Der Welterklärer.

In SPIEGEL ONLINE ist heute wieder ein neuer Broder zum Thema Casting-Shows erschienen, also ein Artikel von Henryk M. Broder. Und wie bei einem echten Broder üblich ist es nur schwer einzuschätzen, ob das nun ein Artikel, ein Kommentar, eine Satire oder eine Glosse sein soll, wenn sich darin beispielsweise ein solcher Absatz findet:

„Mit anderen Worten: Sie wissen nicht was sie tun und müssten vor sich selber geschützt werden. Für diese Theorie gibt es zwar keine Belege, aber sie klingt gut, weil sie von Fürsorge zeugt. Zu Ende gedacht, würde sie bedeuten, dass man den Jugendlichen jede Konkurrenz- und Prüfsituation ersparen müsste, um sie nicht über Gebühr zu belasten. Noch besser wäre es nur noch, die Untergrenze der Volljährigkeit heraufzusetzen, am besten gleich auf 30 Jahre oder noch höher, da 18-Jährige kaum die nötige Reife haben, um die Folgen ihrer Entscheidungen zu überdenken – zum Beispiel in der Wahlkabine. Dazu würde auch passen, dass es vor kurzem eine ernst gemeinte Initiative gegeben hat, ein Familienwahlrecht einzuführen, bei dem die Eltern stellvertretend für ihre Kinder abstimmen würden. Eine Familie mit drei Kindern hätte dann fünf Stimmen.“

Broder abstrahiert schneidig und untermauert die Argumente, die ihm gefallen, derartig lautstark, dass sich nur wenige trauen, diese Argumente genauer zu sezieren und ihm Kontra zu liefern. Diese Methode Broders ist inzwischen altbewährt, wenn sich jemand traut, sein regelmäßiges Islam-Bashing, seine unterschwellige Auslebung seiner offenkundigen Kulturoffenheits-Antipathie, zu dem er sich offenbar berufen fühlt, oder schlicht seine gelegentliche journalistische Schlampigkeit zu parieren. Das zeigt sich nicht zuletzt durch seine inzwischen legendär gewordene Reaktion auf das Internet oder auf die Blogosphäre, die Broder auf ausgesucht rüde Weise beantwortete. So als ob genau an diesem Punkt seine Taifune der Argumentationswinde ausgefallen wären und seine wahre Hilflosigkeit gegenüber schwer beantwortbaren Gegenargumenten und Kritik an der eigenen Person aufzeigten. Gerade damit muss man gut auskommen können, wenn man ständig austeilt und Beschimpfungen sind dabei die denkbar schlechtesten Reaktionen.

Sicherlich ist es in diesem Zusammenhang notwendig, dem Islam gegenüber nicht nur aufgeschlossen entgegenzutreten, sondern auch im Selbstbewusstsein seiner eigenen Religion. Das jedoch mit dem genauen Gegenteil zu untersetzten und zu fordern, dem Islam keinen Zentimeter Raum im Abendland zu schenken, produziert das genaue Gegenteil von Toleranz und führt zur altbekannten, jämmerlichen Diskussion, wieso man den Bau von Moscheen im Abendland gestatten solle, wenn der Bau von Kirchen im Morgenland verboten sei. Genau diese Diskussion, wieso man beispielsweise in der Türkei kirchenfeindlich eingestellt ist, wird schon von dortigen Medien regelmäßig thematisiert, selbst von so konservativen Kampfblättern wie der Hürriyet. Es ist alles eine Frage der Toleranz und die unterstützt man – hüben wie drüben – durch Aufklärung und gegenseitiger Darlegung von Argumenten, nicht durch Hetze, egal ob offenkundige oder unterschwellige.

Aber um wieder auf den aktuellen Text von Broder in SPIEGEL ONLINE zu kommen: Natürlich ist es nicht von der Hand zu weisen, dass Menschen in unserer Gesellschaft ständig von Maßstabsmessungen und Prüfungen umgeben sind und deren Ergebnisse sich durchaus auch negativ auf ihre eigene Position auswirken können. Es ist jedoch immer noch ein gewaltiger Unterschied, ob man sich als junger Mensch in einer Schulklasse vor 30 Leuten zum Affen macht oder vor einem Millionenpublikum. Und auch wenn man als Außenstehender in die gefährliche Versuchung kommen könnte, zu glauben, dass dieser Umstand den Teilnehmern bewusst wäre, so ist dabei immer zu beachten, dass der Mensch sich, so intelligent er auch immer erscheinen mag, sich jederzeit blenden lassen kann. Und damit meine ich nicht das Gegenlicht beim Autofahren.

In diesem Sinne ist Henryk M. Broder weiterhin für mich ein journalistischer Kotzbrocken erster Güte, dessen Artikel ich jedoch dennoch respektiere, weil sie zum Nachdenken anregen und Diskussionen als Basis dienen, wie es nur wenige Artikel und Autoren können oder auch schlicht als Basis zur umweltfreundlichen Bekämpfung von Zornattacken dienen. Es wäre aber schön wenn Herr Broder mal wieder langsam von seinem gut eingemauerten Schimpftürmchen herunterkommen könnte und nicht permanent so verbal hyperventiliert. Vergleiche von Äpfel und Birnen lassen sich nicht dadurch vermeiden, in dem Einzelne ständig Birnen für nicht existent erklären.

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