Obama 2012 – Die Gegnerbeobachtung.

Die Gegnerbeobachtung ist in einem Wahlkampfteam ein Phänomen. Keiner redet öffentlich darüber, niemand aus dem Team sucht die direkte Konfrontation (außer der Kandidat selbst) und doch sind die Leute, die die Gegnerbeobachtung verantworten, die zweifellos wichtigsten Leute im Wahlkampfteam. Und: Ohne Gegnerbeobachtung und die Reaktion darauf ist jeder ernst gemeinte Wahlkampf zum Scheitern verurteilt.

Die Geschichte um Mitt Romneys Äußerungen auf einer Wahlparty, in denen er unter anderem geißelt, dass ein Großteil der US-amerikanischen Bevölkerung keine Einkommensteuer bezahlt und er sich darum um diese Leute nicht kümmern müsse, ist genau so ein Fall, denn eigentlich ist dieser Skandal eine Geschichte mit Ansage. Es geht um einen kleinen, unscheinbaren Ausschnitt in einem heimlich mitgeschnittenen Video einer Rede Romneys, das auf einer alternativen Nachrichten-Website namens Mother Jones veröffentlicht wurde:

Gehalten hat Mitt Romney seine skandalträchtige Rede nämlich schon vor Monaten, nämlich im Mai. Und hier auch noch in einer Spezialität des professionellen Fundraisings, nämlich einer Spendenparty. Dort wird mäßig genießbares Essen in einem exklusiven Rahmen – nämlich mit dem Kandidaten – eingenommen und „Eintritt“ bezahlt. Im Falle dieser Spendenparty der schlappe Betrag von 50.000 US-Dollar pro Kopf.

Nun sind solche Spendenpartys ein gefährliches Pflaster. Einerseits sind alle Kandidaten zumindest Sympathisanten, denn keiner bezahlt 50.000 US-Dollar, um irgendeinem Affen zuzuhören oder sich an jemanden heranzuwanzen, von dem man sich nicht zumindest Aufmerksamkeit erhofft. Andererseits sind Spendenpartys alles andere als intim, denn ein Sympathisant könnte ja auch ein Spion der Gegenseite sein, einen Journalisten kennen oder einfach in guter Absicht filmen und das Material ins Internet spülen, ohne vielleicht zu merken, dass möglicherweise „inkompatible“ Dinge geredet wurden. Im Falle von Romneys „Skandalrede“ war es wohl ein Sympathisant der Demokraten, der aufzeichnete und sich des Materials bewusst war.

Gegnerbeobachtung ist eine Sache, die vor allem etwas mit dem richtigen Timing zu tun hat. Was man nämlich sammelt, wird mitnichten sofort in eine Gegenkampagne verarbeitet, sondern wird gesammelt. Dazu hat man einen internen Giftschrank, den man auch genau so zu behandeln hat. Verschwiegen. Geheim. Unter Verschluss. Hier werden genau diese Schnitzer gesammelt, katalogisiert und aufgehoben. Und die Bezeichnung „Giftschrank“ ist wörtlich zu nehmen, denn es steckt nicht nur Gift für die Kampagne des Gegenkandidaten in so einem Schrank, sondern auch der Giftschrank selbst ist Gift, denn man führt ja einen Wahlkampf immer sauber. Tatsächlich herrscht in allen gesellschaftlichen Demokratien die allgemeine Haltung vor, dass man miteinander verbal zwar kämpfen darf, aber doch bitteschön fair bleiben soll. Die Existenz eines Giftschrankes passt in solche Illusionen nicht hinein. Was passieren kann, wenn unfaire Mittel bekannt werden, kann man an der Mutter aller solchen „Gates“, dem Watergate-Skandal in der Ära Nixon, anschaulich nachlesen.

Eingesetzt wird dieses aufgeklärte Giftschrankmaterial dann entweder planmäßig bei vorgeplanten Kampagnen (dazu komme ich in einem weiteren Artikel) oder eben kurzfristig im Schnellschuss. Als Konter auf einen Schnitzer des Kandidaten oder zur Aufladung des Wahlkampfes. Oder auch als Gerücht im „Kamingespräch“, das von Spindoktoren gezielt lanciert wird.

Das Internet als Hochdruckpumpe der Gegnerbeobachtung

Darüber muss sich jeder, der einen Wahlkampf schmeißen will (egal ob als Kandidat oder Wahlkampfleiter) im Klaren sein: Nichts, aber auch rein gar nichts bleibt unbemerkt. Hatte man in der Prä-Internet-Ära noch die Chance, dass herausposaunter Mist verhallt, weil kein Journalist in der Nähe war, der das hätte notieren können, so ist heute praktisch jeder in der Lage, per Smartphone komplette Reden aufzuzeichnen und später in Ruhe auf ihren Inhalt hin zu sezieren.

Die Kunst dabei ist es, ein ausgeklügeltes System zu haben, das solches Material sammelt und auswertet. Viele zeichnen auf und laden es ins Internet, einige wenige suchen nach solchem Material gezielt und verwerten es und das eigentliche Team der Gegnerbeobachtung verarbeitet aus diesem Informationsberg dann einzelne Elemente.

