Das „Thomas-Gottschalk-Syndrom“.

Gleich zur Einleitung: Das „Thomas-Gottschalk-Syndrom“ gibt es so mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht wirklich, ich nenne das Phänomen jedoch so, weil Thomas Gottschalk als „echter“ Prominenter genau das gleiche Problem in XXL hat und einer der wenigen Prominenten ist, die ich kenne (also glaube, zu kennen) und der am besten mit der Problematik umgeht.

Das One-to-Many-Theorem.

Fangen wir etwas mit Pseudowissenschaft aus meinem reichen Fundus an gesundem Halbwissen an, so wie sich das für Fernsehleute gehört, selbst wenn sie schon längst nicht mehr hinter der Kamera arbeiten. Das „One-to-Many“-Paradigma bezeichnet in der Kommunikation einen Kommunikationsweg, nämlich dem von einem Sender zu vielen Empfängern. So funktioniert von Hause aus beispielsweise der Rundfunk, bei dem man davon ausgeht, dass einige wenige Menschen das Programm erzeugen und es viele, normalerweise undefinierte Empfänger an den Empfangsgeräten gibt, die dieses Programm und die Nachricht empfangen können. Charakteristisch hierbei ist, dass man als Empfänger durchaus den Sender kennt, während der Sender in der Regel nur extrem wenig über seine Empfänger weiß, im Normalfall (wir lassen mal Pay-TV aus der Sicht weg) noch nicht mal die genaue Zahl der Empfänger.

Während es dem einfachen Techniker in einem Rundfunkbetrieb weitgehend egal sein kann, dass die Empfänger seiner Arbeitgebers ihn nicht kennen, ist es bei Prominenten schon ein ganzes Stück komplizierter. Prominente kämpfen grundsätzlich immer mir dem Phänomen, dass viele Menschen sie kennen, sie selbst aber normalerweise einen genauso großen Kreis an „echten“ Bekannten haben, wie jeder andere Mensch auch. Ich unterteile das mal in einer kleinen, höchst subjektiven Matrix:

Normaler Mensch Prominenter
Engster Kreis der Familie normal normal
Freunde normal normal
Erweiterter Bekanntenkreis (Freund vom Freund) normal riesig
Wird von vielen einseitig gekannt wenig gewaltig

Der Umstand, dass ein Prominenter von extrem vielen Menschen gekannt wird, es umgekehrt aber beileibe nicht so ist, ist für viele Prominente übrigens ein richtiges Problem, das man beim Fernsehen sehr schön beobachten kann, wenn man die Zeit dazu hat. Sehr viele Moderatoren schaffen es in den Kantinen von Rundfunkanstalten nur mit größten Schwierigkeiten, an den Reihen von Besuchergruppen vorbeizugehen – nicht deshalb, weil sie sich sofort in die Gruppe stürzen, sondern weil sie gar nicht so die „Entertainer“-Naturen sind und eher verschlossene Typen. Ich würde gern einige Namen nenne, es gehört aber zum ungeschriebenen Ehrenkodex des Fernsehbetriebes (auch wenn man da nicht mehr dabei ist), keine Namen in der Öffentlichkeit zu nennen. Warum man das nicht macht, dazu komme ich gleich.

Der Umgang mit dem One-to-Many.

Als Prominenter hat man grundsätzlich zwei Möglichkeiten, mit dem Prominentenstatus umzugehen: Du kapselst dich ab und nimmst in Kauf, dass du deine Bewunderer im Nahkampf unter Umständen sehr verstörst oder zu akzeptierst es, dass du deinen Prominentenstatus nicht einfach abgeben kannst wie einen alten Anzug und damit umgehen musst.

Ersteres ist eine relativ einfach zu bewerkstelligende Sache, bewirkt jedoch teilweise richtig dramatische Szenen. Beispiel:

Ich war mal in einem Drehteam für eine Kindersendung mit einem prominenten Moderator, den nun wirklich jedes Kind kennt, teilweise sogar junge Erwachsene. Ein Idol. Und dieses Idol, das auch im Privatleben so herumlief, wie man es im Fernsehen kennt, hatte zwei fundamentale Probleme: Eigentlich mochte er keine Kinder und er rauchte wie ein Schlot. Das führte bei unserem Dreh zu einer höchst unangenehmen Situation, bei dem wir vor einer Schule drehten, der Moderator in einer Drehpause vor sich hinqualmte und sarkastisch auf Fragen von Kindern antwortete. Okay, zugegeben, der Drehtag war lange, es wurde mit Kindern gedreht (was immer deutlich stressiger ist), der Moderator nicht mehr sehr gut gelaunt und alle waren hungrig. Bei Kindern muss man da natürlich auch beachten, dass sie eine deutlich geringere Kontakthemmnis zu Prominenten haben, als Erwachsene.

