Der beunruhigende Wandel von Wahlkampf hin zu Social Campaigning.

Replik und Kommentar auf den Text von Mikael Krogerus und Hannes Grassegger, veröffentlicht in „Das Magazin“. Bitte vorher die Zeit nehmen, den Text lesen, einen Kaffee trinken und dann meinen Kommentar lesen:

Ich kann mich noch sehr genau an die ersten Wahlkämpfe erinnern, die ich online beobachtet und später dann auch mit gestaltet habe. Kreativ, informativ, fast schon unterhaltsam warf man sich 2008 in die Netze, da zog Barack Obama mit seinen Beratern einen Siegeszug durch Social Networks. Und auch ganz kleine Dinge daraus schienen zu funktionieren, zum Beispiel ein Wahlkampf-Weblog. Ich bin immer noch ein großer Verfechter von das, was man im großen und ganzen unter „Politik 2.0“ zusammenfasst.

Nur: In der nächsten Generation meiner Visitenkarten und meiner Website wird „Politik 2.0“ sehr sicher nicht mehr draufstehen.

Ich kann mich noch gut an Gespräche vor einigen Wochen erinnern, wo ich mich mit darüber wunderte, warum die Kampagne von Donald Trump den Anschein macht, völlig planlos zu sein. Argumentativ ist seine Website wirr gewesen, seine Äußerungen auf Twitter sind – gelinde gesagt – bizarr und auf allem stand das große Fragezeichen, warum Trumps Kampagne deutlich weniger Etat hat, als die der Konkurrenz und vergleichbaren, früheren Kampagnen.

Eine mögliche und plausible Antwort hat der obige Artikel anzubieten, der im Prinzip folgende Theorien verbindet:

  • In der Zwischenzeit lassen sich ein Großteil der US-Gesellschaft (und vieler anderer auch) via Facebook erreichen.
  • Es gibt Unternehmen, die Informationen der Gesellschaft aus vielen unterschiedlichsten Quellen bündeln und diese zu personifizierten Profilen zusammenstellen.
  • Diese Profile werden mit eigenen Unternehmenswerkzeugen ergänzt, die scheinbar ein Psychoquiz in Form einer Facebook-App darstellen, die gewonnenen Informationen aber nicht nur zur Unterhaltung an den Benutzer liefern, sondern in Form eines recht ausgefeilten Psychogramms mit den bisher gesammelten Profildaten verheiratet. Die so gewonnenen Profile sollen erstaunlich/erschreckend genau den wahren Persönlichkeiten entsprechen, bis hin zu intimsten Vorlieben und politischen Ausrichtungen.
  • Anhand dieser Profile werden dann viele zehntausend einzelne Kampagnen in Form von „Social Ads“ gestaltet, die dann passend den Personen z.B. in Facebook eingeblendet werden. Die Granulierung geht dabei so weit, dass der Wohnort einbezogen wird, die politische Ausrichtung, die Hautfarbe, der wirtschaftliche Status und so weiter und so fort. Die umfassenden Möglichkeiten, die Facebook dabei zur Profilierung anbietet, sind bereits heute schon unglaublich detailiert.

Kurzum: Armageddon. Die Dystopie, dass unsere Profile, die wir in vielen Ecken dieser Welt anhäufen, von anonymen Firmen völlig unkontrolliert zu erschreckend genauen Psychogrammen zusammengebaut werden, die uns möglicherweise haargenau gleichen und daher exakt so angesprochen werden können, wir wir uns tatsächlich ansprechen lassen. Die unsere möglicherweise gar nicht real ausgesprochenen Vorlieben genauestens beschreiben und uns in unserer Wahlentscheidung mehr oder weniger beeinflussen lassen.

Nichts von alledem ist abwegig, sondern alles für sich mit dem Stand der Wissenschaft und der Technik nachvollziehbar. Und auch der Ansatz, dass irgendwann Menschen auf die Idee kommen, all diese Ansätze miteinander zu verheiraten, ist zumindest erwartbar gewesen, wenn auch meist nur in düsteren Science-Fiction-Romanen oder für den Horror-Part in Privacy-Vorträgen.

In Wirklichkeit sind wir nicht mehr am Anfang von hauptsächlich datengetriebenen Wahlkämpfen, sondern schon mittendrin. Während der Faktor Mensch noch wenigstens dafür gebraucht wurde, Wähler anzurufen oder bei ihnen an der Tür zu klopfen, bewegt sich maßgeschneiderte Werbung via Facebook schon direkt an die Bildschirme der Wähler und es ist rein eine Frage der Zeit, bis das nicht nur in Facebook so passiert, sondern auch via Smart-TV, via dem viel besagten „Internet der Dinge“ und dann später über allen anderen Medien, die nachrangig aus Datenbanken gespeist werden, die hauptsächlich die Online-Kanäle bespielen.

Ich muss zugeben: Nach der Lektüre des obigen Textes war ich so beunruhigt, wie selten. Wir haben schlicht abgekackt und die jahrzehntelang müßig geführten Debatten darüber, ob man dem Datenmissbrauch einen Riegel vorschieben sollte, sind bereits beantwortet. Gegen uns. Gegen den denkenden und freien Bürger.

Denn ich sehe folgende Dinge:

  1. Firmen, die Daten aus verschiedenen Quellen sammeln und via Social Networks mit realen Personen so verbinden können, dass am Ende sehr genaue Psychogramme herausspringen, gibt es und es wird kaum möglich sein, die jemals wieder loszuwerden. Geschweige denn, die gesammelten Profile.
  2. So Firmen wie Facebook ist nicht über den Weg zu trauen, die Selbstregulierung hat nie funktioniert und wird niemals funktionieren. Facebook ist geldgetrieben und skrupellos und wird zur Generierung von Werbegeldern problemlos noch viel detailiertere Werbe- und Profilierungsmöglichkeiten anbieten, wenn auch nicht unbedingt jedem.
  3. So Firmen wie Facebook und auch Unternehmen, die Werbekanäle anhand von psychometrischen Profilen anbieten, werden sich auch deshalb nicht verbieten lassen, weil sie den Leuten, die solche schrecklichen Dinge am ehesten verbieten könnten, die Wahlen gewinnen und verlieren lassen können.
  4. Noch viel weiter gedacht ist eine umfassende Profilierung einer Gesellschaft ein perfektes Mittel für einen Staat, der wenig auf Demokratie und Freiheit gibt und die Gesellschaft kontrollieren will. Psychogramme wären dabei mehr als hervorragend für „Risikoanalysen“ und die darauf exakt steuerbare Überwachung von den Teilen der Bevölkerung, von der am ehesten Aufruhr zu erwarten ist.

Eine unheilvolle Industrie hat sich da gebildet, die mit wiederum skrupellosen Politikern und Terabytes an Profildaten der Gesellschaft nicht weniger als den direkten Zugang in den mehr oder weniger kritischen Verstand eines Großteils der Wähler haben.

