012-Dossiers einige Monate lang in einer Reihe von Artikeln einiges zusammengetragen und eigentlich kann man dieses Dossier abschließen. Ein Wahlkampf endet mit dem Wahltag und bei Barack Obama kommt hinzu, dass US-Präsidenten nach einer zweiten Amtsperiode nicht mehr als US-Präsident wiedergewählt werden können. Obama führt also seine letzte Amtsperiode, die planmäßig im Herbst 2016 enden wird.

„Cool down“ eines Online-Wahlkampfes.

Nun hätte es Barack Obama so machen können, wie es an sich jeder Politiker nach einer erfolgreichen Wahl handhabt: Wahlkampfteam am nächsten Tag nach Hause schicken, Wahlkampfmaterialien in den Müllcontainer werfen, Kampagnen-Website abschalten und regieren gehen. So eine Vorgehensweise hat wenig mit Amtsarroganz zu tun, sondern eher monetäre Gründe, denn eine Wahlkampfmaschinerie ist teuer und zudem kann ein gewählter Politiker auf die Kommunikationsarbeit seines Hauses zurückgreifen, in dem er amtiert.

So ein kompletter Stopp jeglicher Wahlkampfaktivität ist ein regelrechter Shutdown. Von 100 auf Null in praktisch null Sekunden. Die meisten laufenden Verträge – ob nun für Telefon, Internet, Büros oder Personal – sind meist schon Monate voraus auf den Tag nach der Wahl gekündigt. Und schlagartig landen an solchen Tagen dann nicht nur mehr oder weniger gut geölte Organisationen auf der Müllhalde der Geschichte, sondern auch eine Menge an Ideen und Argumenten. Und in unserer heutigen Online-Welt auch eine mehr oder weniger gut gepflegte Basis an Befürwortern.

Die spannende Frage ist nämlich nach der Wahl, wie man mit Unterstützern umgeht, die auch noch zum Zeitpunkt der Wahl und danach der Organisation die Fahne halten. In der Vor-Web-2.0-Welt waren diese Unterstützer weitgehend unsichtbar, weil zwischen Wahlkampfteam und Unterstützer zu diesen Zeiten noch die Medien steckten. Wenn die Medien nicht mehr über ehemalige Wahlkampfaktionen berichten, dann entschwindet diese Nachrichtenlage aus der Wahrnehmung (auch heute noch) sehr schnell und es ist – vielleicht ein Stück weit auch zu Recht – eher verpöhnt, nach einer Wahl als frisch gewählter Amtsträger weiterhin offensive Wahlkampfrhetorik zu verbreiten.

Dennoch: Web 2.0 erfordert ein Umdenken – ein Shutdown bedeutet bei den allermeisten Social-Media-Kanälen einen Verlust von vielen direkten Befürwortern, die als Fans/Liker/Follower etc. ja bis dato einen direkten Kanal zum Kandidaten hatten. Wer eine erfolgreiche Facebook-Seite aus reinem Selbstzweck schließt, verliert nicht nur diese Fans, sondern verletzt eigentlich auch den eigenen Anspruch, dass nach Versprechungen auch die entsprechende Umsetzung kommen sollte. Anstatt eines Shutdowns ist daher eher ein „Cool Down“ angesagt. Irgendwie muss man mit der Verantwortung des Vertrauensvorschusses, der einem da in Social-Media-Kanälen bekundet wurde und noch wird, schließlich umgehen können. Einfach den Stecker ziehen, ist nicht.

Die fehlenden Parteistrukturen in den USA und was wir daraus lernen könnten.

Nun haben alle US-Parteien immer noch vor allem ein delikates Problem: Sie haben immer noch keine wirklich guten und tragfähigen Parteistrukturen ins Land. Zum einen sind die USA ein wirklich sehr großes Land und zum anderen wurden Parteistrukturen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten immer weiter zurückgefahren. Eine sichtbare Partei bis in die letzte Ecke eines Landes ist ein teures Gebilde und die in den 1970er- und 1980er-Jahren immer stärker aufgekommenen Fernsehmärkte haben in den Hauptquartieren der großen US-Parteien die Illusion blühen lassen, dass das Fernsehen und der allmächtige Werbemarkt die effektivere Form der Wählerkommunikation ist und Parteistrukturen ersetzen könnte, die bis dato die Botschaften ins Land trugen.

Das führte im Laufe der Jahre dazu, dass zwar tatsächlich Botschaften per Werbefernsehen sehr schnell verbreitet werden können, allerdings Parteien, Kandidaten und Wahlkämpfe dadurch vor allem darunter leiden, dass sie hüllen- und substanzlos wirken. Was ausschließlich nur noch in den Medien existiert, ist für die meisten Menschen „draußen“ – und zwar nicht nur draußen aus dem eigenen Haus, sondern „richtig draußen“, auch außerhalb der eigenen Stadt. In Falle der USA im fernen Washington D.C. Dieses „die da in Washington“ kennen wir hier in Deutschland auch allzugut, nämlich mit dem Thema Europa. Im Verhältnis zu Bundestagsabgeordneten gibt es in Deutschland erheblich weniger Europaparlamentsabgeordnete, die quasi gar keine echte Reichweite in den deutschen Medien haben, wenn sie nicht zufälligerweise EU-Kommissare sind. Die im Europaparlament vertretenen Parteien versuchen zwar redlich, ihre Abgeordneten politisch mit den Parteistrukturen zu unterstützen, aber das funktioniert tatsächlich doch eher nur sehr mäßig. Europa ist für die meisten Menschen in Deutschland ebenfalls nur ein diffuses „die da in Brüssel und Straßburg“.

Wenn wir wieder zurück in die USA schauen, sehen wir da zwei sehr grundsätzliche Strategien, wie mit diesem Phänomen der immer stärker erodierenden Beziehung zwischen Parteien und Wählern umgegangen wird. Die Republikaner versuchen es nämlich vor allem mit Kehlkopf und Aktionismus.

Die Tea-Party-Bewegung als Parteienersatz?

Das brillanteste (und auch weitgehend einzige) Beispiel ist das so genannte Tea Party Movement; das Bündnis konservativer Menschen in den USA. Tatsächlich ist nämlich die Tea-Party-Bewegung nicht eine Abteilung der republikanischen Partei, sondern eine dezentrale Bewegung, in der sehr viele Organisationen, Verbände, einzelne Bürger und auch mehrere Parteien involviert sind, von denen die republikanische Partei die größte ist.

Die Tea-Party-Bewegung ist aufgrund dieser Dezentralität und der Nichtzugehörigkeit zu einer Organisation/Partei interessant und gefährlich zugleich. Deren Argumentationen werden nämlich vor allem von den einflussreichen und finanzkräftigen Protagonisten geprägt, die sich so eine Kampagne auch leisten können. So vertretene Meinungen sind in erster Linie nicht aufrichtig, sondern vor allem erst einmal deren Verbreitung bezahlt, wenn diese Meinungen tatsächlich in einer gesellschaftlichen Diskussion ankommen. Das führt dazu, dass im Gebilde der Tea-Party-Bewegung nicht nur kommunizierbare konservative Haltungen existieren – die, die man dann tatsächlich in der gesellschaftlichen Diskussion ab und an wiederfindet – sondern auch teilweise richtig extreme Haltungen und Meinungen in jeglichem Couleur, das man erwartet, wenn man sehr, sehr weit rechts in die politische Prärie schaut.

Sprich: Das, was bei den US-Republikanern die Tea Party ist, ist in Wirklichkeit eine Reihe von republikanischen Politikern, die sich der Tea-Party-Bewegung nahe fühlen, mit Gleichgesinnten kollaborieren und sich vielleicht auch von Organisationen, die ebenfalls der Tea-Party-Bewegung huldigen, bezahlen lassen. Das macht die Tea-Party-Bewegung schrill und in den Medien auch durchaus sichtbar, ist aber im Prinzip eine Angelegenheit, die allen nur schaden kann: Die republikanische Partei hat wenig Einfluss auf die Bewegung und die Bewegung selbst hat keine Kontrollinstanz, die darüber wachen könnte, was eigentlich Tea-Party-Konsenz ist oder nicht. Meinung ist eben das, was in die Medien lanciert wird, ob nun nachrichtlich oder per Werbefernsehen. Vom Prinzip her ist die Tea-Party-Bewegung daher politisch ebenso bedenklich wie sektenartig organisierte Geheimbünde, in denen dann vielleicht Spitzenpolitiker hängen und sich hier und da in ihrer Meinungsbildung führen lassen.

Die Nonprofit-Organisation als Parteienersatz?

