Zum Zweijährigen des Gerstelblog.

Lange habe ich nicht mehr über mein erstes Kundenprojekt in Sachen Corporate Blog geschrieben, dem Gerstelblog. Das ist das Weblog des Autohaus Gerstel in Pforzheim und obwohl mein letzter Blog-Artikel an dieser Stelle schon fast zwei Jahre alt ist (so wie das Gerstelblog eben selbst) – es ist viel darin und darum passiert.

Fangen wir von vorn an: Am 15. Mai wurde das Gerstelblog tatsächlich schon zwei Jahre alt. Bis dahin hatten wir rund 390 Artikel veröffentlicht, was eine durchschnittliche Artikelzahl von etwa 4 pro Woche ergibt. Das ist eine ganze Menge für ein Corporate Blog. Rein zahlentechnisch sind wir aktuell bei folgenden Parametern (die Zahlen stammen aus einer eher konservativen Piwik-Zählung für den April 2012):

  • 1938 Besuche von 1490 eindeutigen Besuchern (Zugriffe von mir und dem Autohaus explizit nicht mitgezählt)
  • 478 Besuche stammen von wiederkehrenden Besuchern
  • 15 % der wiederkehrenden Besuchern tun dies mindestens 10 mal im Monat
  • 3120 Pageviews
  • Durchschnittliche Verweildauer von Besuchern bei 1:16 min, 67 % Absprungrate
  • Besuche-Peaks aktuell zwischen 12 und 13 Uhr und zwischen 18 und 22 Uhr, also klassische Mittagspausen- und Feierabendlektüre)
  • 131 Besuche (47 %) von Facebook aus

Das mal als reines Zahlenmaterial. Die Analyse mache ich mal punktweise:

  • Die Besuchs-, Besucher- und Seitenabrufzahlen mögen sich relativ mager lesen, übertreffen jedoch die offizielle Website des kleinen Autohauses regelmäßig um den Faktor 10 bis 12, teilweise deutlich über 20. Kleine Autohäuser erreichen demzufolge mit einem Weblog sehr locker und bequem mindestens eine zehnfach höhere Reichweite, als mit einer eher statischen Website.
  • Rund 25 % aller Besuche erfolgen von wiederkehrenden Besuchern, von denen wiederum 15 % dies öfters als zehnmal im Monat tun. Diese Reconnects von Interessenten ist aus der klassischen Sicht des Kundenmanagements heraus traumhaft.
  • Die Verweildauer von 1:16 Minuten und die Absprungrate von 67 % klingen hoch und gefährlich, sind es aber nicht, da es ein Weblog ist. Die meisten Besucher schauen sich 1 bis 2 Seiten an und verlassen die Website danach auch wieder. Da dies aber vor allem wiederkehrende Besucher sind, die vor allem auf der Startseite nach dem Aktuellen schauen und dies voraussichtlich auch demnächst wieder tun, sind Verweildauer und Absprungrate absolut erträglich.
  • Schöne Ausnahmen bestätigen immer die Regel: Beim (anonymen) Tracking von einzelnen Viellesern gibt es immer wieder Menschen, die sich extrem ausführlich das gesamte Weblog antun und mitunter stundenlang von Seite zu Seite springen. Die Aufrufdauer von 1 bis 2 Minuten pro Artikel lassen hier sehr gut den Rückschluss darüber zu, dass es wirklich Menschen gibt, die den Inhalt konsumieren.
  • Die starken Besuchszeiten zeigen in die Richtung, wo ein Corporate Weblog hingehen muss: Hauptsächliches Lesen in der Mittagspause und nach Feierabend und damit ein starker Besucherfokus von der Geschäftswelt.
  • Die starken Zugriffe von Facebook kommen hauptsächlich von der Facebook-Seite des Autohaus Gerstel und zeigen den Trend: Von damals etwa 100 Facebook-Fans waren 131 Besuche (und damit Absprünge von Facebook zugunsten des Weblogs) enorm. Die Facebook-Seite führt damit kein verwaistes Leben, wie so häufig bei vielen Unternehmen, sondern ist direkt und vor allem bidirektional ins Weblog eingebunden. (Die Facebook-Tendenzen werde ich in der nächsten Zeit nochmal näher analysieren, da durch bezahlte Facebook-Werbung die Fanzahlen und -interaktionen inzwischen fast verdoppelt wurden.)

Kommunikativ gelten für das Weblog des Autohauses nach wie vor die Erfahrungen, die ich schon nach den ersten Wochen zusammengefasst hatte. Ergänzen kann man das mit vor allem subjektiven Eindrücken:

  • Die Authentizität geht von Anfang an und überspringt jegliche Hürden. Das erkläre ich mal näher: Einer Werbeanzeige wird in der Regel zwar eine gewisse Authentizität zugestanden, allerdings nur bis zu einem gewissen Maße. Authentischer ist da schon Werbung, die persönlich adressiert ist, beispielsweise in einem Kundenmailing. Im Weblog, in dem erkennbar ist, wer dort schreibt – namentlich erwähnter Mitarbeiter oder einer der Chefs – trägt die dort veröffentlichte Meinung eine ganz andere Tonalität.
  • Das Weblog ist für viele Kunden ein fester Anlaufpunkt und wird auch im Autohaus angesprochen.  Das merken wir immer dann, wenn die Artikel-Schlagzahl mal nicht ganz so hoch ist und sofort Nachfragen kommen, ob etwas passiert sei.
  • Der Leser nimmt einem selten etwas übel, selbst wenn Informationen definitiv fehlerhaft sind und nachbearbeitet werden müssen. Es gilt immer noch die Erfahrung, dass wo authentische Informationen landen, auch das Feedback weitgehend sachlich und konstruktiv bleibt. Das Problem also, dass man Kundenkommentare nicht steuern könnte, ist eine Sorge, die im Zweifelsfall eine Unternehmenskommunikation eher bremst, als fördert.
  • Themen sucht man nur am Anfang und findet nach der Anfangsphase genügend. Dafür sorgen allein schon Mitarbeiter, die ein erstaunlich gutes Gespür dafür entwickeln, über was man vielleicht bloggen kann. Eine griffbereite Digitalkamera, schnell gemachte Notizen und schon ist ein Thema gesammelt, über das sich später bloggen lässt. Das gesamte Autohaus übernimmt also fast schon Recherche- bzw. Redaktionsarbeit.

