Sind wir in Deutschland zu „krimigeil“?

Ich hatte einmal eine recht interessante Diskussion in einer Kneipe am Start, bei der es um das Fernsehprogramm ging. Und zwar im Detail darum, warum US-amerikanische Serien in Deutschland (und nicht nur dort) so gut funktionieren und deutsche Serien so gar nicht – außer Krimis. So Serien wie Derrick, die vor allem dadurch glänzen, dass sie im Prinzip furchtbar langweilig sind und vollkommen ohne Action und und Glamour daherkommen, sind in der Welt überaus begehrt. Und wenn man sich die Physiognomie näher anschaut, bekommt man auch die passende Antwort.

Krimis im Fernsehen – eine Nahbetrachtung des Fernsehprogramms

Der subjektive Eindruck, das Fernsehen sei voll mit Krimiserien und „krimiähnlichen“ Programmen wollte einmal mit verlässlichen Zahlen untermauert werden. Also habe ich mir mal das Fernsehprogramm einer Woche im September (von Samstag bis Freitag) geschnappt und ausgewertet. Und der subjektive Eindruck wird plötzlich sehr objektiv. In den Zahlen eingerechnet sind Polizeiserien wie das „Großstadtrevier“ und als Spezialfall auch die Fahndungssendung „Aktenzeichen XY“:

  • ARD: 5 Stunden, 45 Minuten
  • ZDF: 14 Stunden, 15 Minuten
  • RTL: 1 Stunde
  • Sat 1: 0 Stunden
  • Pro Sieben: 0 Stunden

Tatsächlich ist das ZDF absoluter Krimikanal. Neben den Freitags-, Samstags- und Sonntagskrimis gibt es eine ganze Phalanx an SOKO-Serien im Vorabendprogramm, so dass das ZDF pro Tag durchschnittlich auf über zwei Stunden Kriminalität kommt. Und betrachtet sind hier nur Krimiserien, also keine Spielfilme. Das ist eine ganze Menge Elend.

Warum Krimiserien?

Man sollte nun einmal hinterfragen, warum wir eigentlich so viele Krimiserien am Start haben. Zuerst käme man vielleicht auf die These, dass wir in Deutschland einfach gern Krimis anschauen. Gegenfrage: Tun wir das wirklich? Denn wenn wir allein nur einmal anschauen, dass die oben gezählten 21 Stunden Kriminalität auf gerade einmal drei Programme verteilt sind und von diesen drei Programmen das eine Programm nur 1 Stunde zählt, dann ist das nicht sehr homogen. Noch inhomogener wird das, wenn man berücksichtigt, dass ARD und ZDF in der so genannte „werberelevanten Zielgruppe“ deutlich auf verlorenem Posten steht. Und dazu kommt dann auch noch, dass eine ganze Latte dieser Krimiserien nicht in der Primetime laufen, wie beispielsweise ein Teil der SOKO-Serien und auch „Großstadtrevier“ der ARD, die allesamt im Vorabendprogramm gesendet werden und eher zur seichten Kost gehört.

Vielmehr gehören Krimis zu einer der ersten Unterhaltungsformen des Fernsehens und prägen das Fernsehen von Anfang an. Während in den USA das klassische Crime-TV in den 1970ern sein All-Time-High hatte und seitdem – mit Ausnahmen – auf dem absteigenden Ast ist, ist im deutschen Fernsehen von einem absteigenden Ast kaum etwas zu sehen, zumindest in Sachen Quantität.

Das liegt mitunter an zwei zentralen Eigenschaften von Krimiserien, zählen wir sie mal zu „Fernsehen 1.0“:

  • Vergleichsweise einfach strukturierte Drehbücher
  • Keine aufwendigen Studioproduktionen
  • Keine Spezialeffekte und damit günstige Postproduktion
  • In der Regel streng episodisch abgeschlossene Erzählformen
  • Krimis sind „ernste“, internationale und überparteiliche Kost, ohne die Gefahr, irgendwo größer anzuecken, wenn man es nicht darauf ankommen lässt

Fernsehen im Zeitalter des Multikanals

Das Ende des Fernsehens ist demnächst sicherlich nicht zu erwarten. Sehr wohl aber eine grundlegende Änderung des Sehverhaltens der Fernsehzuschauer. Fernsehen ist immer weniger eine Geschichte, die man jeden Abend einschaltet, um dann x Stunden bis zum Einschlafen darin in ein Programm hineinzuschauen. Es ist schon heute so, dass Fernsehen eine selektive und immer selektiver werdende Geschichte ist. Fiktionale Unterhaltung muss daher extrem professionell daherkommen, um überhaupt als unterhaltend erkannt und akzeptiert zu werden.

Das ist der Grund, weshalb amerikanische Produzenten von hochklassigen Fernsehserien schallend über die Kosten von 1 bis 1,5 Millionen Euro einer mittelmäßigen Tatort-Folge lachen können. Eine aktuelle Folge der Simpsons wird beispielsweise mit 1 Million US-Dollar veranschlagt, wobei zu berücksichtigen ist, dass es Trickfilm ist und die Trickarbeiten in Billiglohnländern produziert werden. Eine Folge „Dr. House“ gibt es, wenn man diversen Quellen glauben darf, gar erst ab 3 Millionen US-Dollar pro Folge und das ist für eine Serie, die quasi komplett in einem Studio produziert wird, nur 45 Minuten dauert und pro Staffel mindestens 20 Folgen aufweist, eine gewaltige Zahl.

Die Budgets allein sind es aber nicht, denn das würde beispielsweise nicht den Erfolg der vielen Sitcoms erklären, die in den USA produziert werden und es hier in Deutschland teilweise noch nicht mal auf die Programmtafeln schaffen. Hier gilt immer noch der Gedanke, dass Sitcoms eigentlich im „ernstne“, deutschen Fernsehen nichts zu tun haben und eher zu Klamauk gezählt werden. Ein grober Kardinalfehler, denn auch wenn Sitcoms oftmals eher unterhaltenden Charakter haben, haben Sie einen großen Vorteil: In ihnen lässt sich das normale Leben (soweit man davon sprechen mag) immer noch am besten verarbeiten.

