Wo fängt Netzneutralität an und wo hört sie auf?

In den Blogs netzwertig.com (“Verletzt Skype die Netzneutralität?”) und neunetz.com (“Verletzt Skype die Netzneutralität? Nein.”) ist mein Artikel mit meiner gestellten Frage, ob Skype auf dem iPhone die Netzneutralität verletzt, mit eigenen Fragestellungen aufgeschlagen, die ich hochinteressant finde. Im Artikel auf netzwertig.com hat sich dazu ein größerer Kommentarbaum entwickelt, bei dem dann irgendwann dem Artikelautor Martin Weigert die Hutschnur platzte (was ich nachvollziehen kann). Ich hole deshalb nochmal an dieser Stelle aus und erläutere, was mich an der Netzneutralitätsdebatte, wie sie im Mainstream geführt wird, ernsthaft quält.

Ich muss zugeben, dass mich von Anfang an, als der Begriff “Netzneutralität” den Boden der großflächigeren Diskussion erreicht hat, die Nutzung des Begriffes irritiert hat. Wirklich bewusst geworden ist mir das dann dieses Jahr auf der re:publica 2010, auf der es einen ganzen Thementag dazu gab und an dem mir dann klar wurde, dass es bei der Begriffsdefinition offensichtlich Unterschiede zwischen Netztechnikern – zu denen ich mich nach wie vor zähle – und dem Rest der Online-Welt gibt. Wir reden auf sehr hoher und sehr komplex-abstrakter Ebene teilweise wirklich aneinander vorbei, was Gegner der Netzneutralität treffend verstanden haben.

Netzneutralität aus Sicht des “normalen” Onliners

Die Netzneutralität aus Sicht des “normalen” Onliners ist meiner Meinung nach beschränkt auf einen Aspekt einer übergeordneten Entität, die Netzneutralität darstellt. Für den normalen Onliner besteht Netzneutralität darin, dass der Zugang zum Internet frei von jeglichen Reglementierungen des Internet-Providers sein muss, die nur dazu dienen, bestimmte, nicht technisch bedingte Servicelevels zu etablieren. Also eine Art “AOL-isierung” des Internets – die Websites einiger Websites von zahlenden Inhaltsanbietern sind kostenlos, für den Zugriff anderer Websites, von denen der Internet-Provider vorgibt, dass deren Datenaufkommen sie zu viel kostet, muss dann entweder eine Art “Maut” bezahlt werden, ansonsten gibt es diese Inhalte entweder gar nicht oder äußerst langsam.

In meinen und in vielen anderen Augen ist das ein Versuch der Provider-Branche, Geld mit verlockenden Angeboten zu generieren, die sie gar nicht erzeugen und für deren Qualität sie auch gar nichts beitragen. Die immer wieder gern genommene Mär, dass Provider Netze ohne Aufhebung der Netzneutralität irgendwann nicht mehr bezahlen könnten, ist ein hausgemachtes Thema, denn irgendwo kommt ja der Traffic, der zum Konsumenten geliefert wird, ja herein. Wer dort rabattiert und wer auch beim Konsumenten rabattiert, weil er an beiden Enden zweifellos im harten Wettbewerb steht, muss halt zuschauen, wie er das regelt oder eben auch nicht. Dann aber bitte gänzlich und nicht auf die Art und Weise, besonders interessante Angebote künstlich abzubremsen und ein Kassenhäuschen aufzustellen.

Netzneutralität aus Sicht der Netztechnik

Aus Sicht eines Netztechnikers sehe ich das Thema Internet von Hause aus nüchterner und unbunter – das Maß der Dinge ist das Schichtenmodell. Und das Schichtenmodell besagt, dass nur die unterste Ebene wirklich die physikalische Unterscheidung darstellt, wie die darin eingekapselte Nutzlast übertragen wird. Das eigentliche IP bzw. das darin eingekapselte TCP bzw. die darin eingekapselte Nutzlast in Form von darauf basierenden Protokollnutzlasten, das ist davon unabhängig, ob es in Ethernet, PPP over Ethernet, per WLAN, per 3G, per GSM oder per Brieftaube übertragen wird.

Per Brieftaube ist es sicherlich teurer (und langsamer) als per 3G und das wiederum teurer als per WLAN, aber das bezahle ich als Konsument ja schon durch die Gelder, die ich an den jeweiligen Provider bezahle.

Wenn jetzt aber jemand daherkommt wie eben beispielsweise der VoIP-Anbieter Skype, der zukünftig möglicherweise von iPhone-Nutzern Geld verlangen möchte, wenn sie an sich kostenlose skype-interne Gespräche über 3G führen möchten, dann verzerrt eben Skype an dieser Stelle diese gebotene Netz-Neutralität und suggeriert, dass der Skype-Datenverkehr über 3G in irgendeiner Form teurer sein soll, als per WLAN, was aus Sicht von Skype als Inhaltslieferant, der in der Regel mit keinem Netz wirklich direkt zu tun hat, das den Internet-Zugriff zu seinen Endkunden realisiert, Nonsens ist.