Die US-Demokraten gehen aktuell einen gegensätzlichen Weg und haben hierzu einen Pakt, der für US-Verhältnisse unglaublich ist: Die US-Demokraten nutzen die ehemaligen Wahlkampfstrukturen ihres US-Präsidenten. Wenn man weiß, dass US-Präsidentschaftswahlkämpfe vor allem vom jeweiligen Kandidaten finanziert wird (bzw. von dessen Gönnern und Spendern), kann man ahnen, wie wenig Motivation bisherige US-Präsidenten aufbrachten, ihrer Partei den Zugriff auf die Datenbanken zu gewähren, die die Informationen und Kontaktdaten der Präsidentschaftsunterstützer enthalten. Diese gesammelten Informationen sind ebenfalls teuer und bedeuten in jedem Wahlkampf richtig viel und keiner schenkt so einen Schatz einfach mal seiner Partei, die in den USA traditionell nur sehr wenig Unterstützung für ihre Kandidaten bietet.

Die Strategie der Obama-Kampagne trifft sich aber hier mit der Strategie der US-Demokraten. Barack Obama will seine viele Millionen Befürworter im Internet nicht verlieren und sie auch nach dem Wahlkampf als Multiplikatoren für die eigene Politik verstanden wissen, die zu großen Teilen eben auch die Politik der US-Demokraten in Senat und Kongress ist. Und so erlebte der ehemalige Wahlkampfexpress Obamas eine wundersame Wandlung im Laufe der Jahre:

  • 2007-2008: Obama for America, Wahlkampf-Organisation Obamas zur US-Präsidentschaftswahl 2008
  • 2009-2011: Organizing for America, Organisation des Democratic National Comittees (DNC), der nationalen Organisation der Demokratischen Partei
  • 2011-2012: Obama for America, Wahlkampf-Organisation Obamas zur US-Präsidentschaftswahl 2012
  • ab 2013: Organizing for Action, Nonprofit-Organisation mit dem Ziel der Verwaltung einer Community, die jedoch „enge inhaltliche Übereinstimmungen mit der Arbeit der Demokratischen Partei und von US-Präsident Obama teilt“.

Alle diese Organisationen haben die Gemeinsamkeit, dass sie letztendlich um das Herzstück aller Obama-Kampagnen gebaut sind: Die Datenbasis der US-Wähler, der politischen Befürworter seiner Parteizugehörigkeit und politischen Arbeit und die vielen Millionen E-Mail-Adressen in diesen Datenbeständen. Die schärfste Waffe aus den Obama-Wahlkämpfen, der schnelle Versand von Argumenten per E-Mail an viele Millionen E-Mail-Empfänger, ist die zentrale Basis. Dass alle die obigen Organisationen als „OFA“ abgekürzt werden können, immer unter http://www.barackobama.com/ erreichbar sind und sie alle das ehemalige Kampagnenlogo Barack Obamas im Schilde führen, sind natürlich keine Zufälle, sondern feste Signalisation und Mission.

Ein Abgesang auf flickr.

Glaubt man dem Weblog Betabeat, dann steht dem Fotoportal flickr in den nächsten Tagen ein größeres Update in Sachen Usability bevor. Ich musste über diesen Artikel, den ich noch über einen alten, noch nicht gelöschten Google-Alert-Eintrag bekam, tatsächlich staunen. flickr? Usability-Update? Ehrlich? flickr? Unser gutes, altes flickr?

Tatsächlich ist flickr schon längst tot, nur merkt es keiner. Das könnte auch daran liegen, dass der Mutterkonzern von flickr ein gewisses Unternehmen namens Yahoo ist, das ebenfalls seine besten Zeiten schon längst hinter sich hat. Mal ein Vergleich für eine einleitende Demotivierung? Gern doch:

Die Website 1000memories.com, von der auch das obige Diagramm stammt, hat dies in einem Artikel im September 2011, in der es um die Frage ging, wie viele Fotos in der Geschichte der Menschheit fotografiert wurden (der Autor schätzt auf 3,5 Billionen Fotos), auch die damals aktuellen Bildbestände von Facebook und flickr mit Zahlenmaterial unterfüttert:

  • Facebook: 140 Milliarden Fotos
  • flickr: 6 Milliarden Fotos
  • Instagram: 150 Millionen Fotos

Die Zahlen sind schon so unglaublich, das Diagramm spricht aber eine eigene, unmissverständliche Sprache. flickr ist kaum mehr als Nichts und das ist seit dem September 2011 sicher nicht besser geworden.

Jungen Menschen heutzutage Yahoo zu erklären, ist relativ einfach: Yahoo ist eine Art AOL.com: Ein käsiges Portal mit zusammengekauften, eher boulevardesken Nachrichten, einem „Trend des Tages“, einem Freeemail-Portal und viel Werbung. Erklärt man diesen jungen Menschen, dass Yahoo einmal eine Referenz in Sachen Suchmaschine war – zugegebenermaßen vor vielen, vielen Jahren – dann erntet man noch nicht mal mehr erstaunte Gesichter, sondern pure Langeweile. Yahoo hat schlicht keine Relevanz mehr und ist selbst netzhistorisch gesehen eine Marke, die außerhalb der USA gerade noch für Autoaufkleber reichen würde: Der Google-Pagerank der deutschen Portalseite von Yahoo steht aktuell gerade mal bei 3 und wenn diese Portalseite nicht davon leben würde, bei genügend Webbrowser-Benutzern als Startseite bei jedem Browserstart automatisch geladen zu werden, wäre sie vermutlich einfach weg. Die über Softwaredownload-Hintertüren eingepflanzte und ständig nervende Browser-Suchleiste als Herzschrittmacher eines ehemals großen und stolzen Konzerns.

Aber kommen wir zurück zu flickr. Aufzuzählen, wie viele Trends flickr völlig anstandslos verpasst hat, dürfte eine müßige Geschichte werden. Der größte Fehler des flickr-Managements ist jedoch zweifellos die komplette Fehleinschätzung des Gerätemarktes. Digitale Bilder werden im Mainstream seit dem Siegeszug von iPhone und Android ab 2007 nicht mehr mit teuren Digitalkameras gemacht, sondern mit Smartphones. Und hier liegt der Marktwert der meisten Bilder so niedrig, dass der Nutzer sie möglichst schnell mit seinem Freundeskreis teilen möchte, vorzugsweise zu Facebook. Nachbearbeitung? Interessiert niemanden. Archivierung? Uninteressant. Teilen mit Fotoenthusiasten? Was zum Geier sind Enthusiasten? Diejenigen, die pixelschwere Bilder stundenlang nachbearbeiten und hochladen oder diejenigen, die auf der Fahrt zur Arbeit mit Facebook gleich ein halbes Dutzend Schnappschüsse in die Welt setzen und mit Instagram sogar recht anschauliche Kleinode produzieren können?

flickr hat es, um bei Smartphones zu bleiben, bis heute noch nicht geschafft, für iOS, Android und Windows Mobile eigene, wirklich funktionale Apps bereitzustellen, mit der Benutzer in der Lage wären, schnell und mit Freude Bilder zur flickr hochzuladen. Lange Zeit krankte beispielsweise die iOS-Version der flickr-App darunter, dass sie ständig abstürzte und ein entsprechendes Update Monate auf sich warten ließ. Für Android wurde die offizielle flickr-App sogar erst Ende letzten Jahres vorgestellt und auch dieser Start war, flickr-typisch will man sagen, mehr als holprig, weil die offizielle App es sofort schaffte, in Sachen Usability Meilensteine zu setzen – nach unten.

Und so ist flickr auch immer noch das, was es vor fünf Jahren war: Ein Biotop für Fotofreaks, die im Rahmen ihres Hobbys es immer noch in Kauf nehmen, von blödsinnigen Upload-Mechanismen und völlig stupiden flickr-Tools gedemütigt zu werden, die dann mit der miserabelsten Upload-Geschwindigkeit eines Fotoportals weit und breit, nämlich selten mehr als 50 Kilobyte pro Sekunde, Bilder hochladen dürfen. Und das selbst auch dann, wenn sie als „Pro“-Nutzer schlappe 25 US-Dollar jährlich auf den Tisch blättern.

flickr war einmal ein Hort der Foto-Avantgarde im Netz. Es war einmal richtig cool, bei flickr einen Account zu haben, weil flickr werbefrei war und vor allem lange Jahre keine Firmenaccounts zuließ. flickr war eine Privatangelegenheit (mehr oder weniger) und allein dadurch gewann flickr ein ungeheures Maß an Authentizität und treuer Anhängerschaft, als Facebook noch ein kleines Netzwerk für einen Haufen von Studenten war, die sich noch keine Digitalkamera leisten konnten.

Heute ist flickr ein Museum mit immer noch sehr vielen, aber inzwischen immer mehr verwaisten Accounts. Die überwältigende Zahl meiner flickr-Freunde lädt keine Bilder mehr in flickr hoch, obwohl wohl keiner meiner Freunde weniger Bilder knipst, als früher und quasi jeder von ihnen ein Smartphone hat. flickr ist soetwas wie ein früher Spielplatz gewesen, als Web 2.0 noch nicht so viel Platz für viele Worte und Fotos hatte, und man zweifellos auch größere Hürden in Kauf nahm, Bilder zu teilen. Hürden, die heute grotesk erscheinen. flickr ist immer noch im Gestern von Yahoo zu Hause und dass ich vor einigen Tagen meinen flickr-Pro-Account nicht wieder verlängert habe, ist niemandem aufgefallen. Noch nicht mal mir.

Versicherungen und Bloggen? – !!!

Hubert Mayer, den ich vom BarCamp Stuttgart kenne, arbeitet bei einer kleinen Versicherung und bloggt angenehm offen die Frage, wie Versicherungen am ehesten das Thema Social Media anpacken sollen und ob sie vielleicht sogar bloggen sollen. Sehr interessant dabei finde ich, dass er diese Fragestellung aus der Intention heraus stellt, dass offenbar im Unternehmen selbst diese Fragestellung an die Abteilungen gerichtet wurde und um Feedback gebeten wird. Da hat eine Unternehmensleitung den Begriff „Social Media“ schon mal so gut verstanden, dass sie weiß, dass die ureigene Bewegung von Social Media „von unten“ kommt.

Wer mich kennt, weiß, dass ich auf Fragen mitunter recht trocken antworten kann. Stellt mir ein Unternehmen bzw. ein Unternehmensvertreter die Frage, ob denn ein Corporate Blog für sein Unternehmen Sinn machen würde, antworte ich da sinngemäß: „Gegenfrage: Warum würde es denn Ihrer Meinung nach keinen Sinn machen?“ So eine Frage ist dann erklärungsbedürftig, denn ich will damit niemanden scharf in seiner Frage abwerten, sondern es ist eine ernstgemeinte Frage. Du, lieber Unternehmer, hast offenbar schon entdeckt, dass man mit einem Weblog etwas anstellen kann, was mit anderen Werkzeugen schwieriger und teurer ist. Warum wartest du noch? Lass‘ uns losgehen, dir ein Weblog bauen und mit der Redaktionsarbeit starten!

Darum auch in der Überschrift dieses Artikels die drei Ausrufezeichen nach der Frage als Antwort. Machen! Wer schon darüber nachdenkt, ob er vielleicht seinen Kunden mehr über sich erzählen möchte, ist schon mittendrin.

Die ersten Antworten auf Huberts Frage gehen schon schwer in die richtige Richtung und das nicht nur deshalb, weil viele dieser Antworten als Kommentare in anderen Blogs daherkommen. Und auch meine grundsätzliche Intention, warum eine Versicherung bloggen sollte, ist die, dass ein Unternehmen, dass mit Menschen zu tun hat und Dienste leistet, eben mehr machen muss, als nur vor einem Verkauf eines Produktes dafür zu werben. Das zentrale Paradigma, dass nicht der See die Antwort darauf sein kann, was Wasser machen kann, sondern der Fluss die richtige Antwort ist, passt hier wie Deckel auf Kochtopf. Mit kaum einer anderen Dienstleistung haben alle Menschen in diesem Land mehr zu tun, als mit Versicherungen und gerade mit Versicherungsdienstleistungen und Versicherungen selbst fühlen sich die meisten Menschen nicht sehr wohl.

Was meines Erachtens seine Versicherung sehr für ein Weblog prädestiniert, ist eine Spezialität dieser Versicherung, die ihre Arbeitsweise unglaublich spannend macht. Sie ist nämlich eine „Versicherung a.G.“. Also keine Aktiengesellschaft, sondern eine Versicherung auf Gegenseitigkeit. So eine Versicherung legt ihre Arbeit also tatsächlich dem Umstand zu Grunde, dass sie mit dem Versicherungsnehmer vereinbart, Geld dafür zu nehmen, um ihm im Ernstfall vereinbarungsgemäß zu helfen. Unmittelbar. Und ohne Aktionäre, die zwischen diesen beiden Parteien stehen und eine dritte Gewalt in einem Unternehmen darstellen, die man am allerwenigsten in einem Versicherungskonzern haben will.

Auch das Unternehmen, bei der ich eine hoffentlich nie eintretende Berufsunfähigkeit versichert habe, macht dies auf Gegenseitigkeit, betreibt kein Callcenter und ich habe zwecks Änderung der Kontoverbindungen einst dort mal angerufen und wurde vom Pförtner (!) direkt zu einer Mitarbeiterin in der Buchhaltung, tiefster bayerischer Dialekt, weitergeleitet, die auf jeden Papierkram verzichtete. Weil sie, so sagte sie, ihren Kunden glaubt und die einfache Syntaxprüfung des Buchhaltungssystems, das sie während des Telefonates mit meinen neuen Kontodaten fütterte, ihr als banktechnischer Nachweis genügt. Auf Gegenseitigkeit, direkt erlebbar. Ironie der Geschichte war, dass ich danach erst in der Wikipedia fand, wie auf diese Weise Versicherungen einst landläufig mit echtem Vertrauen umgegangen sind. 450 Mitarbeiter, 20 Milliarden Euro Versicherungssumme. Auf Gegenseitigkeit basierende Vereinbarungen können erfolgreich sein, auch und vielleicht gerade heute.

Gegenseitigkeit, Vertrauen, Vereinbarung, Commitment…. rund um diese Begriffe, rund um das Thema Versichern, rund um das Thema, was ihr da eigentlich in euren Versicherungszentralen macht – mir würden hunderte Themen und Fragen einfallen, die ich da gern stellen würde.

Web 2.0 meets schwäbischen Oberbürgermeisterwahlkampf.

Im beschaulichen schwäbischen Städtchen Nürtingen hat sich gestern ein bemerkenswertes Schauspiel ereignet. Der dortige zweite Wahlgang zur Oberbürgermeisterwahl, der vermutlich ursprünglich zu einer stinklangweiligen Veranstaltung verkommen sollte, wurde auf einmal höchst spannend, weil nach Amtsinhaber Otmar Heirich, der mit 49,57 % wiedergewählt wurde, eine Dame namens Claudia Grau mit 32 % das zweitbeste Ergebnis einfuhr – eine Kandidatin, die sich gar nicht hat aufstellen lassen. Aber mal von vorn:

Zahlen und Fakten

In Oberbürgermeisterwahlkämpfen in Baden-Württemberg muss ein Kandidat die durchaus anspruchsvolle Hürde der absoluten Mehrheit (also mindestens 50 % der Stimmen) reißen, um gewählt zu werden. Erreicht in einer solchen Oberbürgermeisterwahl kein Kandidat die absolute Mehrheit, kommt es zu einem zweiten Wahlgang zwei Wochen später, bei dem dann die einfache Mehrheit ausreicht.

Der erste Wahlgang

Der erste Wahlgang am 9. Oktober 2011 sah folgendermaßen aus:

  1. Otmar Heirich (SPD) – 40,3 % (4.902 Stimmen)
  2. Sebastian Kurz (CDU) – 25,5 % (3.124 Stimmen)
  3. Friedrich Buck (Grüne) – 10,2 % (1.242 Stimmen)
  4. Petra Geier-Baumann (parteilos) – 7,1 % (864 Stimmen)
  5. Andreas Deuschle – 5,7 % (697 Stimmen)
  6. Raimund Bihn – 2,5 % (318 Stimmen)

Wie zu sehen: Niemand hat die absolute Mehrheit. Und wie auch zu sehen ist, wenn man rechnet: Die sechs Kandidaten, die sich offiziell haben aufstellen lassen, vereinen nur 91,3 % aller abgegebenen Stimmen. Der Rest von 8,7 % der Stimmen verteilt sich auf eine Reihe von weiteren Menschen, was auf eine Spezialität in Kommunalwahlen zurückzuführen ist: Wähler dürfen auf ihrem Stimmzettel auch einen eigenen Kandidaten vorschlagen und ihm die Stimme geben.