Ein weiterer Punkt betrifft praktisch die gesamte Unterhaltung: Sie wird nicht von einem Drehbuchautor geschrieben, sondern von einer ganzen Batterie von gleichberechtigten Autoren, in der Regel auch mit mehreren Autoren pro Folge. Das gibt schon allein dadurch, dass mehrere Augenpaare mehr sehen, als nur eines, den großen Vorteil, dass eine Serie deutlich vielfältiger ist, als z.B. 20 Jahre Derrick. In vielen Ländern wird die fast schon maschinell wirkende Konstanz von Derrick hochgelobt und als „typisch deutsch“ eingeschätzt, aber das ist eigentlich kein Vorteil, das ist ein großes Dilemma, das man auflösen müsste.

Neue Formen, Formate, Experimente

Eigentlich mangelt es im deutschen Fernsehbetrieb an nichts: Es gibt eine gut entwickelte öffentlich-rechtliche Senderstruktur, es gibt große Privatsenderketten, es gibt etabliertes Pay-TV und es gibt eine umfangreiche Landschaft von privaten Produktionsgesellschaften, die Auftragsarbeit verrichten können, wenn der Etat stimmt. Man könnte loslegen – wenn man wollte.

Aber will man? Wenn man sich gerade das öffentlich-rechtliche Fernsehmilieu anschaut, darf man getrost daran zweifeln. Experimentielle Formate finden keinen Platz, bei der ARD zudem keine echte Geduld mit der Intendantenriege. Das ZDF probiert sich wenigstens mit dem Digitalkanal ZDF Neo, hier fehlt es aber meiner Meinung nach am richtigen „Tritt“, auch mal etwas größeres zu produzieren und auszuprobieren. Der Raum dazu wäre da und noch nie gab es wirksamere Möglichkeiten der Begleitberichterstattung, wie im Internet- und Facebook-Zeitalter.

Man müsste wollen. Mut zur Lücke haben. Leuten die Luft zum Experimentieren lassen. Mal das Publikum fragen, was es sehen möchte und vielleicht das Publikum auch einmal mitarbeiten lassen an der Entwicklung eines neuen Formates. Man will nicht. Und versteht nicht, dass auf die „klassische“ Weise das moderne Fernsehen von morgen nicht funktionieren wird.

Gottschalk Live – war was?

Vielleicht hätte man zur ersten Sendung von Thomas Gottschalk einen anderen Gast als Bully Herbig eingeladen, einem der wenigen Menschen mit der seltenen Begabung, sehr schnell sehr viel sehr wenig inhaltliches zu sagen. Vielleicht hätte man es mit etwas weniger jugendlich anmutendem Hipp probiert. Vielleicht hätte man Thomas Gottschalk vielleicht mal ein vernünftiges Einstiegsthema gegeben. Oder vielleicht die Studioeinführung etwas umfassender machen lassen. Keine Ahnung. Die „ARD-Standardkrawatte“ ist jedenfalls kein echter Hammer, denn wenn es einen Sender gibt, bei dem man fest davon überzeugt sein könnte, dass es Standardkrawatten geben könnte, dann ist es genau die ARD.

So war die Premiere von „Gottschalk Live“ eine Veranstaltung, die so durchgelaufen ist, wie normalerweise das normale ARD-Vorabendprogramm bisher durchgelaufen ist. Nach zehn Minuten hielt Thomas Gottschalk das hohe Tempo der Moderation nicht mehr durch und es ist seiner großen Moderationserfahrung zu verdanken, dass man sich dabei als Zuschauer nicht fremdschämen musste. Was war gleich noch? Wir haben „Social-Media-Frau“ Caro kennengelernt. Und einen ganz hippen Menschen mit gegelten Haaren und einem Drang, etwas sagen zu wollen, aber nicht zu dürfen. Und dann haben wir gelernt, dass Gottschalk keinen Cousin in Polen hat, sondern in Leipzig. Bully Herbig und die erste Werbepause kamen dann genau zur richtigen Zeit. Und dann noch einen Blick auf die Bild-Zeitung und dem heutigen Aufmacher, dass Seal und Heidi oder Heidi und Seal nun nicht mehr zusammenbleiben wollen. Nachricht von gestern. Auch wenn Thomas angeblich mit Heidis Vater telefoniert hat – die so deutlich beworbenen Menschen mit Twitter- & Facebook-Account haut so ein Thema nicht vom Hocker

Apropos Werbung und Zielgruppe: Immerhin gab es hier Vorschusslorbeeren, am deutlichsten zu sehen mit der Werbung von BMW. Tatsächlich war für so ein Unternehmen wie BMW die Zeit vor der Tagesschau eher kein Zeitraum, um dort einen Spot für die übliche Zielgruppe der 3er-Fahrer zu platzieren. Und es störte noch nicht mal der obligatorische Spot für die samstägliche Tagesschau, obwohl man die ja nun nicht wirklich bewerben muss.

Die zwei Werbepausen und das eingebettete Wetter (auf so ein Ding muss man auch erst einmal kommen) zersägten dann Gottschalk Einstand gänzlich. Einen entgleitendenden Dialog mit einem Schnellsprecher nach drei Unterbrechungen aufzufangen und in den paar Minuten dann auch noch halbwegs sinnvoll die Produktwerbung für Herbigs Film einzufriemeln, gelingt noch nicht mal Thomas Gottschalk. Zumindest lernt der Zuschauer, dass er immer noch ein Mensch ist und kein Moderationsroboter.