Wie gesagt, es beunruhigt mich sehr. Ich bin eigentlich ein durch und durch positiv denkender Mensch, aber mir versagt da der Optimismus, auch hinsichtlich den Erfahrungen mit „echtem“ Online-Campaigning der letzten Jahre. Wir erreichen zwar immer noch viele Menschen, aber bei denen gehen wir davon aus, dass sie für echte Argumente und Programmatiken noch erreichbar sind. Wir haben es daraufhin mit Programmen versucht, die in „einfacher Sprache“ gehalten sind, mit unterhaltsam gemachten Videos, kurzen Twitter- und Facebook-Nachrichten.

Wie wir, die noch für Programme, Ideen und Visionen zu erreichen sind, das aber gegen exakt ausgesteuerte Social Ads mit strengen Themen tun können, ohne diesen unheilvollen Weg selbst zu gehen, wird ein spannendes Thema, das in ganz großen Dimensionen möglicherweise über so Fragen wie globale Kriege oder Frieden entscheiden wird.

So war die Idee des Internets, der vermeintlich grenzenlosen Kommunikation, des Informationsaustausches zum Wohle der Gesellschaft (hier bitte weitere Visionen einfügen) nicht gemeint.

Hier noch einige weitere Meinungen, die ich nach und nach aus Blogs sammeln werde. (Wer etwas findet, bitte kurz als Kommentar zu diesem Artikel hinzufügen.)

Der Quatsch namens Counter Speeching.

Vor einigen Tagen hatte ich mir mal den Spaß erlaubt, mich im Counter Speeching in Facebook zu üben. Also dem, was Facebook als ehrenhafte Antwort auf Hate Speeching, also der Hassrede, sieht. Ohne dabei natürlich so laut zu erwähnen, dass die Bekämpfung von Hassrede oft genug eine strafrechtliche Relevanz hat und eigentlich Facebook seinen Laden selbst sauber halten müsste, wenn sie von strafrechtlich relevanten Inhalten auf ihrer Plattform erfahren. Aber dazu gleich mehr.

Counter Speeching ist Drecksarbeit.

Drecksarbeit, nicht mehr und nicht weniger. Denn natürlich hat man es beim Counter Speeching, also bei der kontrollierten Gegenrede, in Social Networks in der Regel mit Leuten zu tun, die die Grundregeln der Netiquette bewusst missachten: Gestatte Anderen eine Meinung, rede sie nicht tot, denke vor dem Schreiben immer daran, dass am anderen Ende ein Mensch sitzt. Bei der überwiegenden Zahl von ständig in Hasssprache schreibenden Menschen handelt es sich um arme Würstchen, die mit Erstaunen erkannt haben, dass sie mit Fäkalsprache eine gewisse Aufmerksamkeit erreichen können und sei es nur Entsetzen.

Daraus folgt, dass eine Gegenrede gegen so eine Hassrede nicht viel mehr ist als eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, denn beide befeuern sich gegenseitig, wenn auf Seiten des Hassredners der Wille auf Verständnis von vorneherein fehlt. Es geht nicht mehr um die Diskussion oder Erkenntnisse daraus, sondern es geht nur noch um die Krawalle. Das Ziel, andere zu beleidigen, mundtot zu machen und sich als den wahren Proleten darzustellen („Wir sind das Pack!“ usw.).

Demzufolge muss man Counter Speeching vor allem mit einem gewissen Abstand und Selbstschutz durchführen, um sich nicht von den blödesten Argumenten sofort ins Boxhorn jagen und provozieren zu lassen. Meine jahrelang Usenet-Flaming-Erfahrung kam mir hier zu Hilfe – Counter Speeching kann sogar Spaß machen, wenn man geflissentlich dabei außer acht lässt, mit Counter Speeching etwas erreichen zu wollen. Counter Speeching funktioniert nämlich nicht. Wirklich gar nicht.

Die meisten Hassredner sind ausgesprochen dumm.

Gefühlte 90 % aller Hassredner kennen ihre gefühlten 5 bis 10 griffigen Argumente gegen Ausländer und Flüchtlinge und damit hat es sich dann auch. Schon so Sachen wie der Umstand, dass Hartz IV bzw. ALG-2 nicht aus Sozialkassen kommt, sondern steuerfinanziert ist, ist für die meisten Hassredner etwas, was sie nicht wissen. Das angebliche Argument, dass für Flüchtlinge die Unterstützung für Behinderte und alte Menschen (die zwei Lieblingsgruppen aller Hassredner) landauf-landab leiden würde, ist daher auch das Lieblingsargument, weil eben einfach und griffig.

Ironischerweise ist also Counter Speeching relativ einfach, weil die allermeisten Hassredner immer mit den gleichen, stereotypischen Argumenten dahergewackelt kommen, aber erreichen tun echte Gegenargumente diese dummen Menschen nicht.

Denn – und damit kommen wir zum Hamsterrad: Für einen ordentlichen Hassredner ist die Gegenrede selbstverständlich immer ein Teil der Verschwörung. „Was nicht wahr ist, ist falsch“ wird umgemünzt in „Was ich nicht verstehen will/kann, das ist falsch.“ Ist ja keiner da, der falsche und laute Meinungen sanktioniert, also darf man alles.

Selbst Hassredner sind vorsichtig bei persönlichen Angriffen.

Selbst die übelsten Hassredner – dazu gehören vor allem die Leute, deren radikale Meinung halbwegs gefestigt erscheint – sind vorsichtig, wenn die Gegenredner mit Höflichkeit daherkommen und nicht sofort in das gleiche Beschimpfungslevel absteigen, wie der Hassredner selbst. Erstaunlicherweise habe ich selbst mit meinem Realnamen und übler Thematik kaum einen Hassredner erlebt, der wirklich justiziable Beleidigungen gegen mich losgelassen hätte. Am ehesten kommen die ersten Angriffe in der Form, man sei ja minderbemittelt, wenn man nicht verstehen würde, was der Hassredner sagt (was in der Tat bei vielen Hassrednern schwer ist, weil sie sich nicht sinnvoll ausdrücken können/wollen) und geht dann irgendwann über in eine Trotzhaltung, wenn man die billigsten und falschesten Argumente des Hassredners auseinandernimmt. Da geht den meisten Hassrednern sehr schnell das Zäpfchen, denn mit dem Wissen ist das so eine Sache.

Beliebt sind am ehesten solche Angriffsversuche wie „Ich wüsste ja schon, was man da machen würde“ mit dem ungesagten Versuch, den Gegenüber dazu zu bringen, zu fragen, was denn genau. Selbst als ich das dann auch so stellte, kam in der Regel nichts weiter schärferes, wohl aus der doch nicht ganz vergessenen Angst, man könnte da vielleicht doch bei jemandem aufsitzen, der weiß, wie man mit Beleidigungen im öffentlichen Raum umgeht.

Facebook reagiert auf gar nichts.

