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“Das Internet muss wieder höflicher werden.” Ja, muss es?

2. August 2011 | 1 Kommentar | Veröffentlicht in Netzleben

Es vergeht inzwischen kein Tag mehr, der nicht an irgendeiner Stelle im Nachrichtenstrom teilweise sehr seltsame und auch krude Ansichten darüber an den Tag legt, wie das Internet, der sündige Pfuhl, der ja ganz dringend sehr viele Besserwisser braucht, um weiter existieren zu können, noch viel besser werden könnte. Der eine Haufen meint, das ginge nur dann, wenn wir alle Benutzer maximal kontrollieren, der eine Haufen meint genau das Gegenteil und dann gibt es sogar ganz erstaunliche Dinge wie Äußerungen von Thomas Hoeren in einem dpa-Interview, in dem er meint, dass Internet müsse wieder höflicher werden.

Die Äußerungen kann man aus vielen Blickwinkeln betrachten und tatsächlich ist der Blickwinkel, dass dieser Hoeren vielleicht irgendeiner der üblichen Schlagersänger ist, der angebliche Missstände des Internets benennt, um damit über die Hintertüre Lobbyarbeit zu betreiben, der normalerweise übliche geworden (leider). Nur: Thomas Hoeren ist einer, der sehr lange dabei ist in Sachen Internet. Und da wird es dann schon wieder auf ganz andere Weise interessant.

Thomas Hoeren ist unter anderem Herausgeber des Kompendiums Internetrecht, einem jährlich aktualisierten Skript mit inzwischen über 500 Seiten, dass das Internet aus juristischer Sicht gründlich beleuchtet, viele grundlegende Informationen und eine umfangreiche Sammlung an einschlägigen Urteilen enthält. Von vielen Rechtsanwälten weiß ich, dass sie dieses Kompendium als Standardwerk in Sachen Internetrecht einsetzen und auch ich habe dieses Kompendium als Standardwerk immer griffbereit, wenn es darum geht, eine Ding wie beispielsweise einen Hyperlink nicht nur aus technischer, sondern auch aus juristischer Sicht zu erklären.

So ein Werk pflegt man nicht, wenn man nicht durch und durch ein Onliner ist. Thomas Hoeren ist ein Onliner, der das schon seit Anfang der 1990er Jahren ist. Zu einer Zeit, in der das Web noch gar nicht existierte oder zumindest in den Kinderschuhen steckte. Kommuniziert wurde vornehmlich per E-Mail, im Usenet oder per Chat im IRC. Und kommuniziert wurde, im Vergleich zu heute, relativ wenig, weil es eben nur einen verschwindend geringen Satz von Menschen gab, der Online-Zugang genießen durfte. Oder wollte.

Die ehemaligen Informationseliten.

Ich gebe zu, eine böse Überschrift, die ich ausdrücklich nicht bezogen auf bestimmte Personen – auch nicht in diesem Artikel – verstanden haben möchte. Allerdings begegne ich immer wieder solchen Menschen und ich muss auch zugeben, dass ich gerade in meiner “Post-Usenet-Ära” gern mit ähnlichen “Veteranenhuldigungen” umherwackelte. “Schreibe du mal auch 5.000 + x Usenet-Artikel so wie ich, dann rede ich mit dir!” So oder ähnlich. Aus irgendeinem Grund haben “wir” Informationseliten es tatsächlich fertiggebracht, eine möglicherweise jahrelange Kommunikationserfahrung als eine Art Orden darzustellen, mit der andere Respekt vor uns haben sollen. Und da jammert es sich dann auch erschreckend schnell auf sehr hohem Niveau.

  • Früher war alles besser! (Ach ja? Modemanwahl? Abrechnung nach Telefontakt? Eine verhältnismäßig geringe Zahl an Kommunikationspartnern?)
  • Früher war alles nicht so kommerziell! (Ach ja? Mag sein. Dafür sind wir aber für Musik immer noch in den Laden gelaufen, ebenso für Bücher, für Kleidung, für Elektronik, für Fotos und, okay, auch für Müsli und Schokolade).
  • Früher waren die Leute viel netter! (Ach ja? Früher waren die Leute zumindest nett, mit denen ich kommunizierte, denn in der Regel kommuniziere ich nur mit netten Menschen. Viel mehr anderer Leute hat es nicht gegeben und die paar Leute, die hässlich waren, die waren halt hässlich. So wie heute auch.)

Ich bin ja nun ein Onliner, der heute erheblich intensiver im Internet unterwegs ist, als vor, sagen wir zehn Jahren. Und schon damals waren zwei Stunden Internet nicht nur eine richtig teure Angelegenheit auf Dauer, sondern einfach nur krank, weil man dann, ebenso wie beim Fernsehen, viereckige Augen bekam und vom 17-Zoll-Röhrenmonitor kaputtgestrahlt wurde.

Früher war alles ebenso undurchschaubar, wie heute, allerdings ist die damalige Zeit aus heutiger Sicht (!) betrachtet, grundsätzlich immer erheblich einfacher und unkomplexer. Und besser. Und liebevoller. Und freundlicher.

Aber, um es einmal sehr deutlich zu sagen: Die Arschlöcher, die gab es damals auch schon.

Wenn ich nach bestimmten “soften” Schimpfwörtern in meinen Archiven von Mail- und Usenet-Nachrichten suche, finde ich erstaunlich viele Artikel. Bei denen ich weiß, dass sie für immer und ewig bei Google News archiviert bleiben, es mich aber auch nicht wirklich mehr stört. Das war nicht der frühere Besim, von dem ich mich nur schwerlich distanzieren kann, ohne lügen zu müssen, damals ganz sicher schizophren gewesen zu sein. Sondern das ist nun mal der Besim gewesen, der sich – auch mit solchen Bäh-Artikeln – zu einem Menschen entwickelt hat, den er heute darstellt. Ich kann es nicht mehr ändern, so ist es gekommen. Ich mag aber auch nicht darüber jammern, was gestern war, denn ich werde heute da leben, was morgen sein wird. Und ich bin ein Nix unter Vielen, auch wenn ich ein Werk geschrieben habe, dass vielen Menschen das Internet zu erklären versuchte.

Die Forderung nach Rückbesinnung als latenter Generationenkampf.

Und da sind wir auch da angelangt, wo tatsächlich die Lava einer solchen Debatte herkommt – aus dem guten, alten Generationenkampf. Die alte Garde, die heute vieles besser weiß von Dingen, die sie damals verbrochen hat. Und die jungen Hüpfer, die auf solche Ratschläge der alten Garde nicht viel geben. Und das vor allem deshalb, weil sie eben von der alten Garde nicht gesagt bekommen will, wie man es gefälligst richtig zu machen hat. Wenn ich sehe, wie der Nachbarsjunge derzeit seine Bonbons aus dem Papier wickelt, könnte ich mir an den Kopf fassen, wie umständlich und ineffizient er das macht. Aber es hilft wenig, ihm zu erklären, wie es richtig geht und es macht auch keinen Sinn (um mal hier den Bogen in die Unionsrhetorik in Sachen Netzpolitik zu machen), ihm einfach keine Bonbons mehr zu geben. Er muss es selbst herausbekommen. Er muss das Gleichgewicht zwischen Nutzen und Aufwand, er muss seinen Wertemaßstab hier tatsächlich selbst austarieren.

Die Netiquette herauszukramen und dogmatisch mit dem Zeigefinger damit zu wedeln, ist ein deutliches Zeichen für so einen Generationenkampf und das sage ich als jemand, der auch eine Netiquette pflegt. Die Netiquette – und ich sage das immer und immer wieder – ist kein fertiges Werk, sondern war und ist immer eine Sammlung aus vornehmlich ungeschriebenen Verhaltensregeln, die sich ständig ändern können und es auch tun. Jeder Versuch, die Netiquette in ein formales Benimmsystem einzupressen, schlägt fehl, weil es Menschen gibt, die sie nicht akzeptieren (was gemäß der Netiquette auch zu akzeptieren ist) oder wiederum Menschen, die sich dogmatisch daran halten und nicht merken, wie sich die Zeit an ihnen vorbeibewegt.

Und räumen wir auch mit einer Anekdote auf: Ja, die Netiquette gibt es auch als RFC und zwar als vielverlinktes RFC Nr. 1855. Dort heißt es einleitend, da es sich um ein “informational RFC” handelt:

"Status of This Memo
This memo provides information for the
Internet community.  This memo does not
specify an Internet standard of any kind.
Distribution of this memo is unlimited."