Und so beschlich mich nach 20 Minuten die gleiche, fast schon vergessene Angst und Ratlosigkeit darüber, wie Thomas Gottschalk diese Sendung, die für ihn eigentlich völlig nichtig und albern ist, zu retten vermag, ähnlich wie vor gefühlten 20 Jahren bei Gottschalks Ausflug in die RTL-Latenight. Nichts passiert, nichts haften geblieben und wenn ich die Sendung nicht aufgezeichnet hätte, hätte ich einige Punkte in diesem Artikel kaum noch zusammenbekommen.

Wird ein hartes Stück Arbeit, Thomas.

Die öffentlich-rechtliche Guttenberg-Verklärung.

Was die ARD heute wohl geritten hat, die Verabschiedung von Karl-Theodor zu Guttenberg live zur besten Sendezeit ins Programm zu nehmen, wird vermutlich auf ewig ein Rätsel bleiben. Generell gehören Zapfenstreiche zu eher öderen Veranstaltungen für Nichtbeteiligte und man muss schon ein gehöriges Faible für das Militär und den Staatsapparat mitbringen, um das als Zuschauer durchzustehen, selbst wenn man als Kameraassistent ja den Luxus hat, mit Arbeit etwas gegen die Müdigkeit tun zu können.

Dass aber die ARD ohne Not den Großen Zapfenstreich, also die feierliche Verabschiedung des Karl-Theodor zu Guttenbergs, der als ausgewiesener Blender mit einer zusammengeschlampten Dissertation eine Doktorarbeit erschwindelt hat, die Öffentlichkeit zehn Tage lang narrte, übertrug, das ist schon ein bemerkenswerter Vorgang. Ministerentlassungen sind in der Regel eine Randnotiz in Nachrichten – selbst bei öffentlich-rechtlichen Sendern – und Entlassungen von Verteidigungsministern nochmal extra unbeliebt, weil eben der militärisch geprägte Zapfenstreich eher Publikum abschreckt.

Aber, so wird man sich bei der ARD vermutlich gedacht haben, warum nicht auf die Guttenberg-Sympathiewelle aufspringen und der „Bild“-Zeitung ein Schnippchen dadurch schlagen, dass sie in die Zeitung kein Bewegtbild abdrucken kann? Einfach rauf auf den Sender, den Rest erledigt dann erfahrungsgemäß Karl-Theodor zu Guttenberg, der in jede mit Rotlicht versehene Kamera lächelt. Und dazu dann die Livemoderation von Ulrich Deppendorf, immerhin Chef des ARD-Hauptstadtstudios, der vor allem auch dadurch glänzte, streckenweise eine erschreckend unkritische Meinung aufzuwaschen.

Jeder Versuch der Rechtfertigung kann nur in die Hose gehen: Guter Minister? Unschuldiger Abgang? Erledigte Aufgaben? Nichts, nada, Null. Hier wurde einer entsetzlich grotesken Show gehuldigt und an der Glorifizierung eines Politikers gearbeitet, der nichts, aber auch rein gar nichts geleistet hat, außer zu lügen und zu blenden. Von „Staatsfunk“ können wir hier schon gar nicht mehr reden, denn der deutsche Staat kann gar nicht daran interessiert sein, so eine plumpe Propaganda senden zu lassen, um nicht fest daran zu arbeiten, weiterhin die Bananenrepublik aufzubauen.

Stell’ dir vor, es ist Revolution …

… und keiner berichtet darüber. Auch am Tag 5 der Unruhen in Ägypten tut sich in den deutschen Medien immer noch kaum etwas. Nehmen wir doch mal den gestrigen Samstag:

  • ARD: Nichts, außer die üblichen Nachrichten, immerhin mit großen Berichtsstrecken.
  • ZDF: Übliche Nachrichten, um 18:35 Uhr immerhin ein „ZDF-Spezial“, 25 Minuten lang.
  • Phoenix: Übernommene Tagesschau um 20 Uhr, eine Hintergrunddokumentation zu Hosni Mubarak um 13 Uhr, 30 Minuten lang.
  • N24: Nichts, außer den stündlichen, fünfminütigen (!) Nachrichten, dafür aber um 21 Uhr eine Dokumentation des Wüstenfuchses Erwin Rommel. Immerhin schon mal etwas Nordafrika.
  • n-tv: Nichts, außer den stündlichen Nachrichten. Um 18 Uhr immerhin eine halbe Stunde, um 20 Uhr zehn Minuten, ansonsten 5 Minuten.
  • Sat 1, Pro Sieben, alle RTL-Programme: Nichts, außer den normalen Nachrichten in bekannt dürftiger Qualität.

Defacto ist bei den deutschen „Nachrichtensendern“ N24 und n-tv Ägypten kein Thema, das offensichtlich eine außerplanmäßige Berichterstattung gerechtfertigen würde. Dabei dürfte übernehmbares Bildmaterial von Agenturen, das man verarbeiten könnte, in vermutlich dreistelliger Stundenzahl vorliegen.

Zum Vergleich:

  • Al-Jazeera English: Rund um die Uhr Liveberichterstattung, das normale Programm weitgehend zurückgestellt.
  • CNN International: Weitgehend rund um die Uhr Liveberichterstattung, ergänzt mit Hintergrundberichten und -diskussionen. Auch hier ist das normale Programm weitgehend zurückgestellt.
  • CNN USA: Die Hälfte des Programmes für Liveberichterstattung und Hintergrundinformationen aus Ägypten.

Selbst so Sender wie BBC World, France 24 English oder das japanische NHK World (über Astra empfangbar), die keine Nachrichtensender sind, sondern nur internationale Fenster von nationalen Sendern, machen allesamt eine weit größere und dichtere Berichterstattung, als alle deutsche Fernsehsender zusammen.