Und hier genau gab es am 9. Oktober einen Hallo-Effekt, denn mit 5,8 % und 709 Stimmen errang Claudia Grau, Kulturbürgermeisterin der Stadt Nürtingen und eben nicht selbst aufgestellt, tatsächlich auf Anhieb den 5. Platz in der Wählergunst.

Nicht außer Betracht lassen darf man übrigens die granatenschlechte Wahlbeteiligung von 42,9 %. Von 29.396 Wahlberechtigten beteiligten sich gerade einmal 12.596 Wähler an der Wahl.

Der zweite Wahlgang

Der zweite Wahlgang fand zwei Wochen später statt, also am 23. Oktober 2011. Um am zweiten Wahlgang offiziell auf dem Wahlzettel zu stehen, müssen die Kandidaten bis zu einer Frist bekunden, ob sie für einen zweiten Wahlgang zur Verfügung stehen oder nicht. Erwartungsgemäß ziehen einige Kandidaten ihre Kandidatur zurück, so auch in diesem Fall unter anderem der Kandidat der Grünen. Mit solchen Rückziehern werden auf einen Schlag Stimmenpotentiale frei, die der ehemalige Kandidat dann an einen anderen Kandidaten weiterempfiehlt. Der Grünen-Kandidat hat seine Empfehlung für Claudia Grau abgegeben. Also für die Kandidatin, die eigentlich gar keine Kandidatin sein wollte.

Und so kam es dann im zweiten Wahlgang so, wie es kommen kann:

  • Otmar Heirich – 49,6 % (6.065 Stimmen)
  • Claudia Grau – 32 % (3.916 Stimmen)
  • Sebastian Kurz – 12,3 % (1.510 Stimmen)
  • Andreas Deuschle – 4 % (483 Stimmen)

Immerhin – die Wahlbeteiligung litt nicht noch weiter, sondern blieb mit 42.7 % und 12.511 Stimmen knapp an der Zahl des ersten Wahlganges. Normalerweise sind zu einem zweiten Wahlgang deutlich weniger Wähler zu begeistern, was vermutlich auch am überraschenden Wahlerfolg von Claudia Grau liegen dürfte. Was war hier eigentlich passiert?

„Plötzlich Bürgermeisterin“

WELT ONLINE hat es am vergangenen Mittwoch mit der obigen Überschrift über einen Zeitungsartikel schon ziemlich genau getroffen. Ja, so kann es kommen. Und warum es genau hier so gekommen ist, hat der Reutlinger General-Anzeiger schön in seinem Artikel „OB-Kandidaten wider Willen in Nürtingen“ recherchiert.

Kurzfassung: Amtsinhaber Otmar Heirich hat in Nürtingen offenkundig einen schweren Stand, was am Ergebnis im ersten Wahlgang auch so abzulesen war. Schon vor der Wahl wurden Stimmen laut, dass Kulturbürgermeisterin Claudia Grau ebenfalls ihren Hut in den Ring werfen und kandidieren möge. Das lehnte sie mit dem Hinweis, dass sie nicht gegen ihren Chef antreten wolle, ab und das ist ein berechtigter Einwand.

Bisher war das in Dörfern und kleinen Städten so, dass man sich an solche Äußerungen gehalten hat. Sozusagen ein ungeschriebenes Gesetz, denn tatsächlich kann, wie oben bereits angeklungen, jeder Wähler auf seinen Stimmzettel einen eigenen Kandidaten notieren und ihm die Stimme geben. Jeder Wahlberechtigte in seiner Kommune, der zum Zeitpunkt der Wahl zwischen 18 und 65 Jahren alt ist, kann auf diese Weise zum Oberbürgermeister gewählt werden – wenn er denn die Stimmen zusammenbekommt.

Bis zur Vor-Web-2.0-Zeit war dies meist kaum möglich, weil nicht erreichbar. So viele Klinken kann man selbst in einer Kleinstadt wie Nürtingen nicht geputzt bekommen und selbst wenn es zu größeren Wähleransammlungen für einen Kandidaten kommt, so sind das meist Gaudi-Aktionen von Stammtischen oder Vereinen, die mal eben mehr oder weniger geschlossen ihren Vereinsvorstand wählen. Prominente wie Thomas Gottschalk oder Dieter Bohlen sind auch immer wieder gern gewählt. Viel passieren kann einem solchen Wider-Willen-Kandidaten übrigens nicht: Er wird nach einer eventuell gewonnenen Wahl ja gefragt, ob er die Wahl annehmen möchte oder nicht. Tut er das nicht, geht es dann halt wieder los mit Oberbürgermeisterwahlkampf …

Der Web-2.0-Effekt?

Im Falle der Oberbürgermeisterwahl in Nürtingen hat wohl Raimund Popp, Programmierer und engagierter Nürtinger Bürger, diese Spezialität der Kommunalwahl mit den Vernetzungsmöglichkeiten des Web 2.0 zusammengebracht. Und zwar zunächst gar nicht in Facebook, wie die meisten Medien kolportieren, sondern in Google+. Ironischerweise, muss man da sagen, denn eigentlich unterstützt Google+ derzeit keine Gruppen oder „Fanseiten“, so dass hier ein Benutzerprofil zweckentfremdet wurde. Die Facebook-Seite kam nach eigenen Angaben erst einige Wochen später, nachdem der Hype wohl Überhand genommen hatte.

Auch wenn ich die Idee sehr gut finde und sie nichts anderes darstellt wie echte und gelebte Demokratie, so hat sie doch einen Haken: Es ist beileibe kein Web-2.0-Effekt, sondern vielmehr das Ergebnis der klassischen Berichterstattung über diesen Web-2.0-Effekt. Schaut man sich nämlich die Befürworterzahlen (am 24. Oktober 2011, 12:15 Uhr) der beiden Seiten an, wird das sehr schnell klar:

  • Google+: 44 mal in Kreisen von anderen Benutzern
  • Facebook: 26 Befürworter

Mit 70 Wählern gewinnt man keine Wahl, selbst wenn man davon ausginge, dass alle 70 Befürworter auch Wahlberechtigte in Nürtingen gewesen wären. Aber immerhin reicht dieser Web-2.0-Effekt und die Berichterstattung darüber für erstaunliche Reaktionen.

Die vermeintliche Undemokratie aus Sicht von Demokraten

Amtsinhaber Otmar Heirich verstieg sich nach dem ersten Wahlgang auf Nachfrage eines Journalisten zu der Vermutung, dass Leute „aus der links-alternativen Ecke“ ihren Spaß haben wollten und er dahinter eine „undemoratische“ und für ihn „höchst fremdliche“ Internet-Aktion sehe. So kann man es sehen. Muss man aber nicht. Denn die Aussage, dass es hier „undemokratisch“ zugegangen sein könnte, ist vor allem einmal Unsinn eines Amtsinhabers, dem möglicherweise, um es mal salopp zu sagen, nach dem ersten Wahlgang und dem Pressehype um die verselbstständigenden Web-2.0-Aktivitäten plötzlich mächtig das Zäpfchen gegangen ist.

Tatsächlich jedoch war diese „undemokratische“ Internet-Aktion im besten Sinne demokratisch. Jeder darf sich an der Wahl eines Amtes beteiligen, jeder darf sich aufstellen und jeder darf sich auch wählen lassen. Und wenn der/die Kandidat(in) nach der Wahl die formalen Kriterien erfüllt und die Wahl annimmt, dann ist des Volkes Wille geschehen, ob das nun einem bisherigen Amtsinhaber oder Parteifunktionären so passt oder nicht.

Das Internet, das Web 2.0 und deren Benutzer sind keine „Antidemokraten“ und auch keine Gesetzesbrecher – sie tun mitunter das, was die Politik in der Realität derzeit manchmal nicht mehr schafft: Vernetzen und fördern.

Online-Kundenservice bei Opel.

Vor allem aus beruflichen Gründen verfolge ich die Marke Opel seit nun einem Jahr intensiv auf seinen Social-Media-Kanälen. Und da gibt es durchaus nicht wenig, denn zu jeder Entwicklung der großen Fahrzeugfamilien führt Opel Deutschland ein Weblog, zusätzlich zu den vielen anderen Kanälen auf YouTube, flickr, Facebook und Konsorten. Eine Übersicht dazu gibt es übrigens auf einer eigenen Website namens Opel Connect und das kann sich wirklich sehen lassen. Was Opel da hinstellt und regelmäßig mit Inhalten bestückt, dürfte allein in Sachen Quantität für drei weitere Autohersteller reichen.