ZDF-Mitarbeiter, Protest bitte!

Und weil immer noch ein steter Durchlauf an Zugriffen vom ZDF-Netzwerk (hierzu gibt es noch ein Addendum am Ende dieses Artikels) auf mein Blog vorherrscht, hier ein kleiner Aufruf an ZDF-Mitarbeiter, sozusagen vom engagierten Zuschauer. Ich darf das.

Hey, ZDF-Mitarbeiter!

Bekommt euren Hintern hoch! CARTA hat heute ein kleines Interview mit der Gruppe „Freiheit für das Zweite“ geführt, in dem herauszulesen ist, dass sich der Mut von Mitarbeitern, einen sichtbaren Protest gegen den schleichenden Programmabbau und der immer noch extrem stark parteilich durchgefärbten Personalpolitik in den höheren Stockwerken des Verwaltungsbaus anzuzetteln, in bescheidenen Grenzen hält. Das ist von mir als Außenstehender nicht zu bewerten.

Was jedoch von mir als Zuschauer durchaus zu bewerten ist: Ich zahle Rundfunkgebühren und ich zahle sie, im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, ohne größeres Murren. Ich zahle Rundfunkgebühren für ein umfassendes Programmangebot und ich zahle auch dafür, Meinungsvielfalt zu bekommen, die möglicherweise nicht jedem Verantwortlichen gefällt. Ich zahle aber nicht dafür, dass Meinungsvielfalt produziert und am Ende nicht abgesegnet und gesendet wird, weil es Partei X oder Y nicht so ganz gefällt.

Das ZDF ist eine Anstalt des öffentlichen Rechts und keine Parteiveranstaltung. Ihr seid nicht der Bundes- oder einer Landesregierung unterstellt und bezieht auch von diesen Gruppierungen kein Geld. Ihr bekommt das Geld von der Gesellschaft und nur dieser Gesellschaft seid ihr verpflichtet. Und ich hätte es sehr gern, wenn sich eine Anstalt des öffentlichen Rechts und deren Mitarbeiter dieser Verpflichtung (!) bewusst sind und sie diese auch selbstbewusst vertreten. Und das zählt doppelt, wenn es eine Anstalt ist, für die Meinungsfreiheit zum allerwichtigsten Gut überhaupt gehört.

Eure Kollegen vom österreichischen ORF machen es vor und mucken auf. Sichtbar im Internet. Das ist gut und wichtig und das funktioniert genauso gut auch in Deutschland und beim ZDF. Und zwar unabhängig davon, ob es Festangestellte sind, „Feste Freie“ oder freie Mitarbeiter. Denn wenn es hart auf hart kommt und sich Medien und Politik darauf einschießen, das ZDF zu privatisieren (das böse, böse P-Wort darf ich ja als Nicht-ZDF-Mitarbeiter problemlos sagen), dann verlieren alle: Mitarbeiter, Produktionen, Programm, Gesellschaft. Niemand kann dies wollen und niemand darf dies wollen.

Damit Protest funktioniert, sind Protestierer gefordert. Protestierer stehen immer in der Gefahr, für ihren Protest bestraft zu werden. Protest ist aber wichtig, um Änderung herbeizuführen. Und wenn es viele Protestierer gibt, die kreativ und sachlich ihren Protest darlegen, dann droht keine Gefahr, sondern es gibt Akzeptanz. Es gibt auch eine Welt jenseits des Boulevards und der Bild-Zeitung und es gibt Menschen in diesem Land, die den Wert des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und des ZDF schätzen. Und sich einem Protest auch anschließen und Solidarität bekunden, wenn es notwendig ist.

Es darf nicht sein, dass eine sehr kleine Führungsriege im ZDF, der ich ausdrücklich keine Parteilichkeit unterstellen mag, deren Jobs jedoch mit realistisch beurteilbarer Sicherheit von Parteien-Goodwill abgesichert sind, die mediale Zukunft auf dem Verhandlungstisch mit privaten Medienunternehmen verschachert, nur damit es keinen Krawall gibt. Das geht so nicht und es darf nicht sein.

Dialogfähigkeit ist das, was ich von einer modernen Anstalt des öffentlichen Rechts erwarte und erst recht von einer Unternehmung wie dem ZDF, in dem überproportional viele Menschen zusammenkommen, die wissen, wie Medien und Meinung funktionieren. Gelegentlich muss man auch für seine eigene Meinung einstehen und auch kämpfen.

Diese Zeit ist nun gekommen. Es gibt Dinge zu sagen, die jetzt gesagt werden müssen. Wie stellen wir uns Fernsehen in Zukunft vor? Wie stellen wir uns Fernsehen im Internet vor? Wie stellen wir uns Journalismus im Internet und im Fernsehen vor? Fragen, die private Unternehmen nur beantworten, wenn sie sich ordentlich vermarkten lassen, jederzeit auf Kosten der Meinungsfreiheit, wenn es unbequem wird. Die öffentlich-rechtlichen Medien dürfen und müssen sich solchen Diktaten widersetzen.

Ein Addendum wg. einer berechtigten Rückfrage: In der Einleitung schreibe ich, dass ich die Zugriffe vom ZDF-Netzwerk sehe. Das ist erklärungsbedürftig. Natürlich sehe ich diese Zugriffe nur in der Form, dass sie über einen Proxyserver laufen, die zum IP-Adressnetzwerk des ZDF gehören. Dieses Netzwerk beschränkt sich auf öffentliche IP-Adressen von 91.197.28.0 bis 91.197.31.255 (alles recherchierbar beim RIPE). Alles, was aus dem ZDF-Netzwerk nach außen muss, bekommt irgendwann von einem Proxyserver eine öffentliche IP-Adresse aus dem obigen Netzbereich und lässt keine Rückschlüsse auf den tatsächlichen Rechner innerhalb des ZDF-Netzwerkes zu. Um es vereinfacht zu sagen: Ich sehe nicht, wer genau aus dem ZDF-Netzwerk diesen Artikel gelesen hat und kann demzufolge auch solche nicht vorhandenen Informationen auch nicht speichern.