Ein “Kann”. Kein “Muss”. Und eigentlich auch nur als RFC veröffentlicht, weil dabei keinem der echten Techniker, die wirkliche Standards über RFC kommunizieren, ein Zacken abbricht. So wie es echte Techniker auch nicht interessiert, wenn in einer gleichberechtigten, technisch orientierten Diskussion ein Diskutant schon seit 1990 online sind oder erst seit 2005. Oder anders gesagt: POP3 ist ein Krampf an Mailabrufprotokoll und an POP2 und an POP erinnert sich schon kein Mensch mehr. Und daran, dass früher einmal die Menschen im ARPANet die ersten E-Mails einst per FTP versendet haben.

Jeder, der sich mit der Thematik “Etikette” beschäftigt, lernt sehr schnell, dass ein freundliches Benehmen weit führen kann, schlechtes Benehmen aber dennoch weiterhin vorkommen wird und es auch muss, um die Stärke des freundlichen Benehmens untermauern zu können. Die Meisterklasse der Guterzogenen hat aber vor allem eine Sache gelernt: Hinwegsehen über schlechtes Benehmen, eine eigene Bewertung daraus bilden, aber niemandem öffentlich daraus einen Vorwurf machen.

Lieber Thomas Hoeren: Granteln “is’ nich’”. Mitschwimmen ist die Devise. Das war schon immer so. Wer stehenbleibt, ertrinkt. Und ob der Ertrinkende es dabei nackt tut oder im Frack, interessiert wirklich niemanden. Nicht die unmittelbaren Mitschwimmer, nicht die Alten vor Ihnen und auch nicht die Jungen hinter Ihnen.

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Unternehmen und das Duzen in Social Networks.

11. Juli 2011 | 3 Kommentare | Veröffentlicht in Netzleben

Gelegentlich taucht die Frage auf, ob Unternehmen in Social Networks wie Facebook unkonventionell duzen sollen oder nicht. Das heißt: Im besten Falle taucht diese Frage auf, denn entweder wird gesiezt oder es wird geduzt – die Frage, ob oder ob nicht, wird meist gar nicht diskutiert. Und dass es nicht diskutiert wird, bedeutet, dass man eine gewisse Vorsicht walten lassen sollte, wenn man seine Social-Media-Aktivitäten tatsächlich ernsthaft betreiben möchte.

Wollen “die anderen” eigentlich gesiezt oder gedutzt werden?

Im Internet wird gern ein Fehler gemacht, der eigentlich in der realen Welt absolut klar ist. Das Siezen ist bei fremden und erwachsenen Menschen grundsätzlich die korrekte Anspracheform, das Duzen ist es nicht. Man kann sich im Zweifelsfalle (und wenn man in der Lage ist, ein eventuell negatives Echo zu ertragen) auch gleich mit dem Duzen ins Haus fallen, was man aber nur in besonderen Fällen tun dürfte. Oder es wird ein kleinwenig peinlich, so wie auf der Facebook-Seite der Stadtwerke Pforzheim:

Sprich: Gehe ich in eine Bank, sieze ich dort normalerweise jeden Mitarbeiter, außer ich kenne den Mitarbeiter und duze mich mit ihm. Ich erwarte das im Gegenzug von Bankmitarbeitern genauso. Und zwar völlig unabhängig davon, ob sie mich persönlich am Schalter ansprechen, mich anrufen, mit eine E-Mail schreiben oder in Facebook kontaktieren.

Bei Menschen ist das noch weitgehend klar. Aber wie ist das mit Unternehmen, also mit “Dingen”, hinter denen eine Gesamtheit von Personen steht? Na? Eigentlich auch logisch, das Siezen ist angesagt, zweifellos. Das “Ihren” im 2. Person Plural (“Wir haben da etwas für euch!”) ist in meinen Augen eine Notlösung, wenn sich ein Unternehmen nicht traut – ja, nicht traut – in einem Umfeld das Siezen einzusetzen. In meinen Augen ist jedoch der 2. Person Plural bei einer eigentlich gewünschten direkten Ansprache nichts anderes wie eine ziemlich mutlose Notlösung.

Aber wir duzen uns doch alle im Internet!

