Obama 2012 – Grassroots-Volunteering per Telefon.

Zum Partybuilder als zentrales Werkzeug zur Mobilisierung und Verwaltung von Mitstreitern habe ich schon im letzten Artikel meines kleinen Obama-2012-Dossiers etwas geschrieben. Es war also an der Zeit, das Thema Grassroots-Volunteering auch selbst auszuprobieren, also an der nach dem Schneeballsystem organisierten Art und Weise der Rekrutierung von Mitstreitern teilzunehmen. Und das geht bestechend einfach.

Volunteering im Liveexperiment

Ich habe mich dazu einfach einmal eingeloggt in die Obama-2012-Website und bin in das Volunteering-Tools gewechselt. Single-Sign-On, der Einstieg ist also so arm an Hürden, wie nur möglich. Und man ist dann auch mittendrin, denn passend zur Uhrzeit wird dort angezeigt, in welchen US-Bundesstaaten ein Anruf gerade am sinnvollsten ist und mit einem Klick auf einen Bundesstaat ist man auch sofort mittendrin im Anruf-Tool. Für deutsche Datenschutzverhältnisse ein absoluter Horror, in den USA aber zumindest in der politischen Arbeit ein unverzichtbares und sogar akzeptiertes Mittel zur Information:

Links erscheint die Rufnummer und der Name der anzurufenden Person (Rufnummer und Nachname von mir geschwärzt) und rechts ist ein Textvorschlag als Leitfaden (die volle Ansicht der Seite gibt es ganz unten im Artikel als Anhang). Das ist so perplex einfach, dass ich tatsächlich zum Hörer gegriffen habe und die Telefonnummer des beschriebenen Anthony in Conneticut gewählt habe, rein aus Neugier. Vermutlich ist es aber genau diese extrem niedrige Einstiegshürde, die dafür sorgt, einfach in die Kampagne einzusteigen, ohne es sich beim Ausfüllen von ellenlangen Mitgliedsformularen vielleicht noch einmal anders zu überlegen.

Anthony, 64 Jahre alt, angenehme und kultiviert klingende Stimme, war dann auch tatsächlich zu Hause. Glücklicherweise jemand, der den Demokraten freundlich zugeneigt ist. Ich habe mit dann tatsächlich in den ersten Sätzen an die Textvorlage gehalten und das mit meinem unüberhörbar europäischen Englisch, aber der Anrufer war dabei und ließ sich geduldig auf meinen Monolog zum Beschäftigungspakt, den Obama gerade forcierte und in der Obama-Kampagne „gefahren“ wird, ein.

Auf die Zielfrage hin, ob Anthony interessiert wäre, von einem lokalen Kampagnenleiter zwecks einer Mitarbeit in den nächsten Tagen angerufen zu werden (ganz unten in der Textwüste), antwortete er mit einem Ja und damit war auch genau das erreicht, was mit diesem Volunteering-Call bezweckt war – abgrasen einer riesigen Telefonliste nach dem Schneeballprinzip und mit einem standardisierten Text Interessenten herauskämmen, die dann vom heißen Kern der Kampagnenleitung nochmals direkt angegangen werden.

Anthony hat natürlich gemerkt, dass ich als Anrufer nun nicht unbedingt sehr us-amerikanisch klinge und fragte vorsichtig nach, woher ich komme. Auf die Antwort, dass ich in Deutschland wohne und ich im Team von Obama 2012 mitarbeite (was ja so gar nicht mal gelogen ist), war er nun überhaupt nicht vorbereitet:

„Are you kidding? You’re calling from Germany? What the hell is driving you to fight for Barack Obama out of Germany? Let me think: Is it not dark night in Germany at this time? How old are you?“

Sehr spannend. Immerhin war er so perplex darüber, dass ihn ausgerechnet jemand aus Deutschland anrief und ihn fragte, ob er nicht für Obama 2012 mitarbeiten möchte, dass er daraufhin abschließend erwiderte, dass er sehr gespannt auf den Rückruf ist und sich eine Mitarbeit sehr gut vorstellen könne. „God bless you in Germany.“ Ich werde es mir bei dieser Gelegenheit merken.