Das Anzeigenblatt als Sargnagel der Tageszeitung.

Wer im Raum Pforzheim auf seinem Briefkasten kein Verbot für den Einwurf von Werbung kleben hat, durfte an diesem Wochenende einen Neuzugang in Sachen Totholz-Publishing empfangen und ein neues Anzeigenblatt namens „Pforzheimer Woche“ bewundern. Ein gar nicht so dünnes Blatt mit zwei Heften, das eine genauere Betrachtung verdient. Es ist nämlich ein hochinteressantes Anzeigenblatt, obwohl es eigentlich einen Informationsgehalt von nahe Null hat.

Nahblick in die „Pforzheimer Woche“

Das Blatt stammt aus dem Mutterhaus der „Pforzheimer Zeitung“, dem Noch-Lokalmatador in Sachen Lokalzeitung. Und allein schon deshalb ist die „Pforzheimer Woche“ auf den ersten Blick ein Anachronismus, denn aus dem gleichen Verlag erscheint schon jeden Donnerstag ein Anzeigenblatt namens „PZ-Extra“, das deutlich umfangreicher ist.

Schaut man sich die „Pforzheimer Woche“ näher an, konkretisiert sich der Eindruck in Sachen „Anzeigenblatt“ in praktisch allen Kernpunkten, die eine Zeitung ausmachen:

  • Der „Nachrichtenteil“ beschränkt sich auf jeweils drei halbe Seiten, die jeweils mit einem Agenturtext inklusive Agenturbild gefüllt sind. Netterweise wird der Hinweis auf die Agentursherkunft „vergessen“, stattdessen wird der Korrespondent benannt und mit dem Standorthinweis Berlin. So kann man es natürlich auch machen.
  • Im ersten Heft des Blattes findet sich ein Immobilien- und ein Kfz-Teil, sowie die Kleinanzeigen. Zumindest letztere sind identisch mit den Anzeigen in der Samstagsausgabe der Pforzheimer Zeitung. Das zweite Blatt ist vollständig dem Stellenmarkt gewidmet und enthält ab Seite 2 Stellenanzeigen, ebenfalls zu einem großen Teil der Inhalt, der auch in der Samstagsausgabe der Pforzheimer Zeitung erscheint.
  • Anzeigen in der „Pforzheimer Woche“ sind nur mit einer regulären Anzeige in der „Pforzheimer Zeitung“ möglich.
  • Im Impressum findet sich keine Redaktion und kein einziger aufgezählter Redakteur.
  • Es gibt – zumindest derzeit – keine offzielle IVW-Auflagenzählung, die Selbstangabe von einer Auflagenzahl von 125.000 ist mit der gebotenen Vorsicht zu genießen.

Der Untergang der Zeitungsanzeigen

Schon allein aus diesen Kernpunkten ist der Sinn und Unsinn der „Pforzheimer Woche“ weitgehend klar und es zeichnet sich der Teufelskreis ab, in den vor einigen Jahren schon der Zeitungsmarkt in den USA heftigst gezogen wurde und eine Reihe von Zeitungen hat eingehen lassen:

  1. Die Zahl der Abonnenten und Verkäufe sinkt, ebenso demnach die Auflagenzahlen und damit die Reichweite.
  2. Fehlende Verkaufserlöse müssen durch steigende Anzeigenpreise aufgefangen werden.
  3. Es werden weniger Anzeigen geschaltet.
  4. Sinkende Verkaufs- und Anzeigenerlöse sorgen für noch weniger Einnahmen und haben Einsparungen und Personalabbau zur Folge.
  5. Weniger Personal kann auch nur deutlich weniger uniquen Inhalt machen = Teufelskreis, der bei Punkt 1 wieder beginnt.

Mit der „Pforzheimer Woche“ scheint man also das zu machen, was immer noch am einfachsten aus dem Blick eines traditionellen Papierbedruckers scheint: Reichweite aufzufangen, die durch das Bezahlblatt verlorengeht. Und das ist ein böses Vabanque-Spiel, weil es der Konkurrenz in die Hände spielt.

Denn die zweite, große Tageszeitung in Pforzheim, der „Pforzheimer Kurier“, spielt im hiesigen Anzeigenmarkt quasi gar nicht mit, was am Naturell des Blattes liegt. Sie ist nur eine Lokalausgabe der „Badischen Neuesten Nachrichten“ und hat in der Pforzheimer Lokalausgabe mit einer derzeitigen Auflage von etwa 4.500 Exemplaren gerade mal etwas über 10 % von dem, was aktuell die Pforzheimer Zeitung aus ihren Druckerpressen wirft.

Während der Lokalteil des „Pforzheimer Kuriers“ in den letzten Monaten sichtbar an Qualität gewonnen hat, leidet die Qualität des Blattes immer noch darunter, dass es relativ wenig Anzeigen aus Wirtschaft, Stellenmarkt und Kleinanzeigenbereich gibt. Es fehlt dem Kurier-Leser nicht wirklich (immerhin ist das Abo rund 10 % günstiger, als das der großen Konkurrenz), aber es wäre eigentlich nicht schlecht, wenn es das auch noch gäbe, weil diese Teile einen großen Teil des lokalen Informationswesens ausmachen. Und mit der „Pforzheimer Woche“ kommen diese Teile nun samstags kostenlos von der Konkurrenz daher und ergänzen den „Pforzheimer Kuriers“ ironischerweise fast ideal.

