Beware of kids (in politics)! #merkelstreichelt

Zu den wirklich furchtbarsten Inszenierungen des Politikbetriebes gehören kontrollierte Kindershows. Also die unanschaulichen Veranstaltungen, wo Politiker nicht zu Kindern kommen, sondern Kinder zu Politikern und dort dann mit Politikern unter der Aufsicht des Stabes und neugierigen Journalisten Fragen aufsagen dürfen, deren Antworten längst schon feststehen. Eine vereinfachte und nicht minder entsetzliche Show sind die Weihnachtsansprachen des Bundespräsidenten, die seit Christian Wulff gern mit auf auf den Teppich drapierten, hübsch gekleideten Kindern inszeniert werden und die dort andächtig mit ungesund abgewinkelten Gliedmaßen auf den Hausherrn aufschauen dürfen/müssen. Als Kind erleidet man solche Shows ansonsten nur noch beim Fotografen, dessen Empathie schon längst so erloschen ist, dass er am liebsten Kind und debiles Grinsen mit dem Akkuschrauber fixieren will, damit ja das Bild schnell geschossen ist.

Und jetzt das: Ein Flüchtlingskind, dass nicht einfach eine Frage stellt, sondern eine Frage, die aus seinem persönlichen Umfeld zu kommen scheint. Aus seinem persönlichen Elend, garniert mit seiner erschreckend anschaulichen Existenzangst und seiner hoffnungslosen Hoffnung auf ein Leben, wie es die Freundin neben ihr hat.

Nun lernt jeder Politiker früher oder später, dass man vor Kindern in der Öffentlichkeit auf der Hut sein muss. Kinder sagen sehr offen, wo es klemmt und stellen Fragen gern ohne eine moralische Filterung, weil Kinder das wegen eines noch lange nicht fertig gebildeten Wertegefüges noch gar nicht können (und auch nicht können müssen). Eine Chance für die größten Steilvorlagen für Politiker mit Bauchgefühl, andererseits eine Schlangengrube für jemanden, der versucht, Äußerungen von Kindern analytisch zu beantworten.

So ist es mit ziemlicher Sicherheit der übelste Super-GAU, den Angela Merkel da vor laufenden Kameras loslassen konnte, einem Kind mit einer solchen Frage mit kühlen Antworten zu kommen. Du, liebes Kind, bist eigentlich unerwünscht, wir müssen dich eigentlich weghalten von uns, tut uns echt leid, aber so ist es nun mal. Oder deutlicher gesagt: Angela Merkel hat es doch tatsächlich geschafft, ein Kind zum Weinen zu bringen mit einer derartig harten Antwort, für die jeder Erzieher einen handfesten Verweis kassieren würde, wenn er so ihm anvertraute Kinder angehen würde.

Das wirklich traurige an diesem Vorfall ist, dass es mit nur ein wenig Bauchgefühl hätte ganz anders laufen können. Die Frage hatte schon von Anfang an einen extrem menschlichen und persönlichen Charakter, hier muss man auch so antworten und mitunter alles weglassen, was „böse“ und „amtlich“ ausschaut, immer mit der Maßgabe, nur niemanden mit einer bösen Wahrheit zum Weinen zu bringen. Wer das tut, egal ob Kanzlerin oder Gemeinderat, der läuft haarscharf am Vorwurf vorbei, seinen Job zu verfehlen, so makaber sich das auch anhört.

Das dürfte Angela Merkel dann auch siedend heiß eingefallen sein, als buchstäblich das Kind laut aufklatschend auf dem trockenen Brunnenboden landete und weinte. Und spätestens da hätte man dann einfach mal das Mikrofon weglegen, sich zum Kind hinsetzen, ein paar Sekunden lang innehalten müssen. Man hätte zumindest mal den Eindruck von Menschlichkeit vermitteln können und nebenbei für das eigene Politikerbild ein wichtiges Bild für den nächsten Wahlkampf gemacht.

Aber nein, „hast du doch gut gemacht“, anerkennendes Schulterklopfen, unangenehmerweise dabei immer noch das Mikrofon zielgenau in der Hand. Genau. Gut gemacht für die Inszenierung aus dem Kanzleramt, hübsch und freundlich die Frage eingeworfen wie ein Jungfußballer in seinem ersten Bundesligaspiel. Die abscheuliche Antwort war zwar ein schwerer Angriff auf die Würde des Mädchens und die Chancen stehen gut, dass sich das Mädchen ihr ganzes Leben lang an diese Ungeheuerlichkeit mit Schrecken erinnern wird, aber das muss uns ja nicht stören. Ist ja bald wieder weg, das kleine Mädchen.

Das wirklich fiese an diesem erbärmlichen und erschreckenden Vorfall ist, dass Angela Merkel das offenkundig ungestraft tun konnte. Niemand aus dem Politikbetrieb rührt auf, in den Medien gibt es entweder keinen Kommentar dazu oder lediglich einen Hinweis darauf, dass man sich irgendwo da draußen im Internet darüber empört und mehr nicht. Ich will nicht auf die unrühmliche Argumentation aufspringen, dass unserer heutigen Politikergeneration das selbst erlebte Elend aus Weltkrieg und Flucht fehlt, aber man muss keinesfalls in der Öffentlichkeit das genaue Gegenteil mit gewissem Stolz darstellen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *