Zum Thema Selbstbehuldigung.

Seien wir mal freundlich: Ich mag solche Knuddelveranstaltungen wie die Republica zur Selbstbehuldigung nicht sonderlich, völlig unabhängig davon, um welches Thema es geht. Da geht es mir weniger um das investierte Geld und eine fehlende Veranstaltungsrendite, sondern ums Prinzip selbst. Ich glaube, dass wir Blogger noch weit davon entfernt sind, die Infoelite zu sein, die sich gern auf solchen Veranstaltungen feiert. Wir haben ja noch nicht mal unseren eigenen, kleinen Kosmos im Griff. Denn das, was die Blogosphäre ausmachen sollte, verkümmert immer weiter und es stört offenbar immer weniger Blogger:

  1. Es gibt ein Volk der „Edelblogger“, von denen einige wenige tatsächlich mehr oder weniger von Anfang an dabei sind, die auch mal durch das Etablieren von Web 2.0 glänzen konnten, dadurch eine Reihe von Visitenkarten einheimsen konnten und nun beratend durchs Land tingeln. Deren Beratungsarbeit ist allerdings insofern enttäuschend, dass es kaum zu wirklich sichtbaren Hallo-Effekten kommt. Die Frage ist da wirklich, ob es etwas bringt, jemandem für Geld das Bloggen zu verkaufen, wenn schon genau diese Frage die Idee hinter dem Blogge infrage stellt?
  2. Auch wenn wir in jedem zweiten Satz vollmundig und selbstbewusst festschreiben, dass wir Blogger eine neue Informationskultur darstellen, fühlen wir uns doch besonders wohl, wenn wir ein Mikrofon eines Fernsehsenders unter die Nase gehalten bekommen oder wir zu billigen Berichterstattern von Katastrophenfällen degradiert werden, um die berühmten 15 Minuten Ruhm einzustreichen und sich in Wirklichkeit vollkommen albern machen zu lassen. Wir sehen uns einerseits als die Neue Welt, fühlen uns aber offensichtlich am geilsten, wenn die Alte Welt versucht, uns zu karikieren.
  3. Die Blogosphäre liest sich immer stärker und immer ausschließlicher selbst und macht sich selbst zu einem Teufelskreis, den andere antreiben. Wir schreiben viel zu viel ab und machen zu wenig frischen Content. Damit aber der Blogosphärenreaktor kritisch werden kann, reicht es nicht einfach, die vorhandene Masse einfach aufzuheizen, sondern es muss mehr Stoff von außen hinein. Ansonsten bleibt die Blogosphäre auch weiterhin nur ein sehr großer Kommentarbereich für SPIEGEL Online, Heise & Co. und tritt nur auf der Stelle.
  4. Wir beschäftigen uns viel zu sehr mit uns selbst, anstatt den Webbrowser aufzumachen und surfen zu gehen oder auch einfach mal aus der (echten) Haustüre zu treten und draußen zu fragen, wo der Schuh drückt. Selbst wenn es dann der eigene ist. Das ganze Gebilde lebt aber nicht davon, dass wir uns jeden Tag von neuem fragen, ob wir gut oder schlecht sind, sondern davon, dass wir etwas schreiben.
  5. Wir machen zu viel gleichzeitig und damit zu viel zu wenig. Du twitterst? Schön! Du twitterst, weil du sonst keine Zeit zu bloggen hast? Schlecht. Wenn jemand anstatt einem Blogartikel zehn Twitter-Tweets schreibt, dann ist das ein Verlust für die Blogosphäre und ein Sieg für das Belanglose und Flüchtige. Ich habe bis vor kurzem auch selbst noch gesagt, dass ich das twittere, was angeblich in mein Blog thematisch nicht hineinpassen würde, genau das ist aber einer der Kardinalfehler.
  6. Wir verlinken in der Blogosphäre viel zu wenig und viel zu sorgenvoll. Das ist ein großer Fehler, denn erst die Vernetzung via Links bringt Leser zu anderen Meinungen und andere Blogs in die Diskussion. So lange wir dabei Angst haben, dass uns dabei die eigenen Leser weglaufen (was definitiv nicht stimmt), wird der Blogosphärenreaktor niemals aus eigener Kraft laufen.

Wir Blogger haben eigentlich einen gewaltigen Berg an Arbeit vor uns, wenn wir den Graswurzeljournalismus tatsächlich einmal zu einer festen Größe werden lassen und nicht zu einer Randnotiz des Informationszeitalters verkümmern wollen. Und ich sehe nicht, dass die derzeitigen Web-2.0-Huldigungsveranstaltungen dazu sonderlich viel beitragen.

