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“Dieser Content ist in deinem Land nicht verfügbar, da er aufgrund einer Regierungsanfrage entfernt wurde.”

5. Oktober 2011 | 1 Kommentar | Veröffentlicht in MedienWelt

Ich habe heute morgen zuerst gedacht, da macht sich irgendjemand lustig über unsere Bundesregierung. Völlig verständlich, weil ohne bissigem Sarkasmus selbst die SPIEGEL-Redaktion die aktuelle Legislaturperiode nicht mehr erträgt. Was aber hinter dieser Aktion steckt, dürfte sehr spannend werden und die Frage klären, ob wir inzwischen schon so weit sind, dass unser Staat sich nicht mehr zu schade ist, für alle sichtbar Zensur zu betreiben:

Der Beitrag findet sich bei YouTube genau hier: http://www.youtube.com/watch?v=ZcEdfgTynCs

Auf Twitter liest man, dass das ZDF sich um die Geschichte mit der “Regierungsanfrage” bereits kümmert. Abwarten, Tee trinken.

Update 1: Die WISO-Redaktion hat relativ schnell um halb zwölf reagiert und in ihrem Blog einen Artikel hierzu geschrieben. Dabei wird erwähnt, dass die obige Sendung nicht im offiziellen ZDF-YouTube-Kanal veröffentlicht wurde, das ZDF aber nicht der Auslöser der Sperrung sei. Von anderer Stelle im Web wird davon gesprochen, dass die Sendung, die in der ZDF-Mediathek zu finden ist, an einer Stelle geschnitten ist, da das ZDF aktuell in einem Rechtsstreit mit der Sparkasse Bremen sei, die in diesem Teil der Sendung erwähnt wird. Wie es allerdings zur obigen Meldung kommt, dass die Sendung “aufgrund einer Regierungsanfrage entfernt wurde”, entschließe sich beim ZDF. In der Zwischenzeit ist die Meldung auf YouTube in die englischsprachige Standardmeldung geändert worden, dass der Content aufgrund “legal complaint” entfernt wurde.

Update 2: Das ZDF hat sich nun einem noch längeren Artikel unter heute.de mit dem Thema beschäftigt und auch ein Feedback von Google eingeholt. Dort wird die obige Vermutung bestätigt, dass der Beitrag wegen einem Rechtsstreit gesperrt wurde, bestätigt. Es handelt sich dabei um die Sparkasse Bremen, die wegen einer Darstellung in der Sendung eine einstweilige Verfügung gegen das ZDF erwirkt hat und das ZDF daraufhin den Beitrag in der eigenen Mediathek entsprechend geschnitten hat. Google hat die Sendung dann aufgrund Beschwerde, wohl dann ebenfalls von der Sparkasse Bremen, entsprechend gesperrt, aber eine falsche Begründung für die Sperrung angegeben.

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Zur deutschen “Wired”.

11. September 2011 | 1 Kommentar | Veröffentlicht in MedienWelt

Natürlich hätte ich es besser wissen können. Die deutsche Ausgabe von “Wired” kann nicht eine grundlegend andere “Wired” sein, wie das amerikanische Original. Ein Magazin, das von vielen so genannten Geeks geschrieben wird und sich an Wannabe-Geeks richten soll. An die Kategorie von Möchte-gern-Geeks, die vom neuesten Nippes und Gadget in den üblichen Kanälen noch nichts mitbekommen haben und im Gegensatz zu den echten Geeks den Krempel, der da angeboten wird, potentiell auch viel eher kaufen geht. Demzufolge überrascht es überhaupt nicht, dass die Erstausgabe der deutschen “Wired” nicht im Einzelverkauf erhältlich ist, sondern als Beilage zur Zeitschrift “GQ” erscheint, einem der bunten und glücklicherweise völlig belanglosen Magazine für so genannte Männer.

So überraschen die Artikel, die nichts mit Netzkultur zu tun haben, auch überhaupt nicht. Von einem “Wissenschaftler, der in einem 140 Jahre alten Labor versucht, den besten Gin der Welt zu brennen”. Oder einem Artikel, der in gefühlten fünf Sätzen erklären möchte, wie “nasse Hunde, Ratten und Bären helfen, die perfekte Waschmaschine zu konstruieren”. Das ist DMAX-Niveau, wobei glücklicherweise (noch) die American Chopper und die ganz furchtbaren Ludolfs fehlen.

