Von Nichtmögen, sich auf etwas einlassen und es dann vielleicht zu lieben.

Dieser Artikel hier wird in meinem Blog etwas aus dem Rahmen fallen. Das tun zwar, der geneigte Leser kennt das ja schon, nicht gerade wenige Artikel im Blog, aber der hier noch etwas mehr. Es geht nämlich darum, wie man eigentlich weiterkommt. Und wie man eigentlich auf diese Weise nichts anderes tut, als die gesamte Menschheit ein Stückchen weiterzubringen. Gewidmet ist der Artikel einem für mich sehr wichtigen Menschen, Details dazu gehen euch nichts an.

Mein Beispiel hier ist auf den ersten Blick völlig abstrus – es ist nämlich U2. Nicht die U-Bahn-Linie in Berlin oder einer anderen Stadt, sondern die Band. Viele wissen, dass ich U2-Fan bin. Zwar nicht unbedingt so militant, dass ich alle Lieder auswendig wüsste (eigentlich weiß ich nach wie vor gar keines auswendig), aber ich kann mich von U2 und ihren Liedern vortrefflich berühren lassen, in allen Lebenslagen. Aber von vorn:

Eigentlich habe ich U2 sogar mal gehasst. Mir heute völlig unverständlich, aber bis zirka 1994 war U2 für mich eine Rockband von vielen und Rock etwas, was mir zu „unsauber“ daherkam. Ich war eingefleischter Fan von Jean-Michel Jarre und teilweise noch skurrilerer Synthie-Musik und bildete mir ein, sie gut zu finden. Jarre ist immerhin noch ein Vertreter der elektronischen Musik, die ich auch heute noch hören kann, den damaligen Mist, den ich so noch hörte, würde ich heute glatt in sehr schrägen Esoterikabteilungen suchen, wenn ich denn Bedarf danach hätte.

Aber zurück zu U2. U2 zu hassen, war eine sehr einfache Haltung. Etwas zu hassen, was man nicht kennt, ist die einfachste Haltung, die man sich als Mensch geben kann, mit den unterschiedlichsten Hintergedanken. Vielleicht mag man die Musik wirklich nicht, vielleicht stört aber auch einfach, dass die Ex-Freundin U2 besonders mochte oder vielleicht will man einfach nur dagegen sein, um sich keine aktuellen Diskussionen geben zu müssen. Hassen ist immer eine sehr persönliche Geschichte, die viel mit Abwehr zu tun hat. Und zwar vor allem dem Abwehren von anderen Meinungen.

So auch hier: Mit Jochen, einem meiner engsten Freunde, hatte und habe ich jemanden, der durch und durch U2-Enthusiast ist, seitdem ich ihn kenne. Bestens über U2 informiert und Besitzer einer U2-spezifischen Sammlung, die unglaublich gut sortiert ist. (Jochen ist übrigens nicht der oben erwähnte Mensch, dem dieser Artikel gewidmet ist, auch wenn er es eigentlich auch verdient hätte. :-))

Jochen hat sich irgendwann 1994 die Mühe gemacht, nicht einfach auf meine Hasstiraden zu U2 zu reagieren, sondern mich reinhören zu lassen in eine Welt, die ihm viel bedeutet. Einige sehr tiefgehende Lieder mit jeweils einer ganzen Geschichte, fein säuberlich in Ton und Text ausgedengelt und aufgenommen und Jochen ließ mich hören, was ihn bei diesen Liedern bewegte. Und es bewegte mich auch. Manchmal, oder so.

Es entstanden zwei legendäre Cassetten von ihm, mit einer Auswahl von U2-Songs und handgeschriebenen Playlists. Ein Berg voll Arbeit, selbstlos. Noch nicht mal U2 hatte etwas davon und die Cassetten hat Jochen ja auch noch selbst bezahlt. Beide Cassetten liefen bei mir so lange, bis sie nach Jahren kaputtgegangen sind. Ich habe beide Cassetten auch heute noch im Besitz, obwohl sie nicht mehr funktionieren und ich auch gar keinen Cassettenplayer mehr habe. Die dazugehörigen Alben, aus denen die Lieder stammten, die habe ich inzwischen aber alle.

Worauf ich hinaus will: Hassen und Dinge nicht mögen, das ist alles sehr einfach. Sich als „Hasser“ auf eine andere, konträre Meinung einzulassen, schwierig und wenn man nicht das Glück hat, auf jemanden zu treffen, der selbstlos und ohne Vorurteile gegenüber „Hassern“ einem seine eigene Meinung darlegt, fast unmöglich.