4 Gedanken zu „Zum Thema Selbstbehuldigung.

  1. Hm, ich gestehe ich würde gerne auf vieles hier antworten aber ich hab schon ein Problem mit der Einleitung.

    Die re:publica war angetreten mit der Idee, mal einen Konferenz von Bloggern für Blogger zu machen. U.a. weil events, die das ‚Bloggen ebsprachen‘ nicht selten von einer großen Praxisferne zeugten und eher daran interssiert waren, das Phänomen kleinzureden (oder die Leute dummzureden).

    Dass bei der republica idR nicht gerdade die Kontroversen ausbrechen, weil die, dei sie befeuern könnten, der r. fern blieben, ist einerseits bekannt und andererseits bedauerlich. Das bedingt aber keine Selbstneweihräucherung.

    Um mal die sicherlich diskutablen „Mittelpunkte“ zu überpringen [bitte bring doch den artikel beim nächetn Treffen mit, dann… oder ich nehm ihn als Vorlage für eine Artikelserie]:

    Mit hat einiges bei der republica (telweise das auf der Bühne und massiv das außerhalb der Bühne, das man bei make.tv eben NICHT sieht — man sieht weder die kleinen Sessions noch bekommt man etwas mit von den Zillionen Gesprächen am Rande) mal wieder den ‚Wumms‘ gegeben, einige Projekte in 09 und 10 etwas engagierter anzugehen, die genau das umsetzen: Blogs und Bloggen mehr in Richtung ‚feste Größe‘ zu bewegen.

    Ich finde es – wie manche andere – unfair, auf der republica rumzubashen, ohne seinen – pardon – Arsch mal da hinzubewegen. Manche Bashen ja schon an Tag 0 oder 1 und aus Reflex.

    Die re:publica ist notwendig als ‚Konferenz von Bloggern für Blogger‘, sie kann (und will denke ich) sich wandeln. aber dazu braucht es informierte, konkrete und konstruktive Kritik.

    Mir gefiel auch nicht alles und ich werde auf Bitte von Johnny da auch mal sammeln (aber eher Ideen, was man NOCH machen könnte und wohin es BESSER gehen könnte). Ja, man kann ein Übergewicht der ‚Berliner‘ kritisieren, Ja, man kann kritisieren, dass da Kurzfassungen von Diplomarbeiten vorgetragen werden. Nein, man kann nicht mehr Dissens anmahnen, ohne selbst den Dissens dort hin zu tragen.

    1. Dein Punkt, gefälligst den Hintern selbst hinzubewegen, der ist ein guter – damit hast du vollkommen Recht.

      Mich nervt es sehr, dass schlicht nichts herüberkommt, was die Blogosphäre voranbringt und das man den üblichen Schlagersängern wie dem guten, alten Don nichts gegen seine Kritik entgegenwerfen kann.

      Deine Meinung zu einzelnen Punkten, die ich aufgeführt habe, würde mich in der Tat interessieren, ich bestelle hiermit einen entsprechenden Artikel bei dir. 🙂

  2. Don stänkert, er kritisiert nicht. (Manchmal kritisiert er auch, das sind die besseren texte, aber sein wann biste Don-Fan?)

    Kritik heisst: ‚untescheiden‘ – und würde ggf. implizieren, dass jemand mal nen Vorschlag macht oder gar ZEIGT wie es geht.

    Motzen ist nicht Kritik.

    Und es gibt massig gute Blogs da darußen, mit eigenem Content. wenn Niggemeier die nicht kennt, …wasweissichwarum. Ich finde dauernd welche.

    Bloß weil manche nur in den ‚ich verlinke Medien, weil das Traffic bringt‘-Blogs suren udn den PIs und Backlinks huldigen, die das bringt…

    Fish hat euf der rp gezeigt, dass es eben X Blogosphätren gibt in DE. (Das wussten wir, er hat es nur belegt 😉 9

    Und, ehtrlich gesagt, zwischendurch darf man auch mal Feiern.

    Und wenn etwas bewegt werden soll: Dann fordere es nicht ein sondern mach es.

    ich probier es immer mal wieder, mit mittelmäßigem Erfolg.

    Aber ich geb auch nicht auf 😉

    Nur wer was macht, amcht Fehler, wer nix macht (du machst ja was „großes“, nur nicht im Blogbereich 😉 ) macht keine Fehler und muss sich dann auch nicht anmotzen lassen.

    Es ist simpel:
    – Denk dir was aus
    – Mach es
    – oder stell den Plan zumindest auf der rpX vor.

    Du wirst jedenfalls nirgendwo in Deutscland oder gar europa soviele Leute auf einem Haufen finde, die dich verstehen.

    Und wenn du wissen willst, was die RP sein könnte:

    Fahr zur reboot nach Copenhagen. (Das ist die rp wie ich sie mir an sich vorstelle.)

    #ichmussinsbett #schlafmangel

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