Für mich als Netztechniker ist hier demnach ebenfalls eine Netzneutralität verletzt. Hier eben nicht von einem Internet Provider, sondern von einem Inhaltsanbieter, der hierzu seinen Client auf bestimmten Endgeräten modifiziert und einen diesbezüglichen Schalter einbaut – der im übrigen dadurch umgangen werden kann, wenn das Endgerät dem Client vorgaukelt, nicht per 3G verbunden zu sein, sondern per WLAN. Solche Software lässt Apple selbstverständlich nicht als offizielle Anwendung zu, mit bestimmter Software aus dem Jailbreak-Depository Cydia ist das aber schon seit längerem möglich und das war bisher auch die einzig funktionierende Möglichkeit, mit dem Skype-Client per 3G überhaupt zu telefonieren.

Und nun, Netzneutralität, was machen wir mit dir?

Wir müssen sie weiter thematisieren, keine Frage. Und zwar müssen wir tatsächlich jeden darauf hinweisen, sich an die normalen und bisherigen Spielregeln der Netzneutralität zu halten, der auf irgendeine Weise versucht, bestimmte Übertragungswege im Internet zu drosseln oder davor Kassenhäuschen zu setzen, der im Grunde genommen mit diesem Übertragungsweg überhaupt nichts zu tun hat, also ihn entweder nicht bezahlen muss (wie eben Inhaltsanbieter) oder ihn nicht mehr bezahlen kann, weil er vorne beim Inhaltslieferanten oder hinten beim Endkunden zu wenig Geld verlangt, um das Backbone zu finanzieren.

So einfach und doch so schwierig. Doch wenn hier die Dämme reißen und wir die Netzneutralitätsthematik nicht so umfassend anpacken, wie es geboten wäre, dann wird das Internet zukünftig nicht mehr das, was es heute darstellt. Genügend bedenkliche und negative Entwicklungen gibt es dazu zuhauf.

Das Ende der Netzneutralität bei Skype.

Skype gibt es seit wenigen Stunden auf dem iPhone nun in der Version 2.0.0. Neben den vielen GUI-Schlampigkeitsfehlern, die immer noch ungefixt auch in der neuen Version existieren, funktioniert nun aber endlich das Telefonieren auch dann, wenn das Telefon per Mobilfunknetz ins Internet kommt, also keine WLAN-Verbindung existiert.

Schön, wird man sich bei Skype wohl gedacht haben, machen wir doch aus der Funktion gleich mal eine Sparbüchse und werfen eine eherne Regel über Bord, die besagt, dass Skype-zu-Skype-Gespräche nämlich kostenlos sind. Im Update-Hinweis steht nämlich, dass das Skype-Telefonieren „mindestens bis August“ kostenlos bleiben soll und man danach eine „geringe Gebühr“ verlangen könnte.

Das wirft eine interessante Frage auf: Was passiert, wenn nicht nur Internet-Provider die Netzneutralität bedrohen könnten, sondern auch App-Entwickler? Wie wollen wir als Konsumenten darauf reagieren? Wir wollen zu Hause am heimischen PC unseren Internet-Provider nicht extra dafür bezahlen müssen, damit wir Google-Dienste in gewohnter Geschwindigkeit nutzen können und nun stellt sich diese Frage in Form einer App, die Geld dafür sehen will, wenn man deren Übertragungspakete über eine bestimmte Anbindung laufen lassen möchte.

Das ist aus meiner Sicht höchst problematisch und eine Geschichte, die binnen kürzester Zeit kartellrechtliche Dimensionen erreichen könnte. In erster Linie müssen wir als Skype-Konsumenten hier sehr deutlich kommunizieren, dass es so einfach nicht gehen kann.

Spread the word.

Wer braucht eigentlich noch … ICQ?

Der Instant Messenger ICQ, ich kann mich noch relativ gut daran erinnern, war mal Kult. Weniger der offizielle ICQ-Client, der schon immer eine Usability-Katastrophe war und mit Werbebanner überhäuft war, sondern die Möglichkeit des Echtzeitquatschens für Nichttechniker. Bis dato, also bevor ICQ ab 1997 die Elektrokommunikation revolutionierte, mailte man oder drückte sich im IRC herum – wenn man wusste, wie man dahin kam. ICQ hatte einen Client, den installierte man, registrierte sich, bekam eine ICQ-Kennung und die gab man herum.

Nach gut zwei Jahren verkauften die vier israelischen ICQ-Erfinder ihr Unternehmen namens Mirabilis 1998 an niemand geringeres als AOL. AOL selbst hatte mit seinen internen AOL-Chats die Chat-Hoheit im Privatmarkt, aber eben nur intern. ICQ störte sich an solchen Dingen nicht und obwohl AOL mit seinem eiligst aufgebauten AOL Instant Messaging (AIM) versuchte, ICQ Paroli zu bieten, tat man das, was man mit aufstrebenden Konkurrenten macht, so lange sie noch klein sind: Man kauft sie auf.