Wenn man eine Marke intensiver verfolgt, hat man da Kanäle, die man standardmäßig auf dem Radar hat, beispielsweise die RSS-Feeds. Und man hat kleine „Nischen“, die einem einfach ans Herz wachsen. Dazu gehört der Twitter-Stream des Opel Service Teams Deutschland, der aktuell von zwei Opel-Mitarbeitern am Laufen gehalten wird. Warum ausgerechnet dieser Twitter-Stream? Nun, weil es an einem Arbeitstag jeden Morgen in etwa so beginnt:

Im Laufe des Tages werden dann allerlei Fragen in Sachen Opel-Service beantwortet… darf mein Auto E10 tanken, wo finde ich die nächste Opel-Werkstatt und so weiter und so fort. Und wenn Feierabend ist, dann geht das so:

Ich finde diese Art von „hemdsärmeliger“ Kommunikation abseits der gelackten PR für die Neuwagen richtig gut und vor allem passend. Da fühle ich mich als Auto-Noobie fast so gut aufgehoben wie am Tresen der Ersatzteileabteilung eines kleinen Autohauses, hintendran ein Kundenbetreuer, der quasi alle Teile persönlich kennt, der Öllappen liegt noch auf dem Tisch und keiner hat ein Problem damit, dass der Kunde das Ersatzteil nicht beim Namen nennen kann, sondern die Symptome beschreibt, aus denen dann der Kundenbetreuer sofort das notwendige Ersatzteil herleiten kann. Ja, ich gebe zu, sehr blümchenhafte Vorstellung. Aber solche Illusionen sind genau das, wofür andere Firmen richtig viel Geld ausgeben, damit sie entstehen.

Ich fand das als einer der inzwischen eintausend Follower richtig nett und schrieb das den Machern dieses Twitter-Streams. Woraufhin die Feierabendwünsche am nächsten Tag folgendermaßen ausfielen:

Es ist in Sachen Social Media ja so einfach, mich glücklich zu machen. 🙂

Geld verprassen in Empire Avenue.

Der ein oder andere Durchgeknallte, der mir auf Twitter und Facebook folgt – und ich leite an dieser Stelle schon mal vorsorglich ein, dass ich selbst an twitter-intensiven Tagen bei weitem nicht das an Zwitscher-Output erreich, wie einige andere Zeitgenossen – wird in den letzten Tagen mitbekommen habe, dass ich in Empire Avenue eingefallen bin, einem Social-Media-Web-2.0-Dingsbums, das eine ganz harte und direkte Tour fährt: Bewerten von Freunden und Followern mit virtuellem Zaster.

Was ist Empire Avenue?

Empire Avenue ist eine Art Wertpapierbörse, allerdings nicht für Unternehmen im herkömmlichen Sinne, sondern für Social-Media-Entitäten und solche, die sich dafür halten. Das können so Menschen sein wie du und ich, die mehr oder weniger regelmäßig über Twitter, Facebook, YouTube, flickr ihre Ergüsse ins Netz kippen, aber auch Unternehmen, die ebensolches tun. Wer gelesen wird (und ergo Reaktionen auslöst) wird als Autorität gegenüber Anderen empfunden, die weniger gelesen werden. So mal zum Grundprinzip.

Die Idee basiert auf zwei Säulen: Die „Influencer“ und die „Investors“. Beide Säulen kann im Prinzip jeder Benutzer ausüben, „Influencer“ ist man, wenn man mit Aktivitäten auf den angeschlossenen Social-Media-Diensten Twitter, Facebook, flickr, YouTube und in den hauseigenen Foren Aktivitäten erzeugt. Sprich: Twittert etc. „Investor“ ist man, wenn man in Empire Avenue in den Kurs anderer Leute und Firmen investiert.

Beeinflusst wird der Kurs jeden Benutzers durch eine Mischung von beidem. Kauft jemand mit der hausinternen Währung „Eaves“ meine Shares, steigt logischerweise mein Kurs, verkauft sie jemand, fällt er. Ich selbst beeinflusse meinen Kurs mit meinem Social-Media-Aktivitäten und natürlich auch mit meinem Handeln auf Empire Avenue als „Investor“, da ich auf diese Weise ja mein dortiges Vermögen, meinen „Wealth“ beeinflusse.

Ganz zuletzt kann man mit seinen „Eaves“ dann natürlich auch noch so richtig sinnlose Dinge anstellen, beispielsweise das Kaufen eines (selbstverständlich nur) virtuellen Hauses, Bootes oder Flugzeuges. Es bleibt also am Ende tatsächlich so, wie es immer ist: Von nichts kommt nichts.

Die richtige Strategie zum Kohlemachen?

Einfach auf die Kurse seiner bekannten Freunde zu setzen, ist weitgehend eine „sichere Bank“, allerdings herzlich unprickelnd und mitunter ein Verlustgeschäft. Das vor allem wegen der etwas langweiligen Logik – es passiert halt relativ wenig, wenn erst mal ein bestimmter Kurs erreicht ist. Die Tendenz bei den meisten etablierten Empire-Avenue-Benutzern ist daher entweder stagnierend oder leicht fallend. Hat man erst einmal dieses Phänomen entdeckt, tut man sich allerdings relativ schwer, mal eben die Shares seiner Freunde und Bekannten wieder verscherbeln zu müssen … der schnöde Mammon trifft Freundschaft. 😉

Um richtig Kohle zu scheffeln, bleibt daher das Setzen auf IPOs, also das Beobachten der Neuankömmlinge und eine möglichst schnelle Investition in die Kandidaten, die mit einem wichtig ausschauenden Namen daherkommen oder gleich von Anfang an alle möglichen Dienste in ihrem Empire-Avenue-Account registrieren. Hier ist die Chance auf kurzfristigen Kursanstieg am größten, eine Verdoppelung oder gar Verdreifachung und mehr ist da in wenigen Stunden und Tagen durchaus drin. Der Zeitpunkt ist dabei wirklich ausschlaggebend, denn kommt ein Neuling hinein, kaufen sich die Profis teilweise innerhalb der ersten Sekunden und Minuten ein. Das registriert Empire Avenue natürlich und setzt dem Kauf solcher „Fast Movern“ mitunter eine höhere Kommission vor – zahlt man normalerweise 5 % Kommission der virtuellen Währung, ist es bei Fast Movern dann 15 % oder gar 30 %. Das sind Abschläge die man mit einem hoffentlich danach stattfindenden Kursgewinn erst einmal wieder erwirtschaften muss (und oft nicht gelingt).

Und dann gelten natürlich die üblichen Strategien aus der klassischen Wertpapieranlage: Diversifizieren in möglichst viele „Branchen“, eine Mischung zwischen „sicheren Banken“ und „aufstrebenden Verrückten“ schaffen und bei all diesem Einkauf immer schön darauf achten, den Überblick im eigenen Portfolio nicht zu verlieren, die Kurse im Auge zu behalten und die Papiere der Kandidaten dann entsorgen, wenn deren Kurs stagniert oder gar abfällt.

Funktioniert Empire Avenue denn?

Sagen wir mal so: Redlich. Es ist für eine Maschine natürlich relativ schwer, Autorität im Sinne von „wird gelesen“ sinnvoll messen zu können. Die Erfahrung zeigt, dass es sehr viele Publikationen gibt, die stark gelesen werden, aber selten Reaktionen der Leser auslösen. Hier mit festen Algorithmen zu kommen, ist eine echte Wissenschaft für sich und da sind schon alle großen Suchmaschinen mit Mannjahrhunderten am Werk. Dazu kommt, dass die Logik von Empire Avenue viel zu statisch daherkommt und auch gar nicht anders kann. Beispielsweise lassen sich ja auch Weblogs in das eigene Profil in Empire Avenue einbinden, aber das ist ein rein statischer Vorgang. Die Zahl der Leser, die Zahl der Kommentare, eventuelle Facebook-Likes und so weiter und so fort, das bleibt Empire Avenue verborgen. Rein nur die Zahl der veröffentlichten Blog-Artikel auszuwerten, das ist ein bisschen wenig.

Dazu kommt, dass die Basis an Benutzern in Empire Avenue verschwindend gering gegenüber anderen Social-Media-Plattformen sind. Es also relativ wenig Autoritäten gibt, an die man sich halten könnte. Ich komme bei meinen rund 1.000 Kontakten, die ich mal so Pi-mal-Daumen in allen mir gängigen Social-Media-Diensten am Start habe, in Empire gerade mal auf 30.

Mit echter Börse hat das alles allenfalls ansatzweise etwas zu tun. Bei meiner Investitionsstrategie, einfach mal in Neulinge kräftig zu investieren und zu schauen, was dann passiert, wäre ich im echten Leben vermutlich nach zwei Tagen pleite oder hätte zumindest einen dringenden Anruf meiner Hausbank in der Leitung.

Die Idee von Empire Avenue ist demnach recht cool und gewitzt, aber mehr als augenzwinkernd darf man sich das alles auch schon nicht mehr anschauen. Die Logik prellt schon aus architektonischen Gründen schwer und hat wenig mit der Wertpapierrealität draußen zu tun. Wer allerdings echte Wertpapiererfahrung mitbringt, hat seinen Heidenspaß dabei, endlich mal mit einer virtuellen Währung eine Anlagestrategie zu verfolgen, die man sich im echten Leben nicht leisten kann. 😉

Mitmachen?

Hier geht es lang, das ist mein Invitation-Link: http://empireavenue.com/?t=hi4muums

Und wer dann eingeloggt ist, sucht nach „BESIM“. 😉

Braucht es einen Blogger-Verband?

Kurzum: Ja, den braucht es. Und zwar deshalb, weil Blogger am ehesten das vertreten, was wir als Möglichkeit zur Äußerung der freien Meinung verstehen und weil wir dringend dafür sorgen müssen, Bloggen auch „greifbar“ zu machen für Leute, die gar kein Interesse daran haben, Blogs als eigene Kommunikationsform anzusehen. Es geht nicht um das „wollen, um zu dürfen“, sondern um das „müssen, um zu bleiben“.

Kann Egomanie ein Hinderungsgrund für eine Interessensvertretung sein?

Auch hier kurz eingeleitet: Kann, muss aber nicht. Egomanie taucht da auf, wo Menschen ohne viel Hintergrund Angst davor haben, dass andere Menschen das bemerken könnten. Jede Interessensvertretung lebt davon, dass es Menschen gibt, die mehr oder weniger Input hineinstecken und in diametraler Menge davon profitieren – man steckt entweder mehr hinein und bekommt weniger heraus oder man steckt weniger hinein und bekommt mehr heraus. Niemals gibt es einen Gleichstand. Und genau deswegen will man eine Interessensvertretung.

Häufig wird die Idee eines Blogger-Verbandes mit der Idee einer Gewerkschaft oder einer Konstruktion wie eines Verbandes wie dem Deutschen Journalistenverband o.ä. verglichen. Sicherlich, da gibt es ein paar Ähnlichkeiten von der Idee her, allerdings einen sehr großen Unterschied: Es geht bei einem Blogger-Verband bei den allermeisten potentiellen Interessenten nicht um Geld, weil für die meisten Blogger schlicht keines zu erwirtschaften ist. So lange Bloggen nicht auch breitenwirksam Einkommen von vierstelligen Größen ermöglicht, ist das Thema Monetarisierung ein eher homöopathisches für die meisten Blogger.

Das Geld kann es also nicht sein, also muss es der Idealismus tun. Der Idealismus, gemeinsam für eine Sache zu kämpfen, sei es eine Technologie, eine Dienstleistung, eine Vorgehensweise oder schlicht ein Lifestyle. Das Bloggen ist von allem etwas und die größte Kunst wird es sein, auch für die kleinen Blogger eine adäquate Interessensvertretung darzustellen, die vielleicht nur ein Hobbyblog schreiben, möglicherweise frei von jeglichem Monetarisierungsversuch und auch frei von jedem Sinn und Zweck. Aber nur so ein Ansatz würde einen Blogger-Verband davor bewahren, ein Eliteverein zu werden. Denn genau das darf es nicht werden, will man den Urbegrifflichkeiten des Web 2.0 nicht untreu werden. Auch virtuelle Gemeindeblättchen haben ihren Raum in den Weiten des Webs.

Sicherlich kann ich es mir jederzeit erlauben, gewisse Personen in der so genannten Blogosphäre besonders gut und auch besonders nicht gut zu leiden. Das darf aber nicht der Grund sein, einer Interessensvertretung nicht beitreten zu können, denn im Idealfall muss eine Interessensvertretung Meinungen vertreten und nicht die Namen von bestimmten Personen.

Und die „Digitale Gesellschaft„?

Eine Totgeburt, leider. Weil das Pferd von hinten aufgezäumt wird. Eigentlich will man einen Lobbyverband, weil das augenscheinlich mal jemandem gesagt wurde, dass man so etwas braucht. Eigentlich will man auch einen Verein, weil wieder andere gesagt haben, dass so etwas Sinn machen könnte. Andere wollen eine Interessensvertretung, weil das vielleicht auch irgendjemand mal erwähnt hat. Und eigentlich… ja, eigentlich. Eigentlich ist genau „eigentlich“ das Problem dabei.

Eine Interessensvertretung funktioniert so, dass es Menschen geben muss, die eine bestimmte Sache gut oder schlecht finden und sich dafür einsetzen möchten. Die Interessensvertretung übernimmt dafür eine Art Trichterfunktion, um das Meinungsbild der Personen, die an der Interessensvertretung partizipieren möchten, meinungsgerecht aufzubereiten und an die richtigen Stellen zu leiten. Das Wort „Partizipation“ ist dabei ein sehr wichtiges, denn man kann zwar auf Meinung eines Souveräns verzichten, wenn man abgebrüht genug ist, aber man braucht zwingend die „User-Basis“ des Souveräns, um überhaupt erst einmal so etwas wie eine Interessensvertretung darzustellen. Eine Interessensvertretung entsteht per se nicht dadurch, dass sich Schwergewichte zusammentun und ihre Kompetenz daraus ableiten, dass sie die lautesten sein wollen.

Demzufolge ist der Start der „Digitalen Gesellschaft“ eine Nullnummer. Einen Verband gründen ohne inhaltliche Diskussion und die Frage nach einem Eintritt als stimmberechtigtes Mitglied dadurch zu beantworten, dass das erst einmal nicht vorgesehen ist, weil man zuerst die Strukturen aufbauen möchte, ist völlig inakzeptabel und zerstört Porzellan, dass noch gar nicht richtig geformt ist. Und noch viel schlimmer ist eine andere Gesetzmäßigkeit: Wer einen Verband nach Gutsherrenart aufbauen will, hat quasi keine Chance mehr, argumentativ einzulenken. Selbst wenn die jetzige Führung sich besinnen würde und vereinsmäßige Strukturen haben wollte – es nimmt ihnen keiner mehr ab. Death on arrival. Ich kann mich nicht in einer Interessensvertretung wiederfinden, die von den Machern eigentlich mal so konzipiert war, dass man mich eigentlich gar nicht wollte. So einen Opportunismus kann man sich nicht leisten, wenn man eben keinen millionenschweren Etat hat, das von einer PR-Agentur wieder geraderichten zu lassen und man kein Interesse daran hat, Vertrauen in der Gesellschaft zu bewahren.

Sprich: Nächster Versuch, bitte. Nicht im Vorfeld einer re-publica, nicht von einer Truppe, die Lobbyarbeit vor partizipativer Meinungsbildung ansiedelt und bitte von Leuten, die sich nicht ganz so wichtig nehmen, wie notwendig.

The Good Guy and the Bad Guy.

Die Revolutionen im Mittleren Osten und in Nordafrika haben ja entwaffnend freundliche, zumindest wenig stressige Namen: „Jasmin-Revolution(en)“, „Tag(e) des Zornes“, „Tag der Würde“. Und dann auch noch so friedlich anmutende Aktionen wie Platzbesetzungen, teilweise waffenfreie Demonstrationen, in Libyen eine fast schon freundlich anmutende, weil mutig aussehende „Turnschuharmee“ und so weiter. Und wir finden das alles sehr, sehr spannend, weil sich hier augenscheinlich Völker gegenüber ihren Despoten aufbegehren und ihren Kampf mit ach so demokratischen Werkzeugen wie Twitter und Facebook organisieren

Wie wollen wir das eigentlich nennen? Graswurzelkampf? Bürgerkrieg 2.0? Social Revolution? Micro War?

Es tut mir ja fast schon leid, wenn ich da einigen vor Kraft strotzenden Bloggern und Microbloggern gehörig in die Parade fahre und die Frage stelle: Was legitimiert Krieg eigentlich? Das Wehren gegen Ungerechtigkeiten? Die Mittel? Wir machen uns vor Rührung fast in die Hosen, wenn wir uns vorstellen, dass sich bis dato geknechtete Menschen mit Facebook & Co. organisieren, um für Freiheit zu kämpfen. Wie wollen wir aber zur irgendwann aufkommenden Frage stehen, wie wir damit umgehen wollen, wenn über Social Networking tatsächlich „guter, alter“ blutiger Bürgerkrieg organisiert wird? Wenn in einer Facebook-Gruppe Frontverläufe geplant werden oder über Twitter Armeen befehligt werden? Finden wir das dann immer noch revolutionär und rührend?

