Moral als Zensurwerkzeug der ICANN.

Dass bei ICANN-Meetings vor allem das beiläufig dahergeplapperte Wort das meist erheblich interessantere ist, ist nun wirklich nichts mehr neues und eigentlich fast schon eine beliebte Tautologie in der Internet-Community. Das gerade erst zu Ende gegangene 29. ICANN-Meeting steht dem nicht nach.

Wenn sich die ICANN schon besonders schwer bei der Einrichtung neuer Top-Level-Domains tut, so tut man eben am liebsten Dinge, die augenscheinlich eher den Weg für neue Top-Level-Domains bereiten sollen. Und so ist eine ICANN-Arbeitsgruppe auf den äußerst bemerkenswerten Einfall gekommen, die Regularien für neue, generische Top-Level-Domains auf die Weise zu ändern, dass Begriffe, die „moralisch“, „religiös“ oder „politisch“ bedenklich oder in Markenrechtsstreitigkeiten befindlich sind, nicht als Top-Level-Domains eingetragen werden können.

Das mag auf den ersten Blick zunächst kein Problem sein, allerdings hat es schon ein gewisses „G’schmäckle“, dass Regierungen in der Root-Zone ihnen nicht gefallende Begriffe ablehnen können. Sicherlich wäre ein Konsens zu erreichen, um beispielsweise „.arier“ nicht haben zu wollen. Doch wie sieht es aus mit so Begriffen wie „Gay“, „Bisexuality“, „Imperialism“ etc.? Wo setzen moralische Werte an und wo endet die Wertemessung? Und was interessiert das letztendlich die jeweils aktuelle US-Regierung, die praktisch auf der Root-Zone sitzt?

Andererseits: Die Idee der Zensur in der Root-Zone mag verwerflich sein, ist aber letztendlich nicht das Papier wert, auf der sie gedruckt ist. Dass die ICANN bereits mit moralischen Maßstäben misst bzw. moralische Bedenken vorträgt, um möglicherweise anders geartete Interessen zu blockieren, wurde schon sehr deutlich, als im März diesen Jahres die Pläne der Top-Level-Domain „.xxx“ als virtueller Rotlichtbezirk im Internet versenkt wurden.

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