Die Wikipedia im Wandel der Zeit.

Über die erschreckenden Diskussionen in der deutschsprachigen Wikipedia-Community über die so genannten “Relevanzkriterien” gibt es eigentlich nicht viel zu sagen. Man kann da auch nicht viel dazu sagen, man kann eigentlich nur den ganzen Tag den Kopf darüber schütteln und sich fragen, was sich da einige Leute eigentlich denken, wenn sie tagtäglich an der Wikipedia arbeiten. Ich habe da so meine eigene Theorie im Laufe der Jahre entwickelt, erstaunlicherweise zu einem Großteil aus meiner Parteiarbeit.

Collaboration ist eine unglaublich komplexe Angelegenheit mit viel Potential für nachhaltigen Ärger. Jeder, der in einer Firma mit anderen Menschen zusammenarbeiten muss, kennt die Thematik und die wird immer komplexer, je komplizierter das Themengebiet ist. Zu dieser Tatsache kommt dann noch das Engagement der Benutzer, das zunächst meist gekrönt ist vom Enthusiasmus über die unglaubliche Erfahrung, als Einzelperson an einem Lexikon mitzuarbeiten, ohne vorher ein Bewerbungsverfahren durchlaufen zu haben. Und so weiter. Diesen Enthusiasmus muss ich, denke ich, nicht wirklich beschreiben, dieses Gefühl hat jeder gemacht, der irgendwann mal in der Wikipedia irgendetwas geändert hat und seien es Korrekturen von Rechtschreibfehlern.

Und da kommen wir auch schon zu einem solchen Thema: Rechtschreibfehler. Diese nämlich “on the fly” beim Besuchen einer Wikipedia-Seite zu korrigieren, habe ich eine Zeitlang sehr gern gemacht. Wenn man schon keine Zeit oder Muße hat, einen Artikel zu ergänzen, kann man doch wenigstens so zur Qualität der Wikipedia beitragen. Es war für mich auch dahinsichtlich nie ein Problem, einen Wikipedia-Account dazu zu haben. Die mittelgroßen Dramen, die bei den Diskussionen, ob man das anonyme Schreiben weiterhin zulassen will oder nicht, habe ich nie verstanden.

Was ich irgendwann verstanden habe, war, dass man solche vermeintlichen Pupsarbeiten eigentlich gar nicht will. Das begann, als irgendwann die Reglementierungen durch die “Sichtung” von Änderungen eingeführt wurden. Das führte dazu, dass ich zwar munter rechtschreibkorrigieren konnte, aber diese Änderungen gerade in den wenig frequentierten Artikel mangels Sichtungen quasi niemals freigeschaltet wurden. Und gerade diese fehlenden Sichtungen führten dann paradoxerweise auch noch dazu, dass ich auch nicht im entferntesten in die Situation kam, irgendwann selbst sichten zu dürfen, weil ich meine Mindestanforderungen von 100 Seitenänderungen nicht zusammenbekam.

An solchen Metadiskussionen krankt die Wikipedia von Anfang an und es erstaunt mich zutiefst, wie man sich über Jahre hinweg mit solchen Diskussionen beschäftigen kann und megabyteweise Diskussionsseiten volltextet, anstatt diese Schreibenergie in vernünftige Dinge zu kanalisieren. Workflows, die keiner versteht, eine immer noch katastrophale Eingabesyntax, die keiner blickt und ein Ton von “Chefautoren”, den keiner nachvollziehen kann. Das Kleinbürgertum ist nicht frisch in die Wikipedia eingezogen, es war von Anfang an dort.

Das Fatale dabei ist, dass man zwei Dinge machen kann, wenn man mit Kleinbürgertum und Scheuklappendenken zu tun hat: Man kann es bekämpfen oder man kann versuchen, damit klarzukommen. Erstaunlicherweise versuchen sich viele mit ersterem, was in meinen Augen völlig hoffnungslos ist. Salopp gesagt scheitert es daran, dass man einen Dummen nur dann klug bekommt, wenn er denn das auch wirklich wollte. Oder man schaut lieber zu, mit dem Dummen soweit klarzukommen, dass er seinen Beitrag auf der niedersten Ebene so tut, dass andere damit aufbauen können. Das ist das Geheimnis der Collaboration.

Im Parteien- und Vereinsleben hat man es mit vielerlei Menschen zu tun und zwar gleich mit allen Kategorien. Dumme, Intelligente, Gesunde, Kranke, Gestörte, Gelenkte, Freidenkende, Chaoten. Alles in allem vereint eine Aktion alle diese Menschen: Sie kleben die gleiche Beitragsmarke in ihr Partei- oder Vereinsbuch ein. Und bei allen anderen Themen ist Toleranz gefragt. Selbstverständlich kann ich mit einem vermeintlich dummen Menschen tagelang darüber diskutieren, warum er an einem Infostand nur dazu taugt, Luftballons aufzublasen. Nur: Was bringt uns das? Ich kann weder den vermeintlich dummen Menschen rauswerfen, noch wird sich signifikant etwas an der intellektuellen Basis ändern. Also muss ich eher zuschauen, genügend Luftballons dabeizuhaben, damit dieser vermeintlich dumme Mensch sein Scherflein dazu beitragen kann. Und erstaunlicherweise funktioniert das, denn nach wie vor sind Luftballons unverzichtbar auf Infoständen von Parteien.

Zugegeben, diese einfachsten Grundregeln der Collaboration zu verstehen und auch ein Stückweit danach zu leben – das hat mich jahrelanges Lernen gekostet und das kostet mich auch jetzt noch immer wieder Nachsitzen. Sicherlich kann man auch darüber diskutieren, ob mein Parteiaustritt im Sommer nicht auch mit einer gewissen Portion Toleranz hätte vermieden werden können. Toleranz, die ich als Funktionär aufzubringen habe, denn auch dazu hat man mich ursprünglich einmal gewählt.

Nun ist das zusammenarbeitende Milieu in der Wikipedia weder eine Partei, noch ein klassischer Verein, sondern besteht aus einem unsortierten Haufen von Individuen, die aus haarsträubend Dummen und auch haarsträubend Klugen besteht. Begreift das doch als Chance, selbst wenn die Chance bedeuten würde dass die so genannten Relevanzkriterien aufgeweicht werden. Die Wikipedia ist an keine maximale Seitenzahl gebunden und lesen muss niemand alles. Der Rest regelt sich.

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