Und das geht im Zweifelsfall auch mal rasend schnell. Am Vorabend etwas aufgezeichnet, nachts noch hochgeladen, am nächsten Morgen wird es von ersten Mitarbeitern aus dem Wahlkampfteam des Gegenkandidaten gefunden, sofort be- und verarbeitet und bei den Medien platziert, inklusive der Haltung des eigenen Kandidaten. Und weil heutzutage die Nachrichtenwelt nicht nur auf die abendliche Nachrichtensendung und die Tageszeitung am nächsten Morgen beschränkt ist, ist eine „heiße“ Nachricht auch noch am gleichen Vormittag im Internet, wenn es pressiert.

Die Gegnerbeobachtung als Argumentationshilfe für das eigene Lager

Die etwas schmutzig anklingende Arbeit der Gegnerbeobachtung kann man jedoch auch sehr offen handhaben und die gewonnenen Erkenntnisse auf diese Weise dazu nutzen, das eigene Lager mit Argumentationshilfen zu versorgen. Im Straßen- bzw. Häuserwahlkampf sind Argumente in Form von „Gehören Sie zu den 47 % der Bevölkerung, die von Romney hängengelassen werden sollen?“ nun einmal sehr stark. Um aber auf solche Argumente zu kommen, ist eine eigene Strategieabteilung zuständig.

The Truth Team – die „sachliche“ Minikampagne

Im Wahlkampf von Barack Obama heißt diese Abteilung sehr effektvoll „The Truth Team“ – „Das Wahrheitsteam“, die auf der Kampagnen-Website eine eigene Rubrik hat:

Die seriöse Aufmachung ist hier gewollt: Hier geht es um die „Wahrheit“, um die „echten“ Fakten. Hier geht es nicht um die einzelnen Äußerungen des Gegenkandidaten, sondern um seine Thesen und Haltungen und natürlich die Haltungen des eigenen Kandidaten. Der Ton ist hier weitgehend ebenso seriös gehalten. Man beschränkt sich weitgehend auf die Filetierung von Argumenten und nicht von Kandidaten.

The Go Back Team – die persönliche Attackenseite

Die Abteilung Attacke in Sachen Gegenkandidaten findet sich auf dieser Microsite in der Obama-Kampagne. Hier geht es ausschließlich um die Gegenkandidaten, im Falle des 2012-Wahlkampfes also um Mitt Romney und Paul Ryan, dem Kandidaten für die Vizepräsidentschaft:

Das „Go Back Team“ bezeichnet also mitnichten die Arbeitsgruppe in der Obama-Kampagne, sondern ist eine dezent schäbige Bezeichnung für das Duo Romney/Paul. Und dementsprechend ist auch der Duktus in dieser Rubrik geschrieben. In der Sache dezent diskreditierend und deutlich in der Sprache. Schon an der Aufmachung ist erkennbar, dass es hier um die „ewiggestrigen“ Gegenkandidaten und ihre konservative „Klientelpolitik“ geht. Je weltfremder das alles wirkt, desto besser.

„You won’t believe this“ – Inszenierung im Kampagnen-Blog

Ein weiterer, höchst wirksamer Kanal ist der offizielle Nachrichtenstrom der Kampagnen-Website im Kampagnen-Blog. Diesen Kanal werden vermutlich die meisten Besucher und Mitstreiter lesen, dementsprechend lassen sich hier auch „Giftschrank-Neuigkeiten“ plakativ positionieren. Mitt Romneys 47-Prozent-Nummer zum Beispiel wird sehr süffisant mit der Überschrift „You won’t believe this“ eingeleitet – „Sie werden es nicht glauben“:

Skandalisierung ist hier Programm. Den Faux-pas thematisieren, zum Truth Team verlinken, die Meinung des eigenen Kandidaten verkaufen und sich an den Kommentaren der Besucher laben.

Shitstorming auf höchstem Niveau

Zweifellos geht es hier darum, Meinung zu verkaufen. Schnell, unbürokratisch, ohne Rücksicht auf Verluste. Der wahlkämpft, muss sich auf steifen Wind gefasst machen, der ihm entgegenblasen könnte. Online-Campaigning kann diese Art von Negativkampagnen enorm aufladen und der einzige Ratschlag ist der: Nicht damit anfangen, außer die Gegenkandidaten tun es. Dann muss man ins Becken und gegenschwimmen, sonst ist die Meinungshoheit im Web nicht einfach nur gefährdet – sie geht in Windeseile verloren.

Im Falle von Mitt Romney muss man konstatieren, dass Romney sich denkbar ungeschickt verhält und in genügend argumentative Fettnäpfchen tritt und damit jedes Mal ins Messer des Obama-Teams hineinläuft. Sicherlich hat er in den letzten Wochen und Monaten einiges dazugelernt, aber genau diese 47-Prozent-Geschichte zeigt, dass Inhalte in einem gut sortierten Wahlkampf-Giftschrank selten sofort hochgehen, sondern irgendwann dann, wenn man es als Gegenkandidat gar nicht brauchen kann.


Alle Teile meines Dossiers zu Obama 2012 unter dem Stichwort „Obama 2012“.

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