Online? Das Nachschauen bereitet noch viel mehr Schmerzen: Bei N24 und n-tv gibt es immerhin Artikel, die jedoch aufgrund der völlig unübersichtlichen und lieblos präsentierten Seiten in etwa den gleichen Informationsrang haben, wie die Berichterstattung aus dem Dschungelcamp, das bei beiden Websites ebenfalls eine Seite-1-Nachricht ist, selbst heute noch, am Sonntag. SPIEGEL Online und die Süddeutsche geben sich wenigstens Mühe mit einer Liveberichterstattung in Tickerform, ebenso die ARD unter tagesschau.de und das ZDF auf seiner Website. Die Welt versucht sich ebenfalls mit einem deutlich schlampigeren (und sicherheitshalber nicht mit Zeitstempeln versehenen) Liveticker und hält einsam das Fähnchen beim Axel-Springer-Verlag hoch.

Das Problem: Keine Informationsstrukturen vor Ort

Vor-Ort-Berichterstattung kann man in verschiedenen Qualitäten haben:

  • Einen eigenen Korrespondenten mit eigenen Produktionskapazitäten. Das macht Al-Jazeera und CNN, aber auch ARD und ZDF. Eigene Leute, eigene Technik, eigene Journalisten.
  • Einen freien Journalisten vor Ort, von dem gelegentlich Material gekauft wird. Funktioniert im Normalfall ganz gut, im Ernstfall dann schon weniger und wenn der freie Journalist wiederum vor Ort auf Fremdkapazitäten in Sachen Bild und Übertragung angewiesen ist, auch gern mal gar nicht.
  • Niemanden vor Ort. Bildmaterial wird zugekauft, die Berichterstattung erfolgt zu Hause unter Zuhilfenahme von Agenturmaterial. Manchmal hilft auch das Glück im Unglück, wenn ein Mitarbeiter des Hauses zufälligerweise im Krisengebiet Urlaub macht und seine eigenen Eindrücke per Telefon nach Hause telefonieren kann.

Wenn man sich anschaut, wie die Berichterstattung von CNN und Al-Jazeera funktioniert, wird einiges deutlich. CNN hat vor Ort Korrespondenten, die, wie bei CNN üblich, unter abenteuerlichen Umständen aus dem Hotel senden. Garniert wird das entweder mit eigenen Bildern vom Hotel aus oder es wird kurzerhand Bildmaterial von anderen Sendern übernommen und mit eigener Berichterstattung untermalt.

Die US-Produktionsideologie arbeitet zudem mit dem Paradigma eines Producers: Der Korrespondent vor der Kamera ist nicht der Chef der Mission, sondern ein eigener Producer, der auch die Fäden in der Hand hält. Der Producer entscheidet, welches Material gesendet wird und was der Korrespondent wo und wann berichtet. Und er hat darüber hinaus die Zeit, eigene Informationen von externen Informanten zu sammeln, auszuwerten und in die Berichterstattung einzubinden.

Kauft sich ein Sender im Spargang einen einfachen, freien Journalisten vor Ort, dann ist das in Krisenzeiten sowieso ein eher hoffnungsloses Unterfangen und leidet dann spätestens in hektischen Zeiten darunter, dass der einfache Journalist eben während dem Stehen vor der Kamera nicht gleichzeitig eine Recherche machen oder sich gar um ein Informantennetzwerk kümmern kann. Sprich: Es geht nur etwas, wenn man vorgesorgt hat als Sender und beizeiten schon Geld in einen Korrespondenten investiert, der vor Ort Informationsstrukturen hat.

Welche Sender sich welche Nachrichtenqualität gönnen? Einfach auch am Tag 5 in den Fernseher schauen und erleben bzw. nicht erleben.

Deutschland in der Nachrichtenwüste.

Seit dem ich selbstständig bin, erlaube ich es mir, auch am Tage mal mit dem Notebook vor die Glotze zu flitzen und nebenher fernzusehen. Als jemand, der einmal beim Fernsehen gearbeitet hat, bin ich für fiktionales „TV-Vergnügen“ zwar kaum mehr zu haben, es bleibt also quasi nur noch Nachrichtenfernsehen.

Nachrichtenfernsehen und unsere „Nachrichteneliten“

Dass wir in Sachen Nachrichtenfernsehen als Industrienation tatsächlich in der Diaspora leben, ist mir da erst letzten Sommer richtig bewusst geworden. Die beiden deutschsprachigen Platzhirsche n-tv und N24 sind nach spätestens einer halben Stunde nicht mehr zu ertragen, was einen einfachen Grund hat: Sie werden jeweils von TV-Imperien produziert, die ihr Geld vor allem mit Unterhaltungsdünnschiss verdienen – n-tv von der RTL-Gruppe, N24 von ProSiebenSat1.

Das Format beider „Nachrichtensender“ ist dabei herzlich einfach: Ein Nachrichtenblock zur vollen Stunde, tagsüber auch zur halben Stunde. An Werktagen zudem täglich Informationsblöcke zur Frankfurter Börse, bei besonderen Events dann alles garniert mit höchst seltenen Live-Schaltungen. Der Rest des Tages wird mit meist aus den USA zugekauftem Dokumentationsmüll zugekleistert, der vor allem eines ist: Einfach produziert und billig in der Anschaffung. Ansatzweise gut informiert ist man weder bei n-tv, noch bei N24. Übrigens auch in keinem anderen Programm aus dem RTLProSiebenSat1-Konglomerat, was mir vor einigen Wochen mit Schrecken auffiel, als ich mir die „Pro Sieben Nachrichten“ mit der unsäglichen Christiane Gerbot antat, die tatsächlich als soetwas wie eine „Nachrichten-Queen“ gehandelt wird. Sicher: Gebissprobleme und Sprachfehler sind bedauerlich und oft kann man auch nichts dafür – allerdings kann man, wenn man auf halbwegs professionellem Niveau Nachrichten lesen will, sich zumindest mal darum medizinisch kümmern lassen. Gelispelte und genuschelte Nachrichten, zusammen mit einem unglaublich schlecht aussehenden Gebiss sind nicht wirklich vertrauensbildend, wenn es um Nachrichten geht.