Sehr spannend finde ich da ein Phänomen, das mir heute aufgefallen ist. Auf NHK World, dem internationalen Programm des japanischen Senders NHK, verfolgte ich eine Pressekonferenz irgendeines völlig überforderten Tepco-Managers, der irgendwelche Kommentare zum neuerlichen Nachbeben abgab. Belangloses Zeug, das NHK live in die Welt transportiert hat und vor Ort vermutlich von anderen Journalisten in Tickermeldungen und Zeitungsartikel geklopft wird – oder aber von fleißigen Menschen an ganz anderen Orten dieser Welt direkt von der Live-Schaltung aus NHK World in Twitter, Facebook & Co. eingespeist wird. Sprich: Der Graswurzeljournalismus ist hier problemlos erheblich schneller mit dem Verklopfen einer Nachricht, als vor Ort sitzende Journalisten, die vielleicht gerade mit einem maroden Handynetz kämpfen.

Wenn wir das jetzt auf so genannte Revolutionen herunterbrechen, die nichts anderes als Bürgerkriege sind, dann stellt sich hier die Frage, ob man einfach mal so eben auf einer Seite sein kann, nur weil sich die eine Seite attraktiver (nicht unbedingt besser) organisiert. Krieg ist in erster Linie sehr stark einseitige, überzeichnete und gewalttätige Propaganda, nichts anderes passiert in den vielen arabischen Krisengebieten. Revolutionen werden nicht dadurch hübscher, in dem sie teilweise transparenter und vielleicht authentischer wirkend in den Mitteln und Werkzeugen dargestellt und organisiert werden, die wir für unsere tägliche, seichte Unterhaltung nutzen.

„SEO“ versus echtem Content.

In den vergangenen Tagen und Wochen haben Oliver und ich eine Menge darüber reden müssen, was eigentlich „richtiges“ Search Engine Optimizing ist. Damit verbunden sind, wie es bei uns üblich ist, teilweise sehr intensive Diskussionen darüber, was wir eigentlich gut finden und was nicht. Bei einigen Themen unserer gemeinsamen Arbeit in Sachen Web und Web 2.0 pflegen wir durchaus einen gesunden Diskurs zwischen unterschiedlichen Haltungen. Dafür schämen wir uns nicht und wenn ein Kunde uns zu speziellen Themen fragt, sagen wir auch ganz offen, dass wir dazu unterschiedliche Ansichten haben. Wir sind der festen Überzeugung, dass dies kein Wettbewerbsnachteil ist und gerade in der Web-2.0-Thematik gibt es sehr viele offene Punkte, zu denen man teilweise diametral unterschiedliche Ansichten haben kann.

In einem Punkt besteht jedoch weder bei Oliver noch bei mir eine Abweichung, nämlich der Haltung dazu, wie echtes Suchmaschinenmarketing auszusehen hat. Zusammengefasst passt es in einen Leitsatz, der quasi ein Untertitel unserer Unternehmung sein kann:

Content rules!

Eigentlich doch sehr einfach. Je mehr sich Oliver und ich an diesem Leitsatz abarbeiten – und das tun wir immer wieder als eine Art Sparring – desto mehr manifestiert er sich. Und dafür hat es eine Reihe von schwergewichtigen Gründen.

Die Relevanz von echtem Content kommt langsam, dann aber gewaltig.

Mein großes Hobby, das Erfinden von Analogien, kommt beim Themenfeld „Content“ voll auf seine Kosten. Ich vergleiche SEO und Content-Building da gern so:

Eine dicke Welle macht den Strand nass, korrekt. Content-Building kann nie eine große Welle sein, kommt aber meist als viele kleine Wellen daher. Auch die machen den Strand nass. Und im Gegensatz zur einen großen Welle, die vielleicht die extremen Surfer anzieht, haben die vielen kleinen Wellen einen anderen Vorteil: Sie erfrischen und sind ungefährlich, so dass an so einen Strand eher die Familien mit ihren Kindern kommen.

Eigentlich ist hier schon alles gesagt. Das Herumfummeln mit Keywords ist für die allermeisten Themenfelder keine wirkliche Kunst, sondern in meinen Augen ein teures Verkaufen einer an sich völlig normalen Vorgehensweise. Der überwältigende Teil des Informationsraumes wird gebildet aus Schlüsselwörtern, die belanglos sind und in Kombinationen eine völlig irrelevante Relevanz haben. Das heißt, dass es in den allermeisten Optimierungssituationen gar keine wirkliche Optimierung notwendig ist, sondern einfach das Nennen von Keywords. Daraus kann man natürlich erheblichen Hokuspokus machen und auch gigantisch Geld herausschlagen, wenn man es mit weitgehend unbedarften Kunden zu tun hat.

Tatsächlich ist aber eine große Welle eine sehr zweischneidige Sache. Es muss nur der nächste kommen, der ebenfalls die gleiche Methode anwendet und schon gibt es zwei dicke Wellen, die um die Vorherrschaft kämpfen. Und verlieren tut hier spätestens der, der nicht flexibel reagiert, also mit Inhaltsveränderungen Paroli bietet.

Ist das nicht ein Drecksjob, weil ohne Substanz?

Ist es. Weil es zu nichts führt. Außer zum Zeitschinden. Wer aber ausschließlich mit Voodoo und Zeitschinden sein Geld verdient, der macht einen schweren Job, bei dem gar nicht so sicher ist, ob er den lange machen wird.

Echter Content ist der gewünschte Humanfaktor, den eine Suchmaschine sucht.

Weil es vom mathematischen Standpunkt aus gedacht ist und damit rechnet, dass ein Herr Google sich von einer bestimmten Anzahl von Keywords, Backlinks und Alter einer Domain beeindrucken lässt, kann bisheriges Suchmaschinenoptimieren nicht mehr funktionieren. Aus dem Zeitalter sind, ebenfalls meiner Meinung nach, alle großen Suchmaschinen längst heraus oder sind zumindest dabei, sich daraus zu verabschieden.

Wenn man sich Google über Jahre hinweg anschaut, wird man erkennen können, dass man dort alles tut, der Suchmaschine „Menschlichkeit“ einzupflanzen. Das passiert meiner Meinung nach immer weniger mit dem kaum zu bewerkstelligenden Versuch, einen Algorithmus zu finden, der möglichst nahe an der Art und Weise rechnet, wie der Mensch denkt, sondern mit dem Ansatz, einfach alle Beteiligten im Web (also Anbieter und Suchender) für sich einzuspannen.

Glaubt der geneigte Leser nicht? Dann aber müsste der geneigte Leser glauben, dass Google tatsächlich nicht am „fundamentalen“ Index arbeitet, sondern viele Dinge macht und sie nicht miteinander verwebt, obwohl man alle Stränge in einer Hand hat. Glaube ich so nicht.

Für jeden, der im Web etwas tut, hat Google eine Möglichkeit, sich aus dessen Web-Arbeit das herauszunehmen, was für einen perfekten Index benötigt wird. Suchende können mit einem Google-Account kostenlose und sehr gute Collaboration-Dienste nutzen und sind im Gegenzug ständig bei Google angemeldet, damit auch bei der Nutzung der Suchmaschine. Google weiß, was wer sucht und auf welchen Ergebnislink am Ende geklickt wird. Web-Anbieter können sich Google Analytics einbinden, um genaue Statistiken ihrer Website zu erhalten, Google AdSense zum Erlösen von Werbebannereinnahmen, Google Reader zum Lesen von RSS-Feeds, Google Groups für die Nutzung des Usenet, Google Maps für Lokationsdienste, Google Mail als einfaches Postfach, YouTube zur Unterhaltung, Picasa zur Bereitstellung und Beschreibung von Bildern.

Alle diese Dienste sind zum einen angenehm für deren Nutzer, weil sie gut funktionieren, nützlich sind und darüber hinaus kostenlos, zum anderen ungemein notwendig für Google, weil Google dadurch lernen kann, wie der Mensch Information sucht, wie er sie selbst interpretiert und wie er vor allem eigene Information beschreibt, die wiederum gesucht wird. Ich habe das mal vor eine ganzen Weile in einem erheblich düsteren Unterton gebloggt („Von der so genannten Anonymität von Suchmaschinen„), sehe das aber inzwischen gar nicht mehr so. Wenn Google mir für meine menschliche Arbeitsleistung einen vernünftigen Gegenwert liefert und meine gesammelten Daten schützt, soll es mir recht sein.