Die wirklich interessanten Geschichten erkennt man sehr einfach: Es sind allsamt bereits in der Blogosphäre bekannte Gesichter, die auch in der “Wired” keine grundsätzlich andere Haltung darlegen und deren “Wired”-Artikel vermutlich zu den kürzesten Artikeln gehören, die sie je geschrieben haben. Die einzig wirklich interessante Rubrik, die “Fünf Stimmen”, in denen fünf Kolumnisten über “eine neue Zeit und ihre Menschen” philosophieren, hat einen guten Ansatz, der allerdings nicht über die reicht berichterstattende Erklärweise hinausreicht. Doch halt: An einer Stelle wird es dann doch fast philosophisch: Bei einer Vorstellung von Menschen, die mutmaßlich die Welt verändern wollen und offenkundig daher als Geeks tituliert werden und denen das Magazin in bester Schlagzeilenmanier die Welt geben möchte.

Der Rest der elektronischen Ausgabe auf dem iPad, die ich gekauft habe, ist hochgradig nerviges Geklickere, Gezapple und akustisch nervtötendes Generve, das das Ding auf schlappe 660 Megabyte aufbläht. Und penetrante BMW-Werbung mit Autos, die es nicht zu kaufen gibt. Aber das ist dann schon wieder für viele Menschen geekig genug.

Die deutsche “Wired” braucht, so wie das amerikanische Original, schlicht kein Mensch, weil sie trotz vieler Seiten, bunten Bildern und einem hier und da recht kreativen Layout eigentlich nichts sagt, was man als die vermeintliche Zielgruppe nicht schon mal im Web irgendwo gelesen hätte. Und daher ist die “Wired” eher ein Magazin für Menschen, die sich dazugehörig fühlen, aber möglichst keinen Aufwand betreiben wollen oder von alldem keine Ahnung haben, aber etwas hippes Papier auf dem Interlübke-Regal ausgelegt sehen wollen.

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iPad, Zeitungen und ein paar Erfahrungen mit der älteren Generation.

25. August 2011 | 1 Kommentar | Veröffentlicht in MedienWelt

Vor vier Wochen kam ich auf die fatale Idee, im iPad-AppStore nachzuschauen, was es denn dort an türkischen Zeitungen so gibt. Gefunden habe ich unter anderem die Hürriyet, das ist die Tageszeitung, die mein Vater seit Jahrzehnten täglich kauft und liest. Der Fehler bestand darin, das meinem Vater zu zeigen, mit dem Hinweis, dass die iPad-Version (vorerst) nichts kostet.

Seitdem sehe ich mein iPad nur noch dann, wenn die Batterie leer ist und die leert mein Vater problemlos in drei Tagen. Mein Vater, dessen jahrelange Abneigung gegen Computer darin bestand, dass er es für komplette Verblödung hält, mehr als zehn Minuten in einen Computerbildschirm zu schauen, schaut nun problemlos drei Stunden am Stück (!) ins iPad zum Zeitunglesen. Das alles hat eine Reihe von Nebenwirkungen, die ich mal punktweise als Erfahrungssplitter aufführen möchte. Wir Onliner tun uns ja bekanntlicherweise etwas schwer damit, die Leute “da draußen” zu verstehen:

  • Die Hürriyet macht es verhältnismäßig einfach: Der Verlag hat eine App gebaut, die die jeweils aktuelle Ausgabe in voller Gänze einbindet. Man hat also, ähnlich wie eine PDF-Datei, die gesamte Zeitung und kann in sie hineinzoomen. Das heften wir “Digital Natives” vielleicht als “old school” ab, für so Herrschaften wie mein inzwischen siebzigjähriger Vater ist das die einfachste Art, die Zeitung zu lesen.
  • Weiterhin macht der Verlag einen weitere, clevere Geschichte: Die Hürriyet gibt es nämlich in verschiedenen Ausgaben und die sind allesamt in der iPad-App verfügbar. In der Türkei gibt es diverse Regionalausgaben, für Europa zudem eine europäische Version. Da mein Vater sich vor allem für die türkische Innenpolitik interessiert, ist die türkische Ausgabe die interessantere für ihn.
  • Einen auf diese Weise zeitunglesenden Menschen für das Web zu begeistern, ist übrigens ein hoffnungsloses Unterfangen. Selbst der Hinweis darauf, dass er mit einigen extra von mir auf den Home-Screen positionierten Web-Apps auf Websites wie z.B. eben Hürriyet Online oder gar auf mein Blog käme, verhallt. Alles uninteressant. Der Zeitungsleser liest auf dem iPad eben seine Zeitung.
  • Ein Nebeneffekt: Mein Vater liest keine Bild-Zeitung mehr. Die kaufte er zwar auch schon seit Jahrzehnten, aber die war nur das “Anhängsel” zur Hürriyet. Wird die Hürriyet nicht gekauft, wird auch die Bild-Zeitung nicht mehr eingeholt. Dass es die Bild-Zeitung als App gibt, interessierte meinen Vater spätestens dann nicht mehr, als ich ihm mitteilte, dass das aber Geld kostet.
  • Die spannende Frage: Würde mein Vater die Hürriyet auch weiterhin auf dem iPad lesen, wenn sie Geld kosten würde? Auf die Frage weiß er akut keine Antwort, was eigentlich kein so wirklich gutes Zeichen ist, denn so zieht offenbar die elektronische Version gar nicht so sehr, wie man sich möglicherweise von Verlagsseite erhofft. Dass man die Zeitung so schon frühmorgens lesen kann, das ist gar nicht so sehr das Killerargument für ihn. Und die Frage, dass ein iPad ja richtig Schotter kostet und das Internet ja nicht einfach so in der Luft liegt, wie es den Anschein macht, ist da auch noch nicht beantwortet. Wer das Internet an sich kaum benutzt, sondern nur Zeitung lesen möchte, zahlt so massiv drauf, dass selbst die elektronische Zeitung als Geschenk ein teurer Spaß bleibt.
  • Multimediale Werbung in der elektronischen Zeitung ist meinem Vater bisher gar nicht aufgefallen, obwohl die Hürriyet da durchaus fortschrittlich Rich-Media-Anzeigen einbettet, beispielsweise Videosequenzen. Die sind alle durch ein Wiedergabesymbol gekennzeichnet und ich habe das meinem Vater auch mal gezeigt, aber empfänglich ist er dafür noch nicht mal ansatzweise.
Ein paar niedliche Nebeneffekte:
  • Früher “hörte” man meinen Vater beim Zeitunglesen, nämlich am Papierrascheln. Heute muss man tatsächlich nachschauen, was er treibt.
  • Mein Vater musste sich abgewöhnen, sich ständig beim Zeitunglesen an die Stirn zu fassen. Stirn hat naturgemäß Fett und wenn man da herumpult, bekommt man fettige Finger und fettige Finger sorgen dafür, dass man den Touchscreen alle halbe Stunde putzen darf. ;-)
  • Für “technische Unzulänglichkeiten” hat mein Vater kaum Verständnis. Wie, der Akku ist nach doch schon 11 Stunden Dauerbetrieb leer? Wie erkennt man das? Am “Flaschensymbol” (das Batteriesymbol…)? Warum funktioniert das Laden der Zeitung nicht, wenn das Haus wegen vorübergehenden Arbeiten an der Spannungsversorgung ohne Strom ist (das zum Thema: “Das Internet kommt aus der Luft”). Das iPad hat schon eine hohe Idiotensicherheit, aber es gibt für Hersteller von Tablets noch viel, viel zu tun. Die Leute, von denen man noch lernen könnte, was noch fehlt, die haben meist noch keines.

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Liveberichterstattung aus der letzten Reihe.

22. August 2011 | 2 Kommentare | Veröffentlicht in MedienWelt

Die aktuellen Entwicklungen in Libyen sind eigentlich ein dankbares Geschäft für jeden Nachrichtensender. Selten kündigt sich ein Regimewechsel so gut eingeleitet an und praktisch jeder Fernsehsender, der über mindestens einen Korrespondenten verfügt, hätte es sich sehr bequem machen können, in dem er einfach in Libyen irgendwo herumsitzt, auf die spannenden Tage wartet und sich dann einfach live ins Fernsehen schaltet.

Wenn die Nachrichten auf dem Silbertablett daherkommen, muss man sie eigentlich nehmen und senden. Das gilt, wie ich schon mal vor einigen Wochen schrieb, nicht für deutsches Fernsehen. Während Al Jazeera schon ab Sonntagnachmittag sein geplantes Programm kurzfristig abänderte und sich auf eine “Libyen-Nacht” vorbereitete und sich CNN zumindest am späten Abend auch noch etwas lustlos dazugesellte, passierte auf deutschen Kanälen – nichts. ARD und ZDF beschränkten sich auf Berichte in den Spätnachrichtensendungen, für die so genannten Nachrichtensender N24 der ProSiebenSat1-Gruppe und n-tv der RTL-Gruppe gibt es inzwischen keine Nachrichten mehr, die man in die Lücken der immer gleichen Dokus von Hitlers Bomben, Flugzeugträgern, Schwertransporten, Notaufnahmen etc. bringen könnte.