Wenn man aber über seinen Schatten springt und sich als „Hasser“ auf eine andere Meinung einlässt, dann erschließen sich möglicherweise Welten, die man bis dato gar nicht kannte und die man heute gar nicht mehr missen mag. Oder gar nicht mehr missen kann. Viele Lieder von U2 sind, wie bei vielen Menschen, fest mit Ereignissen meines Lebens verbunden, weil ich sie damals hörte oder ich einzelne Liedtexte mit ihnen verbinden konnte. Und viele Lieder erzeugen mir heute, fast 20 Jahre, nachdem ich sie zum ersten Mal gehört habe, ausnahmslos immer noch jedes Mal eine Gänsehaut. Zum Beispiel „The First Time“, wenn inmitten von Bonos Gesang das Piano einsetzt und den Gegenpol bildet. Unfassbare, musikalische Magie.

Einschneidende Erlebnisse im Leben leben zum einen von dem, was wir „Schicksal“ nennen (davon haben wir es im diesem Artikel eher nicht). Oder zum anderen davon, sich auf Dinge einzulassen, die einem vielleicht noch kurz davor völlig unmöglich vorkamen. Das selbstgesteuerte Einlassen auf andere Meinungen und damit die Möglichkeit, sich eine andere Meinung bilden zu können, tut vielleicht weh, kostet Mühen und man kann sich dabei bei Leuten, deren Horizont ebenso klein ist, auch lächerlich machen.

Aber wer sich einlässt auf fremde Meinungen, profitiert allein schon von diesem Umstand selbst. Macht sich offener. Findet heraus, dass das Ziel eines Weges nicht unbedingt am Ende das vielleicht gar nicht erreichbare Wirtshaus oder die Sackgasse ist, sondern das Ziel eines Weges möglicherweise auch der Weg selbst ist. Oder die schöne Bank am Wegesrand mit dem tollen Ausblick. Oder ein Wandersmann, mit dem man ein paar Schritte mitgehen darf und der einem eine andere Sicht – vielleicht auch auf den Weg selbst – geben kann.

Wir Menschen sind, nach heutigem Wissen, die einzigen Lebewesen weit und breit, die sich eine eigene Meinung auf Basis von rationalen und emotionalen Vorgängen im Kopf bilden können und dazu braucht es die Notwendigkeit, sich auf andere Meinungen einzulassen. Man muss nichts von diesen Meinungen sofort glauben oder sich sofort dazu äußern – man muss sich nur erst einmal darauf einlassen. Das ist der erste, vielleicht anfänglich schmerzhafte, aber dennoch wichtigste Schritt.

Wer das tut, bringt sich nicht nur selbst Äonen weiter im Leben, sondern macht Wege frei für andere Menschen, um ihnen das auch zu ermöglichen oder findet eine(n) Partner(in), mit dem er/sie glücklich wird. Und unter diesen schon lebenden oder dem vielleicht noch zu gebärenden Menschen wird vielleicht mal einer sein, der eine bis dato unheilbare Krankheit heilt oder den goldenen Weg zur Klimarettung findet, weil er/sie den Kopf für neue Ideen frei hat oder vielleicht auch nur das richtige Lied in der richtigen Situation hört.

Ist es nicht schön, wie einfach es im Grundsatz funktionieren kann? Man muss sich nur den Ruck geben, sich auf andere Meinungen und Menschen einzulassen. Den Rest mit Wohlbefinden und Sympathie macht dann die ausgezeichnete Biochemie unserer Körper.

Lieber Mensch, dem ich diesen Artikel widme: An nichts anderes glaube ich und ich habe gelernt, dass diese Lektion damals für mich und meine Mitmenschen nicht falsch war, sondern sehr wichtig. Hätte ich das nicht gelernt und wäre es für mich nicht einer der wichtigsten Regeln und Maßgaben meines Lebens geworden, hättest du es gar nicht geschafft, für mich zu einem sehr wichtigen Menschen zu werden. So long.

Erde an Bono: Zensur ist auch „ein bisschen“ immer noch Zensur.

Als U2-Sympathisant hat es mir gerade etwas die Socken ausgezogen. Nun, man ist es inzwischen gewohnt, dass Bono seinen Zweitjob als Messias-Novize gelegentlich schrill führt. Man kann nämlich sehr schnell zur Schlussfolgerung kommen, dass diese Art des Aufrüttelns zwar sehr publikumswirksam ist, Mitleid aber selten zur einer wirklichen gesellschaftlichen Änderung führt. Sich nur rote Schuhe oder rote Kreditkarten zu kaufen, mag schick sein und vielleicht kommen auch ein paar „RED“-Euro zusammen, die man in einer Charity-Aktion verteilen kann, aber morgen ist es auch schon wieder vergessen.

