Völkerverständigung auf australisch-türkische Art.

Durch Zufall bin ich auf ein zeitgeschichtliches Stück Völkerverständigung gestoßen, das mich zu Tränen gerührt hat. Wenn man nach Jahren oder Jahrzehnten einen Blick in die Vergangenheit wagt und sich dem nicht verschließt, geht Versöhnung fast von allein. Aber von vorn:

Im Jahre 1915, in den Anfängen des Ersten Weltkrieges, begann die Entente, das Militärbündnis aus dem Vereinigten Königreich, Russland und Frankreich, eine Invasion der türkischen (bzw. damals osmanischen) Halbinsel Gallipoli, um auf diese Weise die Meerenge der Dardanellen unter Kontrolle der alliierten Mächte zu bekommen. Die Dardanellen und auch der Bosporus waren erklärte Invasionsziele der Alliierten, um auf diese Weise Kontrolle über die Durchfahrten von Schiffen vom und zum Schwarzen Meer zu bekommen. Wer sich für die genauen Details der Schlacht von Gallipoli interessiert, dem sei der ausgezeichnete Wikipedia-Artikel empfohlen.

Jedenfalls: Einer der Kriegsherren auf türkisch-deutscher Seite (das deutsche Kaiserreich war damals Kriegsverbündeter des Osmanischen Reiches) war ein gewisser Mustafa Kemal Bey, später auch bekannt unter dem Namen Mustafa Kemal Atatürk. Seine von ihm geführte Division wehrte die zentralen Angriffe der Entente-Mächte ab, er war also jemand, der in seiner militärischen Karriere mit einer der blutigsten und schlimmsten Schlachten des Ersten Weltkrieges direkt in zu tun hatte, bei der insgesamt über 100.000 Soldaten ihre Leben lassen mussten.

Als späterer Präsident erinnerte sich Atatürk immer wieder an diese eine Schlacht und als Rede zu einer Trauerfeier am Jahrestag der Schlacht gab er im Jahre 1934 folgendes, höchst bemerkenswertes Zitat zu Protokoll, das mich sehr bewegt:

„Diese Helden, die ihr Blut vergossen und ihr Leben ließen… nun liegt ihr in dem Boden eines freundlichen Landes. Darum ruhet in Frieden. Da gibt es keinen Unterschied zwischen den Johnnies und den Mehmets, dort wo sie Seite an Seite in diesem unserem Lande liegen… Ihr, die Mütter, die ihre Söhne aus weit entlegenen Länder schickten, wischt weg eure Tränen. Eure Söhne liegen nun an unserer Brust und sind in Frieden. Ihr Leben in diesem Land verloren zu haben, machte sie genauso zu unseren Söhnen.“

Man versöhnte sich aus und kämpfte Jahre später auch wieder Seit‘ an Seit‘ in anderen Kriegen. Später trat die Türkei als NATO-Mitglied der ersten Stunde sogar in ein Dauerbündnis mit den ehemaligen Gegnern ein, aber das führte nicht dazu, worauf ich gerade stolperte.

Denn 1985 beschloss die türkische Regierung unter Turgut Özal, eine Bucht in Gallipoli umzubennen in die so genannte „ANZAC-Bucht“. ANZAC steht für „Australian and New Zealand Army Corps“ und war eine Einheit aus australischen und neuseeländischen Soldaten, die just in dieser Bucht anzulanden versuchten und die größten Verluste erlitten. In der ANZAC-Bucht steht seitdem einer der größten Soldatenfriedhöfe der Türkei zu Ehren auch der Entente-Soldaten.

Die Australier ließen sich durch diese Tat beeindrucken und setzten ihrerseits einen Punkt. Sie gewährten nämlich der Türkei auf der so genannten „ANZAC-Parade“ in Canberra, die eigentlich den australischen und alliierten Nationen gewidmet ist, ein eigenes Denkmal. Wohlgemerkt: Dem ehemaligen Feind und auch noch genau wegen der damals verlorenen (und höchst sinnlosen) Schlacht. Dort wiederum ist der obige Satz von Atatürk zu finden und eine dort versenkte Zeitkapsel mit Erde von den Schlachtfeldern aus Gallipoli.

So funktioniert Völkerverständigung auf allerhöchster Ebene.

Ein Gedanke zu „Völkerverständigung auf australisch-türkische Art.

  1. sollte die islamische welt dank der türkei wenigstens ein stück weit säkularisiert werden, muss dieser große general und revolutionär, kemal atatürk, nachträglich mit dem friedensnobelpreis ausgezeichnet werden. ein großer staatsmann.

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