Nikolaus Brender auf Abschiedstournee.

Wer erwartet hat, dass ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender ohne deutliche Worte seinen Posten zum 31. März abgibt, dürfte staunen. Denn das, was er da im SPIEGEL im Interview ab Seite 130 abgelassen hat, ist pures Feuer auf dem Lerchenberg. Eine Zusammenfassung des sehenswerten Interviews und Reaktionen darauf hat SPIEGEL Online:

Jeder, der mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland zu tun hat oder hatte, weiß, dass Nikolaus Brender Recht hat. Die kleinen, schwer schuftenden Ameisen ahnen es und die Führungsriege weiß es, dass vor allem die mittlere Führungsebene besonders anfällig für parteiliche Spitzeltätigkeiten ist. Hier sitzt der Kader, der auf der ZDF-Karriereleiter nach oben möchte und hier sitzen vor allem Leute, die sehr genau ihren politischen Marktwert hinter den Kulissen und in ihren jeweiligen Parteien kennen. Ob das nun hausinterne Entscheidungen über Engagements, Vertragsverlängerungen oder Beförderungen sind oder gewisse “Unterstützungen” bei der medialen Außenwirkung von Parteifreunden, die auch gern mal in krassen Einzelfällen jegliche Grenzen der Neutralität überschreiten.

Man muss dabei das System verstehen lernen: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist als Arbeit- und Auftraggeber in der gesamten Medienbranche hochbegehrt. Hier gibt es Geld und hier gibt es vor allem Projektsicherheit. Und es ist beileibe nicht so, dass jedes Wort auf die Politikgoldwaage gelegt wird und sofort zensiert wird – der Apparat funktioniert differenzierter. Du darfst dich austoben, du darfst Dinge tun, du darfst auch experimentieren, aber du darfst ein paar Dinge nicht fragen, beispielsweise, wie das mit der politischen Einflussnahme eigentlich ist. Du darfst dich wundern, du darfst dich selbst fragen, aber frage niemals jemanden, den du nicht kennst, der auf der Karriereleiter nach oben will oder der auf einem Posten sitzt und den behalten möchte. Fragen und zu deutlich seine politische Ausrichtung zu äußern (übrigens durchaus in alle Richtungen) ist gefährlich.

Nur: Wie aufmucken? Als freier Mitarbeiter bedeutet ein Aufmucken das sofortige und sehr nachhaltige Ende jegliches Engagements beim ZDF. Der Apparat vergisst niemals. Als Festangestellter sieht die Sache vermutlich ähnlich aus, hier aber wird sich kaum ein Festangestellter selbst seine Existenz zerlegen, die aus vielen kleinen Annehmlichkeiten besteht und die das Arbeitsleben in einem Großunternehmen angenehm machen. Im übrigen hätte auch ein festangestellter Mitarbeiter kaum Raum zum Beschweren, dafür sorgen schon die normalen, arbeitsrechtlichen Bestimmungen. Ich kann es auch niemandem verdenken.

Nun könnte man sagen: Na die Gewerkschaft könnte es doch! Haha. Die Gewerkschaft besteht aus einer eigenen Verdi-Betriebsgruppe, die schon genug damit zu tun hat, die überaus fragwürdigen Konstellationen von Festangestellten, freien Mitarbeitern und den so genannten “festen Freien” auseinanderzuhalten und die jeweiligen Kaste zu sichern. Auch hier wird keiner den beherzten Griff in die richtig tiefen Niederungen der Sickerbecken wagen. Und man muss an dieser Stelle auch deutlich sagen, dass auch freie Mitarbeiter im Branchenvergleich bei Engagements von öffentlich-rechtlichen Sendern geradezu privilegiert sind.

Nur zu gern würde ich Beispiele aus meiner damaligen Arbeit beim ZDF in Mainz und Stuttgart aufführen, allerdings verbietet das mein einst unterschriebener Vertrag bis zu dem Tag, an dem mein Vertragspartner dies widerruft. Ich bin so frei, zu glauben, dass das in meinem Leben nicht mehr passieren wird. Bis dahin dürfen wir so Leuten wie Nikolaus Brender, die sich nicht einfach so politisch munitionieren lassen wollen, andächtig und hochinteressiert zuhören. Denn das, was er sagt, das ist vom ersten bis zum letzten Satz richtig.

Ein Gedanke zu „Nikolaus Brender auf Abschiedstournee.

  1. […] Herausgekommen ist bei so einem Aufbau schon immer eine Veranstaltung, die zwar zu einem großen Teil tatsächlich nicht aus aktuellen Regierungen kommt, aber eben praktisch ausnahmslos eine parteiliche Färbung mitbringt. Die Unionsübermacht des aktuellen ZDF-Verwaltungsrat hat die “Causa Brender” eben entsprechend für sich entschieden. Unabhängig waren die ZDF-Gremien Fernseh- und Verwaltungsrat also tatsächlich noch nie. […]

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