Der Mann, der nicht twitterte.

Na da hat US-Präsident Barack Obama offensichtlich in ein Wespennest gestochen, als er vor chinesischen Studenten in Shanghai auf die Frage, ob diese twittern sollten, antwortete, dass er noch nie Twitter benutzt habe. Und das dann ausgerechnet zu Diskussionen über das Verified-Account-Siegel führt, das Twitter den prominenten Besitzern von eigenen Twitter-Accounts anbietet und dass auch der Twitter-Account von Barack Obama schmückt.

Um es mal sehr deutlich zu sagen: Wer tatsächlich glaubte, Barack Obama habe jemals selbst mit seinen eigenen zehn Fingern getwittert oder gebloggt, muss schon ein sehr hoffnungsfrohes Bild von Politik in der Enterprise-Klasse haben. Schon in den unteren Wahlkampf- und Politikklassen ist eine Handvoll Zeit, die man braucht, um Äußerungen innerhalb einer bestehenden Kommunikationsstrategie einzupassen, eine Sache, die man einfach nicht hat und die man innerhalb eines Teams zwangsläufig delegieren muss. Die Alternative wäre das, was wir an den Politikern “von gestern” bemängeln: Gar nichts schreiben.

Es ist bei Äußerungen von Politikern immer so eine Sache, wie man Meinung verkauft. In erster Linie ist es erst einmal der Kandidat, der für die Thesen steht, die unter seinem Namen “verkauft” werden. Liest man also eine Pressemitteilung, einen Artikel auf seiner Homepage oder in seinem offiziellen Twitter-Stream, dann ist es erst einmal der Kandidat, der da verkündet. Damit kann man es schon mal bewenden lassen, denn selbst wenn eine Äußerung im offiziellen Twitter-Stream von Barack Obama nicht von ihm selbst geschrieben wurde, gehe ich davon aus, dass Barack Obama das vertritt, was er da schreiben lässt.

Twitter lässt sich als ein sehr persönliches Sprachrohr nutzen und das tun viele Menschen auch, in dem sie selbst die Buchstaben eintippen – aber von müssen steht da nichts.

Im übrigen hätte man nur die Online-Kampagne von Obama näher betrachten müssen, um schon sehr lange zu wissen, dass sie Obama nicht selbst erfunden und gefahren hat. Das Unternehmen hinter der Strategie nennt sich Blue State Digital, macht das auch nicht zum ersten und letzten Mal und wenn man sich das offizielle Kampagnenblog anschaut, so haben da schon immer viele Menschen aus dem Team Obama mitgeschrieben, aber eben alle eine Sache gemeinsam vertreten. Das ist moderner Wahlkampf.

8 Gedanken zu „Der Mann, der nicht twitterte.

  1. Nuja. Dass er nicht *alles* selbst twittert, das war vermutlich allen klar. Aber bei so persönlichen Aussagen wie „Humbled.“ bei der Verleihung des Friedensnobelpreises hätte ich schon erwartet, dass er das selbst geschrieben hat…

    1. Also ich kann es mir durchaus vorstellen, dass er von einem Mitarbeiter um ein Statement gebeten wurde und er das dann gesagt hat. So eine Art der Aussage würde ich auch durchaus noch als authentisch ansehen.

      Wie auch immer, ich kann mir vorstellen, dass wir in den nächsten Tagen auch das noch erfahren werden, so schockiert wie die amerikanische Web-2.0-Welt ist.

        1. Also peinlich finde ich da eher deutsche Politiker, die twittern lassen und gar nicht sagen müssen, dass sie gar nicht selbst twittern, da man es schon ab dem ersten Tweet selbst merkt und es eigentlich überhaupt nicht zu ihrer Person passt. Genosse Kurt Beck hätte sich die Peinlichkeit eines eigenen Twitter-Streams auch glatt sparen können.

          1. Das ergibt keinen Sinn. Bei Barack Obama ist es Dir anscheinend egal, dass so getan wird, als würde er twittern, obwohl er das noch nie (!) getan hat, und Kurt Beck greifst Du an, obwohl er bereit ist, sich auf etwas Neues einzulassen. Da stimmen die Maßstäbe nicht.

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