Ach, tun wir das? An vielen Stellen tun wir das tatsächlich und zwar vor allem deshalb, weil es sich im Internet so eingebürgert hat. Und eingebürgert hat sich das nicht deshalb, weil wir alle Freunde sind, sondern eingebürgert hat sich das vor allem deshalb, dass dieses zwanglose Duzen aus dem angloamerikanischen Umfeld kommt, denn dort gibt es nur das Du. Wer aber schon mal in Großbritannien oder den USA war, weiß sehr wohl, dass trotz des fehlenden 3. Person Plural es sehr wohl eine sehr fein granulierbare Unterscheidung zwischen Freunden und der Rest der Welt gibt. Diese Granulierung fehlt uns, wir kennen eben hierzu das Du oder das Sie. Schon immer galt in der Netiquette: Im Zweifelsfall ist außerhalb von Foren und Newsgruppen das Siezen die sicherere Ebene.

Aber, mal ehrlich: Wir duzen uns im Internet nicht überall. Und nein, eigentlich duzen wir uns im Internet inzwischen nur noch an wenigen Stellen, denn wie auch oben schon geschrieben: Der Bankmitarbeiter (sofern er eben nicht mein Freund ist) ist immer noch per Sie. Wer ungezwungen in einem “Sie-Umfeld” duzt, verletzt Konventionen und das gilt überall. Im echten Leben fällt es nur deutlicher auf.

Ja, und Unternehmen nun in Social Networks?

Ganz klar: Per Sie. Sowohl Außenstehende gegenüber dem Unternehmen und vor allem auch in der Kommunikation vom Unternehmen zum Außenstehenden. Und das möglichst konsequent – wird man als Unternehmen geduzt, dann hat man als Unternehmen in seiner Antwort, wenn man es richtig machen möchte, das Sie zu verwenden. Denn hier geht es nicht darum, sich als Unternehmen auf die Ebene des Außenstehenden zu begeben, sondern hier geht es darum, als Unternehmen einen gewissen Level in Sachen Kommunikationsetikette zu erhalten.

Das Problem dahinter wird spätestens in diesem Gedankenspiel klar: Schüler schreibt an ein Unternehmen in Facebook in der Du-Form und fragt nach, ob es Ausbildungsplätze gibt. Das Unternehmen antwortet, vielleicht sogar in Form eines “echten” Mitarbeiters, in der Du-Form zurück, ja, es gibt Ausbildungsplätze. Schüler schreibt eine Bewerbung in der Sie-Form. Es kommt zum Bewerbungsgespräch und der Schüler steht vor dem Mitarbeiter, der ihm in Facebook geantwortet hat – und es ist der Chef. Duzen oder Siezen?

Sicherlich, es bricht keine Welt zusammen, wenn man unkonventionell duzt. Aber es ist genau genommen nicht richtig, Unbekannte einfach zu duzen oder in der 3. Person Plural “anzumachen”. Wer jedoch ernst genommen werden will, muss gewisse Konventionen einhalten und auch konsequent durchziehen. Das Social Web hat hier (noch) keine so fundamental neuen Konventionen in der Kommunikationskultur geschaffen, als man sich da problemlos über jahrhundertealte Gepflogenheiten einfach mal eben so hinwegsetzen könnte.

Ausnahmen?

Ja sicher, Ausnahmen bestätigen jede Regel. Und zwar immer dann, wenn man als Unternehmen vor allem junge Menschen als Zielgruppe hat oder Menschen, die “jung gefühlt werden” wollen. Hier ist das Duzen sicherlich nicht ganz so verboten. Allerdings: Operiert so ein Unternehmen in seiner klassischen Kommunikation per Sie, dann ist auch im Web und in Social Networks das Siezen angesagt. Nichts anderes wäre konsequent.

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Domain Name System – und der Zaster siegt.

20. Juni 2011 | 2 Kommentare | Veröffentlicht in DNS

Über das Domain Name System zu schreiben, ist schon seit einigen Jahren eine Geschichte, die sich in zwei immer grundsätzlicheren Aspekten auftrennt: Die reine Technik zum Domain Name System, also die Namensauflösung, das Bilden von DNS-Zonen, nslookup, BIND und so weiter. Das ist alles recht ausgefeilte, auf Dezentralität ausgerichtete Technik, inzwischen gemütliche zwei Jahrzehnte alt und nach wie vor einer der intelligentesten Erfindungen, die das Internet erst so nutzbar machen, wie wir es kennen.

