Mozilla am Scheideweg.

Gar erstaunliches hat der Chef der Mozilla Corporation, John Lilly, diese Woche von sich gegeben. Dem Gedanken der Privatsphäre diametral zum Trotze unterstützt Lilly offenkundig in einem englischsprachigen Artikel des Online-Magazins TechCrunch und später (näher erläuternd oder, anders herum gesehen, auch leicht zurückrudernd) in seinem Blog den Ansatz, in Zukunft mit Firefox grundsätzlich mehr Daten aus Nutzungs- und Surfprofilen von Firefox-Anwendern zu sammeln und mit diesen Daten mehr und genauere Informationen über die Nutzung des Webs zu erheben. Bisher beschränke sich das Sammeln von Daten auf ausschließlich technische Daten, wie beispielsweise das Updaten der Browser-Installationen auf Client-Rechnern.

Um Lillys Gedanken in drastische, aber eben deutliche Worte zu fassen: Der Mozilla-Chef hat nichts dagegen, von Hause aus Mozilla-Software mit klassischer Spyware auszustatten, wie auch immer im Detail die Optionen zur Datensammlung aussehen. Damit hat er nicht viel weniger als die Büchse der Pandora geöffnet, die eigentlich im geschlossenen und gut versiegelten Zustand zum teuersten Kapital des Mozilla-Projekts gehört, auch wenn Lilly schnell hinterherschickt, dass die Projekte zur Datensammlung zwar bereits existieren würden, Nutzer aber immer in Opt-in-Szenarien zustimmen müssten. Was bitteschön hat Opt-in für einen Wert? Mein Cousin kommt daher und macht den Haken in den Optionen unbemerkt hinein.

Die Kernfrage, die John Lilly mit seinen munteren Plaudereien indirekt erzeugt ist die, ob eine Datensammelwut per se besser wird, wenn die Ergebnisse als Open Source allen Interessierten zur Verfügung steht. Oder anders gesagt: Kann die Schmerzwirkung einer Ursache dadurch gelindert werden, wenn die Wirkung auf sozialistische Weise allen zugute kommt und? Kann man den Schmerz aufgrund von Verlust der Privatsphäre damit lindern, in dem man den gleichen Schmerz der anderen zur freien Verfügung stellt? Ich denke, auf keinen Fall; es ist eine fatale Sackgasse.

John Lilly verletzt mit seinen Gedanken das eherne Prinzip, dass Daten aus der ureigensten Privatsphäre eines Benutzers nur in dem Maße gesammelt werden dürfen, wie sie zur Erfüllung eines Zwecks dienlich sind. Und das nicht aus dem Grund, dass das Sammeln von personenbezogenen Daten grundsätzlich böse ist, sondern dass das Vorrathalten von personenbezogenen Daten zwangsläufig immer Nutznießer anzieht, die solche Informationen in Zusammenhang mit anderen personenbezogenen Daten bringen. Und dagegen hilft es nicht, die gesammelten Daten einfach als Open Source zu deklarieren, um deren fatale Wirkung damit zu kaschieren. Denn – und darüber müssen wir uns immer im Klaren sein, wenn wir über das Mozilla-Projekt sprechen – hinter dem Mozilla-Projekt steht zu einem nicht geringen Teil das Google-Imperium. Und damit auch eines klar ist: Niemand braucht Firefox oder Thunderbird zum nackten Überleben. Beide machen das Online-Leben zweifellos angenehmer, es existieren jedoch genügend andere Webbrowser bzw. E-Mail-Programme und es genügt ein großer, schwerwiegender Anlass, damit andere Projekte weiterentwickelt bzw. neu entstehen, die so eine Fehleinschätzung Lillys als Ansporn sehen. Video kills the radio star.

Ich wage die Prophezeiung, dass dieser Weg der Legitimierung des Profilings zum Ende des Mozilla-Projekts in dem Sinne, wie es ursprünglich Ende der 1990er Jahre begonnen hat, führen wird. Kein halbwegs normal denkender Multiplikator – und praktisch ausschließlich auf multiplizierende Anwender beruht der Mozilla-Faktor – wird einen Mozilla Firefox auf seinen Ressourcen dulden oder seinem Bekanntenkreis weiterempfehlen, der den roten Ariadnefaden des eigenen Surfprofils nicht mehr nur auf den lokalen Rechner beschränkt, sondern munter zu einen Mozilla-Server sendet. Und wer Firefox nicht mehr nutzt – und damit auch nicht mehr die Firefox-Searchbox, die zumindest im Zusammenspiel mit der Suchmaschine Googles die Haupteinnahmequelle für die Mozilla-Gruppe darstellt.

Andere Prophezeiung: John Lillys Tage als CEO der Mozilla Corporation neigen sich dem Ende zu. Es wird sich zeigen, ob der gedankliche Ansatz des Shareholder-Values dem Mozilla-Projekt gut bekommt und sollte es das nicht – was ich stark hoffe – ist John Lilly als CEO eigentlich nicht mehr zu tragen. Zu Recht, in meinen Augen. Millionen von Menschen weltweit haben in den vergangenen zehn Jahren an Mozilla-Software gearbeitet, getestet, es im Bekanntenkreis empfohlen und installiert, unentgeltlichen Support getrieben und mit der Nutzung für die Finanzierung der Mozilla-Gruppe gesorgt. Das darf man sich nicht ungestraft von einem Schlipsträger, der eklatante Wissenslücken in Sachen Privacy an den Tag legt und diese mit Füßen tritt, einreißen lassen. In diesem Sinne wird mittelfristig auch die Frage zu klären sein, ob es für die Mozilla-Bewegung wirklich der nachhaltigste Weg ist, die Entwicklungsarbeiten in einer Corporation zu bündeln.

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