Im Kino: James Bond – Ein Quantum Trost.

Was bitte war denn das? Etwa der 22. Teil der James-Bond-Saga? Der vorläufige Höhepunkt einer inzwischen über 45 Jahre andauernden Leinwandserie, deren einzelne Teile für ihre Zeit durchweg Meilensteine gesetzt haben? Man denke an die Bösewichter namens Scaramanga, Blofeld, Goldfinger, die allesamt durch so nette Sachen wie Eliminierung von US-Goldreservoirs, ganzen Regierungen und Nationen, Inanspruchnahme von ganzen Bergspitzen oder einfach des gesamten Weltraumes glänzten. Und um was geht es in „A Quantum Solace“? Ich höre schlecht, tatsächlich um unterirdische Wasserreservoirs in Bolivien und der Versuch eines kleinen Waschlappenverschnitts einer Art Bösewichts, der noch nicht mal eine goldene Uhr trägt und mit papiernen Verträgen eine Militärjunta dadurch an die Macht bringt? Ja, wow! James Bond trinkt anstatt eines geschüttelten Wodka-Martinis einen hochgezüchteten Drink mit Zitronenschale (!), schläft nicht mehr mit der Agentin der Gegenpartei, sondern der Hilfspolizistin des eigenen Landes, fährt namenlose Autos und telefoniert mit handelsüblichen Mobiltelefonen.

Was kommt als nächstes? Ein James Bond, der dem Sex vollkommen abgeschworen hat, nur noch Evian trinkt, Feinrippunterwäsche trägt, von der Telefonzelle telefoniert und mit einem Golf IV von Sixt zum Einsatzort nach Pforzheim fährt, wo ein Bösewicht den Wasserturm am Wartberg besetzt hält und ins Wasserreservoir urinieren wird, wenn man ihm nicht umgehend eine Pizza Quattro Staggioni liefert?

Um es sehr direkt und deutlich zu sagen: James Bond floppt auf ganzer Linie und das liegt nicht am überragenden Daniel Craig, sondern an den Köpfen hinter den Kameras und dem Management. Die James-Bond-Saga lebt von der Ungezügeltheit des Establishments, von der entsetzlich monströsen Gedankenwelt weniger Despoten und deren skurrilen Eigenheiten und Zipperlein. Garniert mit technischem Billabong, minutenlangen Verfolgsjagden auf hohem Niveau, irrealen Stunts und dem Background einer hoffnungslos veralteten Folklore eines britischen Geheimdienstes hinter lederbeschlagenen Türen und schwarzen und roten Wählscheibentelefonen.

Über den jeweils aktuellen James-Bond-Film hat man noch wochenlang nach dem Kinobesuch geredet, heute hat man schon am nächsten Tag die halbe Story vergessen und das liegt nicht nur daran, dass „A Quantum Solace“ zu einer der kürzesten James-Bond-Filmen überhaupt gehört. Man hat als wirklicher Liebhaber von James-Bond-Filmen das erschreckend schmerzhafte Gefühl, dass da jemand zu Grabe getragen wird, den man schon fast sein ganzes Leben kennt und der einen ganzen Samstagabend ausfüllen konnte. Wir haben in den Pausen in der Schule wochenlang James Bond nachgespielt, sind auf virtuelle Raumstationen geflogen, haben Verfolgungsjagden auf dem Schulhof nachgespielt und das Schulmäppchen war das Funkgerät. Allein schon der Gedanke, dass das heute nicht mehr so sein kann, weil eben James Bond nicht mehr der Übermensch, sondern ein ganz normaler, britischer Beamter mit Backoffice und tadelnder Chefin ist, lässt Böses erahnen.

James Bond ist in der Krise, in einer geistigen Rezession, umschwemmt von infernaler Inflation und bedroht von dem ganzen Filmgeschiss, der heutzutage das Kinogehen zu einer Qual werden lässt. Will man tatsächlich James Bond zu einer sanft vor sich hinsiechenden Randnotiz der Filmgeschichte werden lassen, der tatsächlich so doof sein könnte, mit einer schwarzen Amex CenturionCard am Flughafen in Bregenz zu zahlen, obwohl er weiß, dass der amerikanische CIA hinter ihm her ist und ihn eliminieren will?

Die Frage, die die Filmdynastie Saltzman-Wilson/Broccoli, die hinter der James-Bond-Saga steht, sehr schnell zu klären hat, ist die, ob es tatsächlich eine gute Idee ist, die Regisseure weiterhin ständig zu rotieren und dabei Leute ans kreative Steuer zu lassen, die sich mit dem Thema „James Bond“ nicht mehr wirklich beschäftigen, sondern ihre Ideen zu Bumm-Puff-Boing einfach davorsetzen und James Bond drumherum laufen lassen. Sind tatsächlich die Regisseure die Richtigen, die grundlegende Elemente in Frage stellen und eigentlich auch nur eine Episode drehen wollen, möglicherweise auch nur dürfen?

Fazit: Einfallslose Story als Fortsetzung zu Casino Royale. Überragender James Bond. Nicht durchdachte Continuity. Hektisch gedreht. Schlechte Episode, die gestern im restlos ausverkauften Kinosaal kaum jemanden wirklich vom Hocker riss.

8 Gedanken zu „Im Kino: James Bond – Ein Quantum Trost.

  1. Zeitgeist würde ich sagen. Ich habe ihn auch nicht gesehen, deine Beschreibung erinnert mich aber an den auch viel zu realistischen und wenig bombastischen The Dark Knight. Letzterer war ein guter (nicht großartiger, wie viele meinen) Film der sich dem lieb gewonnenen verschrobenen Batman-Universum leider abgewandt hat. Schade.

  2. Das ist die neue Sauberkeit. Warum solls Bond besser gehen als dem Krümelmonster das auch keine Kekse mehr essen darf sondern nur noch gesundes Gemüse?

    Klinisch saubere Filmkultur. Mit abwaschbarem Plastik überzogen wie ein Sofa der fünfziger Jahre.

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