Stell’ dir vor, es ist Revolution …

… und keiner berichtet darüber. Auch am Tag 5 der Unruhen in Ägypten tut sich in den deutschen Medien immer noch kaum etwas. Nehmen wir doch mal den gestrigen Samstag:

  • ARD: Nichts, außer die üblichen Nachrichten, immerhin mit großen Berichtsstrecken.
  • ZDF: Übliche Nachrichten, um 18:35 Uhr immerhin ein „ZDF-Spezial“, 25 Minuten lang.
  • Phoenix: Übernommene Tagesschau um 20 Uhr, eine Hintergrunddokumentation zu Hosni Mubarak um 13 Uhr, 30 Minuten lang.
  • N24: Nichts, außer den stündlichen, fünfminütigen (!) Nachrichten, dafür aber um 21 Uhr eine Dokumentation des Wüstenfuchses Erwin Rommel. Immerhin schon mal etwas Nordafrika.
  • n-tv: Nichts, außer den stündlichen Nachrichten. Um 18 Uhr immerhin eine halbe Stunde, um 20 Uhr zehn Minuten, ansonsten 5 Minuten.
  • Sat 1, Pro Sieben, alle RTL-Programme: Nichts, außer den normalen Nachrichten in bekannt dürftiger Qualität.

Defacto ist bei den deutschen „Nachrichtensendern“ N24 und n-tv Ägypten kein Thema, das offensichtlich eine außerplanmäßige Berichterstattung gerechtfertigen würde. Dabei dürfte übernehmbares Bildmaterial von Agenturen, das man verarbeiten könnte, in vermutlich dreistelliger Stundenzahl vorliegen.

Zum Vergleich:

  • Al-Jazeera English: Rund um die Uhr Liveberichterstattung, das normale Programm weitgehend zurückgestellt.
  • CNN International: Weitgehend rund um die Uhr Liveberichterstattung, ergänzt mit Hintergrundberichten und -diskussionen. Auch hier ist das normale Programm weitgehend zurückgestellt.
  • CNN USA: Die Hälfte des Programmes für Liveberichterstattung und Hintergrundinformationen aus Ägypten.

Selbst so Sender wie BBC World, France 24 English oder das japanische NHK World (über Astra empfangbar), die keine Nachrichtensender sind, sondern nur internationale Fenster von nationalen Sendern, machen allesamt eine weit größere und dichtere Berichterstattung, als alle deutsche Fernsehsender zusammen.

Online? Das Nachschauen bereitet noch viel mehr Schmerzen: Bei N24 und n-tv gibt es immerhin Artikel, die jedoch aufgrund der völlig unübersichtlichen und lieblos präsentierten Seiten in etwa den gleichen Informationsrang haben, wie die Berichterstattung aus dem Dschungelcamp, das bei beiden Websites ebenfalls eine Seite-1-Nachricht ist, selbst heute noch, am Sonntag. SPIEGEL Online und die Süddeutsche geben sich wenigstens Mühe mit einer Liveberichterstattung in Tickerform, ebenso die ARD unter tagesschau.de und das ZDF auf seiner Website. Die Welt versucht sich ebenfalls mit einem deutlich schlampigeren (und sicherheitshalber nicht mit Zeitstempeln versehenen) Liveticker und hält einsam das Fähnchen beim Axel-Springer-Verlag hoch.

Das Problem: Keine Informationsstrukturen vor Ort

Vor-Ort-Berichterstattung kann man in verschiedenen Qualitäten haben:

  • Einen eigenen Korrespondenten mit eigenen Produktionskapazitäten. Das macht Al-Jazeera und CNN, aber auch ARD und ZDF. Eigene Leute, eigene Technik, eigene Journalisten.
  • Einen freien Journalisten vor Ort, von dem gelegentlich Material gekauft wird. Funktioniert im Normalfall ganz gut, im Ernstfall dann schon weniger und wenn der freie Journalist wiederum vor Ort auf Fremdkapazitäten in Sachen Bild und Übertragung angewiesen ist, auch gern mal gar nicht.
  • Niemanden vor Ort. Bildmaterial wird zugekauft, die Berichterstattung erfolgt zu Hause unter Zuhilfenahme von Agenturmaterial. Manchmal hilft auch das Glück im Unglück, wenn ein Mitarbeiter des Hauses zufälligerweise im Krisengebiet Urlaub macht und seine eigenen Eindrücke per Telefon nach Hause telefonieren kann.

Wenn man sich anschaut, wie die Berichterstattung von CNN und Al-Jazeera funktioniert, wird einiges deutlich. CNN hat vor Ort Korrespondenten, die, wie bei CNN üblich, unter abenteuerlichen Umständen aus dem Hotel senden. Garniert wird das entweder mit eigenen Bildern vom Hotel aus oder es wird kurzerhand Bildmaterial von anderen Sendern übernommen und mit eigener Berichterstattung untermalt.

Die US-Produktionsideologie arbeitet zudem mit dem Paradigma eines Producers: Der Korrespondent vor der Kamera ist nicht der Chef der Mission, sondern ein eigener Producer, der auch die Fäden in der Hand hält. Der Producer entscheidet, welches Material gesendet wird und was der Korrespondent wo und wann berichtet. Und er hat darüber hinaus die Zeit, eigene Informationen von externen Informanten zu sammeln, auszuwerten und in die Berichterstattung einzubinden.

Kauft sich ein Sender im Spargang einen einfachen, freien Journalisten vor Ort, dann ist das in Krisenzeiten sowieso ein eher hoffnungsloses Unterfangen und leidet dann spätestens in hektischen Zeiten darunter, dass der einfache Journalist eben während dem Stehen vor der Kamera nicht gleichzeitig eine Recherche machen oder sich gar um ein Informantennetzwerk kümmern kann. Sprich: Es geht nur etwas, wenn man vorgesorgt hat als Sender und beizeiten schon Geld in einen Korrespondenten investiert, der vor Ort Informationsstrukturen hat.

Welche Sender sich welche Nachrichtenqualität gönnen? Einfach auch am Tag 5 in den Fernseher schauen und erleben bzw. nicht erleben.

Ein Gedanke zu „Stell’ dir vor, es ist Revolution …

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