Ich denke, man kann diese Überschrift so stehenlassen, wenn ich die Zahl von Reaktionen des Supports auf meine Meldungen schaue: Exakt Null. Bei vielen anderen auch. Es gehört eher zu den Ausnahmen, dass jemand von Facebook sanktioniert wird und das sind dann für gewöhnlich auch nur Leute, die wirklich extrem heftig auf Facebook unterwegs sind und sich mehr als offensichtlich in ihren Profilen dafür als „Märtyrer“ feiern lassen.

Ich bin da sehr emotions- und illusionslos: Facebook wird von sich aus so lange nichts gegen Gegenrede tun, so lange man ihnen nicht droht, sie millionenschwer zu bestrafen, sie aus Märkten auszuschließen oder der US-Präsident bedroht wird.

Ein Guide für Counter Speeching?

Eine Weile schon bin ich am überlegen, einen Guide für das Counter Speeching im Web zu schreiben, denn das würde thematisch gleich in mehrere netplanet-Rubriken passen und für so einen Guide gibt es auch sichtbaren Bedarf. Counter Speeching ist geprägt von einigen Grundregeln, mit denen man in den meisten Diskussionen die Fäden in der Hand halten kann und die Diskussionsführung kontrolliert, so wie es z.B. auch bei Reaktionen von Unternehmen auf so genannte „Shitstorms“ geht. (Die Regeln für die Reaktion auf Shitstorms jedoch keinesfalls mit denen zum Counter Speeching zu vergleichen sind.)

Aber letztlich komme ich bei allen Überlegungen immer auf ein Argument, das mich davon abhält: Warum soll ich ausgerechnet für so Leute wie die Facebook-Verantwortlichen indirekt zuarbeiten und eben nur genau für diese Leute? Das Festhalten an Counter Speeching als Reaktion auf Hassreden ist für Facebook ein knallhartes, finanzielles Argument, da mehr Kontrolle in einem Social Network Geld kostet – sehr viel Geld. Die Facebook-Leute werden also niemals freiwillig mehr Kontrolle in Inhalte stecken. Sie packen diese Haltung unter das hohe Gut der Meinungsfreiheit, aber unterm Strich sind das rein finanzielle Entscheidungen. Bei allen Gegenreden dieser Welt muss es immer noch die Möglichkeit geben, Hassredner zu sanktionieren, aber genau das funktioniert von Hause aus nicht.

Alles nicht meine Haltung und auch nicht mein Laden. Facebook wird sich um seine Benutzungsrichtlinien selbst kümmern müssen und irgendwann mit ihrer derzeitigen Haltung gegen die Wand fahren. Ich sehe jedenfalls keinen Sinn darin, Bedienungsanleitungen für kommerzielle Dienste zu liefern, die sich damit vor ihrer gesellschaftlichen Verantwortung drücken.

Was sagst du?

Jetzt habe ich vieles geschrieben – was sagst du? Ich bin sehr an deiner Haltung und deinen Kommentar interessiert. Damit meine ich vor allem die vielen Leser, die dieses Blog in ihren Feed-Readern abonniert haben und üblicherweise nirgendwo kommentieren. Ich hätte gern Feedback zu diesem Thema, die Kommentarfunktion für diesen Blogartikel ist offen und man muss sich auch nicht kompliziert registrieren.

R.I.P. RSS Graffiti.

Kleine und sehr wichtige Information an alle, die automatisiert von Blogs bzw. RSS-Feeds aus Inhalte auf Facebook(-Seiten) teilen und dazu bisher das Quasi-Standardwerkzeug „RSS Graffiti“ genutzt haben: RSS Graffiti ist seit 30. April 2015 nicht mehr. Der Dienst wurde abgeschaltet. Es wird hierüber nichts mehr auf Facebook geteilt.

Mir fiel das auch erst heute morgen auf, als ich mich wunderte, warum auf der Facebook-Seite eines Kunden-Weblogs keine Sharings mehr ankommen. Eine kurze Recherche nach der RSS-Graffiti-App auf Facebook ergab dann folgendes Bild:

Das Ende von RSS Graffiti auf Facebook

Auf der Website von RSS Graffiti bedauern die Macher die Einstellung und begründen dies mit dem Scheitern des Businessmodells. RSS Graffiti gehört zu den ältesten Facebook-Apps überhaupt und jeder, der ein Blog dazu bringen wollte, auf Facebook automatisch geshared zu werden, hatte wohl mal Kontakt mit RSS Graffiti. Vor einigen Jahren versuchten die Macher die einst völlig kostenlose App sehr moderat zu monetarisieren, was aber, wie nun offensichtlich ist, gescheitert ist.

So nützlich RSS und Feed-Syndication auch immer ist: Es ist immens schwer, in diesem Umfeld ein tragfähiges Verdienstkonzept unterzubringen. RSS Graffiti ist hier nur ein Opfer von vielen.

Alternativen.

Alternativen gibt es einige. Sowohl innerhalb Facebooks als Facebook-App, als auch als externe Dienste. Darunter dann auch einige kostenlose und einige richtig teure, die sich vornehmlich an professionelle Social-Media-Redakteure richten.

Ein kostenloser, externer Dienst ist IFTTT, der die Einrichtung relativ einfach hält, allerdings das zentrale Problem hat, dass immer nur eine Facebook-Seite pro IFTTT-Account als Ziel angelegt werden kann. Das ist für den professionellen Einsatz mit dem Sharen von Inhalten auf getrennte Facebook-Seiten relativ umständlich, weil man dann mit einer Vielzahl von IFTTT-Accounts hantieren muss. Einigermaßen absehbar ist, dass IFTTT – so wie viele andere Dienste auch – irgendwann einmal Geld kosten dürfte.

Eine weitere Alternative empfiehlt sich für WordPress, nämlich mit dem Plugin „Jetpack“ von Automattic, den Machern von WordPress. Hier gibt es in der riesigen Sammlung von integrierten Tools eine Rubrik namens „Sharing“, die genau das tut: Sharing auf Social Networks. Neben Facebook und Twitter unter anderem auch zu Tumblr und vor allem – zu Google+. Interessant dabei ist, dass dies mit WordPress- bzw. Automattic-Mitteln funktioniert und damit wohl auch ein längerfristiger Erhalt gewährleistet sein dürfte.

Zahnarzt 2.0.

Es gibt angenehmere Situationen morgens, als um 9:30 Uhr auf dem Zahnarztstuhl zu liegen und die Nachricht zu bekommen, dass eine Füllung so unglücklich abgebrochen sei, dass man sie an Ort und Stelle noch ersetzen müsse. Gut, es musste nicht sonderlich viel gebohrt werden, eine Betäubung war auch nicht nötig und die Aktion war auch nach 20 Minuten beendet, aber Spaß machen andere Dinge wirklich mehr. Mein Zahnarzt regelt meine Gebissgeschichten nun aber schon seit 30 Jahren und hat mich als ehemaligen Zahnarzt-Superangsthasen zu einem ziemlich gelassenen und Patienten umgepolt bekommen. Es gibt begnadete Ärzte, die können eine Spritze so bedienen, dass man den Einstich nicht bemerkt.

