Wie man einen Kotau nochmal richtig vermasselt.

Man hätte erwarten können, dass Sony nach dem Einbruch ins PlayStation Network sich in den vier Wochen, in denen das Netzwerk vollständig abgeschaltet ruhte, auch noch etwas Zeit nehmen würde, sich einmal grundlegend darüber Gedanken zu machen, wie man sich das mit der Community vorstellt. Und wie man zukünftig das Thema Sicherheit dieser Community sinnvoll verkauft. Mit „verkaufen“ meine ich dabei „argumentieren“ und gar nicht so einen echten Verkaufsvorgang. Doch das ist scheinbar die Strategie. Und ich muss zugeben, dass es mich jäh entsetzt, wie unverblümt das passiert.

Der Re-Start des PlayStation Networks.

Das PlayStation Network wurde am Montag wieder freigeschaltet, nach und nach. Unabdinglich war ein sofortiges Update der PS3-Firmware auf 3.61, das traditionell wieder im ISDN-Tempo heruntergeladen wurde. Nach der Installation geht es zum Passwort-Neusetzen. Und danach war man einfach mal so wieder „drin“. Ein Wort der Entschuldigung? Ein Hinweis? Ein Dank dafür, dass man sich vier Wochen quasi durch die Zeitung darüber informieren musste, was denn eigentlich wirklich passiert ist? Nada. Nichts. Null. Außer der einen Mail vor einigen Wochen, in der in vielen Sätzen wenig mehr gesagt wurde, als dass man leider das PlayStation Network abschalten musste, weil irgendwie irgendwas passiert war, kam nichts mehr. Und jetzt ist alles wieder da, mit weiterhin bewährt lahmer Performance und gut soll sein.

Das „PSN-Willkommensprogramm“.

Um es einleitend zu sagen: Ich bin nicht scharf auf kostenlose Gimmicks zur Entschädigung. Sicherheitsprobleme darf man nicht mit Geschenken aufwiegen, niemals. Aber nun gut, die japanische Mentalität ist in dieser Beziehung grundlegend anders. In Deutschland besteht das „PSN-Willkommensprogramm“ zunächst darin, dass jeder PS3-Besitzer in den nächsten 30 Tagen zwei Spiele kostenlos aus dem PlayStation Store beziehen darf und zwar aus folgenden Spielen:

  • LittleBigPlanet
  • Super StarDust HD
  • WipEout HD/Fury
  • Ratchet & Clank: Quest for Booty
  • Hustle Kings

Wow! Alles hübsche Titel? Ja, kann man so sagen, denn die Spiele sind allesamt uralte Titel, die schon teilweise mehr als zwei Jahre auf dem Markt sind und kaum noch jemanden wirklich hinter dem Ofen hervorlocken. Und das ist mehr als ein optisches Problem, denn gerade die Spiele, die das Spielen im Netzwerk ermöglichen, sind, je älter sie sind, genau hier völlig uninteressant, denn was bringt das Spiel im Netzwerk mit anderen Spielern, wenn das Spiel schon längst durch ist? „WipEout HD“ beispielsweise bringt es zur Primetime auf kaum noch auf mehr als fünf Netzwerkspiele gleichzeitig.

Das mit dem Verscherbeln von schon abgenudelten Spielen als „Geschenk“ ginge ja noch – was dann noch folgt, ist eine derartig dahingeschacherte Geschäftemacherei, dass es einen staunen lässt:

  • 30 Tage kostenlose PlayStation Plus-Mitgliedschaft für Nicht-PS Plus-Abonnenten
  • Bestehende PlayStation Plus-Abonnenten erhalten ein kostenloses, 60-tägiges Abonnement.
  • Bestehende Q Music Unlimited-Abonnenten erhalten ein kostenloses, 30-tägiges Abonnement.

Dienste, die alle kostenpflichtig sind und nach dem „30 Tage kostenlos“ auch kostenpflichtig werden. Eine Probezeit als „Geschenk“ zu verkaufen, dahinter muss schon außergewöhnlich viel Chuzpe stecken und die bin ich eigentlich nur von Call-Center-Zombis und von Verkaufsdrohnen in der Fußgängerzone gewohnt, die mit „Geschenk-Abos“ von Tageszeitungen am Ende des Quartals noch verzweifelt versuchen, so die IVW-Zahlen in Ordnung zu bringen.

Das „Identitätsschutzprogramm“.

Den absoluten Gipfel der Geschmacklosigkeit erreicht man als Kunde, wenn man sich ein weiteres Ding anschaut, das Sony da wohl gerade zurechtbastelt und heute kurz mal eben so angekündigt hat: Ein „Identitätsschutzprogramm“. Hier will man den Dienst eines Dienstleisters anbieten, der im Internet nach „Identitätsmissbrauch“ des Kunden fahndet und den Kunden dann darüber informiert – wie auch immer das passieren soll. Dazu gibt es dann eine „Software zum Schutz der persönlichen Daten“, eine „eigene Hotline“ und „Unterstützung für Opfer von Identitätsmissbrauch“. Und dann auch noch eine „Versicherung zur Abdeckung der Kosten für die Identitätswiederherstellung nach einem Identitätsmissbrauch“. Wie schön: Ein neuer Name vielleicht?

Also was will da Sony tatsächlich sagen? Dass man seinem eigenen PlayStation Network, das mal eben so 70 Millionen Kundendatensätze verschüttgehen lässt, nur soweit traut, dass man mit einem hierzulande weitgehend unbekannten Dienstleister einen Deal ausmacht, deren „Identitätsschutzlösungen“ zu vertreiben? 12 Monate Abo „schenken“, heute aber noch nicht zu wissen, was das eigentlich danach kosten soll? Und überhaupt: Mit welcher Nicht-Voodoo-Technik will man „Identitätsmissbrauch“ im Internet so zuverlässig erkennen können, dass ein Unternehmen maschinell ausgewertet entscheiden kann, ob ich nun Bücher kaufe oder nicht vielleicht ein Gauner? Und welchen Sinn soll das machen, wenn man doch eh dazu verdammt ist, die nächsten Monate eine Kreditkartenabrechnungen – eben wegen der Datenschlamperei von Sony – nochmal besonders gut anschauen zu müssen?

Sorry, Sony, you failed. Und zwar auf ganzer Linie.

Sicherheitsprobleme und ein wochenlanger Notfall-PSN-Shutdown – okay, lasse ich mir gefallen. Eine ziemlich konfuse Informationspolitik – geschenkt, ist mir persönlich alles nicht ganz so wichtig, immerhin läuft meine Kreditkarte im Laufe des Jahres aus und auch ohne PlayStation Network muss man im Internet nicht sehr lange suchen, um meinen Namen zu finden.

Aber dann ein „Willkommensgeschenk“ in Form von weitgehend verfallenen Spielen und einer ziemlich ekelhaften Art und Weise, den Relaunch noch für Geschäftemacherei mit der Angst zu missbrauchen – das ist völlig daneben und eine Verhöhnung der Kundschaft, die sich auch heute noch darum sorgt, ob denn mit dem PSN-Hack nun Kreditkartendaten wirklich den Weg in die Freiheit gefunden haben oder nicht und möglicherweise Kundendatensätze von Minderjährigen nun im Internet kursieren oder eben nicht.

Man hätte erwarten können, dass in den Köpfen der Verantwortlichen bei Sony etwas passiert wäre in den letzten Wochen. Man hätte. Man muss jedoch nicht.

Ein Gedanke zu „Wie man einen Kotau nochmal richtig vermasselt.

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