Willkommen in der nächsten Stufe der Zeitungskrise

Und diese nächste Stufe muss man gar nicht mehr ankündigen, die „Pforzheimer Woche“ ist das Ergebnis dieser Stufe. Es geht in Sachen papierne Zeitung ums Eingemachte. Und das, was ich mal vor über zwei Jahren skizziert hatte, tritt nun ein. Es wird eng und eigentlich ist die letzte Gelegenheit, einen fast schon unmenschlich Akt zu vollbringen und die Veröffentlichungsstrategie zum schnellstmöglichen Zeitpunkt auf Online zu schwenken, schon fast verpasst.

Denn wer glaubt, die Pforzheimer Zeitung hätte sich im Internet schon ein veritables und festes Standbein geschaffen, irrt auch hier. Auch hier sind seit einigen Monaten die Zugriffszahlen im Abwärtstrend, allenfalls stagniert es. Käme man hier endlich mal zur Erkenntnis, die Leser der Website nicht nur mit Dünnschiss-Nachrichten abzuspeisen, sondern eben mit zumindest einem größeren Teil des echten Contents, dann könnte man hier zumindest einen Teil der Reichweite herüberretten, der im Printbereich verlorengeht.

Könnte. Wenn man wollte. Aber das glaube ich inzwischen nicht mehr.

Mein erstes Zeitungsabo auf dem iPad.

Und es ist noch nicht einmal eine Zeitung, die ich lese, sondern die türkische Tageszeitung Hürriyet, die mein Vater täglich liest und auch immer noch täglich auf seinem iPad. Und da ist gestern die dreimonatige Probezeit zu Ende gegangen, was ich von meinem Vater auch nicht sofort mitgeteilt bekommen habe, da er dachte, da sei einfach irgendetwas mit der App oder dem Internet kaputt. Tja, das Probeabo ist halt kaputt und zwar planmäßig kaputt. 🙂

Der Kauf des Abos läuft über den iPadschen AppStore und kostet für das Jahresabo 25,99 Euro. Das ist, wie bereits schon einmal geschrieben, ein Spottpreis gegenüber den rund 360 Euro, die man hierzulande für ein Jahr Hürriyet auf Totholz bezahlt und dazu auch noch täglich zum Kiosk zu latschen hat. Sprich: Die fünf Monate, die er nun die Hürriyet auf dem iPad gelesen hat (2 Monate zunächst auf meinem und dann 3 Monate auf seinem) haben bis jetzt 150 Euro gespart und allein mit der Ersparnis ist sein gebrauchtes iPad schon zur Hälfte bezahlt. Amortisiert hat sich das Ding dann schon im April nächsten Jahres.

Eine kleine Fußfalle gibt es beim Abo-Kauf: Das Abo verlängert sich automatisch, wenn nicht 24 Stunden vor Ablauf des Abos gekündigt wird. Das lässt sich aber dankenswerterweise abschalten, wenn man sich die nach dem Abo-Kauf zugesendete Mail genau anschaut und dem Link zu iTunes folgt. Dort landet man nämlich dann auf der Abo-Seite und kann dort die automatische Verlängerung folgenlos deaktivieren. Dann gibt es nach Ablauf des Abos eben wieder eine entsprechende Meldung, dass eine Abo-Verlängerung wieder fällig wird. Ist mir so immer lieber, als irgendwelche Geldeinzugsautomatismen.

Und einen netten Nebeneffekt habe ich bei der Aktion dann auch noch gefunden: Schließt man anstatt eines Monats-Abos ein Jahres-Abo ab, gibt es als Zugabe noch einen Monat dazu. Effektiv kostet dieses Hürriyet-Jahres-Abo jetzt also tatsächlich 2 Euro im Monat, niemand muss mehr zeitig zum Kiosk laufen, mein Vater bekommt nun auch tatsächlich die türkische Ausgabe der Hürriyet und wir tragen ungefähr 3 kg weniger Altpapier monatlich vor die Türe.

Wie man allerdings mit einem Einzelverkaufspreis von gerade einmal 7 Cent auch für türkische Verhältnisse zukünftig ein überregionales und auch weltweit stationiertes Redaktions- und Korrespondentennetz und noch einen Verlag finanzieren will, das ist für mich ein Rätsel. Draufzahlen tut da vermutlich vor allem die deutsche Niederlassung der Dogan Mediengruppe, die in Deutschland eine durchaus ansehnliche Niederlassung mit eigenen Redaktionen und einem eigenen Druckhaus in Mörfelden-Walldorf unterhält. Aber das kann nicht mein Problem sein.

Aber, Steve Jobs, während ich dir ja nie so recht über den Weg traute, hast du mit meinem Vater einen großen Fan gewonnen. Das muss man auch erst einmal schaffen.

Die gepfefferten IVW-Auflagezahlen der Regionalpresse.

Zu meiner quartalsweisen Lieblingslektüre gehören eine Reihe von trockenen Zahlen: Die IVW-Auflagezahlen für die Lokalpresse im und um Pforzheim herum. Und die haben es für den 3. Quartal in sich. Es geht nämlich konsequent abwärts.

Pforzheimer Zeitung

  • Auflagezahl von 42.418 auf 41.424 Exemplare (ein Minus von 2,34 Prozent)
  • Abonnentenzahl von 35.872 auf 35.303 (ein Minus von 1,59 Prozent)

Pforzheimer Kurier (Regionalausgabe der Badischen Neuesten Nachrichten)

  • Auflagezahl von 5,920 auf 5,747 Exemplare (ein Minus von 2,92 Prozent)
  • Abonnentenzahl von 4.004 auf 3.937 (ein Minus von 1,67 Prozent)

Und wer jetzt glaubt, dass hier vielleicht die elektronischen Abos die Zahlen verfälschen könnten – nada. Das E-Paper der Pforzheimer Zeitung hat ebenfalls verloren, nämlich einen Abonnent: Von 124 Abonnenten im zweiten Quartal blieben im dritten Quartal genau 123 (ein Minus von 0,81 Prozent).

Macht sich noch jemand anderes da draußen die quartalsweise Arbeit, seine Lokalblätter in Sachen Auflagezahlen zu messen? Ruhig mal schauen.

iPad, Zeitungen und ein paar Erfahrungen mit der älteren Generation.

