Elmar Theveßens Hilferuf an die ZDF-Belegschaft.

Beim sonntagmittäglichen Überblick über den neuen SPIEGEL musste ich in der Medienrubrik staunen. Die Medienrubrik lese ich im SPIEGEL immer zuerst und da fiel mir in Medien-Panorama eine Mitteilung auf, die sich mit einer Mail von ZDF-Vizechef Elmar Theveßen beschäftigt, die Theveßen intern an Mitarbeiter versendet haben soll. Ich mag den SPIEGEL-Artikel nicht sezieren und Zitate zitieren, aber es müssen schon ganz erstaunliche Dinge in diesem Pamphlet stecken. Kurz gefasst beklagt Elmar Theveßen eine fehlende Motivation der ZDF-Belegschaft, den Kampf gegen Stimmungsmacher außerhalb des ZDF aufzunehmen. Sehr kurz gefasst, zumal mir die betreffende E-Mail auch nicht vorliegt.

Zum Thema ZDF habe ich im Laufe der Jahre einige teilweise wirklich gewaltige Textwüsten geschrieben, die allesamt zu den leider am wenigsten gelesenen Artikeln in diesem Blog gehören und eigentlich fast ausschließlich nur von den IP-Adressen aus dem ZDF-Netzwerk gelesen werden. Das hat vermutlich einen sehr triftigen Grund: Die meisten Menschen interessieren sich nicht nur herzlich wenig für diese Artikel – sie interessieren sich auch herzlich wenig für das ZDF. Und hier wird es arg spannend:

Wann ist denn eigentlich ein Fernsehsender gut? Wenn er gute Einschaltquoten hat? Wohl kaum. RTL gehört in Deutschland zu den Sendern, die in Sachen Einschaltquoten ganz oben mitspielen und niemand, der halbwegs bei Trost ist, würde behaupten, dass RTL auch nur ansatzweise so etwas wie Qualitätsfernsehen produziert. Das interessante dabei ist: Selbst RTL macht dies nicht und es wäre schon eher merkwürdig, wenn ein privatwirtschaftlich organisiertes Unternehmen nicht zuvörderst die Quote (und damit die Werbepreise) im Blickfeld hätte, sondern ein echtes Qualitätsfernsehen, möglicherweise auch für höhere Bildungsschichten.

Die Quote kann es also nicht sein. Ist es vielleicht das Programm, was es ausmacht? Ja, würde man sofort sagen, sogar vielleicht ich. Das Problem an einem guten Programm ist jedoch, dass dieses gute Programm erst einmal jemand machen muss. Man braucht Ideen und man braucht Leute, die diese Ideen produzieren und dann erst hat man Voraussetzungen dafür, überhaupt erst einmal ein gutes Programm zu erstellen.

Sprich: Ein gutes Programm braucht von Anfang bis Ende einen Haufen Menschen, die das Programm entwickeln, produzieren und verkaufen. Und wenn dies alles passiert, dann beginnt sich etwas zu bilden, was der Markenexperte Hermann H. Wala sehr treffend als „WIR-Marke“ bezeichnet. Eine funktionierende Marke ist nicht einfach nur eine teuer gezeichnete und beworbene Marke, sondern eine Marke muss gelebt werden und bildet sich, wenn man es wirklich richtig machen, aus diesen Grundfundamenten. Menschen arbeiten an einer Stelle, Menschen arbeiten engagiert an gemeinsamen Themen, Menschen haben überhaupt die Möglichkeiten, dies zu tun.

Das ZDF hat dies alles, denn das ZDF ist öffentlich-rechtlich und hat eine vergleichsweise exzellente Finanzierung. Exzellente Mitarbeiter. Exzellente Technik. Einen exzellenten Ruf. Und zwar weltweit.

Das ZDF hat nicht: Visionen. Und das nicht erst seit einigen Monaten, sondern seit vielen Jahren. Denn das wirklich erstaunliche an Elmar Theveßens Rundmail ist, dass er diese Worte problemlos auch schon 1995 hätte wählen und an die Mitarbeiter schreiben können. So richtig viel ist seitdem nämlich nicht mehr passiert. Ich rede hierbei nicht von der ZDF-Mitarbeiterseite heraus – das bin ich seit 1998 nicht mehr und als freier Mitarbeiter und einfacher Kameraassistent habe ich selten das Gefühl erfahren, tatsächlich dazu zugehören – sondern ich rede hier primär als Zuschauer und jemand, der sich ganz gut daran erinnern kann, wie gut die Verwaltung damals funktionierte und wie fast schon erbärmlich schlimm der Apparat so weit lief, dass jeder sein ihm übertragenes Ding machte und danach nichts mehr passierte. Für alles eine Norm. Für jeden Vorgang ein Formular. Jede Straße auf dem ZDF-Gelände mit eigenem Straßennamen, die tatsächlich jedoch niemand kannte (mit Ausnahme wohl ich, der sich noch an die Rudolf-Crisolli-Straße erinnern kann, die nach einem Mitarbeiter benannt wurde, der 1970 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam).

