Die Geister, die ich rief.

Ich denke, ich muss niemandem sagen und erklären, dass ich zu einem nicht geringen Teil gewissermaßen online „lebe“. Da gibt es sicherlich Leute, die das noch exzessiver handhaben, meine Quote ist allerdings nicht unbedingt schlecht – ich kann zumindest mitreden. Und das, was mir an den wirklich geek-verdächtigen fünf bis zehn Jahren vor meinem Internet-„Launch“ Anno 1997 fehlt, habe ich durch meine missionarische Arbeit an netplanet wieder wettgemacht.

Die nackte und brutale Ehrfurcht packt mich dann umso mehr, wenn ich mein digitales Etwas im Internet außerhalb des Internet sehe. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass eine Referenz im „realen“ Leben auf eine Online-Begebenheit eine unglaublich schwierige Sache ist, die heute noch verhältnismäßig einfach zu bewerkstelligen ist. Robert Basic verkauft sein Blog und mich würde es wirklich nicht mehr wundern, wenn er nächste Woche bei Kerner auf dem Sofa sitzt. Aus der Online-Welt in der echten Welt anzukommen, ist nichts besonderes mehr, es wird immer üblicher.

Es erstaunt aber auch mich immer wieder.

Aktuelles Beispiel ist die Homepage des OB-Kandidaten Gert Hager, dessen Website ich innerhalb von fünf Tagen aus dem Boden gestampft habe, da er kurzfristig seine Kandidatur zum 2. Januar 2009 bekanntgeben und einen Überraschungscoup landen wollte. Beides ist gelungen und es ist an sich für mich eine Website, eine WordPress-Installation von vielen. Da steckt nicht übermäßig viel Emotionen dahinter, da hat man letztendlich auf Verstand, Bauch und auf die Uhr zu hören und dann startet das. Wir haben hier zwar noch eine Menge Arbeit und noch ein paar interessante Features in der Pipeline, aber Emotionen kommen da bei mir eingefleischtem Onliner nicht auf.

Das sieht dann offensichtlich schon ganz anders aus, wenn man sieht, was das Medium bei anderen bewirkt. Bei der heutigen Kreisvorstandssitzung hatte ein Genosse einen Ausdruck der Website dabei, las es sich interessiert in einem ruhigen Moment durch und das sind dann so Momente, in denen ich ins Grübeln komme. Ein normaler Prospekt hätte es nach so einer kurzen Zeit noch gar nicht gegeben, erst Online macht den Wahlkampf zu einem Wahlkampf, wie ihn sich die Erdenker der politischen Lehre sicherlich in ihren kühnsten Träumen nicht erdacht haben könnten. Und Online kann mehr denn je bewegen: Soll der Staat seinen Bundestrojaner fertigprogrammieren – er macht damit niemandem wirkliche Angst, da das Netz schon längst in den Köpfen der Menschen angekommen ist. Dass es unter diesen Köpfen auch kranke gibt, ist hinzunehmen. So wie wir es hinnehmen, dass solche kranken Menschen auch neben uns im Bus sitzen könnten.

Wir sind schon viel zu sehr online, um uns vorschreiben lassen zu können, was wir sehen sollen und was nicht. Wir beziehen unsere Nachrichten zum großen (wenn nicht schon zum größten) Teil aus dem Netz. Mein Lexikon sind die vielen Wikipedias überall, die mir Wissen immer dann zur Verfügung stellen, wenn ich es genau jetzt und hier brauche; nicht erst dann, wenn ich wieder in der Bücherei bin. Die Unterhaltung läuft nicht mehr im Fernsehen, die Unterhaltung läuft immer dann, wenn ich es will. Wir sind überall und immer auf verschiedenen Wegen und Kanälen erreichbar.

Zwar kann man sich das alles vor Augen halten, wenn man mag oder gerade auf die nicht funktionierende Technik schimpft. Aber der Gipfel allen Ruhmes ist immer noch dann, wenn Online die Realität trifft. Wilfremde Leute mich in der Realität auf meine Online-Aktivitäten ansprechen. Oder der OB-Kandidat überwältigend viel Feedback per Kontaktformular bekommt und mir ehemalige Schulkameraden schreiben, weil sie meinen Namen im dortigen Impressum gefunden haben, und mir gratulieren, obwohl ich ja nur der Websiten-Hiwi bin.

That’s it. Pennt nicht – tut es! Online ist schon lange nicht mehr „nur online“. Online ist schon lange angekommen. Und den letzten beißen schon heute die Hunde.

2 Gedanken zu „Die Geister, die ich rief.

  1. An der Stelle möchte ich übrigens mal erwähnen, dass ich die Seite optisch und vom Ansatz wirklich toll finde. Die Inhalte sind noch ein bisschen rar, aber wenn regelmäßig im Blog was passiert, ist das gleich mal mehrere Evolutionsstufen weiter als die nicht vorhandene (oder zumindest nicht von mir gefundene) Homepage Frau Augensteins.

    Man könnte da natürlich noch so Sachen machen wie eine Videobotschaft Gert Hagers oder so. Oder überhaupt, Videocontent kommt immer gut. Gert Hager auf einer Veranstaltung, Gert Hager mit seiner Familie usw. Dann können sich die Bürger, die ihn noch nicht kennen viel mehr was unter ihm vorstellen und sich mehr mit ihm identifizieren.

    Nur mal so als Idee, irgendjemand muss natürlich dafür auch die Zeit finden 😉

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