Vor vier Wochen kam ich auf die fatale Idee, im iPad-AppStore nachzuschauen, was es denn dort an türkischen Zeitungen so gibt. Gefunden habe ich unter anderem die Hürriyet, das ist die Tageszeitung, die mein Vater seit Jahrzehnten täglich kauft und liest. Der Fehler bestand darin, das meinem Vater zu zeigen, mit dem Hinweis, dass die iPad-Version (vorerst) nichts kostet.

Seitdem sehe ich mein iPad nur noch dann, wenn die Batterie leer ist und die leert mein Vater problemlos in drei Tagen. Mein Vater, dessen jahrelange Abneigung gegen Computer darin bestand, dass er es für komplette Verblödung hält, mehr als zehn Minuten in einen Computerbildschirm zu schauen, schaut nun problemlos drei Stunden am Stück (!) ins iPad zum Zeitunglesen. Das alles hat eine Reihe von Nebenwirkungen, die ich mal punktweise als Erfahrungssplitter aufführen möchte. Wir Onliner tun uns ja bekanntlicherweise etwas schwer damit, die Leute „da draußen“ zu verstehen:

  • Die Hürriyet macht es verhältnismäßig einfach: Der Verlag hat eine App gebaut, die die jeweils aktuelle Ausgabe in voller Gänze einbindet. Man hat also, ähnlich wie eine PDF-Datei, die gesamte Zeitung und kann in sie hineinzoomen. Das heften wir „Digital Natives“ vielleicht als „old school“ ab, für so Herrschaften wie mein inzwischen siebzigjähriger Vater ist das die einfachste Art, die Zeitung zu lesen.
  • Weiterhin macht der Verlag einen weitere, clevere Geschichte: Die Hürriyet gibt es nämlich in verschiedenen Ausgaben und die sind allesamt in der iPad-App verfügbar. In der Türkei gibt es diverse Regionalausgaben, für Europa zudem eine europäische Version. Da mein Vater sich vor allem für die türkische Innenpolitik interessiert, ist die türkische Ausgabe die interessantere für ihn.
  • Einen auf diese Weise zeitunglesenden Menschen für das Web zu begeistern, ist übrigens ein hoffnungsloses Unterfangen. Selbst der Hinweis darauf, dass er mit einigen extra von mir auf den Home-Screen positionierten Web-Apps auf Websites wie z.B. eben Hürriyet Online oder gar auf mein Blog käme, verhallt. Alles uninteressant. Der Zeitungsleser liest auf dem iPad eben seine Zeitung.
  • Ein Nebeneffekt: Mein Vater liest keine Bild-Zeitung mehr. Die kaufte er zwar auch schon seit Jahrzehnten, aber die war nur das „Anhängsel“ zur Hürriyet. Wird die Hürriyet nicht gekauft, wird auch die Bild-Zeitung nicht mehr eingeholt. Dass es die Bild-Zeitung als App gibt, interessierte meinen Vater spätestens dann nicht mehr, als ich ihm mitteilte, dass das aber Geld kostet.
  • Die spannende Frage: Würde mein Vater die Hürriyet auch weiterhin auf dem iPad lesen, wenn sie Geld kosten würde? Auf die Frage weiß er akut keine Antwort, was eigentlich kein so wirklich gutes Zeichen ist, denn so zieht offenbar die elektronische Version gar nicht so sehr, wie man sich möglicherweise von Verlagsseite erhofft. Dass man die Zeitung so schon frühmorgens lesen kann, das ist gar nicht so sehr das Killerargument für ihn. Und die Frage, dass ein iPad ja richtig Schotter kostet und das Internet ja nicht einfach so in der Luft liegt, wie es den Anschein macht, ist da auch noch nicht beantwortet. Wer das Internet an sich kaum benutzt, sondern nur Zeitung lesen möchte, zahlt so massiv drauf, dass selbst die elektronische Zeitung als Geschenk ein teurer Spaß bleibt.
  • Multimediale Werbung in der elektronischen Zeitung ist meinem Vater bisher gar nicht aufgefallen, obwohl die Hürriyet da durchaus fortschrittlich Rich-Media-Anzeigen einbettet, beispielsweise Videosequenzen. Die sind alle durch ein Wiedergabesymbol gekennzeichnet und ich habe das meinem Vater auch mal gezeigt, aber empfänglich ist er dafür noch nicht mal ansatzweise.
Ein paar niedliche Nebeneffekte:
  • Früher „hörte“ man meinen Vater beim Zeitunglesen, nämlich am Papierrascheln. Heute muss man tatsächlich nachschauen, was er treibt.
  • Mein Vater musste sich abgewöhnen, sich ständig beim Zeitunglesen an die Stirn zu fassen. Stirn hat naturgemäß Fett und wenn man da herumpult, bekommt man fettige Finger und fettige Finger sorgen dafür, dass man den Touchscreen alle halbe Stunde putzen darf. 😉
  • Für „technische Unzulänglichkeiten“ hat mein Vater kaum Verständnis. Wie, der Akku ist nach doch schon 11 Stunden Dauerbetrieb leer? Wie erkennt man das? Am „Flaschensymbol“ (das Batteriesymbol…)? Warum funktioniert das Laden der Zeitung nicht, wenn das Haus wegen vorübergehenden Arbeiten an der Spannungsversorgung ohne Strom ist (das zum Thema: „Das Internet kommt aus der Luft“). Das iPad hat schon eine hohe Idiotensicherheit, aber es gibt für Hersteller von Tablets noch viel, viel zu tun. Die Leute, von denen man noch lernen könnte, was noch fehlt, die haben meist noch keines.

Wie man als Fernsehmensch bloggen kann: Dirk Steffens.

Ich muss zugeben, dass mir der Name Dirk Steffens erst vor einigen Monaten geläufig wurde, als der begnadete Dokumentar- und Tierfilmer im ZDF bei der altehrwürdigen Reihe „Terra-X“ landete und dort die Serie „Faszination Erde“ moderiert, immerhin in der Nachfolge des unanfechtbaren Gott aller Wissenschaftsjournalisten, Joachim Bublath. Für Wissenschaftsjournalisten dürfte „Terra-X“ und überhaupt die Wissenssendungen in ARD & ZDF zum Olymp gehören, den man als Wissenschaftsjournalist so erreichen kann. Ist man da oben, muss man oben bleiben, denn es geht nur noch herunter.