Gar nicht mehr so steile These von mir: Google ist zwar eine Maschine, hat aber schon heute einen unübersehbaren Humanfaktor im Index. Und der kann zukünftig nur noch größer werden. Hochindividuelle Suchergebnisse für jeden einzelnen Suchenden können da nur das Ergebnis sein und spätestens da knallt das „klassische SEO“ dank fehlender Abfragemethodik schmerzhaft gegen den Prellbock.

Wer schreibt, der bleibt.

Die Kunst liegt darin, Content zu liefern und zwar in vielen kleinen Schritten, so wie es eben auch der Mensch in seiner Kommunikation tut. Wer auf diese Weise um ein bestimmtes Themenfeld ständigen Content bildet, bildet auf diese Weise in diesem Themenfeld nach und nach eine Autorität aus, die er ungleich schwerer wieder verlieren wird und die er auch umso stärker verteidigen kann, je länger er schon Content bildet.

Es geht also im modernen Suchmaschinenoptimieren von Websites nicht mehr darum, einfach nur die relevanten Keywords herauszusuchen, einen kopierten Metatag-Block damit zu bestücken und auf die uralte Webseite einzukleben, sondern es geht um viel mehr. Es geht darum, ob eine Website syntaktisch korrekt ist, ob sie Platz für dynamischen Content bietet, ob sie XML-Sitemaps und RSS-Feeds produzieren kann – und ob letztendlich sich auch jemand hinsetzt, Content zu schreiben.

Ich sehe deshalb das, was heute als „SEO“ bezeichnet wird, zukünftig in einer redaktionellen Arbeit. Content bilden, Content redigieren, Content „online-fähig“ machen. Aber eben echten Content, nicht einfach nur das plumpe Sammeln von Keywords im Metatag, die jeder ungebildete Affe mit schlechter Orthografie zusammengetragen bekommt.

„Was sollen wir denn regelmäßig schreiben? Wir haben doch nix!“

Wer das als Unternehmer so sagt und der Meinung ist, er könne seine Website nicht regelmäßig mit frischem Content befüllen, der macht etwas grundlegend falsch: Entweder hat er keine Lust oder Zeit, darüber zu schreiben, was tatsächlich in seinem Unternehmen passiert oder er hat ein totes Unternehmen, das tatsächlich keine Neuigkeiten produziert. Dann muss aber auch nichts mehr optimiert werden.

Es gibt de facto kein Unternehmen, das Information erzeugt bzw. erzeugen könnte. So Analogien wie „Im Gespräch bleiben“, „Wer nicht wirbt, stirbt“, „Tue gutes und rede darüber“ haben alle einen sehr tiefen Sinn in der Kommunikation und genau das liegt auch schon der Maßstab. Es muss geschrieben werden, was man tut, denn ein einfacher Telefonbucheintrag bringt nur in sehr kleinen Nischenmärkten Kundschaft und selbst da könnte es sicherlich mehr sein, wenn man sich nicht nur auf diesen Telefonbucheintrag verlässt.

Wer sich online an kommunikative Grundsätzlichkeiten hält, also in erster Linie schon mal versucht, menschlich und kommunikativ zu sein, tut den ersten Schritt und kann ab diesem Zeitpunkt nur noch gewinnen. Wir sind dann nur noch einen Schritt davon entfernt, tatsächlich loszulegen.

Technologie ist für die Kommunikation da, nicht die Kommunikation für die Technologie.

Wer das Web bereits geentert hat, ist schon mittendrin. Webhosting kostet heute selbst in einer professionellen „Enterprise-Klasse“ einen Bruchteil dessen, was eine vernünftige Broschürenauflage kostet. Dazu gibt es eine Reihe von Redaktionssystemen, die als Open Source daherkommen, also nur noch von einem Fachkundigen angepasst werden müssen. Und wer ein modernes Redaktionssystem mit einem gesonderten Neuigkeitenbereich einsetzt, dessen neue Artikel dann vielleicht netterweise auch noch in einem RSS-Feed propagiert werden, hat seine Rakete schon startklar.

Was danach kommt, ist Handarbeit und der Teil der Arbeit, den leider kaum ein Web-Dienstleister liefert: Nämlich einen Fahrplan dazu, wie man Content erzeugt, ein helfendes Händchen dafür, den ersten Content zu erstellen und später eine Beratungsdienstleistung dafür, wenn Fragen auftauchen oder Content von externer Seite erstellt werden soll. Das funktioniert.

Mein Paradepferd ist hier immer noch das Gerstelblog, das seit Ende Mai läuft und das Weblog des Autohaus Heinrich Gerstel in Pforzheim ist. Das, was ich schon nach einem Monat Gerstelblog zwischenbilanziert hatte, verfestigt sich immer weiter. Dass durch das Bloggen aber vor allem auch der Schlüsselwortraum beeinflusst wird, zeigt sehr schön das Schlüsselwort „Holzsitzbank“ bei Google, das lediglich in einem Artikel erwähnt wurde.

Selbstverständlich ist der eher exotische Begriff „Holzsitzbank“ nicht unter den hauptsächlichen Schlüsselwörtern eines Opel-Autohauses, allerdings zeigt es sehr deutlich, wie Google Relevanz einschätzt. Wenn man dann noch weiß, dass Google keine zwei Stunden nach Erscheinen des betreffenden Holzsitzbank-Artikels die Seite schon im Index hatte und nach einem Tag der Artikel auf die jetzige Position kam, kann man sich ausmalen, was hier für Möglichkeiten stecken im Gegensatz zum simplen Zusammenklopfen von Metatags.

Eine Ode an das Weblog.

Auf die immer häufiger gestellte Frage, welcher denn der beste Weg sei, in der Sphäre des Web 2.0 Boden zu beackern, habe ich immer die gleiche Antwort (wenn es erst mal nicht um Personal oder Etat geht): Macht ein Weblog.

Weblogs sind für mich nach wie vor die Königsklasse des Web 2.0. Gründe? Gern:

  • Weblogs bieten die Möglichkeit des Erzählens von Geschichten. Im Businessumfeld muss das gut geplant und mitunter auch gut inszeniert werden, aber: Mit welchem anderen Medium geht das mit vergleichbarer Flexibilität, Geschwindigkeit und Kosteneffizienz?
  • Ein Weblog erzeugt, wenn es regelmäßig mit Inhalten befüllt wird, erstaunlich schnell eine Wirkung der Authentizität und der Wertigkeit und das – wenn man es richtig vermarktet – bei der Zielgruppe. Authentizität muss nicht wehtun, sondern kann ein Wettbewerbsvorteil und die Geheimwaffe sein.
  • Das Paradigma des Weblogs kommt von Hause aus mit der Idee daher, direkte Ansprachen zwischen Sender und Empfänger zu ermöglichen und auch einen Rückkanal in Form von Kommentaren mitzuliefern.
  • Weblogs sind (mit entsprechendem CMS) hochflexibel, was die Art der Inhalte und die Anbindung zu anderen Web-2.0-Diensten betrifft. In ein Weblog lässt sich YouTube integrieren, flickr, Social Networks und letztendlich jeder Dienst, der seine Inhalte per RSS-Feed exportieren lässt.
  • Inhalte von Weblogs lassen sich in Facebook exportieren und zur Not auch in Twitter – umgekehrt wird da nichts daraus.
  • Ein Weblog ist eine exklusive Angelegenheit, konkurriert also auf seiner Plattformebene nicht mit anderen Inhalte oder Benutzern. Bei einer Facebook-Seite oder einem Twitter-Stream sieht das schon erheblich anders aus, diese Dienste leben davon, dass die Plattform ein Diensteanbieter bereitstellt und man hier nur ein Kanal von vielen ist und mit diesen schon allein aus optischer Sicht unmittelbar konkurriert.
  • Echte Business-Blogs sind auch nach wie vor eher Mangelware und in genügend Branchen kann man mit nur wenig Pressearbeit ein neu gestartetes Weblog mit einem Bohei positionieren, das man vielleicht vor fünfzehn Jahren mit der ersten Unternehmens-Website erzielen konnte.

Über was wir nicht diskutieren müssen, weil es so ist: Hinter einem professionellen Weblog steckt eine Menge Arbeit und da sehe ich maximal nur ein Drittel davon in der Technik. Zwei Drittel der Arbeit steckt in der redaktionellen Arbeit. Auf jeden, der sich da hin wagt und ein Weblog starten will, wartet eine große Portion Arbeit. Aber: Es lohnt sich. Ich bin so frei und sage, dass das für alle Bereiche gilt, in denen Menschen etwas tun, was andere interessieren könnte.