Der ICD und der Moment der Momente.

Als Träger eines ICD, eines Implantierbaren Kardioverter/Defibrillators, beschäftigt man sich zwangsläufig mit der Frage, was eigentlich passiert, wenn es wirklich einmal zu der Situation der Situationen kommt und der ICD zum Einsatz kommen muss.

Hinter dieser Frage verstecken sich eine Menge Sorgen und auch Ängste und auch ich will nicht verheimlichen, dass es mir in den ersten Wochen und Monaten durchaus schwergefallen ist, mich mit so einer Situation zu beschäftigen. Echte Herausforderungen, auch für eine gesunde Psyche. Wenn der ICD weitgehend prophylaktisch implantiert ist, funktioniert die Verdrängung dieser Fragen ziemlich zuverlässig, da der ICD statistisch gesehen selten zum Einsatz kommen muss. Aber der Mensch wird älter, auch das Herz und damit steigen auch die Chancen, dass es dann doch einmal zu solchen Rhythmusunregelmäßigkeiten kommt und der ICD ranmuss.

Sprechen wir darüber.

Die Überstimulation

Alle modernen ICD lassen sich so einstellen, dass bei Rhythmusstörungen bis zu gewissen Pulsraten (durch den Kardiotechniker weitgehend frei einstellbar) kein „großer“ Schock ausgelöst wird, sondern eine so genannte Überstimulation. Hier versucht der ICD, mit bestimmten Impulsen die ratlos vor sich hinflatternden Herzzellen wieder zu einem gemeinsamen Sinusrhythmus zu organisieren. Das funktioniert bei einfachen Rhythmusstörungen immerhin bei Dreiviertel aller Therapien zuverlässig und das erspart vielen Patienten den „großen“ Schock.

Spürbar ist eine Überstimulation entweder gar nicht oder nur ganz leicht. Ich vergleiche das in meinem Fall mit einer Faust (das Herz), gegen die man mit einem Finger ganz leicht drei Mal klopft. Kaum spürbar, überhaupt nicht mit Schmerzen verbunden und auch mit keinem schockartigen Zucken oder ähnliches. Überstimulation passiert rein im Herzen und ist daher für Patienten und Herz die deutlich stressärmere Therapie.

Die Überstimulation hilft sehr oft, aber nicht immer. Manchmal muss man buchstäblich mal auf den Tisch hauen.

Der Schock

Irgendwann passiert es bei vielen ICD-Trägern dann manchmal doch: Es kommt zu schwereren Rhythmusstörungen oder Kammerflimmern, das Herz gerät kräftig aus dem Rhythmus und fängt an zu flattern oder gar zu flimmern. Das ist die Situation der Situationen, für die der ICD gemacht wurde. So bald der ICD so einen Rhythmus mit Pulsraten detektiert, die den Kreislauf zusammenbrechen lassen können – und das tut er sehr zuverlässig – geht in Windeseile eine Kette von automatischen Analysen los:

Während der ICD den Herzrhythmus zählt und dieser die Schwelle überschreitet, die er als Schwelle für Rhythmusstörungen einprogrammiert bekommen hat, lädt er schon seine eingebauten Kondensatoren mit der Strommenge für den ersten Therapieversuch. In den vier bis sechs Sekunden, in denen der Patient entweder schon bewusstlos wird oder sehr stark spürt, dass ihm der Kreislauf wegsackt, analysiert der ICD bis zur vollständigen Aufladung seiner Kondensatoren weiter den Puls, um die Therapie bis kurz vor der Schockabgabe abbrechen zu können, falls das Herz wieder in den Sinusrhythmus zurückfindet. Ist auch bis zuletzt das Herz am flimmern, gibt der ICD letztlich einen „richtigen“ Schock ab.

Dieser Schock ist, um es gleich zu sagen, nicht angenehm, aber bei mir in dem einen und bisher einzigen Fall vor einigen Monaten, in dem es notwendig geworden ist, völlig schmerzlos gewesen.

Aber tatsächlich hat man in den fünf Sekunden keine Zeit, darüber groß nachzudenken. Ich habe in dem Moment kurz vor dem Schock und auch kurz vor Zusammenbrechen des Kreislaufes (ein in der Tat superbeschissenes Gefühl) nur blitzschnell realisiert, dass es jetzt soweit ist – jetzt ist die Stunde des ICD gekommen. Ich weiß, dass er funktioniert. Und ich weiß auch, dass ohne ICD in wenigen Sekunden wahrscheinlich mein Kreislauf vollens zusammenbrechen würde und es dann um das Eingemachte gehen würde. Würden sich innerhalb von wenigen Minuten Helfer finden, die eine Herzmassage beginnen und einen externen Defibrillator organisieren? Man kann erstaunlich viele Dinge in fünf Sekunden denken, während man auf „die Technik“ wartet.