Das ist von Dirk Steffens eher nicht zu erwarten. Und, ich bin des Lobes in Sachen Fernsehen: Es wäre schade, würde Dirk Steffens irgendwann einmal die Lust an seinem Job verlieren, denn er ist zweifelsohne das, was man als nächste Generation der Tier- und Dokumentarfilmer bezeichnen kann. Frische Moderation von tatsächlich erst kürzlich aufgezeichneten Folgen (im Durchschnitt keine sechs bis acht Wochen alt), fachlich auf hohem Niveau, angenehm und verständlich moderiert und garniert mit feinem Witz und Selbstironie. Wie zollt Steffens beispielsweise Respekt gegenüber Ureinwohnern Afrikas, die stundenlang im mäßigen Jogging-Schritt auf die Jagd gehen? Er läuft als Marathonläufer bin und versagt „schon“ nach zwei Stunden, völlig durchgeschwitzt, in der Mittagssonne Afrikas. „Und die Jungs schnaufen noch nicht mal!“ Ein Heinz Sielmann, Joachim Bublath und wie sie alle auch heißen, wären nie auf die Idee gekommen, das gestärkte Hemd gegen ein Trikot auszutauschen und das Leiden für den Zuschauer auch mal begreifbar zu machen.

Dirk Steffens ist demnach also einer, der mit dem Medium Fernsehen vortrefflich experimentieren kann – einem Grundauftrag eines jeden Fernsehschaffenden. Und er hat auch begriffen, dass man zur Dokumentation dieser Arbeit nichts besseres haben kann, wie ein Weblog. Seine Domain, auf die ich nur gegangen bin, weil ich neugierig war, wie die Homepage des Honorarkonsuls des Königsreiches Palau in Deutschland, das er auch noch ist, aussehen könnte, führt auf ein Weblog bei Blogger.com.

Und das ist genau so, wie man sich einen Dirk Steffens als Weltenbummler und Globetrotter vorstellt. Heute hier, morgen da, ein Fallbeispiel für ein echtes Reiseblog, schön bebildert und ausgestattet mit Tatsachenberichten, beispielsweise einem Unfall, bei dem er einen Lavabrocken (kalt) ins Gesicht bekommen hat. Selbst solche Sachen kann man mit feiner Ironie nachbearbeiten und aus einer Person eine unverwechselbare Marke schaffen. Mit einem einfachen Weblog und einer gehörigen Portion Enthusiasmus. Kurzum: Ich bin nahe dran, zu sagen: Perfekt.

Dass es das ZDF immer noch nicht geschafft hat, eine eigene, regelmäßig bestückte Blog-Plattform unter eigener Adresse zu schaffen, ist genau bei so einer hochproduktiv arbeitenden Person wie Dirk Steffens äußerst schade und vergeudetes Potential. Hey, ihr Mainzelmänner und -frauen – das ist die Zukunft!

„Langzeitarbeitslose hängen“.

Von einem eher lustlos gemachten Lokalblatt erwartet man eher nicht, dass sie ihr Redaktionssystem im Griff haben. Das wäre zu viel verlangt, auch wenn sich die Pforzheimer Zeitung schon seit Jahren damit rühmt und sogar in Kinowerbung auf überaus peinliche Art und Weise damit prahlt, zu den „besten Zeitungen der Welt“ zu gehören – wenn freilich auch nur deshalb, weil die Drucktechnik irgendwelchen Verbandsstandards entspricht. Aber das hat man sicherlich einfach nur vergessen, als man die prosaischen Texte für die Werbung zurechtgesägt hat.

Das kaputtgehende und eigentlich schon weitgehend tote Paradigma der Printwelt ist ja das „gestern“: Was du heute in einer Tageszeitung kannst lesen, sind die Nachrichten von gestern. Und die sind im Zweifelsfall so aufregend wie die Flatulenz eines erkälteten Hundes.

Bessere Zeitungen versuchen dem entgegenzuwirken, in dem sie versuchen, ihre Redaktion so zu dressieren, dass der Newsroom (falls man denn noch einen hat) tagsüber die aktuellsten Nachrichten möglichst aktuell auf der Website vertickert und nebenbei mit einem Hintergrundbericht anfängt, das Thema wenigstens noch in der morgigen Ausgabe adäquat mit einem Hintergrundartikel und ggf. einem Kommentar zu verwursten.

Schlechtere Zeitungen sparen sich diese Arbeit und verbraten kurz nach Redaktionsschluss den Inhalt der morgigen Ausgabe noch schnell am Vorabend auf ihrer Website und dann gern auch noch – man hat ja ein einheitliches Redaktionssystem – ohne jegliche Überarbeitung, so dass eine eigentlich heute stattgefundene Tatsache am gleichen Vorabend auf der Website der Zeitung schon als „gestern“ erscheint, weil es eben der Text ist, der am nächsten Tag in der Zeitung erscheinen soll. Das ist in etwa so seriös wie eine Politesse, die neben dem aktuell ausgestellten Strafzettel noch einfach ein paar zusätzliche für zukünftige Delikte hinter den Scheibenwischer klemmt. Würde man sich nicht unbedingt bieten lassen, aber das Selbstverständnis vieler Tageszeitungen ist ja auch, dass man als Abonnent ja nur die gedruckte Zeitung kauft und deshalb auch nicht über die Nachrichten auf der Website meckern darf, weil ja die Website nichts kostet.