Der andere Aspekt ist das, womit die meisten Nichttechniker zu tun haben, den Domain-Namen. Also so Sachen wie netplanet.org, die sich bei Registrierungsstellen bzw. bei Internet Providern für mehr oder weniger viel Geld registrieren lassen und die als Basis für jegliche sinnvolle Technik dient, bei der Menschen möglichst verständlich Namen in ihren Webbrowser eintippen können sollen.

Die letztere Welt ist schon seit langem eine kaputte Welt, bei der es nur um Gewinnmaximierung geht. Alles aufzuzählen, was mit der Neueinrichtung von Top-Level-Domains zusammenhängt, hier aufzuschreiben, wäre ein Werk, das mich locker bis zum Ende des Jahres an Arbeitszeit kosten würde. Ständig prallten zu diesem Thema die Ansichten von Technikern, Politikern, Rechtsanwälten, Geschäftsleuten und auch raffgierigen Geschäftemachern aneinander und zustandegekommen ist hier nicht wirklich viel außer vier Handvoll neuer Top-Level-Domains. Und schon diese wenigen generischen Top-Level-Domains wie .com, .net, .org, .info oder .biz haben vor allem eines gezeigt. Der Namensraum ist nach wie vor unendlich, die Großunternehmen registrieren für jedes Geld dieser Welt ihren Domainnamen, kleinere Unternehmen suchen sich mitunter die Finger wund und der Rest fischt herum.

Der Ausverkauf der Namensräume

Nein, die Domain-Welt ist kaputt. Und mit der heutigen Entscheidung der ICANN, dass die Neuanlage von weiteren Top-Level-Domains letztendlich nur noch eine Frage ist, ob der Registrar, der das möchte, rund 200.000 US-Dollar auf den Tisch legt, ist nicht nur die Domain-Welt vollens auf dem Weg in den Eimer, sondern auch das Domain Name System. Und das nicht nur deshalb, weil der Zaster über die Technik siegt.

Sondern weil der Zaster über die Übersichtlichkeit siegt. Werden Sie zukünftig noch problemlos erkennen können, ob Ihre Bank unter dem Namen “ihrebank.de” zu erreichen ist oder unter “ihre.bank”? Oder “ihrebank.banken”? Oder “ihrebank.de.web”? Technisch sind das alles unterschiedliche Namensräume und mit der völligen Freigabe des Top-Level-Namensraumes auch letztendlich nur noch eine Frage der Zeit. Unternehmen werden sich zukünftig bei immer mehr Domain-Dienstleistern und Registraren um Domain-Registrierungen bemühen müssen. Dass nun vermutlich ein neues Berufsbild eines “Domain-Namen-Kaufmannes” entstehen könnte, der nichts anderes macht, als Domain-Namen zu registrieren, ist ein bizarres Seitenstechen, über das man noch verkrampft lachen könnte.

Das Ergebnis wird jedoch sein, dass niemand mehr wirklich weiß, was er so eintippt, wenn er nicht genau die Adresse abtippt. Suchmaschinenergebnisse werden zwar weiterhin genau sein, die Interpretation bleibt jedem Benutzer allerdings selbst überlassen. Der Mißbrauch mit gefakten Domain-Namen wird anwachsen und die Gegenmaßnahmen werden davon abhängig sein, ob der Verwalter einer bestimmten Top-Level-Domain flott ist oder auch nicht. Auf Namensstreitigkeiten spezialisierte Rechtsanwälte werden heute vermutlich vor Glück stundenlange Freudentänze aufgeführt haben. Ja, sicherlich, man könnte den Worten der ICANN, dass die jetzigen Entwürfe für zukünftige Registrare auch erweiterte Regelungen für den Markenschutz beinhalten, aber Markenverletzungen muss man ahnden. Selten hat die Branche der Juristerei so einen Becken mit ewig nachwachsendem Frischfisch vor die Tür gestellt bekommen, wie nun.

Ob nun nach dieser Einbiegung in die Einbahnstraße alles gut wird, bleibt abzuwarten. Zumindest ist die jetzige Entscheidung der ICANN eine Kapitulation vor den letzten Versuchen, eine noch ansatzweise erkennbare Regulierung in der Domain-Welt beizubehalten. Und wir lernen, dass man die Domain-Welt also durchaus noch kaputter bekommen kann, als es schon heute ist. Das Domain Name System wird sicherlich nicht zusammenbrechen. Es wird jedoch mit ziemlicher Sicherheit die Online-Welt ein Stück unübersichtlicher machen, als sie es in den nächsten Jahren mit der großflächigen Migration auf IPv6 und den damit verbundenen milliardenschweren Investitionen schon wird. We will see.