Als ein Tritt von einem Pferd wird es oft beschrieben. Gut, ich habe mich noch nie von einem Pferd treten lassen, aber ich würde es ein paar Nummern kleiner einordnen. Ein ordentlicher Schlag mit der Faust auf die Brust kommt schon eher heran, aber, wie gesagt, schmerzlos und mit keinem „Stromschlag“-Gefühl. Man zuckt, wenn man noch stehen kann, es haut einen in meiner Gewichtsklasse nicht unbedingt um, wenn der Kreislauf noch funktioniert und man sieht ganz kurz Sternchen, ohne dass die Sinne wirklich komplett ausfallen. Dass einem diese Situation, der Ort und der Zeitpunkt bis auf ewig im Gedächtnis bleiben werden, ist unausweichlich. Aber es muss beileibe keine völlig grässliche Erinnerung werden, sondern eher eine sehr wertvolle.

Und, ebenfalls ein schwer fassbares Phänomen: Danach ist es erstaunlich gut. Wenn das Herz in den Sinusrhythmus zurückfindet, schlägt es zwar noch recht flott, aber beruhigt sich innerhalb weniger Minuten wieder. Man steht etwas wackelig in der Landschaft herum (und sollte sicher kein Auto fahren), aber das ist eher dem geistigen Schock geschuldet, nicht dem erlebten Schock in der Brust. Der Kreislauf stabilisiert sich innerhalb von Sekunden wieder.

Dass man danach erst einmal nichts mehr braucht und eigentlich nur schnell nach Hause möchte, ist eine normale Reaktion. Aber bleibt diese ICD-Therapie ein einzelnes Ereignis, dann hat er seine Arbeit erfolgreich getan. Ein obligatorischer Anruf im Kreislauflabor und eine normale Untersuchung mit Auslesen der Gerätedaten ist dann ein sehr wertvoller Datenschatz für den Kardiologen. Wann hat man schon mal Daten von einem flimmernden Herzen auf dem Schirm und kann genau mit diesen Daten das Gerät noch feiner programmieren?

Was lernt man nach so einer Episode? Noch etwas mehr Demut. Ich kann meinen ICD, den ich jetzt schon seit sechs Jahren an Bord habe und der mir noch nie Probleme bereitet hat, jetzt noch ein Stück mehr gut leiden. Und ich habe – ich schreibe diesen Satz mit gebotenem Respekt – nun live miterlebt, wie mir mein ICD mit großer Wahrscheinlichkeit mein Leben gerettet hat. Das hätte ich auch akzeptiert, wenn es wehgetan hätte.

2 Gedanken zu „Der ICD und der Moment der Momente.

  1. Danke für diese Schilderung, Besim!
    Ich könnte mir vorstellen es hat ein bisschen was von einem Airbag: den möchte man auch nicht unbedingt in sein Gesicht explodieren lassen, aber wenn es dann mal nötig ist, kann man wohl doch froh sein wenn es passiert.
    Ich drücke mal die Daumen dass es bis zum nächsten Einsatz wieder sehr lang hin sein wird!

    /hauke

    1. Ha, ziemlich gut getroffener Vergleich und danke fürs Daumendrücken. 🙂 Bei meinem ersten Auto mit Airbag machte ich mir auch immer wieder die Gedanken, was denn nun passiert, wenn das Ding aus dem Lenkrad kommt, möglicherweise sogar einfach so ohne Unfall. Da kann man sich schon in eine mittelschwere Panik steigern. Von einigen ICD-Patienten weiß ich, dass sie sich auch in so eine Panik hineindenken können und ansatzweise kann ich nachvollziehen, wie übel das im Kopf werden kann.

      Aber ich kann nur sagen, dass die Alternativen in beiden Fällen im Ernstfall nur fatal sein können und es dann keine große Auswahl für Lösungen gibt. Immerhin habe ich noch die Möglichkeit, mit einer gut eingestellten Medikation die meisten Rhythmusstörungen von Grund auf zu vermeiden.

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