Wir haben gestern wieder einmal gesehen, wie das deutsche Fernsehen kapituliert hat vor aktuellen Nachrichten. Egal, ob das schwer finanzierte öffentlich-rechtliche Fernsehen oder die Riege der Privatsender.

Al Jazeera hingehen hat seine Berichterstattung aus London koordiniert und es auf brillante Weise geschafft, die ganze Nacht hindurch eine sagenhafte Berichterstattung mit ständigen Liveschaltungen zu Korrespondenten vor Ort in Bengasi und Tripolis auf die Beine zu stellen, inklusive den regelmäßigen Einblendungen der mehr als skurrilen Audiobotschaften Muammar Gaddafis und einer Simultanübersetzung. Und das alles per Satellit und Webstream, der nicht ein einziges Mal wackelte, obwohl der Stream bei so einer Nachrichtenlage vermutlich extrem stark frequentiert sein dürfte.

Al Jazeera ist, das kann man wohl nun bedenkenlos sagen, das neue CNN. Sicherlich, das Nachrichtengeschäft ist ein hochsubventioniertes Geschäft und wir wissen auch, dass zu den größten Finanziers von Al Jazeera der Emir von Katar gehört. Es gibt jedoch relativ wenig Raum für Befürchtungen, dass die derzeitige Berichterstattung von Al Jazeera nicht objektiv sein könnte. Sie machen schlicht einen verdammt guten Job da draußen in der Peripherie.

Zumindest so gut, dass es für das ZDF für eine Art Twitter-Nachrichtenberichterstattung reichte, die die gesamte Jämmerlichkeit deutscher Nachrichtenkultur eklatant vor Augen führte. Denn wenn nachts keiner da ist, der Nachrichten recherchieren könnte, beginnt jeder gefühlte dritte Tweet eben mit “Laut Al Jazeera”. Und dann erlaubt man sich auch noch grobe journalistische Schnitzer, die man so eigentlich von lauwarm geschriebenen Lokalblättern kennt. Ein Beispiel.

Mit dem Zweiten …

Kurz nach Mitternacht berichtete Al Jazeera, dass zwei Flugzeuge aus Südafrika am Flughafen in Tripolis stünden. Der Moderator legte aus dem Off allerdings großen Wert auf die Feststellung, dass dies ein noch unbestätigtes Gerücht sei und man sich um eine Bestätigung des Gerüchtes kümmere. Das wurde dann einige Minuten, zwei Liveschaltungen und gar ein Livetelefonat mit einem Korrespondenten in Südafrika später so korrigiert, dass dieses Gerücht schon seit Tagen kursiere, es aber nicht von der südafrikanischen Regierung bestätigt wird. Faktisch sind die besagten zwei Flugzeuge aus Südafrika eine nicht bestätigte Nachricht.

Was macht das ZDF um kurz nach Mitternacht, noch vor der Bestätigung vom südafrikanischen Korrespondenten, daraus? Eine fröhliche Twitter-Märchenstunde, so gesendet an die immerhin 55.000 Follower:

Da ich auch Al Jazeera schaute, habe ich gleich einen Einwand getippt, der aber, wie zu erwarten war, ohne Reaktion blieb:

Der Twitter-Benutzer “kabukai”, von dem “ZDFonline” das Zitat entnommen hat, ist seines Zeichens nach “Redakteur bei @ZDFonline heute.de”, “schreibt hier privat @ ein news-notizblogger in diesem, unserem Internet” und hat hoffentlich einen echten Vornamen, denn auf seinem Twitterstream ist davon nichts zu sehen. Ebenso ist weder bei der Äußerung von “ZDFonline”, noch von “kabukai” wirklich erkennbar, wie es denn zu dieser Nachricht gekommen ist: Sitzen die im Sendezentrum an den Tickern und haben mit Al Jazeera telefoniert oder schauen die nachts vom heimischen Sofa aus Al Jazeera und tippseln etwas die Nachrichten anderer Leute in den Twitter-Stream des größten deutschen Fernsehsenders?