Es ist übrigens eine Mär, zu glauben, mit Nachrichten im Fernsehen könnte man kein Geld verdienen. Man kann das durchaus, allerdings auf fundamental andere Weisen, als herkömmliches Fernsehen. Während beim herkömmlichen Fernsehprogramm die Buchung der meisten Werbeblöcke Tage und Wochen im voraus passiert, ist es bei Nachrichtenkanäle meist genau andersherum. Für Magazine und geplante Programmbestandteile gibt es Werbeblöcke, hier ist Nachrichtenfernsehen aber eher eine Spartenanwendung und die Preise für Werbeplätze eher günstig.

Die wirklich spannende Zeit für Nachrichtensender kommt immer dann, wenn es zu „Breaking News“ kommt, also aktuelle Geschehnisse auftreten. Professionelle Nachrichtensender wie CNN, Al-Jazeera & Co. haben ihre Kompetenz vor allem hier: Extrem kurzfristige Programmplanung in Ernstfällen, Definition von Werbeblöcken und wiederum extrem schnelle Vermarktung dieser Werbeplätze bis hin in Minutenbereiche. Tatsächlich läuft da in Breaking-News-Zeiten bei einem echten Nachrichtensender eine ganze Maschinerie von grundverschiedenen Abteilungen Hand in Hand:

  • Nachrichtenbeschaffung vor Ort
  • Technik zum Übertragen der Nachrichten zum Nachrichtensender
  • Backoffice zur Nachrichtenaufbereitung
  • Das Fahren des eigentlichen Nachrichtenprogramms
  • Vermarktung der Werbeblöcke
  • Zweitverwertung des produzierten Nachrichtenmaterials bei anderen Sendern

Alles Punkte, bei denen man herzlich lachen kann, wenn man sich unsere „Nachrichteneliten“ n-tv und N24 anschaut. Nachrichtensender gibt es in Deutschland nicht.

Warum kein öffentlich-rechtlicher Auftrag in Sachen Nachrichtensender?

Das ist eine Frage, die sich mir an dieser Stelle entsetzt stellt, während ich die Nachrichtenlage aus Ägypten tatsächlich aus dem Internet, aus CNN, aus Al-Jazeera und aus dem Radio (!) verfolgen muss. Die „Nachrichteneliten“ n-tv und N24 begnügen sich mit Billigdokus aus der Konserve über Sprengmeister respektive über den Spezialtransport eines Brückenteils. Man kann getrost sagen: n-tv und N24 üben sich verzweifelt darin, die Nachrichtenlage vorüberziehen zu lassen, weil sie vermutlich keinerlei Produktionsressourcen in Ägypten stehen haben und – das ist eine unbelegte Vermutung – auch kein Interesse haben dürften, eigene Nachrichten dort zu produzieren. Das würde nämlich Geld kosten und das muss man in der Logik des Nachrichtenfernsehens mit einem Korrespondentennetz bzw. mit kurzfristig verschobenen Produktionskapazitäten zunächst einmal vorstrecken. Faktisch gesehen sind wir im deutschen Fernsehen außerhalb der öffentlich-rechtlich produzierten Nachrichten nicht einfach nur schlecht informiert – wir sind es praktisch gar nicht.

Dass ARD & ZDF durchaus ein großes Interesse daran haben, einen eigenen Nachrichtenkanal aufzubauen und zu betreiben, ist nicht neu. Die Light-Version gibt es schon seit vielen Jahren und nennt sich Phoenix. Schon der Untertitel „Ereignisfernsehen“ sagt sehr genau das aus, denn die implizierten Ereignisse sind eben aktuelle Geschehnisse, meist innerhalb Deutschlands, von denen Phoenix dann direkt sendet, unter Zuhilfenahme der Produktionskapazitäten von ARD und ZDF. Darüber kann man streiten, muss aber nicht, denn ARD und ZDF haben sowohl die Produktionskapazitäten und Korrespondentennetzwerke in Deutschland, als auch in der Welt. Und beide Sender sind etabliert und weltweit Autoritäten im Fernsehbereich.

Wem das natürlich alles nicht gefällt, ist eben dem RTLProSiebenSat1-Konglomerat, dass natürlich nicht wirklich daran interessiert ist, dass öffentlich-rechtliches Fernsehen ihnen das Wasser abgräbt, selbst nicht das klägliche und brackige Wasser, dass sie im Nachrichtenbereich äußerst sparsam selbst produzieren. Aus diesem Grund sorgt eine ganze Heerschar von Lobbyisten dafür, allen Politikern gebetsmühlenartig ständig darüber zu informieren, wie schädlich es doch für das Privatfernsehen wäre, wenn ARD & ZDF einen eigenen Nachrichtensender aufziehen würden, der zu einem Teil oder gänzlich aus Gebührengeldern finanziert wäre. Ja, es kursiert in vielen „Argumentationshilfen“ sogar die krude Argumentation, dass ein öffentlich-rechtlicher Nachrichtensender „schädlich für neutrale Nachrichten“ sei. Dann also lieber gar keine Nachrichten, so wie der heute Status Quo.

Meine höchst subjektive Meinung: n-tv und N24 hatten ihre Chance, zu beweisen, dass RTLProSiebenSat1 daran interessiert sein könnte, auch Nachrichtensender zu betreiben, die dem Bedarf an Nachrichten gerecht werden. Das nutzen beide Sender offensichtlich nicht, aus welchen Gründen auch immer. Aus diesem Grund ist nun tatsächlich die Frage zu stellen, wie wir es im deutschen Fernsehen zukünftig mit Nachrichtenfernsehen gestaltet haben wollen und ob man sich nicht endlich einmal näher mit der Idee beschäftigen soll, Phoenix zu einem echten Nachrichtensender aufzuwerten, diesen weiterhin unter der Kontrolle von ARD und ZDF zu belassen und für diesen Sender das Werbeverbot nach 20 Uhr und an Wochenenden aufzuheben. Die deutsche Fernsehlandschaft würde das nicht nur vertragen – sie braucht es dringender als je zuvor.