So fordert Bono doch tatsächlich unterm Strich eine Internet-Zensur. Also so etwas jedenfalls. Das hat er natürlich so nicht gesagt, er sagt es differenzierter, schön klingender:

A decade’s worth of music file-sharing and swiping has made clear that the people it hurts are the creators — in this case, the young, fledgling songwriters who can’t live off ticket and T-shirt sales like the least sympathetic among us — and the people this reverse Robin Hooding benefits are rich service providers, whose swollen profits perfectly mirror the lost receipts of the music business.

We’re the post office, they tell us; who knows what’s in the brown-paper packages? But we know from America’s noble effort to stop child pornography, not to mention China’s ignoble effort to suppress online dissent, that it’s perfectly possible to track content. Perhaps movie moguls will succeed where musicians and their moguls have failed so far, and rally America to defend the most creative economy in the world, where music, film, TV and video games help to account for nearly 4 percent of gross domestic product. Note to self: Don’t get over-rewarded rock stars on this bully pulpit, or famous actors; find the next Cole Porter, if he/she hasn’t already left to write jingles.

—- Bono in „Ten for the next Ten“ der NY Times

Also nur ein bisschen Zensur. Etwas HADOPI hier, ein kleinwenig löschen da und schon geht es allen gut? Den „reichen Internet Service Providern“ etwas in den Hintern treten und ihnen sagen, dass nicht nur sie reich werden sollen, sondern auch diejenigen, deren Inhalte durch ihre Leitungen wandern? Aber natürlich, so schickt Bono gleich hinterher, natürlich niemals so, dass es aussieht, wie in China, nicht?

Bono, das war ein Kalter. Ein ganz Kalter. Sicherlich haben wir alle Verständnis dafür, dass sich nicht jedes Album so gut verkauft, wie ein U2-Album, selbst wenn es, wie beispielsweise die letzten zwei U2-Alben, eher mittelmäßig innovative Alben sind und das U2-Merchandising mit zu der teuersten Fanfolklore gehört, die man sich leisten kann. Wenn am Ende nur dabei herauskommt, dass der Protagonist vor lauter Messiastum den eigenen Galgen nicht mehr sieht, dann wird es ein Problem. Das Feuer, das einen wärmt, kann einen auch ganz schnell verbrennen. Und zumindest ich, der dieses Jahr mal eben rund 700 Euro für den Bohei um zwei U2-Konzerte bezahlt hat und eben auch bei einem Internet Service Provider arbeitet, nehme solche Äußerungen mit einer gewissen Abscheu zur Kenntnis. Das Internet ist jedenfalls nicht das Problem, dass ungerechte und jahrzehntelang gepflegte Geldverteilungsmaschinen nicht mehr funktionieren.

Dieses Geschwätz von wegen „kleinere Bands hatten in der Welt des Internets keine Daseinsberechtigung“, ist so alt wie falsch und wird eigentlich jeden Tag nur noch falscher. Gerade durch das Web 2.0, gerade durch die immensen Möglichkeiten der Selbstvermarktung, gerade durch die Möglichkeiten, innerhalb kürzester Zeit mit innovativer Kunst eine globale Welle erzeugen zu können und gerade durch die phantastischen Möglichkeiten, sofort mit der Monetarisierung über Musikstores beginnen zu können, gibt es gerade für kleine Bands ganz andere Möglichkeiten, die die klassische Musikindustrie nie geboten hat. Nicht, weil sie es hätte nicht bieten können, sondern weil die Musikindustrie lange Zeit ihre arroganten Selektionen eher dazu genutzt hat, Macht darüber auszuüben, was nächstes Jahr als ganz große Nummer aufgehängt wird und was nicht.

Und meine Prognose: Das wird auch in Zukunft für die Musikindustrie nicht besser. Schon heute lachen wir uns über die Talentshows den Hintern ab, die letztendlich genau das darstellen, wie Musikindustrie früher funktionierte. Wir lernen aber auch, dass eine weltweite Beachtung über YouTube & Co. auch sehr schnell ohne Musikindustrie gehen kann. Und auch im Bereich der Musik funktioniert der Long Tail mit Sicherheit.

[via Heise.de]

http://www.nytimes.com/2010/01/03/opinion/03bono.html

U2-Tour, die zweite.