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Mediastreaming im Schnelldurchlauf.

19. Mai 2011 | Keine Kommentare | Veröffentlicht in Netztechnik

Und dann ging heute Nachmittag für rund drei Stunden der Blutdruck und der Stresslevel kurzfristig einmal nach oben. Eckhard, mein treuer Lieferant für Hardware, ruft an und braucht kurzfristig ein Mediastreaming einer Veranstaltung. Und zwar am kommenden Freitag, für eine nicht bekannte Zahl von Zuschauern, aus einer relativ dunklen Örtlichkeit, in der es kein kabelgebundenes Internet gibt. Vor drei, vier Jahren hätte ich dankend abgelehnt. Keine Chance, so etwas in so kurzer Zeit realisiert und vor allem auch mal so getestet zu bekommen, dass man zwei Tage später nicht den ersten Livetest vor der Kundschaft machen muss. Heute war es ein Ansporn, mal zu testen, ob das, was vor zehn Jahren als völlig unmachbar galt, denn gehen könnte. Kurzum: Es geht.

Grob gefasst ist so ein Mediastreaming eine Sache mit drei Komponenten:

  1. Kamerabild vor Ort erzeugen und in das Notebook einspeisen.
  2. Aus dem Kamerabild einen Masterstream erzeugen und zu einem Streamingserver übertragen.
  3. Streamingserver, der den Masterstream empfängt und an Zuschauer weiter verteilt.

Punkt 1 ist eine rein lokale Geschichte, hierzu braucht es eine Kamera und einen Kameramann. Wobei, “Kameramann” ist an der Stelle schon wieder passé, wir reden hier eher von einem Multimann, wie es in der Fernsehsprache üblich ist. Das sind Leute, die neben dem Drehen auch schon die nächsten Schritte umsetzen. Der Multimann steuert also die Kamera, in diesem Fall mein HDV-Camcorder, der per Firewire an mein Notebook angeschlossen ist und ein digitales Bildsignal anliefert. Die Bild- und Tonqualität ist echte Broadcast-Qualität, das ankommende Signal kommt in Full-HD daher. Das nur rein der Form halber angemerkt, für eine echte Full-HD-Übertragung fehlt später die Bandbreite.

Bei Punkt 2 kommt ein Dienst namens Ustream.tv ins Spiel, das ist eine Streaming-Plattform, die es im einfachen Fall unter Tolerierung von Werbebannern kostenlos gibt, ohne Einblendung von Werbebannern ab 99 US-Dollar im Monat kostet. Auf den ersten Blick viel, allerdings darf man beim Mediastreaming nicht außer acht lassen, was das bei einem richtigen Streaming für Ressourcen kostet und das will sich so ein Dienst irgendwo auch bezahlen lassen dürfen.

Ustream kann man direkt per Webbrowser bedienen und per Flash auch auf Video- und Audioquellen zugreifen lassen, das funktioniert aber nur leidlich gut. Sinnvoller ist es, den kostenlosen “Ustream Producer” herunterzuladen (für Mac und Windows) und zu installieren. Dieser Client greift deutlich stabiler auf die lokalen Videoquellen zu. Es gibt auch eine Pro-Version des Clients, der mehrere Kamerabilder gleichzeitig zur Abmischung bereitstellt, also eine Art “Bildmischung light” ermöglicht, die kostenlose Variante ist aber für ein einziges Kamerabild völlig ausreichend. Also einen Login-Zugang auf der Website von Ustream einrichten, damit den Client auf dem Notebook bestücken, die Kamera an das Notebook hängen und schon sollte im Client das Kamerasignal erscheinen.

Nächste Baustelle: Internet. Der Test zu Hause am heimischen DSL ist soweit in Ordnung, der Stream kommt bei Ustream an und wird mit etwa 10 bis 20 Sekunden Verzögerung wieder ausgestrahlt. Das ist für einen Mediastream, der ja nur One-Way sein soll, soweit in Ordnung. Die Frage war nur, ob der Upload auch mit UMTS funktioniert und ob das dann auch mit dem chronisch überlasteten UMTS-Netz von O2 hier in Pforzheim tut. Glücklicherweise besitzt mein Notebook eine UMTS-Karte und darin ein SIM-Modul von O2, so dass der Test schnell bewerkstelligt war.