Olympia in ARD und ZDF.

Mit Sportübertragungen im Fernsehen konnte ich die letzten 15 Jahre wirklich nicht sehr viel anfangen. Das liegt vermutlich an meinen traumatischen Erfahrungen als Kameraassistent mit Kameraeinsätzen bei der Eintracht Frankfurt, Mainz 05 und dem VfB Stuttgart. Für Fernsehleute ist Sport das härteste Arbeitsumfeld, die der Enthusiasmus zu bieten hat und das fällt vor allem dann auf, wenn man sieht, dass es unter Kameraleuten auffallend wenig eingefleischte Fußballfans gibt.

Die Olympischen Winterspiele von Vancouver haben das aber nun gedreht, was aber vor allem an der überzeugenden Berichterstattung liegt. Und als alte Fernsehproduktionssau begeistert mich vor allem, wie nun endlich auch die Technik mit dem „Journalistenwillen“ Schritt halten kann:

High Definition

Ganz klar, HD ist der zentrale Meilenstein im Sport. Produziert werden die Bilder im Mutter aller Formate, nämlich in Full-HD mit 1080 Linien und 60 Vollbildern pro Sekunde. Von ARD und ZDF werden die Bilder auf das „kleine HD“ mit 720 Linien heruntergerechnet und darüber hinaus auf 50 Vollbilder reduziert, denn dieses „720p50“ ist das Hausformat der European Broadcasting Union (EBU).

Das „kleine HD“ tut dem Spektakel jedoch keinen Abbruch, denn es ist weniger die Linienzahl, die das Bild macht, sondern die Zahl der Bilder pro Sekunde: Mit normalem PAL lassen sich nur 25 Bilder pro Sekunde übertragen, die dann in einer Mogelpackung als 50 Halbbilder pro Sekunde übertragen werden; zuerst das Halbbild mit ungerader Zeilenzahl, danach das nächste Halbbild mit gerader Zeilenzahl und so weiter. Übertragungsformate mit 50 Halbbildern führt zwar zu flüssigeren Bewegungen als mit 25 Halbbilder (man denke bei letzteres an das Kino, das mit 24 Vollbildern arbeitet), allerdings sehen Bewegungen von Hause aus “verwaschen” aus, Details kommen einfach nicht gut herüber, als mit 50 Vollbildern.

Was ARD und ZDF da also an Bildern von den Sportstätten mit 720p50 liefern, ist wirklich Bewegtbild in High End, erste Sahne.

Kinoton

Früher waren Sportübertragungen einfach und schrecklich. Man hatte das Bewegtbild, man hatte mehr oder weniger guten Ton von der Veranstaltung und man hatte den Ton des Kommentators in telefonhörerartiger Qualität. Und das trifft es schon genau, denn früher kamen von Sportstätten das “Weltsignal”, also Bild und Ton ohne jeglichen Kommentar. In den Kommentatorkabinen, die unmittelbar an den Sportstätten liegen, saßen dann die Kommentatoren am Telefon, das zur jeweiligen Sendezentrale verbunden war und kommentierten tatsächlich über das Telefon. Das sorgte zwar für den typischen “fernen” Eindruck von Livekommentaren, allerdings ist ein “schöner” Ton nicht zu unterschätzen.

Ironischerweise glauben auch heute noch viele Fernsehzuschauer, dass der “schöne” Ton der heutigen Livekommentare so schön ist im Gegensatz zum Telefongenuschel von früher, dass der Kommentator unmöglich vor Ort sein kann, sondern möglicherweise im warmen Sendezentrum in Deutschland sitzt. Das ist aber tatsächlich nicht so, die Kommentatorkabinen an den Sportstätten gibt es immer noch, nur gibt es inzwischen für die Tonübertragungen vernünftige und bezahlbare Bandbreiten.

Im übrigen sei angemerkt, dass Raumklang inzwischen der Normalfall ist. Wer also zu Hause eine vernünftige Surround-Soundanlage hat, kann die auch einsetzen.

Entfesselte Kamera

Die entfesselte Kamera halte ich für die eigentliche Revolution in der Sportübertragung. Das hat man sehr schön bei den Biathlon- und Langlaufwettbewerben gesehen. Dort gibt es das übliche “Weltbild”, aber unmittelbar vor den eigentlichen Wettbewerben noch Kommentare vor Ort von einem Moderator und einer/einem Expertin/Experte. Dieses Bild wird schon von einem eigenen Produktionsteam der jeweiligen Fernsehanstalt produziert, ist aber inzwischen auch nicht mehr unüblich.

Was allerdings dann schon richtig neu war, war die schnelle Schaltung zum jeweiligen Bundestrainer während den Wettbewerben, um so ein brandaktuelles Stimmungsbild einzuholen. Gerade die so eingefangenen Livekommentare von Langlauf-Bundestrainer Jochen Behle waren mehr als “live” und wirklich mitten aus dem Geschehen heraus. Der Begriff “geil” trifft es für diese Art der Liveberichterstattung gerade noch so.

Für all diese Spielereien braucht man eine “entfesselte Kamera”, die einerseits ohne groß verlegte Kabel auskommen muss, andererseits aber live ihre Bilder in die Produktion übertragen kann. Das macht man inzwischen mit an den Spielstätten vorhandenen Funknetzen und für Fernsehsender reservierte Funkkanäle, in die sich die jeweiligen Kameras einfach einschalten, egal wo sie gerade in der “Funkwolke” stehen.

Wer das miterleben möchte: Heute Abend gibt es ab 20:30 Uhr den Biathlon-Wettbewerb 4×7,5 km Staffel Herren. Ab 20 Uhr einschalten und miterleben. Auch für absolute Sportmuffel ideal zum Staunen.