Dass Redaktionssysteme von Zeitungen, die nebenbei den gesamten Inhalt auf animalische und doch höchst effiziente Weise nach der Freigabe für die Druckerei den Inhalt noch schnell ins Internet auf die Website kacken können, erzeugt mitunter gelegentlich Probleme, die dem versierten Leser herzerfrischend zeigen, wer in der Redaktion heute wieder hinterherhinkt und sein Œvre auf den letzten Drücker abliefert. Nämlich dann, wenn offensichtlich der Redakteur vom Dienst einen Kommentar eines Redakteurs plant und im Redaktionssystem schon mal einen Artikel dafür anlegt. Diesen Platzhalterartikel veröffentlicht man natürlich nicht, was jedoch nicht automatisch davor schützt, dass man es, vielleicht versehentlich, doch tut. Und wenn man dann so einen Platzhaltertitel im Rohzustand mit Müll bestückt hat und nicht begreift, dass das hochmoderne Redaktionssystem beim feuchten Artikelauswurf ins Internet auch den hauseigenen RSS-Feed bestückt, passieren solche Dinge:

Da ich jetzt mal kühn annehme, dass die Pforzheimer Zeitung nicht zu den Anhängern von „endgültigen“ Lösungsansätzen bei Langzeitarbeitslosen gehört, wird der Platzhalterinhalt „Langzeitarbeitslose hängen“ nur die Kurzfassung der späteren Überschrift „Langzeitarbeitslose hängen in der Warteschleife“ sein. Nicht dass der Kommentar des geschätzten Herrn Klimanski zu den pulitzerpreisverdächtigen Werken gehören würde, aber „kommi1“ ist einfach mal in die Hose gegangen. Zumindest im Internet. So wie die vielen anderen „kommi1“ und restlichen Nachrichten von gestern/morgen/irgendwann.

„Der Tag wird gut“, so das Motto der Pforzheimer Zeitung. Ist ja egal, welcher.

Ein Monat Gerstelblog.

Das Gerstelblog, das Weblog des Autohauses Heinrich Gerstel, das ich mit aus der Taufe gehoben habe und in erster Linie ein Corporate-Blog ist, auf den zweiten Blick jedoch ein Versuchsplatz, überzeugt mich immer mehr und bringt einige interessante Erkenntnisse, die ich hier mal darstellen möchte:

  1. Content hat Reichweite
    Man kann sagen, was man will: Content findet immer seine Reichweite. Davon bin ich zwar schon sehr lange fest überzeugt, das Gerstelblog beweist es jedoch. Nach vier Wochen pendeln sich die täglichen Besucher auf 40 bis 70 ein und das ist für ein Weblog, das eben erst angefangen hat und derzeit kaum etwas mehr als vier Hände voll Artikel hat, enorm.
  2. Ein Weblog ist ein wunderbarer Spielplatz
    Werbung und Homepage ist eine Sache, die man als Unternehmer in der Regel selten selbst macht, sondern von Agenturen (oder von Amateuren) erledigen lässt. Das bringt das Problem mit, dass man sehr schnell in die Situation kommen kann, dass man zwar ein tolles Unternehmen hat, aber keiner draußen davon etwas ahnt, wenn die Außendarstellung einfach nicht funktioniert und nicht das abbildet, was eigentlich tatsächlich Usus ist. Ein Weblog sprengt diese Grenze auf phantastische Weise und bietet den Weg, “Tacheles zu reden” und auch sofort hochauthentisch Feedback zu bekommen.
  3. Crossmedial – von Anfang an
    Wer hätte vor zwanzig Jahren gedacht, dass es irgendwann mal möglich sein wird, Videos drehen zu können, die man dann ins Internet stellen und damit schlagartig einen Haufen Menschen erreichen kann – ohne dass es gigantische Geldsummen kostet. Heute ist das alles kinderleicht und mit wenig Aufwand und Mühen noch nicht mal peinlich. Günstige Videokameras, leistungsstarke Computer und nicht zuletzt YouTube machen es möglich, crossmediale Inhalte in kürzester Zeit zu erzeugen und einzusetzen. Muss alles nicht sofort hollywood-tauglich sein, authentisch kann man das alles aber schon mit wenig Arbeit machen.
  4. Weblogs lesen schon lange nicht mehr nur Blogger
    Vergessen wir bloß schnell wieder, dass Weblogs vor allem nur von Bloggern gelesen werden – genau das Gegenteil ist der Fall, wenn das betreffende Weblog nicht gerade hochexotische Inhalte beinhaltet. Bei Timo Gerstel türmen sich geradezu Rückmeldungen von “normalen” Kunden, die tatsächlich zu regelmäßigen Weblog-Lesern geworden sind und das sind tatsächlich durchaus auch Menschen im rentenfähigen Alter, die weit davon entfernt sind, als “Nerds” oder “Geeks” bezeichnet werden zu können.
  5. Ein unerwarteter Mehrwert eines Corporate-Weblogs
    Ein Problem für Neu-Blogger ist es am Anfang immer, ein Händchen dafür zu entwickeln, über was man überhaupt schreiben soll. So Antworten wie “über das Leben im Autohaus” sind schnell gesagt, aber die Neu-Blogger müssen erst einmal ein Gespür dafür entwickeln, was eigentlich das “verbloggbare” Leben im Autohaus ist. Zumindest sorgt das, so die Aussage von Timo Gerstel, bei ihm dafür, einen anderen Blick in sein Autohaus zu bekommen und das ist schon deshalb bemerkenswert, da man als Familienangehöriger, der von Kindesbeinen an im Autohaus weilt, so schnell nichts anderes davon sieht.
  6. Ein Weblog steigert das Empfinden gegenüber der Öffentlichkeitsarbeit
    Auch ein netter und wichtiger Nebeneffekt: Man lernt, zu unterscheiden, was in den Medien wirklich publizistische Arbeit ist und was reine, teure Effekthascherei. Es ist interessant zu sehen, wie schnell Weblog-Betreiber die Medienwelt anders und kritischer sehen, wenn sie selbst Inhalte bereitstellen und das nicht automatisch “nur” Werbung ist. Das ist ein hochinteressanter Punkt, den ich derzeit noch erforsche, aber es untermauert meine These schon jetzt vortrefflich, dass es die alteingesessenen Regionalmedien wie Regionalzeitungen mit so einer affinen Kundschaft zukünftig deutlich schwerer haben werden, einfache Anzeigen oder Werbepakete zu verkaufen – zu recht. Ich sehe das als Emanzipation der Quellen, die die bisherigen Meinungsmacher nach Gutdünken verarbeiten konnten. Die Zeiten neigen sich dem Ende zu.