Jedenfalls führte diese Situation, bei der dann am Ende einige verstörte Kinder zurückblieben, die das natürlich ihrer Lehrerin erzählten und die wiederum ihrem Chef, dazu, dass am nächsten Tag der Rektor den Aufnahmeleiter zum Rapport bestellte und ihm mitteilte, dass der Moderator ab sofort nicht mehr vor den Schülern rauchen dürfe und sich „prominenter“ zu verhalten habe, ansonsten würde er die Drehgenehmigung zurückziehen. Sicherlich überzogen, allerdings alles aufgeschaukelt dadurch, dass ein Prominenter eben mit seinem Prominentenstatus nicht umgehen konnte. Solche Missverständnisse führen nicht selten dazu, dass Drehtermine flöten gehen und sogar ganze Engagements ins Wasser fallen, wenn das Drehteam damit nicht umgehen kann.

Thomas Gottschalk ist so eine Art Prominenter, der tatsächlich ständig „auf Sendung“ sein kann. Ich bewundere den Mann nicht für seine eigentliche Moderationsleistung, sondern eher dafür, dass er zu jeder Zeit und zu jeder Gelegenheit weiß, wie er Menschen einfangen kann, selbst wenn er eigentlich gar keine so rechte Lust hat, in irgendeinem stinkenden Loch von Gastwirtschaft plötzlich einer vorbeikommenden Truppe von Rentnern auf Heizdeckentour Autogramme geben zu müssen. Man kann auch da das Gesicht wahren und zwar sein eigenes und das der Menschen, die dem Phänomen verfallen, dass der Prominente, den sie ja schon seit Jahren so gut kennen, sie eigentlich ja gar nicht kennt und sie eigentlich auch gar nicht kennen will, aber trotzdem auf das Spiel eingeht. Das ist oftmals eine rein nervige Veranstaltung, die, wenn man am Drehort mit solchen Phänomenen zu kämpfen hat, von guten Aufnahmeleitern in die Planung von Drehterminen eingerechnet wird, aber Gottschalk ist so einer, der weiß, wie es geht und er auch weiß, wie man selbst aus solchen spaßfreien Dingen noch Input und Motivation ziehen kann.

Ein Stückweit zählt das durchaus durchweg nette Einkommen von Moderatoren und Prominenten daher auch als Schmerzensgeld dafür, dass man als Prominenter das Recht auf Privatsphäre zwar immer noch gesetzlich verbrieft in der Tasche hat, die Realität jedoch ganz anders aussieht und das ohne wirkliche Kompensation. Würde Thomas Gottschalk den Rentnern kein Autogramm geben, würden sie zwar vermutlich dumm aus der Wäsche gucken, aber dann doch wieder „Wetten dass“ anschauen. Weil er doch eben so ein netter Kerl ist und für viele Menschen eben der „Thomas“, obwohl der gute Thomas immerhin schon 60 Jahre alt ist.

Das Internet und das Thomas-Gottschalk-Syndrom.

Als normaler Mensch einen Prominentenstatus zu ergattern, ist eine relativ übersichtliche Angelegenheit. Man muss schon sehr laut sein oder eine mächtig wirkende Besonderheit herumtragen, dass man in die Verlegenheit kommt, Autogramme schreiben oder von wildfremden Menschen angesprochen zu werden. In einem erweiterten Bekanntenkreis, also bei den „Freunden von den Freunden“ kann es schon durchaus mal passieren, dass man angesprochen wird in der Form „Hey, ich hab viel von dir gehört!“, aber das sind schon Seltenheiten.

Im Internet sieht das anders aus und das erstaunlicherweise deshalb, weil es im Internet in der Online-Kommunikation per se hemdsärmeliger miteinander umgegangen wird. Das unkonventionelle „Du“ ist in Foren sehr weit verbreitet und da – meine Theorie – die Lektüre von Foren, Mails und Chats ein großes Stück intensiver vonstatten geht, als ein möglicherweise seichtes „echtes“ Gespräch über das Wetter am Rande einer Veranstaltung, kennt man online erheblich schneller erheblich mehr Menschen. Je freundlicher/origineller/fachkundiger/verrückter man online ist, desto eher.