Die Einfachheit des Anrufes und die Qualität der Datensammlung

Die bestechende Effizienz des Anruf-Tools ist der genau definierte Rahmen, in dem sich Anrufer und Anzurufende bewegen. Der Text ist vorgegeben, ebenso die Auswahlmöglichkeiten und auch „Havarietexte“, also Texte, die dann gesprochen werden sollen, wenn der Anruf abzugleiten droht. Zudem hat der Anrufer vorgegebene Möglichkeiten zur Anrufbewertung, so dass er, selbst wenn er nicht geübt ist, sehr schnell und effizient so einen „Cold Call“ ausführen kann.

Es ist aber nicht nur die Art der Dialogführung, sondern die Idee dahinter, die den Charme der Mitstreitersuche ausmacht. Es sitzen (nicht nur) professionell bezahlte Kräfte in Callcentern im System, sondern so Leute wie du und ich, die sich in irgendeiner Form mit der Idee, der Partei oder des Protagonisten identifizieren können. Leuten „von unten“ hat man grundsätzlich weniger entgegenzusetzen, als wenn die Kontaktaufnahme „von oben“ erfolgt.

Das bestechenste Argument ist aber dann tatsächlich das, was am Ende dabei herauskommt, nämlich die Datenbasis und Datenqualität. Darüber weiß man natürlich als Anrufer herzlich wenig und wird auch kaum etwas dazu erfahren, dennoch kann man getrost davon ausgehen, dass mit keinem anderen Ansatz eine so schnelle „Anrufwelle“ erzeugt werden kann, wie mit dieser Graswurzelmethode. Und durch die Möglichkeiten des Feedbacks lässt sich eine Qualität der Datenbasis halten, die mit anderen Methoden unerreichbar ist.

Kompletter Screenshot einer Anrufseite im Anruf-Tool des Partybuilders:


Alle Teile meines Dossiers zu Obama 2012 unter dem Stichwort „Obama 2012“.

Obama 2012 – Wahlkampf-Organisation und der Partybuilder.

US-Wahlkämpfe funktionieren in der Basis vor allem per Telefon und in lokalen Meetings von Unterstützerteams. Im Gegensatz zu anderen Ländern existieren in den USA zwar eine ganze Reihe von verschiedenen Parteien, allerdings überstrahlen die Republikaner und die Demokraten alle anderen Parteien überstark.

Da das Politiksystem in den USA extrem auf Personen ausgerichtet ist und weniger auf Parteien, sind Parteistrukturen wie wir sie kennen, in den USA nahezu unbekannt. Während in Deutschland ein Parteipolitiker mehr oder weniger stark auf funktionierende Parteistrukturen in Land und Kommune im Wahlkampf zurückgreifen kann, muss dies in den USA jeder Politiker weitgehend selbst organisiert bekommen, bis hin zum Präsidentschaftskandidaten. Diese Organisation verursacht deshalb den meisten Aufwand und verschlingt auch einen gehörigen Anteil des gesamten Wahlkampfetats.

Eine Organisationspyramide mit viel Ehrenamt

Eine Organisation ohne „Apparat“ funktioniert nicht. Allerdings kostet ein Apparat viel Geld. Also muss ein funktionierender und bezahlbarer Mittelweg gefunden werden, der so ausschaut, dass die Spitze der Organisationspyramide so effizient wie möglich besetzt ist und sie, je weiter man nach unten geht, immer mehr Arbeit auf möglichst viele Schultern verteilt, die möglichst aus dem Ehrenamt heraus mitarbeitet. Das senkt die Kosten einer solchen Organisation auf das Minimum, auch wenn man hier immer noch getrost von einem Multimillionen-US-Dollar-Apparat sprechen kann. Aber der Apparat soll ja auch nur ein paar Monate laufen.