Das Studio an den Sportstätten

Was die entfesselte Kamera von ARD/ZDF direkt vor Ort an den Sportstätten im Olympiaort Whistler produziert, landet nicht direkt im so genannten “International Broadcast Center” in Vancouver, in dem praktisch alle Fernsehsender kostengünstig produzieren können, sondern im eigens eingerichteten Produktionsstandort in Whistler, wo auch das “Panoramastudio” der beiden Sender steht, das man auf das Hilton Hotel von Whistler aufgebaut hat. (An dieser Stelle Dank an ARD-Redakteur Dirk Hofmeister, der mir via Twitter den Tipp gegeben hat, da ich in Google Earth partout nicht das passende Dach finden konnte. Auch diese Art der Interaktion per Web 2.0 – Respekt. Man muss es nur tun.)

Diese Zwischenstelle in der Produktion mag zwar nicht gerade wenig Geld kosten, allerdings ist das ein Schlüsselelement in der gesamten Berichterstattung, denn nur so hat man die Sportler, die ihre Wettbewerbe in Whistler absolvieren, direkt in einer heimeligen Atmosphäre für die Nachberichterstattung und zudem kann man auch hier eben verhältnismäßig einfach mit den Teams in den Sportstätten live – und eben wirklich “live” – interagieren.

Lobbyisten gegen Opportunisten gegen Protektionisten gegen Kommunisten.

Eigentlich ist es zum Brüllen komisch, wenn es nicht gerade um die öffentliche Meinungsbildung der Republik ginge. Wir nehmen drei Spieler für unser Spiel:

  1. Lobbyisten, in diesem Spiel der Axel-Springer-Verlag mit seiner eher einfältigen Paid-Content-Strategie, die sich weitgehend auf die Pflege zweier iPhone-Apps für die beiden größten Springerblätter BILD und WELT beschränkt und einer stümperhaften Zugriffssperre für iPhones auf die Websites der beiden Blätter.
  2. Opportunisten, der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland, in diesem Spiel insbesondere die ARD, die auch auf die Idee gekommen ist, eine eigene iPhone-App zu entwickelt, die immerhin kostenlosen Zugriff auf Inhalte der Tagesschau ermöglichen soll.
  3. Protektionisten, in Form von Politikern, die Dies und Das protektionieren.
  4. Kommunisten, in diesem Spiel die bösen Internet-Nutzer, die, aus Sicht so manch Herausgebers, schmarotzend durch das Web vagabundieren und  den Inhaltsanbietern alles vom Teller klauen.

Und nun dürfen wir seit den letzten Tagen ein bizarres Schauspiel erleben. Name des Spiels: „Alle gegen einen und alle diese irgendwie auch gegeneinander.“

Der Axel-Springer-Verlag hat im Spiel den ersten Zug getan und beschlossen, jetzt im Internet Geld zu verdienen. Irgendwie. Vielleicht hat einer der Verantwortlichen ein iPhone und entdeckt, dass dort ein fürwahr netter Verkaufsladen eingebaut ist, mit dem man seine Inhalte irgendwie verscherbelt bekommt. Da iPhones auch eher zur höheren Konsumklasse gehören, muss da auch Geld verdient werden können.

Also flux zwei Apps programmieren lassen und rein in den App-Store. Achso, das iPhone hat einen Webbrowser? Okay, kein Problem, sperren wir einfach die Websites der betreffenden Zeitungen, die nur noch kostenpflichtig per App betrachtet werden sollen, für Zugriffe des iPhone-Webbrowsers. Und los geht es! Die Apps kosten jeweils 79 Cents und es ist auch nicht so ganz deutlich, dass mit diesen 79 Cents nur ein Abo für die ersten 30 Tage verbunden. Aber egal, die Apps schieben sich sofort auf die Hitlisten und allein das ist doch schon mal ein paar Flaschen Champagner wert.

Funktioniert das alles? Letztendlich egal, denn die flankierenden Töne aus dem Axel-Springer-Verlag lassen nachdenklich werden. Die Internet-Nutzer sind weiterhin „Kommunisten“, die alles kostenlos haben wollen. Selbstverständlich ist nicht der Content schuld, dass immer weniger Menschen Zeitungen lesen wollen und man redet natürlich auch nicht so gern darüber, dass man online sicherlich eine erkleckliche Summe Geld durch Werbeeinnahmen verdient, aber brüllen ist nun mal einfacher, als ernsthaft zu diskutieren.

Sprich: Würden diese beiden Apps funktionieren und genügend Menschen zu kostenpflichtigen BILD- und WELT-Abonnenten werden, wäre alles in Ordnung für den Verlag. Würden nicht genügend Menschen Abonnenten werden, wäre es aus der Sicht des Axel-Springer-Verlages eine Bestätigung über die Kommunisten, die eben nichts zahlen, sondern schmarotzen wollen.

Nächster Zug, man sollte es nicht glauben, die alte Tante ARD. ARD-Verantwortliche denken laut darüber nach, auch eine iPhone-App zu schreiben, diesmal für die gute, alte Tagesschau. Bekanntlicherweise gibt es auf dem iPhone ja nicht eine einzige Nachrichten-App und dummerweise mit der App der Deutschen Welle… na gut, die Deutsche Welle ist ja auch eher fürs Ausland gedacht. Egal, das iPhone ist irgendwie hipp und selbst wird man hipp, wenn man auf hippen Wellen mitreitet.

Huch, denkt sich jetzt der Axel-Springer-Verlag, wer fährt uns denn da in die Parade. Nachrichten-Apps, das haben wir doch im Programm und eigentlich wollen wir damit doch Geld verdienen. Wie aber Geld verdienen, wenn andere Leute ihr Zeug ebenfalls als App ins iPhone stellen? Nun gut, das kann man in einer freien Marktwirtschaft nicht wirklich verbieten, aber Moment – die ARD ist ja eben öffentlich-rechtlich. Höchste Eisenbahn, mal ein paar Telefonate zu führen.