Dem Erfolg von ICQ tat das freilich kein Abbruch. Eine halbe Milliarde ICQ-Kennungen soll es geben, wovon vermutlich nicht wenige schlicht inaktiv sein dürften. Instant Messaging ist in der „Online-Karriere“ der meisten Internet-Nutzer ein vorübergehendes Kapitel. Für ICQ und AOL war es vermutlich ebenso, denn AOL hat so ziemlich alle Trends verpasst, die man mit einer so wertvollen User-Basis hätte machen können. Die Online-Konkurrenten Yahoo und Microsoft bauten für ihre bestehenden Communitys ebenfalls mit verhältnismäßig wenig Aufwand Instant Messenger und ein paar Jungs aus Estland bastelten 2002 mit Skype eine Software, die das Telefonieren im Internet revolutionierte und die Instant Messaging quasi noch als Abfallprodukt beherrschte.

ICQ blieb der Instant Messenger der Kinder und der Unverbesserlichen. Unglaublich groß, laut, spam-überlaufen und mitunter sehr nervend. Im Business-Umfeld, in dem man eh schon genug damit zu tun hatte, Instant Messaging als Kommunikationsform zu etablieren, war die Nutzung so empfehlenswert, wie das Mitnehmen der Bild-Zeitung als Frühstückslektüre in den Aufsichtsrat einer Aktiengesellschaft. Zwar konnte man sich als Profi damit behelfen, alternative Clients einzusetzen, deren Nutzung von ICQ/AOL zwar untersagt war, aber dennoch funktionierte.

Und dann kam das Web 2.0. Twitter, Facebook, studiVZ und Konsorten schafften völlig neue Community-Welten, die den schnellen Aufbau von sozialen Netzwerken innerhalb kürzester Zeit ermöglichten. Während in Social Networks wie Facebook eben auch einfach eine Chat-Funktion integriert wurde, betraten Micro-Blogging-Dienste wie Twitter einen ganz neuen Pfad, nämlich das Grenzgebiet zwischen Echtzeitkommunikation, Mailen und Chatten. Man kann Twitter als Nachrichtenfeed nutzen, aber auch zum Chatten oder zur Direktkommunikation mit einem Kommunikationspartner. Während ich beim Chatten ständig „auf Sendung“ sein muss, lässt Twitter hier Freiräume und ermöglicht es, eine an sich stringent geführte Kommunikation zu strecken. Das geht sicherlich auf Kosten der Verbindlichkeit einer „echten“ Direktkommunikation, flexibler ist es aber allemal.

Nun ist ICQ als einer der wichtigeren Werte von AOL versilbert worden, was vermutlich kaum noch zu vermeiden war. Während AOL in seinen besten Zeiten in den USA über 25 Millionen Kunden hat, bewegt man sich heute hart an der 5-Millionen-Grenze, Tendenz weiter fallend. Andere Märkte außerhalb der USA gab man lieber gleich ganz auf, beispielsweise auch AOL Deutschland. Dass ICQ nun einem russischen Investor gehört, macht die Zukunft sicherlich nicht rosiger.

Nerviges von Skype.

So nützlich Skype als Kommunikationswerkzeug ist – die Skype-Folks sind auf dem besten Wege, die Nervensägen des Jahres zu werden. Lange Zeit haben sie den unbedarften Nutzer dadurch genervt, dass er bei der Installation ständig auf „Weiter“ geklickt hat und sich dann mit einer neuen Suchleiste im Browser wiederfand. Nun ist man offenbar in die Firefox-Add-On-Programmierung eingestiegen und jubelt ein Add-On in eine Firefox-Installation, das aus einer Telefonnummer einen Skype-Link macht:

So weit, so nervig. Ich brauche so etwas nicht, ich telefoniere mit Skype selten extern in Telefonnetze. Also will ich dieses Add-On entfernen. Darf ich überhaupt?

Nein, ich darf nicht. Ist das Add-On vom Skype-Setup erst einmal erfolgreich untergejubelt worden, bekommt man es offiziell erst durch ein Deinstallieren von Skype wieder herunter (gnädigerweise auch, wenn man Firefox deinstalliert).

Deshalb aufpassen beim Skype-Setup. Auf der ersten Seite des Setup-Assistenten gibt es nämlich links unten den „Optionen“-Banner, der alle Setup-Optionen einblendet:

Und da findet sich auch die Funktion „Skype Erweiterung für Mozilla Firefox installieren“, bei der man den Haken aus der Checkbox herausnimmt. Kann man übrigens grundsätzlich – meine Meinung – bei all diesen Optionen (außer bei der Checkbox ganz unten, die zum Zustimmen des Lizenzvertrages dient).