Die Kampagnenzentrale von Obama 2012 ist die Speerspitze, also der absolute Kopf der Organisationspyramide. Die ist, wie auch schon beim letzten Mal, in Obamas Heimatstadt Chicago beheimatet und von hier aus wird die gesamte Kampagne gesteuert. Wahlkampfleitung, Organisation, argumentative Kampagnensteuerung, Werbemittel, Kommunikationszentrale sind alles so Dinge, die in der Intensität, wie sie ein Wahlkampf bedingt, nur dann funktionieren, wenn sie an einer Stelle konzentriert sind.

Die nächste Gliederungsebene sind dann die Unterstützergruppen und die regionalen Teams, in der Regel auf der Basis der 50 US-Bundesstaaten und einigen weiteren Regionalgruppen für „Overseas“ und den größeren US-Militärablegern. Diese Gliederungsebene haben eigene Verantwortliche mit deutlich kleineren Kernteams, die wiederum die Aufgabe haben, die Teams vor Ort bzw. innerhalb der Gruppe mit Rat und Tat zu unterstützen. In Sachen Kampagne und Werbematerial werden diese Gruppen aus Gründen der Effizienz und auch wegen dem einheitlichen Erscheinungsbild sehr stark von der Obama-Kampagnenzentrale unterstützt.

Je besser sowas läuft, desto geschmierter läuft der Apparat. Und je geschmierter der Apparat läuft, desto motivierter sind die Menschen bis ganz unten in der Pyramide. Das ist im Vorfeld eines Wahlkampfes das wichtigste Ziel, um die Motivation in der heißen Wahlkampfzeit genau dann in erfolgreiche Aktionen umsetzen zu können, wie es erforderlich ist.

Partybuilder als Organisationswerkzeug

Geld ist jedoch nicht alles beim Thema Organisation, sondern nur ein Mittel zum Zweck. Viel wichtiger ist es, tragfähige Organisationsstrukturen aufzubauen. Das kann man nur zu einem Teil mit bezahlten Kräften tun und muss von Anfang an ehrenamtliche Mitstreiter in der Bevölkerung rekrutieren. Beim Obama-Wahlkampf 2008 griff die Kampagnenleitung hierbei auf ein Werkzeug namens Partybuilder zurück. Partybuilder ist das Kernstück, das die betreuende Agentur Blue State Digital entwickelt hat und betreut. Obwohl man von Partybuilder herzlich wenig sieht, ist diese Software und die gesammelten Daten das A und O aller Obama-Kampagnen (und auch die Cash-Cow von Blue State Digital) und damit das Heiligtum.

Vom Prinzip her ist Partybuilder eine riesige Kontaktedatenbank und dürfte inzwischen einen Bestand von mehreren Millionen Kontaktadressen aufweisen. Hier finden sich alle Menschen, die sich als Unterstützer im Rahmen von Wahlkämpfen und auch während der Amtszeit von Barack Obama haben registrieren lassen. Das ist soweit noch der unspektakuläre Teil des Partybuilder, denn zusätzlich enthalten sind auch Kontaktdaten von vielen anderen US-Bürgern. Ob es alle sind, darüber streitet man, zumindest sind es jedoch sehr, sehr viele. Die im Vergleich zu deutschen Standards erheblich laxeren Datenschutzstandards in den USA ermöglichen die Nutzung solche Datenbanken inklusive Anschrift, Telefonnummer, Alter etc., zumindest für die politische Arbeit.

Nun ist der Partybuilder auch nur die Basis dafür, mit dieser Datenbank auch etwas sinnvolles anzustellen. Alle diese Personen einmal anzurufen und zu bitten, Barack Obama zu wählen, ist selbst für ein sehr großes Kampagnenteam nicht zu bewerkstelligen, wir reden in Sachen USA immerhin von einer Bevölkerungszahl von über 310 Millionen. Also muss man diese Mobilisierung strukturiert angehen und das möglichst mit dem Prinzip einer Lawine. Ein Unterstützer ruft eine Reihe von Menschen an und akquiriert so viele weitere Unterstützer wie möglich, wie wiederum selbst eine Reihe von Menschen anruft. Und so weiter. Und hier setzt Partybuilder an und liefert zum einen die Kontaktdaten und sorgt dafür, dass der gesammelte Feedback über die Kontaktaufnahmen zentral gesammelt und sofort verarbeitet werden kann.