Mit einem Tweet gleich vier journalistische Grundsätze zu verletzen, muss man auch erst einmal schaffen, liebes ZDF. Das habt ihr mir, als ich einmal in euren Diensten stand, einst so beigebracht:

  • Wir sorgen für Transparenz bei der Beschaffung von Nachrichten und bestätigenden Informationen.
  • Wir übernehmen nicht einfach unreflektiert Nachrichten, die andere Sender berichten.
  • Wir kennzeichnen unbestätigte Nachrichten als eben solche.
  • Wir korrigieren die Nachrichtenlage, wenn wir sie vorher fehlerhaft berichtet haben.

Alles nicht nachprüfbar und nachvollziehbar und eigentlich ein katastrophaler Tiefschlag gegen die eigentlich vorhandene Nachrichtenkompetenz des ZDF.

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Kampf dem latenten Rassenhass in Online-Medien.

18. August 2011 | Keine Kommentare | Veröffentlicht in MedienWelt

Ein schöner Kommentar und Aufruf der Publizistin Mely Kiyak zum Thema Rassismus in Leserforen von Online-Medien findet sich auf der Website des Deutschlandradio Kultur. In Ihrem Text “Verachtung am Morgen” beschreibt sie das, was mich schon vor zwei Jahren hier im Weblog schwer anstinken ließ – der mehr oder weniger latente, gut gepflegte und kaum reglementierte Rassismus in Online-Foren von vielen Tageszeitungen, vornehmlich hyperpotenten Lokalblättern mit überforderten Online-Redaktionen.

Geändert hat sich seitdem wenig. Zwar haben einige Lokalblätter inzwischen leidlich erkannt, dass allzu reißerische Artikel teilweise erschreckende verbale Ausfälle in der Leserschaft erzeugen und sich das nicht einfach so unter den Tisch kehren lässt. Gegen tatsächlich veröffentlichte Ausfälligkeiten in Leserforen wird jedoch landläufig extrem selten und erstaunlich zäh reagiert. Das ach so hochgehaltene Gut der Meinungsfreiheit, das vielen Lokalzeitungen zwar nicht fremd, aber “auslegungsfähig” im Rahmen ihrer eigenen Arbeit ist, ist da gern die Pauschalentschuldigung, gern auch in schlampig formatierten Serien-Mails.

Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Journalisten lassen sich herab, auf rassistische Äußerungen, pauschale Verleumdungen, unterschwellige Volksverhetzungen etc. auf ihrer Website einfach nicht zu reagieren und sie als gangbare Art der Meinungsäußerung gelten zu lassen. Als ob Rassismus nicht schon von Hause aus eine verwerfliche und völlig indiskutable Haltung wäre! Der ganze Scheiß steht aber, im Gegensatz zu den wöchentlich abgedruckten Leserbriefen, nicht nur ein Tag in der Zeitung, sondern wochen-, monate-, jahrelang im Web. Unkommentiert von den Leuten, die eigentlich die Zeitung bzw. das Online-Medium schreiben.

Und das sind sich die Leute, die solchen Rassenhass bewusst befeuern, vollkommen bewusst. Der Informationsraum solcher schlechtmoderierten Online-Medien verkommt so zu Orten mit mehreren Publikationsebenen: Oben der mehr oder weniger gute, “offizielle” Zeitungsinhalt – unten die so genannten Lesermeinungen inklusive Diffamierungen, Beleidigungen, Verhetzungen. Eine hier ständig proletende Schar von Kommentatoren erzeugt so auf Dauer ein hochbrisantes Milieu. Das Attentat von Anders B. in Norwegen hat sehr deutlich gezeigt, was latent geschürter und geduldeter Rassenhass bei gestörten Menschen so befeuern kann, dass sie in kaum vorstellbaren und nicht ansatzweise nachvollziehbaren Tragödien enden. Nicht eine bestimmte Haltung gefährdet die andere, sondern die geschürte Angst davor. Das lernen wir, gerade in Deutschland, nun wirklich jeder in der Schule in einer solchen epischen Breite, dass man es eigentlich kaum überhören kann.

Es wäre an der Zeit, liebe Online-Medien, sich der eigenen Verantwortung bewusst zu werden. Eure Auflagenzahlen sinken auch ohne rassistische Leserkommentare, so könnte man es wenigstens noch schnell nochmal mit gesellschaftlicher Verantwortung probieren, bevor das Papier alle ist.

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