Einigermaßen verdutzt war ich dann nach der Behandlung, als mir mein Zahnarzt mitteilte, dass das jetzt zwar wieder eine zusatzkostenpflichtige Kunststofffüllung sei, die er da verbaut hatte, die aber heute aufs Haus ginge und ein Geschenk von ihm sei. Er wolle sich nämlich erkenntlich dafür zeigen, dass ich seine Praxis im Internet einst bei Qype (nun bei Yelp.de) bewertet hätte. Er habe letztens etwas im Internet gesurft und sei dabei staunend auf die Bewertungen über seine Praxis gestoßen.

Tatsächlich kommen wohl immer wieder Patienten aufgrund von Bewertungen und Checkins auf Portalen zu ihm, am ehesten zu sehen bei Studenten unserer hiesigen Hochschule. Da gibt es genügend ausländische Studenten, die wohl hin und wieder einmal zum Zahnarzt müssen und da informiert man sich dann eben auch über das Internet. Man nehme Foursquare und suche nach Zahnarzt und so weiter …

GE und der Verkäufer namens Agent Smith.

Okay, liebe Leute bei General Electric (GE), dem US-Technologiekonzern und vielleicht das US-Technologieunternehmen, das Technologie quasi erfunden hat – eine kleine Ansage von mir vorab: In der The-Matrix-Filmtrilogie ist die Figur des Agent Smith der Protagonist der „Bad Guys“. Er ist sozusagen das menschliche Antlitz des Bösen, den Wächtern der Matrix, also der computergenerierten Scheinwelt des Maschinenregimes, die nur dazu da sind, mögliche rebellische Kräfte der Menschen, die wehrlos und unwissend in der Matrix hängen, schnell und unbürokratisch zu beseitigen.

Kurzum: Agent Smith und seine Freunde sind doof und eine Projektion für die böse Maschinenwelt, die unerbittlich dafür steht, die Menschheit gnadenlos zu unterjochen und sie zur Stromerzeugung – also zum eigenen Machterhalt – zu missbrauchen. Wenn man das Grundkonzept der Matrix-Philosophie verinnerlicht und auch alle drei Filme gesehen und begriffen hat, weiß man, dass Agent Smith nicht so recht dazu taugt, technologischen Fortschritt freundlich zu verkaufen.

Um so mehr staune ich über die aktuelle Marketingstrategie, die GE auf seiner internationalen Facebook-Seite und auf weiteren Social-Media-Kanälen aktuell fährt. Unter dem Motto und Hash-Tag „#brilliantmachines“ begrüßt die Facebook-Seite schon mit Agent Smith in der Titelgrafik:

"Agent Smith" als Protagonist auf der Facebook-Seite von GE

Das Motto muss dabei wie Hohn klingen, vor allem wenn man sich dabei die singsang-pflegende Stimme oder auch Synchronstimme von Hugo Weaving, dem ursprünglichen Schauspieler des Agent Smith, vorstellt: „Brillante Maschinen verändern die Art und Weise unseres Arbeitens.“ Oder vielleicht sollte man sich den Satz auch nur mit einem Zusatz vorstellen, der die wahre Ausweglosigkeit des Satzes im Matrix-Kontext besser darstellt: „Brillante Maschinen verändern die Art und Weise unseres Arbeitens, Mr. Anderson.“

Sprich, Kollege Anderson bzw. der mit Anderson symbolisierte freie Mensch: Die Maschinen machen ab sofort die Welt – entweder bist du auf unserer Seite oder automatisch auf der anderen.

But wait … there is more to tell.

Okay, zuerst dachte ich, dass sich da jemand einen schlechten Scherz erlaubt hat. Hacker und Crasher gibt es ja genug auf der Welt, dumme Marketing-Hiwis auch und ruckzuck hat man Müll auf der eigenen Facebook-Seite und merkt das vielleicht auch erst, wenn der Aufsichtsrat das nächste Mal tagt. Also schaute ich mich mal weiter um: Und ja, Agent Smith taucht noch einmal auf, vor drei Wochen am 14. Mai in Form eines lustigen Ratespieles:

Ratespiel mit Agent Smith auf der Facebook-Seite von GE

Und am 13. Mai in Form eines Bildes mit darübergelegtem Text, der so aussehen soll, als ob die Person auf dem Bild genau den Text sagt oder denkt:

"Maschinen helfen Leuten? Faszinierend." aus der Facebook-Seite von GE

Übersetzt sagt Agent Smith also hier: „Maschinen helfen Menschen? Faszinierend.“ Man beachte auch ruhig einmal einige der Kommentare rechts auf dem Screenshot.

Der Gag mit dem Bild kam bei den Social-Media-Leuten von GE so gut an, dass es noch ein weiteres gibt, vom 23. April:

"Brillante Maschinen analysieren Milliarden von Datensätzen, damit Ihre Welt besser funktioniert. Faszinierend" aus der Facebook-Seite von GE

Bizarr, oder? Aber es geht noch bizarrer. Wenn man nämlich so richtig mit den Mitteln spielt, die in der Matrix-Trilogie die Schlüssel zu Sprüngen in den Welten sind. Zum Beispiel die blaue und rote Pille, die Morpheus Neo anbietet, um damit entweder in der Traumwelt zu bleiben, oder in die Realität befreit zu werden. Freilich … wenn Agent Smith einem Kind einen blauen oder roten Lolli anbietet, will man nicht so recht wissen, was für eine Fährte dahintersteckt:

Agent Smith auf der Facebook-Seite von GE

Oder wenn ein Bild das zeigt, was ein Patient in einem mit brillanten Maschinen versorgten Krankenhaus ist – ein Besitzer eines Armbandes mit Barcode, vermutlich auch noch eingelegter Elektronik, aber keinem sichtbaren Namen: „Hardware verbindet mit innovativer Software, um Ihren Krankenhausaufenthalt angenehm zu machen“:

Agent Smith auf der Facebook-Seite von GE

Vielleicht auch einfach mit einem grundsätzlichen Satz im Untersuchungsraum am Ultraschallgerät: „In Krankenhäusern verbindet sich Hard- und Software, um uns als Agenten des Guten zu dienen“:

Agent Smith auf der Facebook-Seite von GE

Oder wenn Agent Smith plötzlich auf dem Bildschirm eines Magnetresonanztomographen (MRT) erscheint, während ein Patient durchleuchtet wird:

Agent Smith auf der Facebook-Seite von GE

Tatsächlich sind die vier letzten Bilder Screenshots aus einem Film zur Kampagne, den GE hat produzieren lassen und der am 13. April veröffentlicht wurde:

http://www.youtube.com/watch?v=loinY8MmVq8

Der Postingfrequenz nach ist die Agent-Smith-Kampagne wohl eher eine kurzfristige Show, aber dennoch:

WTF …?