Nächster Zug: Politik. Die Anrufe fruchten und es finden sich Politiker über die Weihnachtszeit, die nicht nur ihre Wunden lecken oder einfach ein paar freie Tage genießen, sondern auch etwas zu sagen haben. Mit dem Kulturstaatsminister Bernd Neumann sogar einen Politiker aus der zweiten Reihe! Nein, es kann ja nun wirklich gar nicht sein, dass die ARD bzw. der öffentlich-rechtliche Rundfunk den privaten Nachrichtenlieferanten Konkurrenz macht. Die Argumentation ist zwar stark fragwürdig und eigentlich völliger Nonsens, weil alle Beteiligten im Internet (also dem App-losen Ding) schon längst eine weitgehend friedliche Koexistenz pflegen.

Weiter im Spiel: Im die ARD ausschimpfenden Artikel, der sinnigerweise auch noch in der WELT erschienen ist, dürfen Politiker gleich die ganze Munition gegen die ARD verschossen, darunter das zentrale K.O.-Argument, das CDU-Medienfachmann Wolfgang Börnsen in die „BILD“ diktierte, dass nämlich eine Nachrichten-App der ARD die Brüsseler Behilfeentscheidung gefährden könnte. Und das wäre dann der richtige Super-GAU, denn diese Beihilfeentscheidung stellt grundlegend in Frage, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk denn eigentlich so machen darf und was nicht. Sie dürfen Rundfunk machen, aber während beispielsweise die GEZ nicht so wirklich zwischen Rundfunk, Internet und vermutlich auch nicht zwischen Waffeleisen und singenden Kochtöpfen unterscheiden kann, kann es die EU sehr wohl.

Die Lobbyisten haben also Angst um ihre Argumentation, die von den Opportunisten konterkariert wurde und aus diesem Grund werden die Protektionisten von den Lobbyisten gegen die Opportunisten in Stellung gebracht.

Manchmal kann es, zumindest zeitweilig, sehr lustig sein, Kommunist zu sein.

Die Polizei aus Sicht der ARD.

Wer die ARD-Vorabendserie „Großstadtrevier“ nicht kennt, könnte über die vermittelnden Botschaften des eindringlich dafür propagierenden Werbebanner glatt irritiert sein. So habe ich mir Polizisten eigentlich schon immer vorgestellt:

Szenen eines Werbebanners für die ARD-Vorabendserie "Großstadtrevier"

Dummerweise ist die Serie auch genau so, wie das Klischee zu vermitteln versucht. Willkommen in der ARD und willkommen bei der deutschen Polizei. „Bärendienst erweisen“ nennt man so etwas dann auch.

Würde die ARD Giga.de kaufen?

Vor einigen Jahren hätte man noch sagen können: Auf gar keinen Fall. Die ARD kauft nichts, was sie a) nicht selbst erfunden hat, b) was modern wirken könnte, c) was albern ist und d) was mehr als 20 Euro kostet.

Heutzutage gilt genau das Gegenteil. Auf der inzwischen verzweifelten Suche nach Zuschauern unter 55 Jahren, die nicht nur das Erste anschauen, weil es zufälligerweise bei vielen Fernsehern das erste Programm ist, das nach dem Einschalten des Fernsehers auf dem Bildschirm erscheint, ist nichts mehr sicher vor der Altherrenriege der Anstaltsleitungen, die sich auch heute noch traditionell mindestens einmal in der Woche in einer Telefonkonferenz trifft und möglicherweise das schon richtig modern findet. Immerhin ist gelebte Dezentralität das Credo der ARD und ist nicht auch das Internet irgendwie dezentral?

Anyway: Giga.de ist am Ende. Der lustige Handkäsesender für Computerspiele, amerikanische Sportarten, Lifestyle, Promi-News. Mit furchtbar jungen Moderatoren und offenbar auch furchtbar jungem Produktionsteam, die sich auf furchtbar burschikose Kameraführungen spezialisiert haben. Premiere, der derzeit letzte Besitzer des Formates, hat augenscheinlich ganz andere Probleme und muss das Ding loswerden.

Da es ja nun auch schon einen schwarzen US-Präsidenten gibt und man heutzutage tatsächlich auch für jeden umfallenden Sack Reis eine eigene Facebook-Unterstützergruppe einrichten kann, hat die Giga.de-Community – immerhin angeblich 1,5 Millionen (!) Mitglieder stark – nun doch tatsächlich die Lösung gefunden: Endlagerung bei der ARD.

Man bloggt sogar schon liebevoll mit Rechtschreibfehlern und hält Interviews (bezeichnenderweise mit ARD-Sendern). Und auch wenn ARD und ZDF mit Computerformaten im Fernsehen nach wie vor nichts anfangen können – kein noch so kruder Hype ist vor der ARD inzwischen sicher, immerhin darf sogar Oliver Pocher bei der ARD auf den Sender, sogar vor Publikum. Noch vor zehn Jahren wäre sowas sofort vom Sicherheitsdienst aus dem Haus getragen worden.

HD an Weihnachten.

Wer einen HD-fähigen Receiver und einen passenden HD-Fernseher hat, hat über Weihnachten wieder die Gelegenheit, etwas mehr HDTV als üblich zu sehen. Die ARD sendet das Programm von EinsFestival wieder simultan auch in HD (Astra 1, 12,422 GHz horizontal, Symbolrate 27.500, 3/4), wenn auch wieder nur in der EBU-empfohlenen HD-Schmalspurversion 720p.

Unter anderem wird heute seit um 11.45 Uhr die gesamte (!) elfteilige BBC-Serie Planet Erde in HD ausgestrahlt, immerhin bis um 20 Uhr. Das ziehen die Freunde dann nochmal am Donnerstag und nochmal am Dienstag durch, so dass man durchaus ziemlich geplättet am Fernseher sitzen und staunen darf. Die Bluray-Discs sind allerdings mit vollen 1080p noch um einiges grandioser, wohingegen die DVD-Fassungen fast wie Versionen aus dem Kinderzoo wirken.