Die kommende Pleite von EMI.

[Hinweis: In einem Forum wird kolportiert, dass dieser Artikel dank seines Erscheinungsdatums nichts mit der Realität zu tun haben könnte oder von mir nicht ernst gemeint ist. Das ist mitnichten so, ich habe ihn halt zufälligerweise am 1. April geschrieben.]

Die Pleite des Musikkonzerns EMI ist, wenn man einschlägigen Medien und inzwischen auch Wirtschaftsnachrichten glauben darf, an sich nur noch eine Sache von wenigen Wochen, wenn nicht noch ein hehres Wunder passiert. Das 1931 gegründete britische Musikhaus ächzt unter einer Schuldenlast von sagenhaften drei Milliarden Pfund (3,3 Milliarden Euro). Bisherige Aktivitäten zum Abbau der Schuldenlast – und dazu gehörten so radikale Versuche wie der mögliche Verkauf aller Musikrechte – funktionierten nicht und wenn nicht eben ein Wunder passiert, ist Mitte des Jahres Schicht im Schacht und der EMI-Hund kann so viel ins Grammophon bellen, wie er möchte.

Wer wissen möchte, warum EMI in diese prekäre Lage gekommen ist, muss nur kurz das Elend bei YouTube anschauen, im dortigen offiziellen EMI-Kanal (ein Klick für die Großansicht):

Nun gibt es das Internet schon seit ein paar Jahren und selbst wenn man nur den Start des allgemeinen Internet-Booms als Start ansieht, sind deutlich mehr als zehn Jahre vergangen. Man sollte also durchaus schon mal Gelegenheit gehabt haben, sich im Internet einmal anzuschauen, wie heutzutage Musik promotet  und verkauft wird. Kleiner Tipp als Kalauer zwischendurch: Eher nicht mehr auf Schallplatten.

Ich kann mich noch sehr gut an eine Geschichte im Jahre 1997 erinnern, bei der ich als Kameraassistent das stinklangweilige Vergnügen hatte, die Zentrale von EMI Deutschland in Köln, damals noch in der Maarstraße, zu besuchen. Es ging da um einen im Nachhinein legendären Beitrag für das ZDF-Kulturmagazin Aspekte zum Thema Musik und Internet im Vorfeld der Popcomm und zu interviewen war da unter anderem ein Verantwortlicher für das Thema Internet bei der EMI. Das Interview wurde später dann nicht verwendet, was möglicherweise am unfassbar schlecht aussteuerbaren Genuschle des Interviewpartners lag, aber eher daran, dass EMI zum Thema Internet eigentlich gar nichts sagen konnte.

Der Mitarbeiter klickte sich in seinem Büro, damals beheimatet in einer zugigen Baracke neben dem eigentlichen Verlagsgebäude, etwas gelangweilt durch die Websites einiger Musiker aus den eigenen Labels, erzählte etwas davon, wie praktisch das Internet doch sei, um die Konsumenten zu informieren und machte nicht wirklich den Eindruck, als ob er den näheren Sinn der Worte, die er blubberte, verstünde. Das Interview fand dann auch nicht mit Bildschirmen im Hintergrund statt, sondern vor den EMI-Devotionalien, die im Kantinengebäude sorgsam und weitgehend unbeobachtet in Vitrinen vor sich hinwurmten: Grammophone.

An eines kann ich mich aber sehr deutlich erinnern: Die scharf denkende Redakteurin Ramona Sirch, die ich damals für ihre Fragen gnadenlos unterschätzte, hatte den Grüß-Gott-Onkel gefragt, ob denn EMI nicht Angst davor hätte, dass die damals schon sinkenden Verkaufszahlen für Compact Discs nicht irgendwann mal zu ein Problem werden könnten. Nein, kein Problem, aber Hallo! Wohlgemerkt: Damals konnte man Musik weitgehend noch nicht online kaufen, die ersten Software-MP3-Player zogen im Internet bescheidene, aber deutliche Kreise und Napster, das in seiner ersten Dekade als P2P-Tauschbörse ein Jahr später die Erde wackeln ließ, war auch noch nicht erfunden. Bei EMI? Alles im Lot!

Sicherlich gibt es auch einige andere Dinge, die man bei EMI falsch angriff und die Situation dadurch verschlimmerte. Beispielsweise im Jahr 2007 der Verkauf des Unternehmens an ein Unternehmen namens Terra Firma, seines Zeichen tätig im Bereich des Private Equity. Die vier Milliarden Pfund Schulden, die der Käufer damals nämlich mit dem Kauf von EMI gemacht hat, hat man einfach EMI selbst in die Bücher geschrieben. Bei uns läuft so eine Vorgehensweise unter der Rubrik „Heuschrecken“. Und dann eben noch so Affentheater, mit YouTube darüber zu streiten, wie viel Cent YouTube/Google an EMI zu bezahlen hat, wenn jemand Musik anschaut/anhört, das zu EMI-Labels gehört. EMI ist da, wohin man hinkommt, wenn man Autofahren möchte und krampfhaft die Augen verschließt, wenn der Verkehr dichter wird.

Liebe Verlage, die ihr noch eure Nachrichten auf totem Holz druckt oder Musik auf Scheiben presst und dann verkauft, wenn das Internet schon längst den nächsten Tag und den nächsten Trend einläutet: Schaut euch genau den obigen Screenshot an. Da steht nämlich der Grund dafür drin, wenn euch die Pleitegeier fressen, weil ihr glaubtet, ihr könntet eure Druckmaschinen und Presswerke dadurch retten, in dem ihr euren Content erst gar nicht ins Internet stellt oder Vermarktungsstrategien am Kunden vorbei entwickelt. Das Ende kommt immer schnell, unbarmherzig und leise. Laut sind dann nur noch die Totenglocken.