Das muss man sich wirklich fragen und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Natürlich ist man als ironisch denkender Mensch versucht, der Kampagne das gehörige Maß an Ironie abzugewinnen, um nicht wirklich entsetzt zu sein. Allerdings funktioniert das nicht:

Agent Smith stellt in der Kampagne die Technologien so dar, als ob sie ein Werk der Matrix wären, die dazu dienen, es den Menschen so komfortabel wie möglich zu machen. Dieser Stil wird so auch in der Matrix-Trilogie geführt, allerdings immer mit dem Hintergedanken, dass diese Behauptungen sarkastischer Natur sind. Sicherlich mag die Matrix komfortabel erscheinen, aber sie erscheint eben nur. Jeglicher Komfort in der Matrix ist ja nur dazu da, den Menschen die heile Welt vorzugaukeln, die eigentlich gar nicht existiert. Unterstrichen wird diese Darstellung dann auch noch dadurch, dass die Technik möglichst bedrohlich, fremdartig und steril dargestellt wird, von der der Mensch eigentlich gar nicht fliehen kann. Jeder, der einmal in einem echten MRT gesteckt hat, weiß, wie sich das anfühlt und das man so einen Ausflug selten in einem positiven Zusammenhang macht. Wer da in so einen lauten und fürchterlich wirkenden Apparat hinein muss, der hat ein Problem, mitunter auch ein lebensbedrohliches. Ungut, wenn dann auch noch Agent Smith auf dem Bildschirm erscheint und darüber spricht, wie toll die Maschinen doch sind.

Tatsächlich will GE mit der Kampagne an anderer Stelle ziemlich ironiefrei ihr Programm „Agiletrac“ an den Mann bringen, bei dem Krankenhäuser mit hochentwickelter (GE-)Technik und weiterer Vernetzung noch kostengünstiger und noch besser für ihre Patienten da sein können. Da wird dann auch die letzte geschmackliche Grenze überschritten und echte Argumente mit matrix-angehauchtem Design vermittelt. Stell‘ dir vor, du bekommst morgen Besuch und es steht Agent Smith vor deiner Haustüre und will dir Gesundheit verkaufen:

"GE Healthcare" Marketingmaterial im The-Matrix-Design

Alles ziemlich scary, etwas gruselig und nicht sonderlich angenehm. Da finde ich die Marketingkampagne von GE Deutschland mit der Behauptung, dass sie unter anderem das „GE“ in „GErmany“ seien, fast schon befreiend lustig.

Obama 2012 – Ein paar externe Links.

Den Obama-2012- bzw. den US-Präsidentschaftswahlkampf im Internet beobachte nicht nur ich, sondern auch andere Leute. Auf drei interessante Links möchte ich an dieser Stelle verweisen, die andere Aspekte im Online-Campaigning sehr detailiert beleuchten:

Eigene Links gefunden? Her damit und reinschreiben als Kommentar zu diesem Artikel!


Alle Teile meines Dossiers zu Obama 2012 unter dem Stichwort „Obama 2012“.

Eine Erklärung und ein Plädoyer gegen Fake-Accounts.

Wie nähere ich mich jetzt diesem Thema nur an? Am besten so, wie immer: Ab durch die Mitte.

Meine letzten drei Monate waren relativ „turbulent“ und ironischerweise haben die zwei zentralen Dinge dieser Turbulenzen mit meinem Herzen zu tun. Die eine Turbulenz war die Geschichte mit dem ICD und die andere Turbulenz der Versuch einer Freundschaft, bei der ich letztlich gepflegt und nach allen Regeln der dadaistischen Antikunst ziemlich unschön gegen die Wand gelaufen bin. Kommt in den besten Häusern vor, allerdings sind zwei solcher Turbulenzen in einer Doppelpackung gerade noch so am Rande dessen, was erträglich ist. Selbst bei mir, der eigentlich recht fest mit beiden Beinen im Leben steht. Und was sich hier noch halbwegs witzig anhört, war es nicht wirklich, weder die eine Turbulenz, noch die andere.

Die regelmäßigen Leser meines Twitter-Streams und meiner Facebook-Freunde sind es gewohnt, dass ich über beide Kanäle relativ offen schreibe und selten eine Hand vor den Mund nehme. Es gibt zwar ein paar Themen, die ich auszuklammern versuche (Religionsthemen zum Beispiel), ansonsten kenne ich jedoch als jemand, der sich gern in Gefilden der Ironie, des Sarkasmus und des Zynismus bewegt, kaum geschmackliche Grenzen. Und ja, ab und zu kommen so auch Tweets bzw. Facebook-Meldungen zustande, die aus dem Affekt kommen, quasi direkt aus dem Handgelenk geschossen. Und die in so einem Fall auch nicht durch meinen normalerweise recht guten Kontrollfilter ausgefiltert werden. Absichtlich. Sie kommen zwar (glücklicherweise) sehr selten vor, aber sie kommen vor. Das gehört zu dem, was nun einmal „Besim“ ist.

Ein solch scharf geschossener Tweet, der dann eben auch in meiner Facebook-Timeline landete und den man sicherlich auch ohne den damit verbundenen Hintergrund als geschmacklos bezeichnen könnte, kam am Mittwoch.

Ich erwähne diesen Tweet deshalb, weil er einige Leute verstört hat. Sich verstören zu lassen, ist jedem sein gutes Recht, das ich akzeptiere. Von meinem Kontrollfilter, der den Inhalt des Tweets nicht ausfilterte, sicherlich nicht gut bedacht war der Umstand, dass der besagte Tweet und die Zeit des Verfassens relativ deutliche Rückschlüsse auf den Grund des drastischen Inhalts zuließen. Hätte ich bedenken können, habe ich aber nicht, das Ding kam in den Raum, hat einige Leute, die 1 und 1 zusammengezählt haben, verstört und das Ding ist in diesem Moment dann auch in den Brunnen gefallen.

Dafür entschuldige ich mich nicht, weil es ja auch genau genommen kein Versehen war, sondern absichtlich. Auch eine Rechtfertigung in der Richtung, dass das Schreiben eines Tweets für mich immer noch der bessere Weg ist, eine Frustsituation zu bewältigen, als in der Öffentlichkeit herumzuschreien oder Material zu zerlegen, ist keine Entschuldigung. Wenn ich etwas in die Welt setze, dann ist es da und ich ertrage auch das Echo zu unappetitlicheren Äußerungen.

Meine Haltung dazu ist immer die, dass ich niemanden zwinge, Äußerungen von mir zu lesen und im Zweifelsfall sehr herzlich dazu einlade, meinen Twitter-Stream abzubestellen oder mich in Facebook auszublenden. Damit habe ich absolut keine Probleme. Schwieriger wird es dann schon, wenn Familie oder Kunden solche Meldungen lesen, aber hierzu habe ich die Haltung, dass ich eben einen recht authentischen Ton pflege und großen Wert darauf lege, zwischen Alltagsunterhaltung und förmlichen Gesprächen zu trennen. Das wissen auch die allermeisten Menschen, mit denen ich Kontakt halte.