Gleichzeitig ist Partybuilder auch die Basis für soziale Vernetzungen in den Online-Bereichen von Obama 2012. Die Bildung von Interessensgruppen innerhalb des „myBO“-Bereiches, das Organisieren von Events, das Befreunden mit anderen Mitstreitern, das Schreiben von eigenen Weblogs und so weiter und so fort, das wird letztendlich mit der Kontaktedatenbank von Partybuilder ermöglicht.

Dass Partybuilder sicherlich als Basis dient für tiefgehende demografische Analysen und Datamining von verschiedensten Kommunikationskanälen, das darf mit gutem Gewissen vorausgesetzt werden. Wenn man anschaut, dass Barack Obama in Twitter aktuell (10. Dezember 2011) 1,14 Millionen Follower und seine Facebook-Seite 24,23 Millionen Fans um sich scharrt, dann wäre es sträflichst, wenn dieser Schatz an Daten nicht in irgendeiner Form mit anderen Personendatenbanken in Beziehung gebracht würde. Schließlich ist ein Wähler gut – aber je genauer man weiß, dass dieser Wähler den Demokraten nahesteht, Barack Obama gut findet, ihn vielleicht beim letzten Mal sogar gewählt hat und dieser Wähler vielleicht sogar als Unterstützer im Wahlkampf tätig sein würde, dann ist das noch besser.

Denn in Wahlkämpfen gibt es immer zwei Seiten einer Kampagne: Die pflegen, die überzeugt sind und vor allem die erreichen, die noch überzeugt werden müssen.


Alle Teile meines Dossiers zu Obama 2012 unter dem Stichwort „Obama 2012“.

Von Obama lernen heißt nicht, ihn zu kopieren.

Ich glaube, da mißverstehen einige Wahlkampfstrategen eine Sache ganz gewaltig: Einen erfolgreichen Online-Wahlkampf macht man nicht dadurch, in dem man einen anderen, erfolgreichen Wahlkampf optisch kopiert. Das sollte mal jemand dem Team von Dieter Althaus sagen, dessen Website dem großen Original von Barack Obama wie aus der Photoshop-Vorlage geschnitten ist. Allein das ist schon albern genug, denn wenn ein Ministerpräsident freiwillig auf den Werbepfaden eines US-Präsidenten wandelt, dann ist der Begriff „Größenwahn“ noch einer der freundlicheren Anmerkungen hierzu. Der fast schon liebevoll-spielerische Einsatz der deutschen Rechtschreibung (stellvertretend das „Triff Dieter Althaus“ anstatt korrekterweise ein „Treffe Dieter Althaus“) setzt immerhin noch eigene Akzente, wenn auch kleine.

Das alles ist es aber nicht. Barack Obama hat online nicht mit seinem schicken Website-Design gewonnen und in erster Linie auch nicht mit seinen Web-2.0-Aktivitäten, sondern mit dem geschlossenen Bereich namens „MyBO“, in das man erst nach einer Registrierung hineinkommt und das mit einer Software namens Partybuilder eine Vernetzung der registrierten Benutzer auf internationaler bis regionaler Ebene ermöglicht, quer nach politischen Interessen, Geschlechtern, Herkunft. Diese Vernetzungen waren dann auch die Basis für politische Treffen von teilweise wildfremden Menschen, die auf diese Weise aber genau das machen konnten, was eine Partei ausmacht, nämlich die politische Diskussion fördern und kanalisieren. Der Name „Partybuilder“ ist also nicht einfach der Name des Programms, sondern es ist das Programm. Von Ansätzen dieser Idee ist im deutschsprachigen Raum – mit Ausnahme von meineSPD.net, das allerdings auch noch stark ausbaufähig ist – nicht wirklich viel zu sehen.