Und auch vorerst – zumindest dieses Jahr – die letzte. Zwei Wochenenden hintereinander Ausflug in Paris und Berlin zehren an den Kräften. Dementsprechend invalide kamen wir Teilnehmer aus gestern am Stuttgarter Flughafen wieder an. Mir schmerzt dank eingelaufener Blase der rechte Fuß, ich habe Muskelkater und eine leichte Erkältung, Jochen lief wie ein alter Mann die Treppen herunter, Thomas plagte das Knie und Joachim machte auch nicht mehr den ganze fittesten Eindruck.

Immerhin haben wir uns in Berlin das ganz harte Touri-Programm erspart. Am Samstag haben wir mit Timo einen kleinen Rundgang vom Alexanderplatz in Richtung Brandenburger Tor gemacht, von dort dann weiter am Reichstag bis zum Hauptbahnhof und wieder zurück. Jochen und Joachim haben nur die halbe Tour mitgemacht, weil am Hotel Adlon ein wahrer Menschenauflauf danach trachtete, U2 beim Herausgehen zu erwischen (was aber nicht gelang). Nach einem Besuch im Hotel, um die Taschen abzuladen, ging es von dort nach eine weiteren Fußmarsch zum Olympiastadion und zum U2-Konzert.

Bombastisch ist dabei der falsche Ausdruck – U2 kann es einfach immer noch und immer besser. Das Pariser Konzert letzte Woche war schon nicht schlecht, die Folks haben aber mit ihrem Berlin-Konzert die Messlatte noch ein Stückchen weiter nach oben geschoben. Joachim und ich hatten diesmal einen Stehplatz „unten“ und haben uns links neben die Bühne gestellt, so dass man von hier aus sehr anschaulich Bono & Co. sehen konnte. Was wird nur, wenn die U2-Bandmitglieder es vielleicht irgendwann an der Hüfte bekommen? 🙂

Der Sonntag war dann weitgehend ein Chill-Out-Tag, den Jochens Bruder Martin designte. Dazu gab es zwei Abstecher in den Mauerpark, in dem man sehr anschaulich erleben konnte, was es heißt, wenn man spontane Happenings veranstaltet. Sehr spannende Sache.

Und ich habe mir vorgenommen, nie wieder über den Baden-Airpark zu lachen. Der einzig wahre Provinzflughafen, der eigentlich eher in die Kategorie Flugplatz zählen könnte, ist Berlin-Schönefeld.

U2 360° Tour Paris.

Schon vor Monaten war dieser Gig, der Besuch der U2 360° Tour in Paris, geplant und weitgehend eingetütet. Und wenn man sowas mit so Leuten wie Jochen, Joachim und Inès macht, nimmt man sich am besten bequeme Schuhe mit, denn dann wird das Touristenprogramm, das normale Touristen in einer Woche abspulen, in zwei Tagen durchgeschnupft. 😉

Beschränkt haben wir uns darauf, die offensichtlichen Touristenschlachtfelder weitgehend von außen anzuschauen, was in der Form allerdings den Nachteil mit sich brachte, dass man eine gehörige Zeit des Tages damit verbringt, die Pariser Metro kennenzulernen. Es ist auch nicht wirklich leicht, in rund 36 Stunden eine Beziehung zu einer Stadt aufzubauen.

Andererseits, man bemühte sich offensichtlich redlich, die typisch französische Lebensart zu europäisieren. Wenngleich das auch nicht überall geklappt hat: Die Sicherheitskontrolle am Flughafen Charles-de-Gaulle war mehr oder weniger eine Farce, dafür hat sich vermutlich jeder Flughafenmitarbieter, der irgendwo auf dem Weg stand, die Bordkarte zeigen lassen.

Gut, wie auch immer, ich will mal nicht übermäßig meckern, sondern darauf hinweisen, dass ich meine Aufgabe als Vertreter der “Generation Upload” erfüllt und meine Streams in YouTube, flickr und Qype (siehe rechts die lustig-bunten Buttons) mit neuen Inhalten versorgt habe.

Mit den letzten 20 % des iPhone-Akkustromes habe ich dann doch noch einen Song aufnehmen müssen, in diesem Fall war es “City of Blinding Lights”. Das, was die Bühnenbauer da mit ihrem Werk aufgebaut haben, sieht man hier vermutlich am eindrucksvollsten:

Vom Stadion aus zu twittern oder gar ein paar Bilder oder Videos direkt hochzuladen, war quasi unmöglich, die rund 94.000 Besucher haben perfekt dafür gesorgt, dass mobilfunktechnisch gar nichts mehr ging.

Was kommt? Nächstes Wochenende der nächste und letzte U2-Tourbesuch, diesmal Berlin. Das wird allerdings die vollkommene Ochsentour, da es Samstag um 5 Uhr morgens mit dem Flugzeug nach Berlin geht und Sonntag erst spätabends wieder zurück.