Gestern hatte ich mit einer Bekannten eine sehr spannende Diskussion, wie man sich solche Rechtfertigungsthemen vom Halse hält bzw. aus persönlichen oder beruflichen Gründen nur inkognito Meldungen mit so einer Brisanzqualität in die Welt setzen kann. Das führt unweigerlich zu dem Thema, ob man einen Fake-Account mit Phantasienamen nutzt, der (hoffentlich) keine Rückschlüsse auf die Person ermöglicht. Das hatte ich in der Vergangenheit auch schon mehrfach überlegt und hatte dann auch sogar mal für eine Weile ein Weblog auf WordPress.com, das den Luxus hatte, dass es niemand las. Und da ist dann auch für mich das zentrale Problem: Mag ich schreiben nur um des Schreibens Willen oder soll das Schreiben auch ankommen, mitunter dann auch in der Kategorie „H-Bombe“?

Ich bevorzuge letzteres. Meine inzwischen fünfzehnjährige Online-Karriere hat zu recht gut funktionierenden, internen Kontrollfiltern geführt, die dafür sorgen, dass meine Äußerungen gern mal direkt sein können, aber seltenst wirklich persönlich verletzend. Das, was gelegentlich an wirklich Bedenklichem herausrutscht, ist im Promillebereich und das kann ich nicht verhindern, ohne mich wirklich komplett ändern zu müssen. Und das werde ich nicht tun, für niemanden. Und weil ich auch mit dem Echo für lautere und dann eben auch verletzende Äußerungen leben muss und das auch kann, gibt es für mich keine Motivation, unter einer Fake-Identität im Internet zu wandeln. Allen Respekt vor Menschen, die das nicht können und inkognito im Internet wandeln wollen oder müssen – aber ich brauche es nicht und mich engt es so ein, dass ich dann eher nichts mehr sagen bzw. schreiben wollte.

Damit will ich keinesfalls einen Ausstieg aus Weblog, Twitter oder Facebook ankündigen oder androhen, sondern um Verständnis darum bitten, dass es auch mal ziemlich deutlich zur Sache gehen kann. Wenn sich jemand dabei angesprochen fühlt oder verletzt wird, dann darf er mir das sagen, gern auch in der inhaltlichen Qualität, wie ich es geschrieben habe.

Ein Abgesang auf flickr.

Glaubt man dem Weblog Betabeat, dann steht dem Fotoportal flickr in den nächsten Tagen ein größeres Update in Sachen Usability bevor. Ich musste über diesen Artikel, den ich noch über einen alten, noch nicht gelöschten Google-Alert-Eintrag bekam, tatsächlich staunen. flickr? Usability-Update? Ehrlich? flickr? Unser gutes, altes flickr?

Tatsächlich ist flickr schon längst tot, nur merkt es keiner. Das könnte auch daran liegen, dass der Mutterkonzern von flickr ein gewisses Unternehmen namens Yahoo ist, das ebenfalls seine besten Zeiten schon längst hinter sich hat. Mal ein Vergleich für eine einleitende Demotivierung? Gern doch:

Die Website 1000memories.com, von der auch das obige Diagramm stammt, hat dies in einem Artikel im September 2011, in der es um die Frage ging, wie viele Fotos in der Geschichte der Menschheit fotografiert wurden (der Autor schätzt auf 3,5 Billionen Fotos), auch die damals aktuellen Bildbestände von Facebook und flickr mit Zahlenmaterial unterfüttert:

  • Facebook: 140 Milliarden Fotos
  • flickr: 6 Milliarden Fotos
  • Instagram: 150 Millionen Fotos

Die Zahlen sind schon so unglaublich, das Diagramm spricht aber eine eigene, unmissverständliche Sprache. flickr ist kaum mehr als Nichts und das ist seit dem September 2011 sicher nicht besser geworden.

Jungen Menschen heutzutage Yahoo zu erklären, ist relativ einfach: Yahoo ist eine Art AOL.com: Ein käsiges Portal mit zusammengekauften, eher boulevardesken Nachrichten, einem „Trend des Tages“, einem Freeemail-Portal und viel Werbung. Erklärt man diesen jungen Menschen, dass Yahoo einmal eine Referenz in Sachen Suchmaschine war – zugegebenermaßen vor vielen, vielen Jahren – dann erntet man noch nicht mal mehr erstaunte Gesichter, sondern pure Langeweile. Yahoo hat schlicht keine Relevanz mehr und ist selbst netzhistorisch gesehen eine Marke, die außerhalb der USA gerade noch für Autoaufkleber reichen würde: Der Google-Pagerank der deutschen Portalseite von Yahoo steht aktuell gerade mal bei 3 und wenn diese Portalseite nicht davon leben würde, bei genügend Webbrowser-Benutzern als Startseite bei jedem Browserstart automatisch geladen zu werden, wäre sie vermutlich einfach weg. Die über Softwaredownload-Hintertüren eingepflanzte und ständig nervende Browser-Suchleiste als Herzschrittmacher eines ehemals großen und stolzen Konzerns.

Aber kommen wir zurück zu flickr. Aufzuzählen, wie viele Trends flickr völlig anstandslos verpasst hat, dürfte eine müßige Geschichte werden. Der größte Fehler des flickr-Managements ist jedoch zweifellos die komplette Fehleinschätzung des Gerätemarktes. Digitale Bilder werden im Mainstream seit dem Siegeszug von iPhone und Android ab 2007 nicht mehr mit teuren Digitalkameras gemacht, sondern mit Smartphones. Und hier liegt der Marktwert der meisten Bilder so niedrig, dass der Nutzer sie möglichst schnell mit seinem Freundeskreis teilen möchte, vorzugsweise zu Facebook. Nachbearbeitung? Interessiert niemanden. Archivierung? Uninteressant. Teilen mit Fotoenthusiasten? Was zum Geier sind Enthusiasten? Diejenigen, die pixelschwere Bilder stundenlang nachbearbeiten und hochladen oder diejenigen, die auf der Fahrt zur Arbeit mit Facebook gleich ein halbes Dutzend Schnappschüsse in die Welt setzen und mit Instagram sogar recht anschauliche Kleinode produzieren können?

flickr hat es, um bei Smartphones zu bleiben, bis heute noch nicht geschafft, für iOS, Android und Windows Mobile eigene, wirklich funktionale Apps bereitzustellen, mit der Benutzer in der Lage wären, schnell und mit Freude Bilder zur flickr hochzuladen. Lange Zeit krankte beispielsweise die iOS-Version der flickr-App darunter, dass sie ständig abstürzte und ein entsprechendes Update Monate auf sich warten ließ. Für Android wurde die offizielle flickr-App sogar erst Ende letzten Jahres vorgestellt und auch dieser Start war, flickr-typisch will man sagen, mehr als holprig, weil die offizielle App es sofort schaffte, in Sachen Usability Meilensteine zu setzen – nach unten.