Und auch dieser Test tut einwandfrei. Zwar geht die Latenzzeit nochmal ein paar Sekunden weiter nach oben, aber das, was zum Test am heimischen PC von Ustream wieder zurückkommt, ist ruckelfrei und von brauchbarer Qualität. Hätte man vor Ort eine brauchbare UMTS-Versorgung, würde dem Upload nichts entgegenstehen. Testlabor erfolgreich beendet, morgen gibt es dann einen Testdurchlauf vor Ort.

Das heißt: Hätte es gegeben, wenn nicht nach drei Stunden Testlabor leider eine Absage gekommen wäre. Schade, denn das hätte funktioniert. Aber immerhin haben die drei Stunden Testlabor für eine Druckbetankung in Sachen Knowledge gesorgt und ich werde mir mal in den nächsten Tagen einen weiteren Test antun und testweise aus der Prärie funken.

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Was war eigentlich gleich nochmal Second Life?

11. April 2011 | 1 Kommentar | Veröffentlicht in Chat & Messaging

Erinnert sich der geneigte Leser noch an Second Life? Damals, so um das Jahr 2007 herum, war das mal der absolute Hype. Second Life, die virtuelle 3D-Welt, war irgendetwas zwischen einem inzwischen 8 Jahre alten Dienst, der quasi jeden Rechner als unterdimensioniert ansah und einen völlig unbedienbaren Client mitbrachte, mit dem man sich im Cyberspace nicht wirklich bewegte, sondern herumstakste. Meine Anmeldung datiert vom 30. Oktober 2007 und ich kann mich sehr gut erinnern, dass meine damalige Second-Life-Experimentierphase am 2. November 2007 auch schon wieder endete. Mein damaliger Rechner war schlicht nicht brauchbar und irgendwie war auch kaum mehr mit Second Life anzufangen, als andauernd von anderen Avataren zu hören, wie schön doch das Fliegen sei.

Heute habe ich mal aus lauter Neugier einen zweiten Anlauf getan. Und einen Unterschied gibt es: Die Testphase endete nicht 2 Tage später, sondern 2 Stunden – Second Life ist, so weit ich das beurteilen kann, tot. Weit toter als beispielsweise PlayStation Home, die virtuelle Welt auf der PS3, die zwar nicht gänzlich tot ist, sich aber an Gehirntote richtet.

Immerhin, der Second-Life-Client ist mit seinen 24,5 Megabyte immer noch verhältnismäßig schlank und nach dem Start findet man sich in einem deutlich benutzerfreundlichen Modus wieder. Eine vorherige Ausbildung als 3D-Objektentwickler ist also nicht mehr unbedingt erforderlich. Das Laufen ist also ganz einfach möglich, mit Maus und Pfeiltasten. Nur: Wohin laufen? Eigentlich gibt es nichts mehr, wohin man hinlaufen wollte.

Mit den “Destinations” hat man offensichtlich einen weiteren Makel behoben, nämlich die Frage, wohin man eigentlich nach dem Start auf der Anfängerinsel hingehen möchte. Science-Fiction-Welten gibt es, “reale” Welten, die mehr oder weniger realen Orten nachempfunden sind und so weiter und so fort. In viele Destinationen kann man sogar gehen (einige funktionieren schlicht nicht), allerdings findet man sich in den meisten gänzlich allein. Der Besuch im virtuellen Köln war eine recht spaßfreie Geschichte, denn neben dem Hintergrundgedödel von Eins Live und der Möglichkeit, am virtuellen Kölsch-Fass gemütlich ein Glas einzustecken, ist man dort allein. Eine weitere Person fand sich auf dem Gelände und der Mensch, der mutmaßlich zu diesem Avatar gehört, war entweder am schlafen oder tot, denn nichts tat sich.

Hat sich das Thema Second Life erledigt? Wollen wir gar nicht in den “3D-Cyberspace” gehen? Wo sind die ganzen Experimentierflächen diverser Unternehmen, Parteien, Prediger geblieben?

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