Gelebt wurde das ZDF von seinen Mitarbeitern vor allem deshalb, weil man beim ZDF beschäftigt war. Schon ganz gut, wenn man als freier Mitarbeiter dabei ist. Noch besser, wenn ein Zeitvertrag in der Tasche lag. Super natürlich, wer festangestellt ist und wer zum alten Kader gehörte, der hatte auch noch Zugang zur Pensionskasse, wenn es dann in Richtung Ruhestand geht. Und das goldene Los gab es für den, der dann schon Jahre vorab „in Ratio“ gehen durfte.

Und wer machte (und macht) Fernsehen? Immer mehr sind das fremde Produktionen, freie Mitarbeiter oder die unsägliche Unkultur der „festen freien Mitarbeiter“, also letztendlich einem immer größer gewordenen Mitarbeiterstamm, den man eigentlich zwingend brauchte, aber nicht als Personalkosten haben wollte. Und freie Mitarbeiter lassen sich hervorragend einfach als „Produktionskosten“ abbilden und belasten die Personalkosten nicht. Und so lange „Wetten dass“ läuft, läuft es ja! Dass die großen Publikumsdampfer, die auch schon damals rar gesät waren, irgendwann einmal auch enden, damit beschäftigt man sich nun mal eben sehr ungern. Es fehlt der Quotendruck. Einerseits gut, andererseits aber eben auch nicht so gut.

Diese Themen waren in den drei Jahren, in denen ich meinen kleinen Job verrichtete, schon die Themen Nr. 1, zumindest unten an der Basis. Von einer Programmqualität gab es da noch lange nichts und wenn, dann vor allem in dem Zusammenhang, dass die „anderen“ ja so ein ganz furchtbares Programm machen, dass es ja eigentlich supergut ist, dass es das ZDF gibt. Und man eigentlich als Angestellter auch einen gar nicht so schlechten Deal hatte, für das ZDF zu arbeiten.

Summieren wir es mal so: Der Eindruck, dass die ZDF-Programmqualität damit zusammenhängt, dass man selbst beim ZDF beschäftigt ist, der hört sich zwar sehr seltsam an, aber der herrscht vor. Mit diesem Eindruck kann man sicher leben und es gibt auch gar nicht so viele Firmen und Mitarbeiter, die allein mit diesem Gedanken im Job überleben. Dieser Eindruck ist jedoch extrem subjektiv und vor allem dann nicht mehr besonders tragfähig, wenn der Laden mal unter Beschuss steht. Und das ZDF ist, als öffentlich-rechtliches Unternehmen, schon immer unter Beschuss gewesen, ob nun vom Gebührenzahler, von der privatwirtschaftlichen Konkurrenz oder von der Politik. Allerdings alles Beschüsse, die es schon seit Jahren gibt. Und auch seit Jahren ihr verletzliches Potential am ZDF hinterlassen haben. Nur hat das damals offensichtlich niemanden gestört.

Aus diesem Grund verstehe ich Elmar Theveßen erstaunlich gut und ich bin so frei und schätze ihn als jemanden ein, dem seine Feststellung der aktuellen Situation im ZDF tatsächlich so richtig an die Nieren geht.

Nur, frage ich mich: Das alles fällt euch erst jetzt ein? Darüber hätte man sehr bequem schon vor 15 Jahren diskutieren können. Und sollen. Und vor allem müssen. Und vermutlich sind es genau die Leute, deren ZDF-Personalstammnummer schon längst nicht mehr existiert, diejenigen, die Theveßens Worte am ehesten nachvollziehen können.

Anschaulich zum Thema auch folgendes auf Carta: ZDF-Mitarbeiter fordern „Freiheit für das Zweite!“

Update vom 30.01.2012: In der Zwischenzeit hat Carta die gesamte Mail von Elmar Theveßen an die ZDF-Belegschaft veröffentlicht. Und auch wenn es ironischerweise einige Formulierungen in meinem Artikel gibt, die einigen Äußerung Theveßens ähneln – ich lese die Mail in vollständiger Länge in Carta ebenfalls zum ersten Mal.

Ein Gedanke zu „Elmar Theveßens Hilferuf an die ZDF-Belegschaft.

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