Und so ist flickr auch immer noch das, was es vor fünf Jahren war: Ein Biotop für Fotofreaks, die im Rahmen ihres Hobbys es immer noch in Kauf nehmen, von blödsinnigen Upload-Mechanismen und völlig stupiden flickr-Tools gedemütigt zu werden, die dann mit der miserabelsten Upload-Geschwindigkeit eines Fotoportals weit und breit, nämlich selten mehr als 50 Kilobyte pro Sekunde, Bilder hochladen dürfen. Und das selbst auch dann, wenn sie als „Pro“-Nutzer schlappe 25 US-Dollar jährlich auf den Tisch blättern.

flickr war einmal ein Hort der Foto-Avantgarde im Netz. Es war einmal richtig cool, bei flickr einen Account zu haben, weil flickr werbefrei war und vor allem lange Jahre keine Firmenaccounts zuließ. flickr war eine Privatangelegenheit (mehr oder weniger) und allein dadurch gewann flickr ein ungeheures Maß an Authentizität und treuer Anhängerschaft, als Facebook noch ein kleines Netzwerk für einen Haufen von Studenten war, die sich noch keine Digitalkamera leisten konnten.

Heute ist flickr ein Museum mit immer noch sehr vielen, aber inzwischen immer mehr verwaisten Accounts. Die überwältigende Zahl meiner flickr-Freunde lädt keine Bilder mehr in flickr hoch, obwohl wohl keiner meiner Freunde weniger Bilder knipst, als früher und quasi jeder von ihnen ein Smartphone hat. flickr ist soetwas wie ein früher Spielplatz gewesen, als Web 2.0 noch nicht so viel Platz für viele Worte und Fotos hatte, und man zweifellos auch größere Hürden in Kauf nahm, Bilder zu teilen. Hürden, die heute grotesk erscheinen. flickr ist immer noch im Gestern von Yahoo zu Hause und dass ich vor einigen Tagen meinen flickr-Pro-Account nicht wieder verlängert habe, ist niemandem aufgefallen. Noch nicht mal mir.

Web 2.0 meets schwäbischen Oberbürgermeisterwahlkampf.

Im beschaulichen schwäbischen Städtchen Nürtingen hat sich gestern ein bemerkenswertes Schauspiel ereignet. Der dortige zweite Wahlgang zur Oberbürgermeisterwahl, der vermutlich ursprünglich zu einer stinklangweiligen Veranstaltung verkommen sollte, wurde auf einmal höchst spannend, weil nach Amtsinhaber Otmar Heirich, der mit 49,57 % wiedergewählt wurde, eine Dame namens Claudia Grau mit 32 % das zweitbeste Ergebnis einfuhr – eine Kandidatin, die sich gar nicht hat aufstellen lassen. Aber mal von vorn:

Zahlen und Fakten

In Oberbürgermeisterwahlkämpfen in Baden-Württemberg muss ein Kandidat die durchaus anspruchsvolle Hürde der absoluten Mehrheit (also mindestens 50 % der Stimmen) reißen, um gewählt zu werden. Erreicht in einer solchen Oberbürgermeisterwahl kein Kandidat die absolute Mehrheit, kommt es zu einem zweiten Wahlgang zwei Wochen später, bei dem dann die einfache Mehrheit ausreicht.

Der erste Wahlgang

Der erste Wahlgang am 9. Oktober 2011 sah folgendermaßen aus:

  1. Otmar Heirich (SPD) – 40,3 % (4.902 Stimmen)
  2. Sebastian Kurz (CDU) – 25,5 % (3.124 Stimmen)
  3. Friedrich Buck (Grüne) – 10,2 % (1.242 Stimmen)
  4. Petra Geier-Baumann (parteilos) – 7,1 % (864 Stimmen)
  5. Andreas Deuschle – 5,7 % (697 Stimmen)
  6. Raimund Bihn – 2,5 % (318 Stimmen)

Wie zu sehen: Niemand hat die absolute Mehrheit. Und wie auch zu sehen ist, wenn man rechnet: Die sechs Kandidaten, die sich offiziell haben aufstellen lassen, vereinen nur 91,3 % aller abgegebenen Stimmen. Der Rest von 8,7 % der Stimmen verteilt sich auf eine Reihe von weiteren Menschen, was auf eine Spezialität in Kommunalwahlen zurückzuführen ist: Wähler dürfen auf ihrem Stimmzettel auch einen eigenen Kandidaten vorschlagen und ihm die Stimme geben.

Und hier genau gab es am 9. Oktober einen Hallo-Effekt, denn mit 5,8 % und 709 Stimmen errang Claudia Grau, Kulturbürgermeisterin der Stadt Nürtingen und eben nicht selbst aufgestellt, tatsächlich auf Anhieb den 5. Platz in der Wählergunst.

Nicht außer Betracht lassen darf man übrigens die granatenschlechte Wahlbeteiligung von 42,9 %. Von 29.396 Wahlberechtigten beteiligten sich gerade einmal 12.596 Wähler an der Wahl.

Der zweite Wahlgang

Der zweite Wahlgang fand zwei Wochen später statt, also am 23. Oktober 2011. Um am zweiten Wahlgang offiziell auf dem Wahlzettel zu stehen, müssen die Kandidaten bis zu einer Frist bekunden, ob sie für einen zweiten Wahlgang zur Verfügung stehen oder nicht. Erwartungsgemäß ziehen einige Kandidaten ihre Kandidatur zurück, so auch in diesem Fall unter anderem der Kandidat der Grünen. Mit solchen Rückziehern werden auf einen Schlag Stimmenpotentiale frei, die der ehemalige Kandidat dann an einen anderen Kandidaten weiterempfiehlt. Der Grünen-Kandidat hat seine Empfehlung für Claudia Grau abgegeben. Also für die Kandidatin, die eigentlich gar keine Kandidatin sein wollte.

Und so kam es dann im zweiten Wahlgang so, wie es kommen kann:

  • Otmar Heirich – 49,6 % (6.065 Stimmen)
  • Claudia Grau – 32 % (3.916 Stimmen)
  • Sebastian Kurz – 12,3 % (1.510 Stimmen)
  • Andreas Deuschle – 4 % (483 Stimmen)

Immerhin – die Wahlbeteiligung litt nicht noch weiter, sondern blieb mit 42.7 % und 12.511 Stimmen knapp an der Zahl des ersten Wahlganges. Normalerweise sind zu einem zweiten Wahlgang deutlich weniger Wähler zu begeistern, was vermutlich auch am überraschenden Wahlerfolg von Claudia Grau liegen dürfte. Was war hier eigentlich passiert?

„Plötzlich Bürgermeisterin“

WELT ONLINE hat es am vergangenen Mittwoch mit der obigen Überschrift über einen Zeitungsartikel schon ziemlich genau getroffen. Ja, so kann es kommen. Und warum es genau hier so gekommen ist, hat der Reutlinger General-Anzeiger schön in seinem Artikel „OB-Kandidaten wider Willen in Nürtingen“ recherchiert.

Kurzfassung: Amtsinhaber Otmar Heirich hat in Nürtingen offenkundig einen schweren Stand, was am Ergebnis im ersten Wahlgang auch so abzulesen war. Schon vor der Wahl wurden Stimmen laut, dass Kulturbürgermeisterin Claudia Grau ebenfalls ihren Hut in den Ring werfen und kandidieren möge. Das lehnte sie mit dem Hinweis, dass sie nicht gegen ihren Chef antreten wolle, ab und das ist ein berechtigter Einwand.

Bisher war das in Dörfern und kleinen Städten so, dass man sich an solche Äußerungen gehalten hat. Sozusagen ein ungeschriebenes Gesetz, denn tatsächlich kann, wie oben bereits angeklungen, jeder Wähler auf seinen Stimmzettel einen eigenen Kandidaten notieren und ihm die Stimme geben. Jeder Wahlberechtigte in seiner Kommune, der zum Zeitpunkt der Wahl zwischen 18 und 65 Jahren alt ist, kann auf diese Weise zum Oberbürgermeister gewählt werden – wenn er denn die Stimmen zusammenbekommt.

Bis zur Vor-Web-2.0-Zeit war dies meist kaum möglich, weil nicht erreichbar. So viele Klinken kann man selbst in einer Kleinstadt wie Nürtingen nicht geputzt bekommen und selbst wenn es zu größeren Wähleransammlungen für einen Kandidaten kommt, so sind das meist Gaudi-Aktionen von Stammtischen oder Vereinen, die mal eben mehr oder weniger geschlossen ihren Vereinsvorstand wählen. Prominente wie Thomas Gottschalk oder Dieter Bohlen sind auch immer wieder gern gewählt. Viel passieren kann einem solchen Wider-Willen-Kandidaten übrigens nicht: Er wird nach einer eventuell gewonnenen Wahl ja gefragt, ob er die Wahl annehmen möchte oder nicht. Tut er das nicht, geht es dann halt wieder los mit Oberbürgermeisterwahlkampf …

Der Web-2.0-Effekt?

Im Falle der Oberbürgermeisterwahl in Nürtingen hat wohl Raimund Popp, Programmierer und engagierter Nürtinger Bürger, diese Spezialität der Kommunalwahl mit den Vernetzungsmöglichkeiten des Web 2.0 zusammengebracht. Und zwar zunächst gar nicht in Facebook, wie die meisten Medien kolportieren, sondern in Google+. Ironischerweise, muss man da sagen, denn eigentlich unterstützt Google+ derzeit keine Gruppen oder „Fanseiten“, so dass hier ein Benutzerprofil zweckentfremdet wurde. Die Facebook-Seite kam nach eigenen Angaben erst einige Wochen später, nachdem der Hype wohl Überhand genommen hatte.

Auch wenn ich die Idee sehr gut finde und sie nichts anderes darstellt wie echte und gelebte Demokratie, so hat sie doch einen Haken: Es ist beileibe kein Web-2.0-Effekt, sondern vielmehr das Ergebnis der klassischen Berichterstattung über diesen Web-2.0-Effekt. Schaut man sich nämlich die Befürworterzahlen (am 24. Oktober 2011, 12:15 Uhr) der beiden Seiten an, wird das sehr schnell klar:

  • Google+: 44 mal in Kreisen von anderen Benutzern
  • Facebook: 26 Befürworter

Mit 70 Wählern gewinnt man keine Wahl, selbst wenn man davon ausginge, dass alle 70 Befürworter auch Wahlberechtigte in Nürtingen gewesen wären. Aber immerhin reicht dieser Web-2.0-Effekt und die Berichterstattung darüber für erstaunliche Reaktionen.

Die vermeintliche Undemokratie aus Sicht von Demokraten

Amtsinhaber Otmar Heirich verstieg sich nach dem ersten Wahlgang auf Nachfrage eines Journalisten zu der Vermutung, dass Leute „aus der links-alternativen Ecke“ ihren Spaß haben wollten und er dahinter eine „undemoratische“ und für ihn „höchst fremdliche“ Internet-Aktion sehe. So kann man es sehen. Muss man aber nicht. Denn die Aussage, dass es hier „undemokratisch“ zugegangen sein könnte, ist vor allem einmal Unsinn eines Amtsinhabers, dem möglicherweise, um es mal salopp zu sagen, nach dem ersten Wahlgang und dem Pressehype um die verselbstständigenden Web-2.0-Aktivitäten plötzlich mächtig das Zäpfchen gegangen ist.

Tatsächlich jedoch war diese „undemokratische“ Internet-Aktion im besten Sinne demokratisch. Jeder darf sich an der Wahl eines Amtes beteiligen, jeder darf sich aufstellen und jeder darf sich auch wählen lassen. Und wenn der/die Kandidat(in) nach der Wahl die formalen Kriterien erfüllt und die Wahl annimmt, dann ist des Volkes Wille geschehen, ob das nun einem bisherigen Amtsinhaber oder Parteifunktionären so passt oder nicht.

Das Internet, das Web 2.0 und deren Benutzer sind keine „Antidemokraten“ und auch keine Gesetzesbrecher – sie tun mitunter das, was die Politik in der Realität derzeit manchmal nicht mehr schafft: Vernetzen und fördern.

Der Humanfaktor für Google.

Vor inzwischen fast drei Jahren habe ich mal an dieser Stelle darüber gebloggt, wie Google seine Nutzer bei der Nutzung der Suchmaschine dabei beobachtet. Vor drei Jahren waren wir da noch inmitten der „SEO-1.0“-Philosophien, die weitgehend besagten, dass sehr, sehr, sehr stark vor allem darauf achten solle, dass die Website für eine Suchmaschine gut lesbar sein soll, der Rest würde sich dann ergeben.

Heute, drei Jahre später, ist davon immer weniger die Rede. Facebook hat es mit seinem ausgegliederten Like-Button, den jeder Website-Betreiber verhältnismäßig einfach in seine Website einbauen kann, vorgemacht. Und natürlich ist Facebook damit zwar ein öffentlichkeitswirksamer Coup gelungen, der jedoch Facebook nicht wirklich weiterbringt, denn Facebook ist keine Suchmaschine und Facebook ist eine geschlossene Gesellschaft und legt sogar großen Wert darauf. Facebook ist nicht an Suchen und Finden interessiert, sondern Facebook will seine Nutzer nicht verlieren, weil das Geschäftsmodell mit Werbung nur direkt auf der Facebook-Website funktioniert.

Bei Google ist es genau andersherum und es zeigt sich bei Google nun sehr schön, wie die Reihenfolge bei den Google-Leuten funktioniert. Zuerst die Suchmaschine und alles andere drumherum. Da passt dann plötzlich auch der „Google+1“-Button perfekt in die Strategie und auch das Google-Social-Network „Google+“. Unterhaltung und Diskussion auf hohem Niveau, um auf diese Weise die Surfstrategien, Vorlieben und Ariadnefäden der Nutzer nachzuvollziehen.

Dass die so gesammelten Inhalte, der „Humanfaktor“ in Sachen Suchmaschinenindex, sich am Ende auch tatsächlich in Suchergebnissen niederschlägt und diese benutzerspezifisch beeinflussen, hat Martin Mißfeldt in einem schön recherchierten Blog-Artikel recherchiert, dem kaum noch etwas hinzuzufügen ist: „Ich als Rankingfaktor