So lange dieser Prominentenstatus online bleibt, ist das alles kein sonderlich großes Problem. In den Social Networks, in denen ich mit teilnehme, kenne ich insgesamt, so pi mal Daumen aus der Hüfte geschossen, etwa 500 Menschen vom Namen her. Mich wiederum kennen, wiederum pi mal Daumen – viel mehr Leute. Ich kann es nicht beziffern, weil es völlig unmöglich ist.

Allein Twitter ist schon so ein Beispiel: Bei 480 Lesern, die meinen Twitter-Stream verfolgen, lese ich nur 160 andere Twitter-Schreiber mit und davon sind viele noch nicht mal meine Leser. Ich kenne also tatsächlich nur ganz wenige der Leute, die mich auf Twitter lesen. Noch haariger wird es mit diesem Weblog hier, bei dem ich nur weiß, dass ich am Tag normalerweise 300 bis 500 Besucher habe. Und wenn man dann völlig abfahren möchte, schaue ich mir meine „Usenet-Karriere“ mit über 5.000 Artikeln an, die ich von 1997 bis 2010 verfasst habe und letztendlich noch heute durchsuchbar sind.

Ergo: Viele von den „Hardcore-Onlinern“ haben schon längst den „Normal-Status“ verlassen und bewegen sich auf Gefilden von Prominenten, wie auch immer das definiert ist. Sicherlich gibt es einige herausragende Onliner wie Mario Sixtus, unseren Gockel mit dem Schnauzbart und viele andere. Allerdings gibt es im Internet von Hause aus viel mehr Sender, die sich meist einzig und allein nur durch eine mehr oder weniger schmalere Komplexität oder Anzahl ihrer Äußerungen unterscheiden.

So richtig bewusst geworden ist mir das Thomas-Gottschalk-Syndrom erst vor einigen Wochen, nämlich auf dem BarCamp Stuttgart. Ich glaube, Henning Schürig wird es mir nicht übelnehmen, dass ich jetzt hier erzähle, dass ich ihn nicht sofort erkannt habe, als er mich aus einem Pulk heraus ansprach und er sich vorstellte. Ich muss zugeben, ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, wer Henning eigentlich war. Ich brachte das Gesicht nicht zu einem Namen und, noch viel fataler, den Namen noch nicht mal aufgelöst. Null Ahnung, No Name. Ich musste tatsächlich später nach seinem Namen googlen, um zu merken, dass er im Vorstand der Grünen in Baden-Württemberg ist, er mir in Twitter folgt und er zwei Dutzend meiner Freunde in Facebook kennt. Ich kannte Henning schon zu diesem Moment, aber habe Namen und Kopf nicht zur Deckung bringen können. Da Henning ein guter Menschenkenner ist, hat er meine anfängliche Verwirrung und mein nicht wirklich sehr gut inszeniertes Minenspiel sicherlich registriert, sich aber nicht anmerken lassen. 🙂

Und tatsächlich helfen inzwischen noch nicht mal mehr die berüchtigten Namens-Badges mehr, denn oft genug kennt man die Namen seiner Twitter-Follower gar nicht beziehungsweise hat gar keine Übersicht mehr, wer einem da folgt. Wer jetzt mit Ignoranz so eine Situation aufzulösen versucht oder mit einem „Kennen wir uns? Wer sind Sie überhaupt? Was bilden Sie sich überhaupt ein?“ kommt, hat unrettbar verloren.

Genau das ist das Thomas-Gottschalk-Syndrom.

3 Gedanken zu „Das „Thomas-Gottschalk-Syndrom“.

  1. Ich hab dich auch nur angesprochen, weil ich dein Namensschild gelesen habe. Vom Gesicht her hätte ich dich niemals erkannt. Aber dir ging’s da genauso, wenn ich mich richtig erinnere. Mein Gesicht sagte dir nichts, der Name dann aber.

    Ich kenne sowas aber aus beiden Perspektiven. Ich wurde auch schon öfter von Leuten angesprochen, die ich nicht kannte. An der Ampel wegen den Studiengebühren-Protesten (allerdings Jahre später), im Blog schrieb mal ein mir Unbekannter, er hätte mich im Bus gesehen und bei einem Webmontag stellte sich mir jemand mit den Worten „Hi, ich les deinen Blog.“ vor.

    Von daher: sehr interessanter Artikel auf den ich ab jetzt immer gut verweisen kann. 🙂

  2. Gottschalk muss in Pesion gehen. Das bedeutet, dass er nicht wiederkommt. Sein Leben wird sich daher umstellen. Hoffentlich zum Besseren.

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